In der Tschechischen Republik hat die Forschung zur Judenverfolgung in letzter Zeit stark zugenommen.1 Vor allem Ende des letzten Jahrhunderts erfuhr das Thema ein starkes Interesse bei den Nachwuchswissenschaftlern. Ein großer Teil der Forschung findet in nichtstaatlichen Institutionen statt, die überwiegende Mehrheit ist nicht universitär gebunden. Die Zeitgeschichte an den Hochschulen widmet sich dagegen vor allem anderen Themen der jüngsten Vergangenheit.
Historischer Hintergrund und seine Erforschung
In den böhmischen Ländern lebten 1930 etwa 140 000 Juden. Nach der Emigration aus der Tschechoslowakei lebten 1941 dort noch ungefähr 90 000 Menschen, die entweder jüdischer Religion waren oder von den Nationalsozialisten als Juden stigmatisiert wurden. Am 15. März 1939 wurde das Land von der Wehrmacht okkupiert und bestand fortan als »Protektorat Böhmen und Mähren« des Deutschen Reiches. Die Slowakei trennte sich kurz zuvor ab und bildete einen unabhängigen faschistischen Staat. Diejenigen tschechischen Juden, denen es bis Herbst 1941 nicht gelungen war zu emigrieren, wurden ab Oktober 1941 deportiert: 6 000 Menschen aus Prag und Brno deportierten die Nationalsozialisten nach Lodz und Minsk. Ab November 1941 gingen die Deportationen zuerst in das nordwestlich von Prag liegende Städtchen Terezín, deutsch: Theresienstadt. Die Deportationen von etwa 78 000 tschechischen Juden erfolgten schnell – bis September 1942 waren die meisten nach Theresienstadt deportiert. Etwa zweitausend Menschen gingen in die Illegalität, oft auch aus politischen Gründen. Weitere etwa 2000 haben als von den Nazis als »arisch versippt« bezeichnete oder »strittige Fälle« überlebt.
Im Sommer 1942 begannen weitere Deportationen von ausländischen Juden, vor allem aus Deutschland, nach Theresienstadt. Für sie war Theresienstadt zunächst kein Transitghetto, sondern es wurde als »Altersghetto« eingerichtet. Insgesamt wurden über 140 000 Menschen nach Theresienstadt deportiert, über 33 000 starben hier an Krankheiten, Hunger und Entkräftung. Die Ghettobewohner wurden später von hier weiter deportiert: zuerst nach Riga, Minsk und in den Distrikt Lublin; seit Oktober 1942 nach Auschwitz-Birkenau.
Von den tschechischen Juden überlebten nur etwa 3000 die Deportationen aus Theresienstadt. In Theresienstadt selbst wurden 1945 ungefähr 10 000 Juden befreit. Nach der Befreiung kehrten etwa 20 000 Menschen aus der Emigration in die Tschechoslowakei zurück. Tschechien war nach 1945 vorwiegend Durchgangsland für jüdische DPs nach Palästina, viele der überlebenden Zionisten engagierten sich in der illegalen Bricha. Noch vor dem kommunistischen Umsturz im Februar 1948 beschlossen viele der Überlebende, das Land zu verlassen. Sie konnten sich ihre Zukunft in einem Land, wo sie keine Verwandten mehr hatten, nicht mehr vorstellen. Manche, nicht nur Zionisten, emigrierten nach Palästina. Nach dem Umsturz erfolgte eine weitere Emigrationswelle. Insgesamt emigrierten etwa 12 000 tschechoslowakische Juden. Rückblickend lässt sich feststellen, dass diejenigen, die in der Tschechoslowakei blieben, entweder Menschen waren, für die ihre tschechische Identität ausschlaggebend war, und/oder Kommunisten sowie sehr junge Überlebende und zuletzt diejenigen, deren Bleiben eher zufällig war.
