Im März 2015 eröffnete die Gedenkstätte Sachsenhausen im »Turm A«, dem ehemaligen Eingangsgebäude zum Häftlingslager, eine neue Dauerausstellung über die Konzentrationslager-SS. Die Ausstellung nimmt die Exzess- und Direkttäter in den Blick, die willkürlich und häufig, ohne einen Befehl dafür erhalten zu haben, Häftlinge folterten, töteten oder ermordeten. Es ist die zweite Ausstellung der Gedenkstätte, die sich hauptsächlich mit den SS-Tätern am Standort Oranienburg auseinandersetzt. Die Erste über die Inspektion der Konzentrationslager wurde im November 2013 im »T-Gebäude« eröffnet, das sich wenige Hundert Meter vom Gedenkstättengelände entfernt befindet. Die Dokumentation zeigt, wie die KZ-Inspektion durch ihr Verwaltungshandeln das Leben und Sterben der Häftlinge in den Konzentrationslagern des NS-Regimes bestimmte.
Die meisten Ausstellungen über Täter in den Konzentrationslagern sind erst in den vergangenen zehn Jahren konzipiert worden. Die Gedenkstätten sahen ihre Aufgabe lange Zeit darin, der Opfer der Konzentrationslager zu gedenken und deren Leidensgeschichte zu erzählen. Sie befürchteten, eine Präsentation der Täter in einer Ausstellung könne als Würdigung missverstanden werden oder Faszination hervorrufen.[1] Seit der deutschen Einheit hat sich das Selbstverständnis der Gedenkstätten gewandelt. Sie verstehen sich als »moderne zeithistorische Museen mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben«[2], die die gesamte Geschichte der Konzentrationslager einschließlich ihrer Nachgeschichte erzählen und erklären. Dies schließt die Auseinandersetzung mit den Tätern ein. Hinzu kommt: »[D]ie von großen Teilen der Gesellschaft immer wieder beschworene Wiederholungsgefahr, die in der Forderung des »Nie wieder!« zum Ausdruck kommt, geht bekanntlich vor allem von den Tätern und weniger von den Opfern aus.«[3] Um dieser Gefahr entgegenzutreten, müssen sich die Gedenkstätten und ihre Besucher mit den Tätern, ihren Motiven und mit dem Kontext befassen, in dem SS-Männer zu Tätern werden konnten.
In den Ausstellungen der meisten KZ-Gedenkstätten existieren inzwischen besondere Abschnitte, die das SS-Personal thematisieren. Ausschließlich mit den Tätern der Konzentrationslager beschäftigen sich die 2004 eröffnete Ausstellung über die Aufseherinnen des KZ Ravensbrück, die 2010 eröffnete Ausstellung über den Alltag und die Verbrechen der Ravensbrücker SS-Offiziere im ehemaligen »Führerhaus« und die 2005 eröffnete Ausstellung »Dienststelle KZ-Neuengamme: Die Lager-SS« in den ehemaligen Garagen der SS. Beide Ravensbrücker Ausstellungen informieren über die Herkunft der Täter und Täterinnen, über ihre Stellung in der Konzentrationslagerstruktur, über ihre Motive und Handlungsoptionen.[4] Die Ausstellung in Neuengamme thematisiert anhand von Biografien und Dokumenten die Organisation der SS sowie die Bewachung im Stammlager und in den Außenlagern von Neuengamme. Alle drei Ausstellungen folgen einem biografischen Ansatz. Auch die Gedenkstätte Sachsenhausen zeigt in ihren Täterausstellungen biografische Portraits. Den Ausstellungen liegt jedoch ein anderes Konzept zugrunde, das der Gedenkstättenleiter und Ausstellungskurator Günter Morsch entwickelt hat. Es fragt nach den Strukturen, die es den Tätern ermöglichten, Gewalt anzuwenden. Das Konzept unterscheidet zwischen normativer und außernormativer Gewalt und geht davon aus, dass die Situation der Häftlinge in den Konzentrationslagern von diesen beiden Gewaltformen bestimmt wurde. Dabei wurde normative Gewalt durch Hierarchien und Strukturen, durch Regeln und Normen wie die Lagerordnung, Geschäftsverteilungspläne oder Befehlsblätter und Formulare der IKL geprägt.