Die Lager-SS in Neuengamme

Eine Werkstattausstellung
02/2007Gedenkstättenrundbrief 135, S. 3-8
Christl Wickert

Vorbemerkung

Gedenkstätten sind Orte der Erinnerung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sie sind heute aber auch Museen und Bildungseinrichtigungen. Hier sollen Besucher nicht nur informiert werden, sondern auch Hintergründe und Ursachen des Prozesses nahe gebracht werden, der zu den NS-Verbrechen geführt hat, der Täter und Opfer, Nutznießer und Geschädigte, Widerstehende und Zuschauer und auch Helfer kennt.

Werkstattausstellung zur Lager-SS

Die räumliche Trennung des Ausstellungsbereichs zur SS von der Hauptausstellung zur Geschichte des KZ und seiner Nachgeschichte ermöglicht die Rücksichtnahme auf Besucher, deren Hauptinteresse dem Alltag und den Leiden der Häftlinge gilt.

Konzeption und Erarbeitung der Ausstellung zur SS in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die im Mai 2005 eröffnet wurde, zielte darauf, dass die KZ-Verbrechen nicht vollständig zu erklären sind, aber das Werk von Menschen waren. Denn nach den historischen Erkenntnissen von heute ist klar: Kein Alter, kein Herkunftsmilieu, keine Konfession, keine Bildungsschicht hat sich gegenüber dem Terrorregime des Nationalsozialismus als resistent erwiesen. Gemeinsam war den Tätern der Verlust eines verbindlichen humanitären Wertesystems. Entweder sie hatten nie ein solches entwickelt, oder es wurde durch ideologische Schulungen/Überzeugungen, sachliche Notwendigkeiten oder private Interessen überlagert oder es war durch situative Arrangements im Krieg oder im KZ-System zeitweise außer Kraft gesetzt worden.

Für Historiker und Ausstellungsmacher kann es nicht Anspruch sein, die Frage, warum Menschen Menschen drangsaliert, gequält und ermordet haben, zu beantworten. Die Frage nach dem Warum drückt, wie Jean Michel Chaumont formuliert, »eine Sinnerwartung« aus, die tatsächlich nicht zu erfüllen ist und die sich dann immer wieder geltend macht, wenn eine (neue) Erklärung gegeben wird.[1] Die Besucher von Ausstellungen und Bildungsveranstaltungen sollten diese im Idealfall mit mehr Fragen – gerade zur besonderen Verantwortungen des Einzelnen unter totalitären Regierungen – verlassen als sie zuvor hatten.

Die bauliche Vorbereitung der Garagen beließ die Innenfassade und die imposanten Fachwerkbinder im 2001 von der Gedenkstätte vorgefundenen Zustand. Sämtliche Zeitschichten spiegeln sich an den Wänden: SS, britisches Internierungslager, Justizvollzugsanstalt, Privatnutzung von Justizbeamten. Der Bau ist ein Facharbeiterprodukt der KZ-Zwangsarbeit und als solches ein Exponat. Der Nutzbau Garage spielt in der Erinnerungen von Überlebenden so gut wie keine Rolle. Ein tschechischer Überlebender führt in einem Video durch die leeren Garagen und berichtet von seinen Erlebnissen als ungelernter Kfz-Mechaniker im Arbeitskommando Garagen. Die Ausstellung in den ehemaligen SS-Garagen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme trägt den Titel: »Dienststelle KZ Neuengamme – Die Lager SS«. Die Schutzstaffel (SS) der NSDAP war eine politische Organisation, die sich als die Elite der NS-Bewegung begriff. Sie war für die KZ und damit für die Lebensbedingungen der Häftlinge verantwortlich. Die Arbeit in einem KZ erschien attraktiv, da sie unter anderem ein sicheres Einkommen, die Gleichstellung mit dem öffentlichen Dienst und ab 1939 die Möglichkeit bot, vom Fronteinsatz freigestellt zu werden.

Im Stammlager und den Außenlagern des KZ Neuengamme waren von 1938 bis 1945 bis zu 4500 SS-Angehörige tätig. Nur 135 von ihnen wurden wegen Verbrechen bis 1948 vor britischen Militärgerichten angeklagt. In beiden deutschen Staaten fanden lediglich 143 Ermittlungs- und Strafverfahren statt. Die meisten Täterinnen und Täter wurden nicht zur Verantwortung gezogen.

Die Besucher können den Rundgang durch die Ausstellung frei wählen. Sie ist in zwei Hauptteile gegliedert: Zwei Bereiche beschäftigen sich mit der Geschichte der Neuengammer SS seit 1945, sie stehen am Anfang oder am Ende des Rundgangs. Drei Bereiche behandeln die Zeit zwischen 1938 und 1945. Es wurden einfache Regalsysteme als Ausstellungsmöbel gebaut, die immer den Blick auf das größte Exponat, die Garagen selbst ermöglichen. Auch sehen die Besucher von jedem Standort Stellungnahmen von Überlebenden zur SS in ihren jeweiligen Muttersprachen.

