Mit der Präsentation einer Ausstellung in einem ehemaligen Wachturm des Konzentrationslagers Sachsenhausen soll das Thema der vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen der Stadt Oranienburg und dem Konzentrationslager erstmals einem weiten Kreis von Besuchern nahe gebracht werden. Damit soll ein Beitrag zu der Frage geleistet werden, welches Wissen die Anwohner über das Konzentrationslager hatten und inwiefern sie an den dort begangenen Verbrechen beteiligt waren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass lange Zeit vor allem gegen die Behauptung angegangen werden musste, die Anwohner hätten von den Geschehnissen im Lager nichts gewusst. Demgegenüber gehen heute insbesondere Jugendliche aufgrund ihrer Erfahrungen in der Informationsgesellschaft davon aus, die Anwohner hätten vollen Anteil an dem Geschehen im KZ nehmen können. In der Ausstellung soll daher das gesamte Spektrum von Verhaltens- und Handlungsweisen der Oranienburger – zwischen den Extremen der Hilfsmaßnahmen gegenüber den Häftlingen und Verstrickungen einzelner in die Verbrechen der SS – aufgezeigt werden. Eine differenzierte Darstellung soll dazu beitragen, der Bildung von Pauschalurteilen entgegen zu wirken. Obwohl die Ausstellung die Frage nach dem Wissen und der Mitverantwortung nicht abschließend wird klären können, soll sie zu einer Auseinandersetzung darüber anregen, welche Handlungsspielräume in der nationalsozialistischen Diktatur bestanden und wie sie genutzt werden konnten. Insbesondere den jungen Besuchern soll dadurch die Funktionsweise der nationalsozialistischen Diktatur verständlich gemacht werden. Im folgenden wird auf den Forschungsstand sowie auf die Quellenlage und die zur Verfügung stehenden Exponate eingegangen, einige Forschungsergebnisse präsentiert sowie das »Ausstellungs«- und Gestaltungskonzept vorgestellt.
Forschungsstand und Quellenlage
Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt »Die Stadt und das Lager. Oranienburg und das KZ Sachsenhausen« begann Ende des Jahres 2000 im Rahmen der Umsetzung des »dezentralen Konzepts«. Damit verfolgt die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen seit 1993 das langfristige Ziel, anstelle einer großen zentralen Ausstellung mehrere kleine Dauerausstellungen zu verschiedenen Aspekten der Lagergeschichte zu realisieren. Die Ausstellungen sollen dabei möglichst in den noch vorhandenen, authentischen Gebäuden präsentiert werden und zu ihnen in einem thematischen Bezug stehen.
Zum Thema des Verhältnisses zwischen Stadt und Konzentrationslager gab es zu Beginn des Projekts noch keinerlei Forschung. Zur DDR-Zeit hatte die Forschung in der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen nur einen marginalen Stellenwert und beschränkte sich auf die Aufarbeitung der Geschichte des antifaschistischen Widerstands im Lager. Die wechselseitigen Beziehungen von Stadt und Lager spielten dabei keine Rolle und wurden sogar tabuisiert. Nach der Wende standen in den Ausstellungen der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen das Schicksal von verschiedenen Opfergruppen im Vordergrund. Mit dem Ausstellungsprojekt über die Beziehungen zwischen Stadt und Lager tritt nun erstmals in einer KZ-Gedenkstätte das Umfeld, mit seinen von Gegnern über Zuschauern und Mitläufern bis zu Mittätern reichenden Spannungsfeld, in den Fokus.
Anregungen für die Rechercherarbeiten erhofften sich die Forscher von Studien zu anderen Konzentrationslagern. So erschien 1993 eine Untersuchung zu Dachau von Sybille Steinbacher und 1999 eine Forschungsarbeit mit dem Titel »Nachbar Buchenwald« von Jens Schley1. Beide konnten ihre Arbeiten auf einem umfangreich überlieferten Bestand von Schriftquellen aus den jeweiligen Stadt-, Bezirks- und Landesarchiven aufbauen.