Unmittelbar nach dem Krieg entstand eine Reihe von Überlebendenberichten in Buchform. Einige Überlebende verfassten auch wissenschaftliche Monographien. Im Zuge der Slansky-Prozesse 1951–53 wurde das jüdische Leben in der Tschechoslowakei stark beeinträchtigt. Jüdisches Leben fand nur noch im Umfeld um das Jüdische Museum in Prag statt, das bereits 1906 gegründet worden war. Zu Beginn der fünfziger Jahre begann man in der Prager Pinkassynagoge ein Denkmal für die ermordeten tschechischen Juden zu errichten. Das erst 1996 fertiggestellte Denkmal umfasst die Namen von 80 000 Juden, die an den Wänden der Synagoge aufgemalt sind.
Die Gedenkstätte Theresienstadt, die sowohl die Geschichte des Ghettos (Große Festung) als auch des Gestapo-Gefängnisses in der Kleinen Festung dokumentiert, wurde bereits 1947 errichtet. Ein Teil der Forschungen ihrer Gedenkstättenhistoriker wird in den seit 1970 erscheinenden Terezínské listy, einer Jahresschrift zur Geschichte des Ghettos und der Kleinen Festung, publiziert. Das Hauptaugenmerk galt jedoch den politischen Häftlingen in der Kleinen Festung.
Vor dem Krieg schon Garnisonsstadt, wurde auf dem Gelände Terezín nach Kriegsende wieder Militär untergebracht. Die ehemals im Ghetto genutzten Kasernen waren somit für den Museumsbetrieb nicht zugänglich. Das Museum zeigte seit dem Anfang der siebziger Jahre eine Ausstellung über die Geschichte der tschechoslowakischen Polizei.
1965 begann das Jüdische Museum damit, seine Zeitschrift Judaica Bohemiae zu veröffentlichen, deren Beiträge in verschiedenen Weltsprachen, nicht aber in Tschechisch publiziert wurden. Die begrenzte Auflage betrug 300 Stück. Einige freie Mitarbeiter des Jüdischen Museum, Anna Hyndráková, Anna Lorencová und Anita Franková (die als einzige im Museum angestellt war) haben hier fast jährlich über Theresienstadt publiziert. Gleichzeitig haben der pensionierte Miroslav Kárny´ und seine Frau Margita Kárná mit dem Jüdischen Museum einen Vertrag zur Erforschung der Judenverfolgung im »Protektorat« geschlossen. Die Forschung blieb bis 1989 fast gänzlich bei der kleinen Gruppe im Jüdischen Museum. Kárny´ durchforstete auch andere Archive, und so kam die Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Zentralarchiv und namentlich dessen Mitarbeiterin Jaroslava Milotová zustande. Kárná und Milotová haben in der zweiten Hälfte der achtiziger Jahre eine Reihe an Dokumenteneditionen zur Okkupationspolitik der Reichsprotektoren veröffentlicht, die bis heute von vielen Forschern herangezogen werden. Es waren neben den Editionen fast ausschließlich Aufsätze und Studien, die entstanden (und die z.T. als Sammelbände erscheinen konnten), aber keine Monographien. Die Studien konnten zumeist nur in lokalen Zeitschriften erscheinen. Es war sehr schwierig, gelegentlich Artikel von Kárny´ in renommierten historischen Periodika wie Cˇeskoslovensky´ cˇasopis historicky´ zu plazieren.