[5] Außernormative Gewalt ist dagegen Gewalt, die willkürlich und nach eigenem Gutdünken der SS angewendet wurde. Morsch nimmt an, dass in den verschiedenen Phasen der Konzentrationslager das Ausmaß und der Schwerpunkt der beiden Gewaltformen wechselten. Von 1939 bis 1942 waren der außernormativen Gewalt kaum Grenzen gesetzt. Besonders brutale SS-Männer wurden als Blockführer eingesetzt, die die Häftlinge folterten und dafür nicht bestraft, sondern in ihrem Verhalten bestärkt wurden. Als die Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern ab 1942 an Bedeutung für die Kriegsproduktion gewann, drängten die KZ-Kommandanten die außernormative Gewalt zurück: Die Lagerordnung wurde strenger ausgelegt, und die brutalsten SS-Männer wurden entlassen oder versetzt. Willkürliche Gewaltakte, die bis 1942 zugelassen oder gar gefördert worden waren, wurden nun gelegentlich geahndet. Vorherrschend war jetzt die normative Gewalt. Außernormative und normative Gewalt existierten also nicht unabhängig voneinander, sondern bedingten sich gegenseitig und wechselten sich ab, je nachdem, welches Ziel die NS-Politik verfolgte. Wie Hans Mommsen feststellt, war es für die NS-Herrschaft charakteristisch, dass Täter kollektiv vorgingen und in Gruppenzusammenhängen handelten. Die individuellen Charaktere traten dahinter zurück.[6] Das Konzept von normativer und außernormativer Gewalt greift diese Erkenntnis auf: Neben den Biografien werden auch Strukturen untersucht, die es den SS-Männern erleichterten oder erschwerten, exzessiv gegen die Häftlinge vorzugehen.
Die Täter-Ausstellungen in der Gedenkstätte Sachsenhausen fokussieren jeweils eine der beiden Gewaltformen: Während die Ausstellung über die KZ-Inspektion im »T-Gebäude« die normative Gewalt thematisiert, die die sogenannten Schreibtischtäter ausübten, konzentriert sich die Ausstellung im »Turm A« auf die außernormative Gewalt der Exzesstäter. Die Ausstellung reflektiert die Verschränkung von biografischen und strukturellen Faktoren, indem sie exemplarische Exzesstaten, deren Kontext und Hergang, in den Mittelpunkt stellt. Dabei werden sowohl die Opfer als auch die SS-Männer, die die Verbrechen begingen, dargestellt.
Wie alle Ausstellungen der Gedenkstätte Sachsenhausen hat auch die Ausstellung zu den Exzess- und Direkttätern einen thematischen Bezug zu dem historischen Ort, an dem sie gezeigt wird. So gehörten die meisten Exzess- und Direkttäter der Schutzhaftlagerabteilung an, die von 1936 bis 1945 ihren Sitz im »Turm A« hatte. Die Ausstellung erstreckt sich über vier Räume im Obergeschoss des weitgehend original erhaltenen Gebäudes. Sie beginnt im ehemaligen Büro der Rapportführer und thematisiert Verbrechen, die in der sogenannten »Isolierung« begangen worden sind. Die »Isolierung« wurde 1938 eingerichtet und bestand zunächst aus vier, später aus sechs Baracken. Die SS wies vor allem missliebige Häftlinge wie Juden, Sinti und Roma und Homosexuelle zur Bestrafung dorthin ein.[7] Zwischen 1938 und 1942 arbeiteten hier besonders brutale SS-Männer wie Richard Bugdalle, den die Häftlinge »Brutalla« nannten, oder Gustav Sorge, der bei den Häftlingen »Eiserner Gustav« hieß. Die Besucher des »Turm A« können von den Fenstern des ersten Ausstellungsraums auf die Standorte der ehemaligen Baracken der »Isolierung« blicken. So wird der thematische Bezug zum historischen Ort auch innerhalb der Ausstellung umgesetzt.