Steinbacher und Schley kommen in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die SS in den Augen der Bevölkerung der Garant für die »Volksgemeinschaft« war, die nur funktionieren konnte, wenn Gegner unnachgiebig verfolgt und vernichtet wurden. Der damit verbundene Bruch mit dem nach wie vor gültigen ethischen und moralischen Wertekanon der Bevölkerung wurde als »notwendiges Übel« verdrängt.2 Dies führte nach Steinbacher zur politischen Indifferenz bei einem großen Teil der Gesellschaft und dem Rückzug in schweigende Privatheit, bedingt auch durch die Angst vor dem Terror der SS.3 Schley betont zudem, dass das Wissen der Weimarer Bürger um die Verbrechen durch private Kontakte zu SS-Männern, die sie als »ganz gewöhnliche, nette Menschen« kennen lernten, verdrängt wurde. Erst als sich mit der Veränderung der Häftlingsgesellschaft und –zahlen in Buchenwald ab 1942/43 und dem zunehmenden Arbeitseinsatz von Häftlingen in Weimar die Grenzen zwischen Stadt und Lager verwischten, war die Bevölkerung gezwungen, die Strategie des Wegsehens aufzugeben und Entscheidungen bezüglich ihres Verhaltens zu treffen und zu verantworten.4 Systemoppositionelle Handlungen wurden jedoch dadurch weder in Weimar noch in Dachau ausgelöst.
Im Laufe der Forschungsarbeiten zum Verhältnis von Oranienburg und dem KZ Sachsenhausen stellte sich heraus, das hier – anders als in Weimar und Dachau – nur wenig Quellenmaterial zum Thema existiert. Recherchiert wurde insbesondere zu den Themenbereichen »Das Lager und seine Grenzen«, »Die Präsentation der SS in der Stadt«, »Das Zusammenleben mit der SS«, »Die Ankunft der Gefangenen und ihre Wege ins Lager«, »Wirtschaftliche Beziehungen«, »Arbeitseinsätze von Häftlingen in der Stadt«, »Der Tod von Häftlingen und die Bevölkerung«, »Beziehungen zwischen Stadtverwaltung und Lager«, »Die Bekennende Kirche und das Lager« und »Stadt und Lager nach der Befreiung«. Dabei stellte sich vor allem das Stadtarchiv als große Enttäuschung heraus. In diesem und anderen Archiven konnten zumeist lediglich einzelne Dokumente gefunden werden. Um den Mangel an historischem Material auszugleichen und um mehr über das Wissen der Bevölkerung um die Vorgänge im Lager sowie ihr Verhalten erfahren zu können, wurden ergänzend über 30 Oranienburger Zeitzeugen befragt. Neben zahlreichen persönlichen Geschichten konnten auf diese Weise auch einige potentielle Exponate für die Ausstellung recherchiert werden. Dazu gehört z.B. das Holzspielzeug »Die Troika«, das eine Oranienburgerin von Häftlingen für ihren 11-jährigen Sohn erhielt. Diese bedankten sich damit für das Brot, das die Frau ihnen täglich auf ihrem Weg durch die Stadt zur »Arbeitsstelle« zugesteckt hatte. Außerdem konnte ein von einem französischen Häftling aus Flugzeuglack gemaltes Landschaftsgemälde ausfindig gemacht werden, das er in den Heinkelwerken einem Zivilarbeiter als Dank für Lebensmittel übergeben hatte.
Diese Beispiele weisen bereits auf die Problematik der recherchierten Exponate hin: es handelt sich hauptsächlich um Gegenstände, die Oranienburger von Häftlingen als Dank oder Tausch für Lebensmittel erhalten haben, jedoch kaum um Exponate, mit denen sich Aussagen zu einem »negativen« Verhalten gegenüber Häftlingen treffen ließen. Das meiste historische Material wurde bereits während des Kriegs durch Bomben zerstört, von den Oranienburgern beim Vormarsch der sowjetischen Truppen aus Angst vernichtet, im Laufe der Jahre weggeworfen oder wird nach wie vor zurückgehalten. Aufgrund des Verbots in der NS-Zeit, das KZ Sachsenhausen oder die Häftlinge zu fotografieren, konnten auch keine entsprechende Fotos recherchiert werden. Anders stellt sich die Situation mit Fotos dar, auf denen SS-Männer abgebildet sind. So konnten beispielsweise Fotos ausfindig gemacht werden, auf denen ein Handballspiel zwischen der Heinkel-Betriebsmannschaft und der SS-Sportsgemeinschaft festgehalten sind.