Überlebendenverbände
Viele ehemalige Häftlinge waren vor der Wende Mitglieder des Tschechoslowakischen Verbandes der antifaschistischen Kämpfer (CˇSPB) und viele engagierten sich in dessen Bezirksauschüssen. Das Zentralkomitee des CˇSPB war eng mit dem ZK der KP verbunden, das seine Legitimation auch vom antifaschistischen Widerstand ableitete. Organisatorisch gesehen hatte der CˇSPB neben den Bezirksauschüssen einzelne »Historische Gruppen« wie die Sachsenhausener oder Ravensbrücker Gruppen, jedoch keine Historische Gruppe Theresienstadt. Mitglieder im CˇSPB sind heute ehemalige Widerstandskämpfer und Teilnehmer der Alliiertenarmeen und eben auch ehemalige politische und jüdische Häftlinge und deren Hinterbliebene.2
Kurz nach 1989 entstand die Vereinigung der befreiten politischen Häftlinge und ihrer Hinterbliebenen (SOPVP), eine unpolitische Vereinigung der ehemaligen Häftlinge mit ebenfalls einzelnen »Historischen Gruppen«.3 Die SOPVP setzte sich für die Durchsetzung der Entschädigungsansprüche seitens Deutschlands und der deutschen Industrie ein. Parallel zur Entstehung der SOPVP gründeten ehemalige Theresienstädter Häftlinge im Umkreis von Miroslav Kárny´ und Hanusˇ Schimmerling eine Vereinigung der ehemaligen tschechischen jüdischen Opfer und deren Hinterbliebenen, die Theresienstädter Initiative (TI). Bis 2004 war die TI gleichzeitig die Historische Gruppe Theresienstadt des SOPVP.4 2003 kam es zu einer Umstrukturierung innerhalb des SOPVP. Ein Teil der Mitglieder wechselte zum CˇSPB und organisierte sich dort in einer eigenen Abteilung. In die damit verbundene Kontroverse waren zahlreiche Überlebende und die jüdische Gemeinde involviert.
Die Theresienstädter Initiative versteht sich einerseits als Vereinigung der ehemaligen Häftlinge, andererseits als eine Forschungsinstitution. 1991 organisierte sie in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Theresienstadt eine internationale (bilanzierende) Konferenz zur Geschichte Theresienstadts. Nach 1992 begann man, eine Datenbank der Theresienstädter Häftlinge anzulegen, auf deren Basis seit 1995 die Theresienstädter Gedenkbücher erscheinen. Diese Aktivitäten entwickelten sich unter der Ägide des unermüdlichen Ehepaares Kárny´, das 1994 auch das Jahrbuch Theresienstädter Studien und Dokumente gründete.
Im folgenden werde ich die Aktivitäten der wichtigsten tschechischen Forschungseinrichtungen skizzieren: das Institut Theresienstädter Initiative, die Gedenkstätte Theresienstadt, das Jüdische Museum Prag, die Arbeitsstelle für jüdische Studien des Institutes für Zeitgeschichte und das Museum für Romakultur in Brno. Im Anschluss daran werde ich auf die allgemeine Forschungssituation und ihre Zuständigkeiten eingehen.
Institutionen im Blickpunkt
Institut Theresienstädter Initiative