Ein Ausstellungsrundgang im Überblick

Betritt man den Ausstellungsraum, so trifft man auf drei Fotos aus dem britischen Hauptprozess gegen die letzte Lagerleitung: Die Zeugen, die Angeklagten und die Ankläger. Ein kurzer Einführungstext erläutert Anklagepunkte und Urteile. Möchten Besucher mehr erfahren, können sie sich in eine Archivebene begeben: Es stehen an dieser konkreten Stelle drei Hörstationen, in denen aus Urteilstexten, Aussagen vor Gericht und Interviews nachgesprochene historische Texte zu hören sind. In einer Mappe gibt es dazu weitere Dokumente und Informationen. Zu allen Themen gibt es Themenordner.

In der nebenstehenden Abbildung sieht man das Prinzip der Regale: Einführungstext, auf dem Tisch Dokumente und Fotos, im unteren Teil ein Themenordner und im schmalen Regal Ordner mit Biografien, die den jeweiligen Themen zugeordnet sind. Hier ist die Gliederung einheitlich: erklärender Text oder Biografie, dann Fotos, Dokumente und Häftlingsaussagen.

Inhalte der SS-Ausstellung

1. Verbrechen im KZ Neuengamme vor Gericht

Neben dem schon erwähnten Schwerpunkt zu den britischen Prozessen werden zwei weitere Bereiche dargestellt: 

• Morde am Bullenhuser Damm. Sie wurden zwischen 1946 und 1978 nach drei verschiedenen Rechtssystemen ermittelt: Vor dem britischen Militärgericht ergingen Todesurteile, in der DDR wurde 1965 eine lebenslange Haft verhängt, in Hamburg wurden die Ermittlungen eingestellt.

• Prozesse in der Bundesrepublik und in der DDR. Über 100 Ermittlungsverfahren der Hamburger Staatsanwaltschaft gegen Angehörige der Neuengammer Lager-SS zwischen 1946 und 1993 führten nur zu zehn Anklagen und sieben Verurteilungen. Seit 1950 wurde keiner der Neuengammer SS-Männer mehr von einem Hamburger Gericht verurteilt. Ab 1960 waren alle Straftaten außer Mord und Beihilfe zum Mord verjährt, ab 1968 auch Beihilfe zum Mord. Ein letztes Vorermittlungsverfahren wurde 2004 von der Staatsanwaltschaft nach dem Tod des Beschuldigten, Kurt Klebeck, eingestellt.

In der SBZ und DDR ist die Häufung von Ermittlungsverfahren gegen SS-Aufseher und Aufseherinnen aus den Außenlagern Ende der 1940er-Jahre auffällig. Neben Freisprüchen ergingen auch Haftstrafen. 1951 wurde ein Todesurteil gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 10 wegen Verbrechen im KZ Neuengamme vollstreckt.

2. Leitung und Organisation der SS im KZ Neuengamme

Als Stammlager unterstand das KZ Neuengamme direkt der Inspektion der Konzentrationslager. Neben den Wachmannschaften umfasste es sechs Abteilungen: Kommandantur, politische Abteilung, Schutzhaftlagerführung und Arbeitseinsatzleitung, Verwaltung, medizinische Abteilung, Schulung/Ausbildung. Jede Abteilung unterstand fachlich einer übergeordneten SS-Stelle. Die Abteilungsleiter und ihre SS-Mitarbeiter verfügten bei Entscheidungen und Anweisungen über Spielräume. Gefangene wurden gezwungen, als »Funktionshäftlinge« Aufsichts-, Organisations- und andere Arbeiten zu übernehmen. Es werden die Aufgaben der Abteilungen und der Inspektion dargestellt und die Biografien von Abteilungsleitern präsentiert.

Auf einem Lesetisch in der Mitte des Raumes können sich Besucher allgemein über die SS und über die SS-Führer informieren, die für die Misshandlungen und Verhältnisse der Häftlinge im KZ Neuengamme mitverantwortlich waren.

Die SS war eine militante politische Organisation, die eine sicherheitspolizeiliche Schlüsselfunktion erlangte. Die Aufnahme von Mitgliedern erfolgte auf Antrag und nach einer erb- und rassenbiologischen Prüfung. Niemand wurde gegen seinen Willen für bestimmte Aufgaben eingesetzt. Berufliche Qualifikationen waren für die Karriere in der SS nicht entscheidend. Bei der Organisation der KZ und des Massenmordes stützte sich der Reichsführer SS Himmler auf die SS, die SS-Totenkopfverbände und die Polizei. Am 30. September 1946 wurde die SS durch den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zur verbrecherischen Organisation erklärt.

3. Die Bewachung in den Außenlagern

Die Pläne der SS, KZ-Häftlinge in der Rüstungsproduktion und in der Kriegswirtschaft einzusetzen, führten ab 1942 zum Ausbau eines Systems von Außenlagern in der Nähe von Produktionsstätten. Bis 1945 existierten mehr als 80 Außenlager des KZ Neuengamme in Norddeutschland mit zuletzt 40 000 KZ-Häftlingen.