Aufgrund der schwierigen Quellen- und Exponatlage wurde die Frage nach der Realisierungsmöglichkeit einer Ausstellung in der Stiftung lange Zeit vorwiegend skeptisch diskutiert. Mit der Erforschung des Verhältnisses zwischen der Bekennenden Gemeinde in Sachsenhausen und dem Konzentrationslager verbesserte sich jedoch deutlich die Quellensituation. Kurt Scharf, Pfarrer in Sachsenhausen von 1933 bis 1945 und Bischof von Berlin-Brandenburg von 1966 bis 1976, berichtete in einem Vortrag vor Studenten der Technischen Universität Berlin 1979 und in einem Interview von 1989 ausführlich über die Kenntnisse der Bevölkerung um die Vorgänge im Lager, das Verhalten der Bekenntnis-Gemeinde und seine persönlichen Bemühungen um Seelsorge und Besuchserlaubnis im KZ. Die Originalkorrespondenz zwischen Kurt Scharf und den damaligen KZ-Kommandanten sowie ausführliches Hintergrundmaterial zum Kirchenkampf konnte im Sachsenhausener Pfarrarchiv ausfindig gemacht werden. Insbesondere das Tonmaterial inspirierte die Gedenkstätte zu der Idee, das Thema als »dokumentarisches Hörspiel« umzusetzen.
Einige Forschungsergebnisse
• Das »Wissen« der Bevölkerung
Im Laufe der Forschungsarbeiten wurde deutlich, dass die Bevölkerung über einige Vorgänge im Lager relativ gut Bescheid wusste, jedoch keine genauen Vorstellungen beispielsweise über die Anzahl der inhaftierten Häftlinge oder die Ausmaße der Vernichtungsaktionen hatte.
Zunächst ist jedoch festzustellen, dass die Bemühungen der SS darauf ausgerichtet waren, das Konzentrationslager möglichst von der Bevölkerung abzuschirmen. So wurde als Standort ein vom Wald umgebenes Gelände am Rande der Stadt ausgewählt. Der Aufbau dieses ersten an einem Reißbrett konzipierten KZ, das als Modell für künftige Lager dienen sollte, erfolgte ab Juli 1936, jedoch ohne baupolizeiliche Genehmigung der Stadt Oranienburg. Die Inspektion der Konzentrationslager (IKL), die 1938 ebenfalls nach Oranienburg umzog, weigerte sich über Jahre hinweg, die Lagepläne an die Stadtverwaltung zu übermitteln. Der Leiter der Inspektion, Theodor Eicke, begründete dies damit, dass die Stadt nicht zuständig und die Pläne »geheim« seien.5 Dementsprechend war über das Lager bis 1945 von offizieller Seite fast nichts zu erfahren: weder erwähnte die Presse die Errichtung des Lagers, noch erfolgte jemals eine Berichterstattung über das KZ und seiner Insassen. Mit dieser Strategie waren die Nationalsozialisten vollkommen von der anfangs verfolgten Taktik abgerückt, Konzentrationslager propagandistisch zu begründen, wie dies beispielsweise noch bei der Einrichtung des KZ Oranienburg 1933 der Fall gewesen war.
Anfangs konnte das Lager allerdings noch eingesehen werden. Dies änderte sich 1937/38, als KZ-Gefangene Mauern um das Lager errichteten. Die SS ließ zudem Warnschilder entlang der Lagermauern aufstellen und verbot das Stehenbleiben auf den umliegenden Wegen. Das Lager wurde durch Wachposten auf den Wachtürmen und Kontrollposten auf der Lagerstraße scharf kontrolliert.