Das Institut Theresienstädter Initiative (ITI) entstand, als die Mitarbeiter der Theresienstädter Initiative feststellten, dass ihr Status es ihnen nicht erlaubt, ein Jahrbuch zu publizieren6. Somit kam es auch zu einer sukzessiven Abtrennung des Institutes von der Theresienstädter Initiative. Die Leiterin wurde Jaroslava Milotová. Das ITI ist eine regierungsunabhängige gemeinnützige Gesellschaft. Es hat vier feste Angestellte, etwa zehn freie Mitarbeiter und jährlich zwei Freiwillige des österreichischen Vereins Gedenkdienst. Das ITI publiziert fünf eigene Bücherreihen: Das Jahrbuch, Theresienstädter Studien und Dokumente, erscheint in deutscher (seit 1994) und tschechischer (seit 1996) Sprache. Es hat rege Aufnahme im Ausland gefunden; etwa die Hälfte der Beiträge stammen von ausländischen Forschern. Daneben erscheinen die Theresienstädter Gedenkbücher, in denen der Verlauf der Deportationen aus Theresienstadt und der eventuelle Befreiungsort und das Befreiungsdatum der Häftlinge angegeben werden. Ferner eine Edition der wichtigsten Theresienstädter Quellen Acta Theresiania und die Reihe Bibliothek des Instituts Theresienstädter Initiative. Außerdem leitet das ITI eine Reihe eigener Projekte, wovon einige auf mehrere Jahre und mehrere Mitarbeiter angelegt sind, wie die Datenbank der Theresienstädter Häftlinge. Hierin wurden zuletzt die Erfassungen über die jüdische Bevölkerung durch die Nationalsozialisten von 1941 ausgewertet. Im Moment findet die Auswertung der »Todesfallanzeigen« aus Theresienstadt statt. Des weiteren ist das Projekt »Menschen auf der Flucht« über die Emigration in die und aus der Tschechoslowakei von 1933 bis 1943 anzuführen. Darüber hinaus betreut das ITI kleinere Projekte z.B. über die Juden aus den Niederlanden in Theresienstadt. Das ITI hat eine eigene Ausleihbibliothek mit über 6000 Titeln, die systematisch Neuerscheinungen zu der Ära des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung erwirbt, und somit den aktuellsten Bestand in der Tschechischen Republik besitzt. Seit 2001 betreut es in Zusammenarbeit mit dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam das pädagogische Projekt www.holocaust.cz und bietet Schulungen zum antirassistischen Unterricht für Lehrer an. Das Institut finanziert sich über verschiedene Projektanträge, da es kein festes Budget erhält.
Gedenkstätte Theresienstadt7
Die Gedenkstätte hatte nach der Wende keinen einfachen Start. Zum einen war es notwendig, eine komplett neue Ausstellung zu konzipieren, zum zweiten wurden viele der alten Mitarbeiter entlassen. Das Militär ist inzwischen aus der Festungsstadt weggezogen, und der Sitz der ehemaligen jüdischen Selbstverwaltung, die Magdeburger Kaserne, ist nun als Teil der Gedenkstätte zugänglich. In dem Städtchen leben etwa 3 000 Einwohner. Der Gedenkstätte gehören einige Bauten und das gesamte Areal der Kleinen Festung, wo auch das Archiv untergebracht ist. Die Gedenkstätte untersteht dem Kultusministerium und erhält feste jährliche Zuwendungen. Nach der provisorischen ersten Ausstellung, die 1994 eröffnet wurde, konzipierten die Mitarbeiter eine feste Dauerausstellung, die im Oktober 2001 eröffnet wurde. Diese Ausstellung wurde, wie auch die ganze Gedenkstätte, vom Hochwasser im August 2002 überschwemmt.
Die Gedenkstätte arbeitet mit der International Task Force for Holocaust Education, Remembrance and Research zusammen. Sie bietet Seminare für Lehrer zu »Holocaust Education« in Zusammenarbeit mit dem ITI und dem Bildungszentrum des Jüdischen Museums an. Außerdem besitzt das Begegnungszentrum eine Unterkunftsmöglichkeit für Seminare, die Gedenkstätte veranstaltet Bildungsseminare für Schulklassen aus dem In- und Ausland und ist meist für ein Jahr im voraus ausgebucht.