Da die SS nicht über ausreichendes eigenes Wachpersonal verfügte, hatten die Häftlinge in den Außenlagern mehr Fluchtmöglichkeiten als im Stammlager. Deshalb wurden 1944/45 mehr als 400 SS-Aufseher/-innen und etwa 2 000 meist ältere Wehrmachts-, Zoll-, Polizei- und Reichsbahnangehörige und zunehmend ausländische SS-Männer im Wachdienst eingesetzt. Aus Gerichtsunterlagen, mit Hilfe von Rest-Überlieferungen von Polizei, Wehrmacht und SS und nach Interviews mit Überlebenden konnten Hinweise auf die Arbeitsweise der verschiedenen Wachgruppen für die Ausstellung aufgearbeitet werden.

4. Arbeitsplatz Stammlager Neuengamme

Die Mehrzahl der SS-Männer im KZ Neuengamme und in den Außenlagern waren Unterführer und Mannschaftsdienstgrade. Die meisten hatten direkten Kontakt zu den Häftlingen. Zum Alltag von Block-, Kommando- oder Rapportführern gehörten Schikanen, Misshandlungen und Morde. SS-Ärzte und SS-Sanitäter im Krankenrevier besaßen oft nur geringe medizinische Kenntnisse und bemühten sich kaum, Hilfe zu leisten. Wachposten erschossen Häftlinge, die die imaginäre Grenzlinie – die so genannte Postenkette – übertraten, und erhielten dafür Vergünstigungen. Die meisten Dokumente über diese Täter sind vernichtet.

Nach der Darstellung der Arbeit der einfachen SS-Männer in den SS-Abteilungen, wird der Alltag der SS thematisiert. Immer unter Hinweis auf die Lage der Häftlinge ist zu sehen: Die SS-Angehörigen waren materiell gut versorgt; das Durchschnittseinkommen eines SS-Unterführers entsprach dem eines Angestellten. Im SS-Lager waren bis zu 500 SS-Männer untergebracht. Nur wenige – vor allem höhere Dienstgrade – wohnten in der Umgebung. Die Kommandantur wurde bis Kriegsende mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln beliefert. Die SS-Männer verbrachten ihre dienstfreie Zeit innerhalb des SS-Lagers oder nahmen an Angeboten wie Sportveranstaltungen und Feiern teil – und organisierten so ihre Freizeit in unmittelbarer Nachbarschaft zum Häftlingslager.

5. Die Neuengammer Lager-SS nach Kriegsende

SS-Angehörige versuchten nach Kriegsende, sich der Verantwortung für die Verbrechen zu entziehen. Sie bildeten, weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit, Netzwerke und halfen sich gegenseitig, Freisprüche vor Gericht zu erreichen und Rentenansprüche durchzusetzen. Lediglich die Verbände der Verfolgten waren aufmerksam genug, um – jedoch zunächst ohne große Resonanz – dagegen zu protestieren. Erst in den siebzigern Jahren wurden antifaschistische Initiativen und Gedenkstätteninitiativen aktiv, um gegen alt- und neonazistische Umtriebe zu protestieren.

Da die Ausstellung keine abschließenden Erklärungen geben kann, endet sie mit den Fragen, die Kinder und Enkel von SS-Männern heute stellen, wenn sie sich auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben und von deren Verbrechen erfahren. Ein Film mit Interviews von ca. 12 Minuten ist zu sehen. In Themenordnern werden Fotos und Dokumente von den SS-Männern gezeigt, deren Nachkommen aus ihrer heutigen Perspektive sprechen.

Als Motto leitete mich als Kuratorin und meine Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit für diese Ausstellung ein Zitat des ungarischen Literaturnobelpreisträgers des Jahres 2002 und Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald Imre Kertész: »Es gibt Fragen, auf die die Antwort zu geben unmöglich ist, doch ebenso unmöglich ist es, sie nicht zu stellen.«[2]
 

Dr. Christl Wickert, Historikerin und Politologin, ist Kuratorin der Ausstellung »Dienststelle KZ Neuengamme: Die Lager SS«.
 

Weitere Literatur:

  • Zeitspuren: Die neuen Ausstellungen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, in: Beiträge zur nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 9, 2005, S. 135–140.
  • KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Zeitspuren. Die Ausstellungen, Bremen 2005.Detlef Garbe: Neuengamme. Vom Konzentrationslager zur KZ-Gedenkstätte, in: GedenkstättenRundbrief Nr. 129.

[1] Jean-Michel Chaumont: Die Konkurrenz der Opfer. Genozid, Identität und Anerkennung, Lüneburg 2001, S. 269.

[2] Imre Kertész: Galerentagebuch, Reinbek 1993, S. 58 (zitiert nach der Ausgabe von 1999). Diesen Gedanken notierte der Autor bereits 1975.