Die neue Gedenkstätte Stille Helden

Widerstand gegen die Judenverfolgung 1933-1945
08/2009Gedenkstättenrundbrief 150, S. 15-19
Beate Kosmala

In der Gedenkstätte Stille Helden, eröffnet am 27.  Oktober 2008 in Berlin-Mitte, Rosenthaler Straße 39, wird erstmals in Deutschland mit einer Dauerausstellung sowohl an jene deutschen Juden erinnert, die versuchten, sich durch die Flucht in den Untergrund der tödlichen Bedrohung durch die Deportation zu entziehen, als auch an Frauen und Männer, die den verfolgten Juden beistanden und ihnen auf vielfältige Art und Weise halfen.

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 beginnt die Ausgrenzung, Diffamierung und Entrechtung der etwa 500 000 deutschen Juden. Der Boykott von Geschäften jüdischer Inhaber am 1. April 1933, die Nürnberger »Rassengesetze« vom September 1935 und der Pogrom vom 9. November 1938, in dessen Verlauf mehr als 30 000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt werden, markieren die wesentlichen Stationen der Judenverfolgung in Deutschland. Gesetzliche Vorschriften verschärfen die wirtschaftliche und soziale Entrechtung weiter. Mehr als 300 000 Juden können bis zum Kriegsbeginn im Herbst 1939 aus Deutschland fliehen.

Dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden Europas fallen seit 1941 rund sechs Millionen Menschen zum Opfer, von denen die meisten erschossen oder mit Giftgas ermordet werden. Darunter sind auch mehr als 160 000 deutsche Juden. Sie werden seit Oktober 1941 vor allem in die Vernichtungsstätten in den deutsch besetzten Gebieten Polens und der Sowjetunion deportiert und dort ermordet. Da seit Oktober 1941 Auswanderung verboten und auch auf illegale Weise nahezu unmöglich ist, blieb nur ein Leben in der »Illegalität« – mit höchst ungewissem Ausgang. Etwa 10 000 bis 12 000 jüdische Frauen, Männer und Kinder versuchen, auf diese Weise zu überleben. Sie widersetzen sich damit der Diktatur. Unter ständiger Gefahr des Verrats und der Entdeckung suchen sie nach Verstecken, die immer wieder gewechselt werden mussten. Vermutlich mehr als die Hälfte derer, die untertauchen, tun dies in Berlin, die meisten erst in letzter Minute, als Ende Februar 1943 die noch verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiter mit ihren Angehörigen deportiert werden sollen. In Deutschland überleben etwa 5 000 »Untergetauchte«, davon mehr als 1 700 in Berlin.

Dass die in Berlin Untergetauchten aber nicht nur dort Hilfe finden, sondern oft Odysseen durch andere deutsche Städte und Regionen zurücklegen müssen, zeigt die Ausstellung durch rekonstruierte Rettungswege.

Gelingen konnte das meist nur mit Hilfe von Menschen, die bereit waren, die Verfolgten zu schützen. Unter Gefährdung der eigenen Person besorgen diese »stillen Helden« Lebensmittel, beschaffen falsche Papiere, leisten Fluchthilfe, stellen Quartiere zur Verfügung oder verstecken die Verfolgten bei sich. Ein Teil der Helfer ergreift selbst die Initiative zur rettenden Unterstützung. Sie appellieren etwa an jüdische Freunde, sich nicht deportieren zu lassen, und sagen ihnen Hilfe für ein Leben im Untergrund zu. Viele werden zu Rettern, weil sie von Verfolgten oder anderen Helfern gezielt um Unterstützung gebeten werden. Weltanschauliche und politische Motive sind hier ebenso von Bedeutung wie spontanes Mitgefühl. Sie können die Angst um die eigene Person und die Familie sowie die berechtigte Furcht vor der Gestapo überwinden.