Vier beispielhafte Exzesstaten aus der »Isolierung« werden im ersten Ausstellungsraum gezeigt, darunter die Tat von Martin Knittler, der sich nach Zeugenaussagen an der Ermordung der beiden tschechischen Häftlinge Pavel Prokop und Dr. Ivan Sekanina beteiligte. Wie alle in der Ausstellung thematisierten Verbrechen folgt die Darstellung dem folgenden Schema: 1. Vorstellung der Opfer oder der Opfergruppe, 2. Darstellung der Tat, 3. Porträtierung des Täters. Zunächst lernt der Besucher daher Sekanina und Prokop kennen: Fotos von Sekanina, der als Rechtsanwalt tätig war, und Prokop, einem Verleger, führen in die Biografie der Tschechen ein, die beide der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei angehörten. Nach dem Verbot der KPC 1938 arbeiteten Prokop und Sekanina illegal für ihre Partei weiter. 1939 wurden sie von der Gestapo verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert.
Im zweiten Teil wird das Verbrechen an den beiden Tschechen dargestellt, das aus Zeugenaussagen rekonstruiert werden konnte. Unter einer fadenscheinigen Begründung wurden Sekanina und Prokop im Frühjahr 1940 in die »Isolierung« eingeliefert. Dort folterten die Blockführer Knittler, Sorge und Bugdalle die beiden tschechischen Häftlinge auf so brutale Weise, dass sie verstarben. Eingesprochene Zeitzeugenberichte und Zeugenaussagen, die über einen Touchscreen abgerufen werden können, schildern die Ermordung von Prokop und Sekanina.
Im dritten Teil ist der Besucher mit einem der Täter, Martin Knittler, konfrontiert. Knittler wird auf einem ein Meter großen Ganzkörperfoto gezeigt, das aus der Akte des Rasse- und Siedlungshauptamtes stammt. Bewusst wurde hier ein Foto ausgewählt, von dem Faszination ausgeht, weil es Knittler als machtbewussten SS-Mann zeigt. Dem Besucher soll so das Selbstbild der Täter vermittelt werden. Denn auch aus dieser Selbstsicht speiste sich die Macht, die die SS-Männer über die Häftlinge hatten. Die Ausstellung weicht hier von der üblichen neutralen und reduzierten Präsentation von Exponaten der Täter ab, wie sie z.B. ganz bewusst in der Ausstellung über die SS in der Wewelsburg verfolgt wird.[8] Gebrochen wird die Faszination des Fotos durch die Konfrontation mit den Opfern und der Brutalität der Tat.
Klappt der Besucher das Täterfoto zurück, kann er einem Organigramm entnehmen, in welcher Position Knittler 1940 im KZ Sachsenhausen tätig und wo er in der Hierarchie des KZ-Systems verortet war. Das Organigramm verweist außerdem auf die Vorgesetzten und Kollegen Knittlers, die das verübte Verbrechen billigten oder Knittler bei seiner Tat unterstützten. Anschließend wird Knittler, der 1941 auch an der Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen teilnahm, biografisch porträtiert. Für seine Taten wurde Knittler nicht bestraft, weil er sich in der Untersuchungshaft dem Prozess durch Selbstmord entzog. Über den Touchscreen kann der Besucher weitere ausführlichere Informationen über Knittler und seine Mittäter, seine Vorgesetzten und Kollegen abrufen. Gezeigt werden Fotos, persönliche Dokumente wie selbst verfasste Lebensläufe und Zitate von ehemaligen Häftlingen über die SS-Männer.