Daneben wird die wissenschaftliche Forschung in der Gedenkstätte weiter betrieben. Die Terezínské Listy erscheinen auf Tschechisch mit Resümees in Englisch, Deutsch und Französisch. Ein kleinerer Teil der Mitarbeiter befasst sich mit eigenen Forschungsarbeiten, so arbeitet Tomásˇ Fedorovicˇ an einem Projekt über die SS-Kommandanten von Theresienstadt. Außerdem wirkt die Gedenkstätte an der Datenbank der Theresienstädter Häftlinge mit: sie betreut den Teil, der sich mit den »Evakuierungstransporten« der im Frühjahr 1945 eingetroffenen Menschen sowie einem Teil der Erfassungen der jüdischen Bevölkerung von 1941 befasst. Ebenso werden die Häftlinge der Kleinen Festung in einem gesonderten Teil der Datenbank erfasst.8
Das Jüdische Museum9
Das Jüdische Museum Prag ist das drittälteste jüdische Museum der Welt. Gleichzeitig ist es mit 500-700 000 Besuchern im Jahr das meistbesuchte Museum in Tschechien. Das Kultusministerium stellt zwar einen Teil des Verwaltungsrates, aber das Museum an sich wird von der Föderation der Tschechischen Jüdischen Gemeinden getragen. Diese verwalten auch die Synagogen, in denen das Museum teilweise untergebracht ist. Durch die Eintrittsgelder ist das Museum finanziell unabhängig und kann die 100 Angestellten beschäftigen. Zum Museum gehören umfangreiche Sammlungen verschiedener Judaika, z.T. aus dem alten Museum, z. T. aus den von den Nationalsozialisten angehäuften Sammlungen. Außerdem besitzt das Museum eine Dokumentensammlung mit Bezug zu Theresienstadt und andere Dokumente zur Judenverfolgung. Ein beträchtlicher Teil der Mitarbeiter spezialisiert sich auf die Sammlungsgegenstände sowie auf die Judaika und Hebraika in den Sammlungen. Mit der Geschichte des Holocaust beschäftigen sich zwei Abteilungen des Jüdischen Museum: zum einen die »Abteilung Verfolgung«, zum anderen das Kultur- und Bildungszentrum des Jüdischen Museums.
Die »Abteilung Verfolgung« ist aus der kleinen Gruppe um Franková mit den freiberuflichen Mitarbeitern Kárny´, Hyndráková und anderen Forschern hervorgegangen. Anna Hyndráková hat in Zusammenarbeit mit Anna Lorencová ein Oral-History-Projekt zur Befragung von Holocaustüberlebenden durchgeführt, die während des Interviewprojektes noch auf tschechischem Gebiet lebten. Sie haben in etwa fünf Jahren über 1 200 Überlebende gefunden und interviewt. Diese Sammlung wird inzwischen von der »Abteilung Verfolgung« weitergeführt. Sie wurde durch weitere Interviews mit nichtjüdischen Rettern sowie Emigranten ergänzt. Trotz mancher methodischer und technischer Schwierigkeiten handelt es sich um eine weitgehend vollständige Erhebung.10 Die Mitarbeiterinnen der Abteilung beraten Archivbesucher und bereiten thematische Ausstellungen über den Holocaust an den tschechischen Juden vor.
Das Kultur- und Bildungszentrum11 hat sich mehr auf Bildungsseminare für Schüler und Lehrer als auf die Forschung spezialisiert. Es wird von dem ehemaligen Botschafter in Israel Dr. Milosˇ Pojar geleitet. Von hier aus wird in Zusammenarbeit mit dem ITI die Ausstellung »Anne Frank – Eine Geschichte für Heute« des Anne-Frank-Hauses organisiert. Außerdem entwickelte das Zentrum das Schülerprogramm »Die Verschwundenen Nachbarn«. Die Schüler haben die Aufgabe, ihre Großeltern oder ältere Nachbarn nach ihren ehemaligen jüdischen Freunden und Mitschülern zu befragen. Das Programm läuft seit fünf Jahren sehr erfolgreich. Das Zentrum bietet auch regelmäßig wissenschaftliche und populäre Vorträge, die z. T. in Form von Sammelbänden auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich sind, sowie Filmvorführungen, Lesungen und Konzerte an.
Einzelne Mitarbeiter des Jüdischen Museums beschäftigen sich mit der Geschichte der Judenverfolgung. So wird im Museum zum Jubiläumsjahr 2006 eine umfassende Publikation und Ausstellung vorbereitet. Man erwartet neue Ergebnisse von Magda Veselskás Forschung zur Stellung des Jüdischen Museums in den Kriegsjahren, das nach dem Willen der NS-Okkupanten das Museum der »ausgerotteten Rasse« werden sollte. Veselská wird sich als erste auch mit der Geschichte des Museums in den Nachkriegsjahren beschäftigen. Das Jüdische Museum publiziert außerdem sein Jahrbuch Judaica Bohemiae, in dem auch Themen der Zeitgeschichte behandelt werden.