Die gewünschte Abschirmung des Lagers funktionierte jedoch nicht in der Jägerstraße (heutige Straße der Nationen, an deren Ende sich der Eingang zur Gedenkstätte befindet), wo unmittelbare Anwohner von den ersten Stockwerken ihrer Häuser bis zum Appellplatz des Häftlingslagers schauen konnten. Die SS verbot den Anwohnern zwar den Blick aus dem Fenster und forderte diese 1938/39 zu einem Umzug auf, ihre Bemühungen scheiterten jedoch weitgehend.6
Einblicke in das Innere des Lagers wurden vor allem auch durch wirtschaftliche Beziehungen ermöglicht, die für das Funktionieren des Lagers unabdingbar waren. So berichteten beispielsweise Handwerker, die Arbeiten im Lager erledigten, und Kaufleute, die Waren an die SS lieferten, im Kreis der Bekennenden Gemeinde in Sachsenhausen, wie die Häftlinge im KZ gefoltert wurden, wie sie stundenlang Appell stehen mussten oder von Gefangenen, die in den elektrisch geladenen Zaun gelaufen waren, um Selbstmord zu begehen.7 Auch die beiden im Ort ansässigen Druckereien bekamen durch ihre Arbeit einen Eindruck von den Verhältnissen im Lager. So fertigte die Druckerei Möller für die SS eine Reihe von Drucksachen wie Strafverfügungen, Lagerpostkarten oder Prämienscheine, die Druckerei Eymer verfielfältigte die »Datenblätter zur Todesmeldung für das Standesamt und den KZ-Gebrauch«.
Es wurde aber auch außerhalb des Lagers immer wieder deutlich, dass Häftlinge schwer mißhandelt wurden. Eine ehemalige Friedrichsthalerin erinnert sich: »Damals haben wir einiges mitbekommen, was in Sachsenhausen mit den Häftlingen passiert ist. Wenn wir mit dem Fahrrad nach Oranienburg gefahren sind, mussten wir oft in Sachsenhausen an der Bahnschranke anhalten und warten. Dort standen die Züge mit den Häftlingen, die aus den Waggons gejagt wurden. Am schlimmsten war es, wenn sie die Hunde hineingeschickt haben. Die SS-Soldaten rissen die Zugtüren auf, und dann hörte man nur noch die Menschen schreien. Es war so schrecklich mit anzusehen, aber man war ja machtlos […]. Die Häftlinge sprangen aus den Waggons oder fielen auf dem Bahndamm; die zu schwach waren, wurden von ihren Kameraden mitgeschleift. Die SS kannte kein Mitleid. Man schlug und trat auf die Leute ein; sie haben nicht gewagt, sich zu wehren.«8
Auch das 1940 eingerichtete Krematorium im Konzentrationslage blieb infolge der Rauch- und Geruchsentwicklung nicht verborgen: »Unter anderem wussten wir genau, wenn man die Menschen verbrannt hat, dann lag immer ein süßlicher Geruch in der Luft«9, erinnert sich eine Zeitzeugin. Insbesondere im Herbst 1941, als innerhalb weniger Wochen mehr als 12 000 sowjetische Kriegsgefangene im KZ Sachsenhausen ermordet wurden, liefen die Krematoriumsöfen den ganzen Tag. Das Schicksal dieser Menschen sprach sich in Oranienburg schnell herum. Bei einer eigens einberufenen Versammlung für die SS-Leute des Lagers ordnete der damalige Kommandant Hans Loritz daher an, gegenüber der Bevölkerung die Vernichtung von sowjetischen Häftlingen zu dementieren.10 Das Verhältnis zwischen SS und der Bevölkerung wurde daraufhin nach Erinnerung von Kurt Scharf zunehmend distanzierter.11
Obwohl die SS Folter und insbesondere Mord hauptsächlich hinter den schützenden Lagermauern betrieb, kam es auch vereinzelt vor, dass Häftlinge unmittelbar vor den Augen der Bevölkerung ermordet wurden. Ein Fall ist durch die Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft beim Kammergericht in Berlin besonders gut dokumentiert. So brach der Häftling Wilhelm Halter am 10. November 1939 aus seiner Kolonne auf dem morgendlichen Weg zum Klinkerwerk aus, rannte in den angrenzenden Wald und drang durch ein Fenster in das Gasthaus der Oranienburger Schützengilde ein. Dort wurde er im Beisein der Wirtin von einem SS-Wachmann erschossen.12 Auch der als »Eiserne Gustav« berüchtigte SS-Hauptscharführer Gustav Sorge tötete nach einer Zeugenaussage aus dem Jahr 1958 im Herbst 1941 vor dem Oranienburger Schloss einen polnischen Häftling mit seiner Schusswaffe. Der Leichnam soll den ganzen Tag in aller Öffentlichkeit am Rande des Bürgersteigs gelegen haben.13 Im April 1945 wurden die Verbrechen der SS schließlich ganz offenkundig, als SS-Männer während der Evakuierung des Lagers und auf dem Todesmarsch zur Ostsee zahlreiche geschwächte Häftlinge ohne jegliche Rücksichtnahme auf die Bevölkerung einfach erschoss.