Neben dem Verbrechen an den beiden Tschechen werden in diesem Ausstellungsraum die Ermordung eines Düsseldorfer Rechtsanwalts sowie eines jüdischen und eines homosexuellen Häftlings gezeigt, die stellvertretend für die jeweilige Opfergruppe porträtiert werden. In der Mitte des Raumes findet der Besucher eine Vitrine mit Schlagwaffen und SS-Stiefeln: Die Täter in der »Isolierung« schlugen ihre Opfer meist mit Peitschen, Schlagstöcken oder Knüppeln oder fügten ihnen mit ihren Stiefeln entsetzliche Verletzungen zu. Die Präsentation von Waffen ist in Gedenkstätten durchaus umstritten. Es wird befürchtet, die Waffen könnten gerade bei jugendlichen Besuchern Faszination für Gewalt hervorrufen. Die Gedenkstätte Sachsenhausen hat sich dennoch dafür entschieden, die Waffen zu zeigen, weil die damit verübten brutalen Taten der SS den Alltag der Häftlinge bestimmten.
Im nächsten Ausstellungsraum, in dem sich das Dienstzimmer des Zweiten Schutzhaftlagerführers befand, werden Exzess- und Direkttaten auf dem »Appellplatz« thematisiert. Durch die Fenster kann der Besucher direkt auf den ehemaligen »Appellplatz« schauen. Die SS nutzte diesen Ort zur Machtdemonstration, indem sie Häftlinge vor den Augen aller Inhaftierten bestrafte und folterte. Häufig erschoss sie Häftlinge willkürlich aus den Fenstern im unteren Stockwerk des »Turm A«. Auch deswegen werden in diesem Ausstellungsraum in einer Vitrine originale Schusswaffen präsentiert, die die Lager-SS benutzte. Dargestellt wird neben drei weiteren Verbrechenskomplexen die Geschichte von sieben Häftlingen, die im Jahr 1936 aus dem KZ Sachsenhausen flohen. Anna Seghers verarbeitete diese Flucht in ihrem Roman »Das siebte Kreuz«. Biografisch porträtiert wird Karl Göntges, dessen Name als einziger der sieben Häftlinge bekannt ist, von dem jedoch bisher kein Foto gefunden werden konnte. Er kam als »Vorbeugungshäftling« nach Sachsenhausen. Mit sechs weiteren Häftlingen flüchtete er durch einen Tunnel unter einer Baracke aus dem Lager. Auf Befehl des KZ-Kommandanten Karl Otto Koch stellte die SS sieben Pfähle auf dem »Appellplatz« auf und ließ das gesamte Lager zu einem stundenlangen Appell antreten. Über einen Touchscreen kann der Besucher den beeindruckenden Bericht des ehemaligen Häftlings Harry Naujoks über diese Situation anhören. Nach wenigen Tagen fing die SS die sechs namenlos gebliebenen Häftlinge wieder ein, brachte sie zurück nach Sachsenhausen und hängte sie an den Pfählen auf. Der siebte Pfahl blieb leer, weil es Karl Göntges gelungen war, nach Belgien zu fliehen. Als die Wehrmacht Belgien 1940 überfiel, konnte die SS Göntges jedoch fassen und lieferte ihn wieder in das KZ Sachsenhausen ein. Dort folterten SS-Blockführer Göntges so lange, bis er sich verzweifelt in den elektrisch geladenen Draht stürzte.
Dieser Fall zeigt exemplarisch, dass Exzesstaten nicht nur von den unteren SS-Männern begangen worden sind. So war es der Kommandant von Sachsenhausen, der den Befehl gab, die sechs wieder eingefangenen Häftlinge auf dem »Appellplatz« an Pfähle zu hängen. Biografisch porträtiert werden daher Karl Otto Koch und Willy Blume, der sich an der Bestrafung der Häftlinge beteiligt hatte. Koch wurde 1944 von der SS wegen Korruption und Mordes angeklagt und am 5. April 1945 hingerichtet. Willy Blume wurde nach dem Krieg zunächst verurteilt. Das Urteil wurde jedoch aufgehoben, weil das Gericht den Hauptbelastungszeugen, einen ehemaligen politischen Häftling, als unzuverlässig einstufte.