Abteilung für Jüdische Studien12
Die Abteilung für Jüdische Studien wurde Mitte der neunziger Jahre am Institut für Zeitgeschichte der Tschechischen Akademie der Wissenschaften gegründet. 2001 wurde sie mit der Übernahme der Aufgaben und Ergebnisse der »Gemischten Arbeitskommission« (siehe unten) auch zum »Dokumentationszentrum für Transfers der kulturellen Güter während des Zweiten Weltkrieges« erweitert, und erhält ihre Finanzierung seither durch den Staat. Das Zentrum besitzt besondere Forschungsmöglichkeiten im Staatlichen Zentralarchiv. Hier werden sechzehn Mitarbeiter beschäftigt. Bis jetzt wurden zwei Sammelbände mit den Forschungsergebnissen aus internationalen Konferenzen publiziert. Das Zentrum steht in der Kritik, da nur eine geringe Kooperation mit anderen Institutionen gepflegt wird. Anfragen der Öffentlichkeit werden leider nur selten beantwortet.
Museum für Roma Kultur in Brno13
Das seit fünf Jahren existierende Museum für Roma Kultur setzt sich als einzige Institution in Tschechien wissenschaftlich mit der Verfolgung der Sinti und Roma auseinander. Das Museum hat einige akademische Publikationen zu den Erfahrungen der Roma während der Verfolgung inhaltlich begleitet. Ein Mitarbeiter des Museum, Petr Lhotka, betreute den entsprechenden Teil der tschechischen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau (in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Theresienstadt). Des weiteren sammelt das Museum Erinnerungen der Überlebenden und organisiert die Gedenkfeiern. Das Museum bietet, ebenfalls in Zusammenarbeit mit Task Force und Anne-Frank-Haus, Bildungsseminare für Kinder und Jugendliche an.
Zur Spezifik der tschechischen Forschung
Einen großen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung, vor allem auf politischer Ebene, hatte die Errichtung der Gemischten Arbeitskommission im Jahr 1998, geleitet durch den Vizepremier der damaligen Regierung Pavel Rychetsky´, die sich der Erforschung von Besitzenteignungen von Holocaustopfern widmete. Außerdem bildete sie drei weitere Expertenkommissionen mit einer historischen und juristischen Abteilung sowie einer Vermögenssektion. Die historische Expertenkommission, geleitet durch Jaroslava Milotová, legte ihre Ergebnisse 2001 in Buchform vor14. Einige Mitglieder der Kommissionen veröffentlichten ihre Ergebnisse in Form von Aufsätzen auch in anderen Publikationen. Die juristische Kommission bereitete die Gesetzgebung für die jüdischen Restitutionen vor. Die Vermögenskommission erstellte eine Datenbank über die Opfer und das entwendete Eigentum. Neben den Kommissionen bestanden noch Expertenteams, die sich mit der Entwendung von Kunstgegenständen, Immobilien der jüdischen Institutionen etc. beschäftigten.
Nach dem Abschluss ihrer Tätigkeit beschloss die Gemischte Arbeitskommission ihre Arbeit in anderer Form fortzusetzen. Die Leiterin der Arbeitsstelle für Jüdische Studien, Helena Krejcˇová, wurde mit dieser Arbeit betraut. Die Ergebnisse der Expertenkommissionen und -teams wurden dem »Dokumentationszentrum für Transfers der kulturellen Güter während des Zweiten Weltkrieges« übergeben. Das Dokumentationszentrum hat bisher keine weiteren Arbeitsergebnisse publiziert.
Der Staat errichtete aufgrund des Berichts der Expertenkommissionen des weiteren den Nationalen Fond für Holocaustopfer (NFOH)15. Der Fond verfügt über finanzielle Mittel in Höhe von etwa 10 Millionen Euro. Neben einer Entschädigung der Opfer für das Vermögensunrecht der »Arisierung«16 werden auch verschiedene soziale, kulturelle, pädagogische und akademische Projekte zum jüdischen Leben gefördert.