• Verhaltensweisen und Handlungsstrategien
Neben der versuchten strikten Trennung der beiden Bereiche von Stadt und Lager durch die SS gab es, wie bereits gezeigt, auch eine Vielzahl von Berührungspunkten oder gar Durchdringungen beider Sphären. Diese ermöglichten Einblicke in die Welt des Lagers und provozierten Entscheidungen bezüglich des eigenen Handelns. Die Handlungsstrategien der Oranienburger reichte von Hilfeleistungen über das Wegschauen bis zur Mittäterschaft. Wie in Weimar oder Dachau blieben jedoch aktive Widerstandsmaßnahmen gegen die Vorgänge im KZ aus.
Entscheidungen bezüglich des Verhaltens mussten beispielsweise bei der Ankunft der Gefangenen an den Bahnhöfen Oranienburg und Sachsenhausen getroffen werden. Es lässt sich feststellen, dass sich die Bevölkerung in den meisten Fällen eher passiv verhielt und den Blick abwendete. Es kam jedoch vor, dass Kinder hinter den Gefangenen herliefen und sie bespuckten.14 In einem Fall ist sogar bekannt, dass sich Teile der Bevölkerung aktiv an den Misshandlungen der SS beteiligte. Als am 13. September 1939 ein Transport mit Berliner Juden polnischer Abstammung in Oranienburg ankam, herrschte eine aufgebrachte Stimmung in der Stadt. Die Nationalsozialisten hatten verbreitet, dass es sich bei den Gefangenen um polnische Juden handeln würden, die in Bromberg Deutsche umgebracht hätten. Unter den ankommenden Berlinern befand sich auch Leon Szalet, der sich an die Ankunft am Bahnhof und den Weg durch die Stadt zum Lager erinnert: »Eine lüsterne Menschenmasse beiderlei Geschlechts stand am Fuß der Treppe. […] Alte und Junge, Männer und Frauenstimmen verbanden sich mit zu einem grauenhaften, blutrünstigen Chor: ›Tötet die Bromberger Mörder! […].‹ Aber es blieb nicht nur beim Schreien und Johlen. Steine, Holzstücke, Nägel und Straßenkot wurden nach uns geworfen. […] Wer gefallen war, blieb liegen, bis ihm die Stiefel eines SS-Mannes wieder auf die Beine halfen, oder er ein Toter Mann war.«15
Insbesondere Mitarbeiter der Stadtverwaltung waren in die Verbrechen im Lager involviert. Die Standesbeamten in Oranienburg registrierten nicht nur über mehrere Jahre die Toten des Lagers, sondern bildeten zudem vom Juli bis September 1942 zwei SS-Männer in Standesamtsangelegenheiten aus.16 Damit ermöglichten sie der SS die Einrichtung eines KZ-eigenen Standesamts im Oktober 1942, mit dessen Hilfe die stark ansteigenden Todeszahlen im Lager besser verheimlicht werden sollten. Weiterhin waren Ärzte des Kreiskrankenhauses in Oranienburg an Verbrechen beteiligt, indem sie auf Beschluss von Erbgesundheitsgerichten Sterilisationen an KZ-Häftlingen vornahmen.17
Gleichzeitig waren aber auch nach wie vor traditionelle christliche Wertevorstellungen in der Bevölkerung weit verbreitet. Dies zeigte sich beispielsweise darin, dass Oranienburgerinnen für die KZ-Gefangenen, die teilweise durch die ganze Stadt marschieren mussten, um zu ihren »Arbeitsstellen« zu gelangen, Lebensmittel auf den Wegesrand legten oder ihnen direkt Brote zusteckten. Obwohl die SS in den Rüstungsbetrieben darauf achtete, die Häftlinge strengstens von den Zivilarbeitern abzusondern, kam es immer wieder zu heimlichen Gesprächen, Lebensmittelgeschenken oder Tauschgeschäften.