Wegen der lückenhaften Quellenlage stützen sich die in der Ausstellung dargestellten Verbrechen hauptsächlich auf Gerichtsprozesse, die in der Bundesrepublik und in der DDR gegen die Täter geführt worden sind. Dadurch könnte der Eindruck erweckt werden, als seien die SS-Männer mehrheitlich für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden. Das Gegenteil ist der Fall: Nur etwa fünf Prozent der SS-Männer mussten sich für ihren Dienst im KZ Sachsenhausen verantworten. Für die Ausstellung mussten jedoch Fälle ausgewählt werden, bei denen der Tathergang genau rekonstruiert werden konnte, und dafür stellen Gerichtsakten die wichtigste Quelle dar. In der Ausstellung wird auf die völlig unzulängliche juristische Ahndung der Verbrechen hingewiesen.
Im dritten Raum, in dem der Erste Schutzhaftlagerführer sein Büro hatte, kann sich der Besucher über die Geschichte des Ausstellungsortes informieren. Der »Turm A« wurde 1936 als einfaches einstöckiges Gebäude errichtet, dessen Fachwerk SS-Runen zierten. Das Fachwerk nahm dem Gebäude aber die gewünschte repräsentative und einschüchternde Wirkung, sodass es zunächst verputzt und 1938 aufgestockt wurde.[9] Von 1936 bis 1945 hatte die Schutzhaftlagerabteilung hier ihren Sitz. Neben Arbeitszimmern befanden sich Aufenthaltsräume und die Postzensurstelle im »Turm A«. Über die Nutzung des Gebäudes in der Zeit des sowjetischen Speziallagers von Herbst 1945 bis Frühjahr 1950 ist lediglich bekannt, dass die Zentrale Kommandantur im Torgebäude untergebracht war. Die Nationale Mahn- und Gedenkstätte der DDR nutzte den »Turm A« als Dienstgebäude für die Mitarbeiter. So befand sich das Arbeitszimmer des Gedenkstättendirektors im ehemaligen Büro des Ersten Schutzhaftlagerführers. Von 2004 bis zur Eröffnung der Ausstellung stand das Gebäude schließlich leer und ist nun erstmals für Besucher zugänglich.
Die wechselvolle Nutzung des Gebäudes dokumentieren zahlreiche Fotos, Zeichnungen von Überlebenden, Raumpläne und Entwürfe für die Gestaltung des ehemaligen Lagergeländes nach 1950. Außerdem wird in diesem Raum das Prinzip des Panopticons erläutert, das die Architektur des Konzentrationslagers Sachsenhausen bestimmte. Der Architekt des Lagers, Bernhard Kuiper, nutzte die natürliche Dreiecksform des Geländes und positionierte den »Turm A« in der Mitte der Basis des gleichseitigen Dreiecks. Die Baracken wurden in einem Halbkreis um das Eingangsgebäude herum errichtet. Dies ermöglichte es dem diensthabenden SS-Mann, vom Obergeschoss des »Turm A« aus mit einem Maschinengewehr das gesamte Häftlingslager zu überwachen. Wie verschiedene Häftlingszeichnungen zeigen, war den Häftlingen die Bedrohung durch das auf dem Turm positionierte Maschinengewehr deutlich bewusst. Die Bedeutung des »Turm A« für die Häftlinge spiegelt sich auch in dem gezeigten Holzmodell des Gebäudes wider: Niederländische und deutsche ehemalige Häftlinge fertigten es in den 1970er-Jahren an und schenkten es der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte. Detailgetreu bauten die Überlebenden sogar das Maschinengewehr im zweiten Stock nach.