Eine vergleichsweise kleine Rolle nimmt das Interesse für die Geschichte des Holocaust in den Hochschulen ein. Während in Europa eigene Lehrstühle für Holocauststudien eher eine Ausnahme darstellen, die Judenverfolgung aber einen zentralen Aspekt innerhalb der Zeitgeschichtsforschung einnimmt, widmet sich in Tschechien kein Lehrstuhlinhaber ausschließlich diesem Thema, es sei denn in beratender Funktion. Empirische Studien von Professoren zu dieser Thematik werden nicht durchgeführt. Mehrere Historiker beschäftigen sich dagegen mit dem Schicksal der Tschechen unter dem Protektorat und der Widerstandsbewegung. Die festangestellten Mitarbeiter an den Universitäten bieten kaum oder keine Seminare zur Judenverfolgung an, die wenigen Angebote erfolgen durch freie Mitarbeiter, die zumeist in den oben genannten Institutionen arbeiten. So bot Jaroslava Milotová 2000 einen Kurs zur Okkupationspolitik im Protektorat an. Ihre Mitarbeiter aus der Expertenkommission, auch Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, veranstalten an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität Prag ein Seminar über die »Arisierung« . Milosˇ Pojar hält an der Fakultät für Sozialwissenschaften regelmäßig Vorlesungen über die tschechischen Juden im 19. und 20. Jahrhundert. Der ehemalige Mitarbeiter der Gedenkstätte Theresienstadt und Dozent der Universität Ústí nad Labem, Dr. Miroslav Kryl, betreut viele Diplomarbeiten über Theresienstadt. An der englischsprachigen privaten New York University, Dependance Prag – einer Außenstelle für ihre Studierenden, die ein Jahr im Ausland verbringen möchten – werden Kurse über die tschechisch-jüdische Geschichte und den Holocaust angeboten. Diese werden rege besucht, allerdings nur von amerikanischen Studierenden. Die Kurse werden meist von den bereits genannten Forschern angeboten.
Trotz dieser wenig günstigen Bedingungen widmen sich durchaus einige Studierende und Doktoranden dieser Thematik. Die Betreuung der Arbeiten findet faktisch aber zumeist durch die oben genannten Wissenschaftler statt. So werden die Mitarbeiter der ersten drei genannten Institutionen oft hinsichtlich Quellen, spezifischer Quellenkritik, Sekundärliteratur und Methodik zu Rate gezogen. Jaroslava Milotová tritt häufig als Zweitbetreuerin von Magisterarbeiten auf. Das Forschungsinteresse des Mainstream in Tschechien liegt dezidiert nicht bei dem Holocaust (»der jüdischen Problematik«, wie es gerne umschrieben wird). Man beschäftigt sich nicht mit Minderheiten, und wenn doch, dann gilt es, die deutsch-tschechischen Beziehungen und vor allem die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg zu erforschen. Diesen Themen gilt das Augenmerk der Zeitgeschichte, des weiteren der Periode 1948–1989 und den Dissidenten, z. B. der Charta 77.
Von daher verwundert es nicht, dass die Forschergemeinde, die sich mit dem Holocaust beschäftigt, in dem kleinen Land vernetzt ist. Viele der Forscher trifft man in anderen Funktionen wieder. Die Forschergemeinde ist in drei Generationen gegliedert: Die erste Generation der Überlebenden, die selbst zu Forschern geworden sind (und die zum Teil in der Zwischenzeit gestorben sind, wie Miroslav Karny´ 2001), die mittlere Generation der Jahrgänge 1945 bis 1955, die zum Teil familiäre Bezüge haben und die dritte und jüngste Generation der Jahrgänge 1973 bis 1981, die teilweise bemerkenswerte junge Nachwuchswissenschaftler aufzuweisen hat. Viele nehmen ihre Forschungen bereits während des Studiums auf. Sie alle haben erst nach der Wende studiert und sind in der Regel auch sprachlich sehr gut ausgebildet.