Von kirchlicher Seite bemühte sich Kurt Scharf bereits im Oktober 1936 vergeblich um eine seelsorgerische Tätigkeit im Konzentrationslager Sachsenhausen. Zudem versuchte er in den folgenden Monaten, Sprecherlaubnis bei Gefangenen zu erhalten, die als Mitglieder der Bekennenden Kirche inhaftiert waren. Einmal hatte Scharf mit seinen Bemühungen Erfolg: er erhielt 1938 vom damaligen KZ-Kommandanten Hans Helwig die Erlaubnis, den prominenten Pfarrer Martin Niemöller, der als persönlicher Gefangener Hitlers im Zellenbau des Lagers inhaftiert war, am Karfreitag zu besuchen und ihm das Abendmahl zu reichen. Die Gestapo verstand jedoch die Lesung eines anspielungsreichen Psalmentextes als Provokation, brachte ihn kurz darauf zum Verhör nach Berlin und untersagte ihm weitere Besuche.18
Die Bekenntnisgemeinde nahm die Häftlinge des KZ Sachsenhausen auch in ihre Gebete auf und hielt von März 1938 bis Ende 1940 Fürbitteandachten für die Häftlinge. Das jeweils anschließende Glockengeläut erreichte offenbar die Adressaten und fand Eingang in einen Liedtext mit der Überschrift »Dorfglocken«, der durch das Sachsenhausen-Liederbuch überliefert ist.19
Das Ausstellungs- und Gestaltungskonzept
Das Projekt »Die Stadt und das Lager. Oranienburg und das KZ Sachsenhausen« soll im Turm »E« (oder »Nordturm«) realisiert werden, da von hier der Blick über die früheren Lagergrenzen hinweg in die unmittelbare Nachbarschaft und die nähere Umgebung reicht, bis hin zum Bahnhof Sachsenhauen, wo die meisten Häftlinge ankamen. Mit der Umsetzung der Ausstellung wird erstmals einer von den elf noch erhaltenen Wachtürmen öffentlich zugänglich gemacht und der nördliche Bereich der Gedenkstätte, der bereits mit der Eröffnung des Museums zum Sowjetischen Speziallager Nr. 1/7 in unmittelbarer Nähe eine starke Betonung erhielt, eine weitere Aufwertung erfahren.
Das dezentrale Ausstellungskonzept der Gedenkstätte bietet sich dafür an, die verschiedenen Themen auf unterschiedliche Art und Weise zu präsentieren. Die Thematik der Beziehungen zwischen Stadt und Lager lässt sich aufgrund der bereits erwähnten schwierigen Quellen- und Exponatlage nur schwer in Form einer rein musealen Ausstellung realisieren. Da jedoch interessantes Tonmaterial existiert, wie beispielsweise das Interview mit Kurt Scharf von 1989 oder auf Tonträger aufgenommenen Zeitzeugengespräche, bietet es sich an, das Thema als »dokumentarisches Hörspiel« umzusetzen. Auf diese Weise können nicht nur die Zeitzeugen zu Wort kommen, sondern auch über einen Sprecher Passagen aus Originalquellen zitiert und mit akustischen Elementen (Töne, Musik, Stimmen, Geräusche) aufbereitet werden.
Im Sommer 2002 führte die Gedenkstätte mit drei Teilnehmern ein Gutachterverfahren durch, um Gestaltungsvorschläge für die Realisierung des Projekts zu erhalten. In welcher Form das Projekt umgesetzt werden soll, war zu diesem Zeitpunkt noch offen. Von den eingereichten Entwurfskonzepten überzeugte am meisten der Vorschlag von Gerrit Grigoleit20, den Turm durch ein Treppenelement zu erschließen, die bestehende horizontale Unterteilung des Raums in zwei Ebenen aufzugeben und neue Ausblicke in die Umgebung zu schaffen. Innerhalb des Treppenelements sollen die Themen der Ausstellung an verschiedenen Stellen in Seh- und Hörräumen sowie mit Exponaten präsentiert werden. Nachdem ein tragfähiges inhaltliches und gestalterisches Konzept entwickelt worden ist, müssen vor einer Realisierung vor allem noch bauliche und denkmalpflegerische Aspekte geklärt werden.