Häufig entwickeln sich im Verlauf von Rettungsversuchen Netzwerke von ­Helfern. Für jeden »Untergetauchten« sind oft bis zu zehn, bisweilen auch erheblich mehr nichtjüdische Unterstützer aktiv. Viele Hilfsaktionen scheitern jedoch. Schätzungen gehen heute von insgesamt mehreren zehntausend Menschen aus, die in Deutschland jüdischen Verfolgten geholfen haben. Auch in den besetzten Ländern Europas gibt es einzelne Deutsche, die ihre Stellung als Soldaten oder in der Kriegswirtschaft nutzen, um tödlich bedrohte Juden zu unterstützen. Die Rettung von Verfolgten angesichts des Massenmords an den europäischen Juden ist Teil des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur.

Das Beispiel der vielfach als »stille Helden« bezeichneten Helferinnen und Helfer zeigt, dass es auch unter den Bedingungen der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges Handlungsspielräume und Entscheidungsmöglichkeiten gab, Verfolgte zu retten. Die Dauerausstellung informiert über die Verfolgung und die Zwangslage der Juden angesichts der drohenden Deportationen, über den Entschluss Einzelner, sich durch Flucht in den Untergrund der tödlichen Bedrohung zu widersetzen, sowie über das Handeln und die Motive der Frauen und Männer, die ihnen halfen. Dabei werden nicht nur geglückte Rettungen, sondern auch gescheiterte Rettungsversuche dokumentiert.

Überall in Europa gab es Menschen, die sich dem nationalsozialistischen Völkermord durch Rettungsaktionen entgegenstellten. Die meisten schwiegen nach 1945 über ihre Hilfeleistungen, die viele von ihnen als selbstverständlich ansahen. Seit 1963 würdigt die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem das Handeln der Retter. Sie hat bis heute mehr als 22 000 Frauen und Männer als »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet.

Zur Entstehung der Gedenkstätte

Erst relativ spät entstand in Deutschland ein Interesse an den Geschichten von Menschen, die während der nationalsozialistischen Diktatur verfolgten Juden halfen. Doch ist die Frage nach der Rettung untrennbar mit der Dimension der Vernichtung verbunden. Um das Phänomen »Rettung von Juden« rekonstruieren zu können, bedurfte es der Holocaustforschung, die in Deutschland erst in den 80er Jahren zu einer historischen Teildisziplin wurde. Erst durch die Forschung der vergangenen Jahren ergibt sich ein vollständiges Bild von den Deportationen aus Deutschland, eine deutlichere Vorstellung vom Wissen in der deutschen Bevölkerung über den Genozid, von ihrer Wahrnehmung der Deportationen und ihren Reaktionen darauf. Diese Bereiche der NS- und Holocaustforschung stehen in engem Zusammenhang mit der Frage, ob und wie sich die Gruppe der Helfer von der Mehrheit der »Volksgenossen« unterschied und was die spezifische Qualität ihres Handelns ausmacht. Filme wie »Schindlers Liste« und zahlreiche Publikationen der 90er Jahre verstärkten das Interesse am Thema.

Angeregt von der Vereinigung »Gegen Vergessen – Für Demokratie« gab es zwischen 1997 und 2002 unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Benz am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin das Forschungsprojekt »Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1945«.

Gleichzeitig entwickelte sich unter maßgeblicher Beteiligung der Zeitzeugin und Publizistin Inge Deutschkron aus dem Ausstellungsprojekt »Blindes Vertrauen« von Studierenden der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin-Mitte, Rosenthaler Straße 39. Hier arbeiteten während der Zeit des Nationalsozialismus hauptsächlich blinde und gehörlose Juden unter dem Schutz des Kleinfabrikanten Otto Weidt (1883–1947). 1999 übernahm der Bund nach einer Initiative des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Michael Naumann, die Verantwortung für das Museum. Seither gab es viele Bemühungen, auch durch den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, in Berlin ausführlicher als bisher an Helfer und »Untergetauchte« zu erinnern. Das Haus in der Rosenthaler Straße 39 konnte 2004 mit Mitteln des Bundes und der Stiftung Klassenlotterie Berlin mit der Zweckbindung erworben werden, um nicht nur das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt auszubauen, sondern auch eine Gedenkstätte Stille Helden zu errichten.

Mit der inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung wurde im April 2005 die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand beauftragt. 2006 wurde zuerst die Dauerausstellung im Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt überarbeitet und erweitert, bevor 2008 die Gedenkstätte Stille Helden realisiert wurde. Ausgehend von den Forschungsergebnissen des Zentrums für Antisemitismusforschung entstand eine Dauerausstellung, die die Geschichte jener Menschen erzählt, die während der NS-Zeit verfolgten Juden beistanden.