Wenn also Forscher aus dem Ausland eintreffen und Auskunft suchen, haben sie es zumeist mit einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern zu tun. Es werden mehrheitlich kleinere Studien in Form von Artikeln veröffentlicht; Monographien erscheinen dagegen selten. Die wissenschaftliche Diskussionskultur ist in Tschechien weitaus weniger ausgeprägt als in vielen anderen Ländern. Es gibt keine übergreifenden Kolloquien, in denen die entstehenden Arbeiten vorgestellt werden. Nach den Vorträgen wird in der Regel nur wenig diskutiert. Wenig Aufmerksamkeit gilt auch der Methodenreflexion und der ausländischen Fachliteratur.
Besagte Kinderkrankheiten, die für ein kleines Land wie Tschechien typisch sein mögen, sollten aber nicht von den Errungenschaften ablenken, die die tschechische Forschung zum Thema Holocaust zu bieten hat: Die Gedenkstätte Theresienstadt war das erste Museum, das an die Judenverfolgung in ganz Mitteleuropa erinnerte. In den letzten sechzehn Jahren ist die Forschung auf dem besprochenen Gebiet weit vorangeschritten. Es gibt mehrere etablierte Periodika, eine Edition der Gedenkbücher und eine umfangreiche Datenbank zu den Holocaustopfern.
1 Meines Wissens existieren keine Übersichten über die tschechische Historiographie des Nationalsozialismus, mit der Ausnahme von Martin Schulze Wessel, Zeitgeschichtsschreibung in Tschechien. Institutionen, Methoden, Debatten, in: Alexander Nützenadel und Wolfgang Schieder (Hgg.), Zeitgeschichte als Problem. Nationale Traditionen und Perspektiven der Forschung in Europa, Göttingen 2004 ( = Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft, Nr. 20), S. 307–328 (dort kurzer Passus über Holocaust-Themen auf S. 315).
2 www.zasvobodu.cz.CˇSPB gibt eine Zeitschrift »Národní osvobození« heraus, die seit kürzerem wegen antisemitischen Tendenzen kritisiert wird.
3 www.sopvp.cz. Zeitschrift »Apel«.
4 www.terezinstudies.cz/deu/TI/TI. Zweimonatlich erscheint »Newsletter Terezínské Iniciativy.«
5 Miroslav Kárny´, Vojteˇch Blodig und Margita Kárná (Hgg.): Theresienstadt in der »Endlösung der Judenfrage«, Praha 1992.
6 www.terezinstudies.cz.
7 www.pamatnik-terezin.cz.
8 Dies ist insofern von Belang, als die tschechischen nicht-jüdischen Gefangenen in Tschechien nirgendwo sonst systematisch erfasst wurden.
9 www.jewishmuseum.cz.
10 Neben dieser Sammlung wurden in Tschechien auch die Interviewsammlungen der Survivors of the Shoah Visual History Foundation und des Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies durchgeführt; obwohl Dependancen vor Ort geplant sind, sind sie z. Zt. nicht in Tschechien zugänglich.
11 www.jewishmuseum.cz/en/avkc.htm
12 www.centrum.usd.cas.cz
13 www.rommuz.cz
14 Versteckt unter dem etwas kryptischen Titel Jewish Gold and other Precious Metals, Precious Stones, and Objects made of such Materials – Situation in the Czech Lands in the Years 1939 to 1945. Unlawful Infringement of Property Rights and its Scope (Bibliothek des Institutes Theresienstädter Initiative, Bd. 4), Praha 2001.
15 www.fondholocaust.cz.
16 Der NFOH hatte eigene Entschädigungsrichtlinien. In der Tschechoslowakei gab es einige Entschädigungsperioden, die ersten beginnend unmittelbar nach dem Krieg mit dem § 255.