Im vierten Raum ist das Learning Center der Ausstellung untergebracht. Der Besucher kann sich hier mit den Biografien von mehr als 70 SS-Tätern vertiefend beschäftigen. Im sogenannten virtuellen Regal werden drei kurze Filme präsentiert, die aus den vorliegenden Quellen erstellt wurden und weitere Exzesstaten zeigen. Das virtuelle Regal informiert außerdem anhand von drei beispielhaften Fällen darüber, wie die KZ-Inspektion das Leben der Häftlinge in den von ihr verwalteten Konzentrationslagern über Formulare und Anordnungen bestimmte. Die ehemaligen Konzentrationslager, darauf weist Ines Bachmann hin, sind »immer auch Orte der Täter und Täterinnen – auf sie nicht einzugehen, würde bedeuten, die Geschichte der Konzentrationslager nicht vollständig zu erzählen.«[10] Sachsenhausen zeigt diese Täter nicht nur im Rahmen ihrer Biografien, sondern vermittelt auch die Kontextabhängigkeit ihrer Taten. Die Ausstellung über die KZ-Inspektion und die Exzesstäter zeigen außerdem, wie die Anwendung von normativer und außernormativer Gewalt das Schicksal der Häftlinge bestimmte.
In Kürze erscheint der Ausstellungskatalog mit einer Einleitung von Günter Morsch und einem Essay des brandenburgischen Generalstaatsanwaltes Erardo C. Rautenberg über Fritz Bauer und die strafrechtliche Auseinandersetzung mit dem NS-Unrecht in der Bundesrepublik. Der Katalog enthält außerdem alle Ausstellungstexte und Abbildungen von zahlreichen Fotos, Zeichnungen, Dokumenten und Objekten der Ausstellung.
Dr. Katharina Steinberg war während ihres wissenschaftlichen Volontariats in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen als Projektkoordinatorin für die Ausstellung im »Turm A« tätig.
[1] Solche Befürchtungen begleiteten z.B. die Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück; Alyn Beßmann, Insa Eschebach: Konzeptionelle Überlegungen zu einer Ausstellung im ehemaligen Führerhaus der Gedenkstätte Ravensbrück, in: GedenkstättenRundbrief 145 (2008), S. 40.
[2] Günter Morsch: Vorwort, in: Astrid Ley, Günter Morsch (Hrsg.): Das Konzentrationslager Sachsenhausen 1936–1945. Ereignisse und Entwicklungen, Berlin 2010, S. 9.
[3] Vgl. Günter Morsch: »Die Konzentrationslager-SS 1936–45. Exzess- und Direkttäter«. Eine Dauerausstellung im »Turm A«. Einleitung (in Vorbereitung).
[4] Vgl. Alyn Beßmann, Insa Eschebach: Konzeptionelle Überlegungen zu einer Ausstellung im ehemaligen Führerhaus der Gedenkstätte Ravensbrück, in: GedenkstättenRundbrief 145 (2008), S. 44 f.; Das »Führerhaus«: Alltag und Verbrechen der Ravensbrücker SS-Offiziere, unter: www.ravensbrueck.de/mgr/index.html. Abruf am 3. 9. 2015.
[5] Vgl. Günter Morsch: »Die Konzentrationslager-SS 1936–45. Exzess- und Direkttäter«. Eine Dauerausstellung im »Turm A«. Einleitung (in Vorbereitung).
[6] Hans Mommsen: Forschungskontroversen zum Nationalsozialismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 14–15 (2007), S. 17.
[7] Astrid Ley, Günter Morsch (Hrsg.): Das Konzentrationslager Sachsenhausen 1936–1945. Ereignisse und Entwicklungen, Berlin 2010, S. 38.
[8] Moritz Pfeiffer: »Ideologie und Terror der SS«. Zur neuen Dauerausstellung in der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945«, in: GedenkstättenRundbrief 157 (2010), S. 22.
[9] Günter Morsch: Sachsenhausen. Das »Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt«. Gründung und Ausbau, Berlin 2014, S. 33 f.
[10] Ines Brachmann: Die Vermittlung des Themas Täterschaft an KZ-Gedenkstätten – Potentiale und Herausforderungen, in: GedenkstättenRundbrief 175 (2014), S. 33.