Die Dauerausstellung

Ausgangspunkt der Ausstellung in der ersten Etage ist ein großer Medientisch, wo sich die Betrachter an elf großflächigen Touchscreens mit 18 exemplarischen Geschichten vertraut machen können. Der Zugang ist stets biografisch: Hinter jedem Gesicht finden sich Angaben zur Biografie, zur Lebenssituation und zum konkreten Handeln der Person, d.h. sowohl der Verfolgten als der Helfer. Darüber hinaus kann die Geschichte durch zahlreiche Zusatzinformationen, die sich hinter entsprechenden Symbolen befinden, erschlossen werden.

Eine Treppe führt an einer Wand mit rund 960 Namen von Helfern und Verfolgten zum Kernstück der Ausstellung in der oberen Etage mit ihren neun Vitrinen, die auf den ersten Blick wie Stelen wirken. Sie sind jeweils mit einem Bildschirm und Kopfhörern versehen und geben durch einen kurzen Film eine Einführung zu Einzelschicksalen. Auf der anderen Seite der Stele werden Objekte, Dokumente und Fotos gezeigt, die gescheiterte und gelungene Rettungsversuche aus der doppelten Perspektive von Helfenden und Geretteten illustrieren.

In einem dritten Raum laden acht Computerplätze dazu ein, zahlreiche weitere Biografien nach Fotos, Dokumenten und Netzwerken zu durchstöbern. Mehrere hundert Verfolgte und ihre Helfer sind hier dokumentiert. Diese Recherchestation wird laufend ergänzt. In den kommenden Jahren wird die Gedenkstätte Stille Helden auf diese Weise Hilfeleistung und Rettung umfassend dokumentieren.

Ein Besuch der Ausstellung eignet sich für Schüler ab der 9. Klasse. Die Beschäftigung mit dem beispielhaften und mutigen Handeln einzelner Helfern in einem inhumanen Umfeld, unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur, aber auch mit den Grauzonen menschlichen Verhaltens, kann zum Überdenken des eigenen Verhaltens anregen und im sozialen und politischen Alltag der Gegenwart zu Solidarität und Zivilcourage ermutigen. Die Helfer werden nicht als Helden auf ein Podest gestellt. Vielmehr werden die konkrete historische Situation, die individuellen Handlungsspielräume und Zwangslagen von Helfern und Verfolgten ausgelotet. Dies erlaubt Antworten auf die Frage nach der individuellen oder kollektiven Verantwortung, sei es unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur oder in einer Demokratie.

Informationen zur Ausstellung
Gedenkstätte Stille Helden
in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Rosenthaler Straße 39
10178 Berlin

Öffnungszeiten
Mo – So 10 – 20 Uhr
Zur Ausstellung ist ein Begleitkatalog für 5 € erhältlich.
Eintritt frei
Führungen werden ab Ende 2009 angeboten.
In Einzelfällen ist dies auf Anfrage auch schon vorher möglich.

Projektleitung
Prof. Dr. Johannes Tuchel

Konzeption, Redaktion, Texte:
Dr. Beate Kosmala, Barbara Schieb, Dr. Claudia Schoppmann,
Prof. Dr. Johannes Tuchel, Martina Voigt.

Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte Stille Helden
Dr. Beate Kosmala, seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin zur Vorbereitung der Dauerausstellung für die Gedenkstätte Stille Helden; von 1997–2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin im Forschungsprojekt »Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1945.

Barbara Schieb, seit 2005 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin zur Vorbereitung der Dauerausstellung für die Gedenkstätte Stille Helden; ab 1992 als freiberufliche Historikerin an etlichen Ausstellungs-, Film- und Buchprojekten beteiligt; von 1986–1992 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Forschungen im Bereich »Hilfen für Verfolgte«.

Kontakt
Beate Kosmala
kosmala@gdw-berlin.de
Tel. (030) 26995020 oder 23457919

Barabara Schieb
schieb@gdw-berlin.de
Tel. (030) 26995020 oder 23457929