1 Sybille Steinbacher, Dachau. Die Stadt und das Konzentrationslager in der NS-Zeit. Die Untersuchung einer Nachbarschaft, Frankfurt am Main 1993, und Jens Schley, Nachbar Buchenwald. Die Stadt und ihr Konzentrationslager 1937–1945, Köln 1999. Außerdem existiert eine Beschreibung der Beziehungen zwischen der Stadt und dem KZ Mauthausen von Gordon J. Horwitz, In the Shadow of Death. Living Outside the Gates of Mauthausen, New York/ Toronto 1990 sowie ein Forschungsvorhaben von Anette Leo und Jens Schley zum Verhältnis von der Stadt Fürstenberg und dem Frauen-KZ Ravensbrück.
2 Siehe Schley, Nachbar Buchenwald, S. 107 und Steinbacher, Dachau, S. 229f.
3 Siehe Steinbacher, Dachau, S. 185
4 Siehe Schley, Nachbar Buchenwald, S. 109f.
5 Brief des Gestapa, gez. von Theodor Eicke, an den Regierungspräsidenten in Potsdam, 16. Juni 1937, BLHA Rep. 2 A, I. Hb., Nr. 1750
6 Interview mit Ursula K. am 19. 1. 2001, Archiv Sachsenhausen
7 Vgl. Interview Volkmar Deile mit Kurt Scharf 1989, Kassette 6/A, Mediathek Sachsenhausen
8 Brief von Helga T. vom 26. 2. 2002, Archiv Sachsenhausen
9 Brief von Helga T. vom 26. 2. 2002, Archiv Sachsenhausen
10 Gustav Sorge, Vernehmungsprotokoll des Verhafteten 1946, Prozess gegen Gustav Sorge und Wilhelm Schubert, Staatsanwaltschaft Bonn, Archiv Sachsenhausen, JD 4, Bd 15, S. 129f.
11 Kurt Scharf, Leben in Sachsenhausen 1933–1945 (Abschrift eines Tonbandprotokolls zum Vortrag von Dr. Kurt Scharf, 27. 6. 1979, Evangelische Studentengemeinde an der Technischen Universität Berlin), S. 125, in: Archivbericht Nummer 7, 4. Jg, 1997, S. 121–128
12 LAB A Rep. 358-02, Nr. 35
13 Aussage von Gustav Sorge, Prozess gegen Gustav Sorge und Wilhelm Schubert, Staatsanwaltschaft Bonn, Archiv Sachsenhausen JD 2/46, S. 220f.
14 Siehe auch Interview mit dem ehemaligen Häftling Harry Dubinsky vom 11. 8. 1996, in dem er beschreibt, wie die Häftlinge im Stadtzentrum Anfang 1941 von Jugendlichen als »Mörder« bezeichnet und von ihnen mit Steinen beworfen wurden, Transkription, S. 85, Archiv Sachsenhausen
15 Leon Szalet, Experiment »E«, S. 27
16 Siehe Erklärung des Verwaltungsangestellten der Gemeindeverwaltung Sachsenhausen und Standesbeamte des Standesamtsbezirks Sachsenhausen Paul Kempfer am 1. April 1948, Bundesarchiv, SAPMO V 278/2/142
17 Siehe Archiv Sachsenhausen, D 25 A 1–3
18 Vgl. Interview Volkmar Deile mit Kurt Scharf 1989, Kassette 6A
19 Siehe Günter Morsch (Hg.): Sachsenhausen-Liederbuch, Edition Hentrich, Berlin 1995, S. 40
20 Siehe im folgenden: »Die Stadt und das Lager. Oranienburg und das KZ Sachsenhausen«. Ein räumlich-szenografisches Ausstellungskonzept von Gerrit Grigoleit, August 2002