Am 22. April 2012 konnte im Düsseldorfer Stadtteil Derendorf durch Oberbürgermeister Dirk Elbers ein zentraler »Ort des Gedenkens« eingeweiht werden, der an die Deportationen rheinischer Juden zwischen 1941 und 1945 erinnert. Das insgesamt rund 35 Hektar große Areal eines ehemaligen Güterbahnhofs, auf dem das Mahnmal entstanden ist, war Ende der 1990er-Jahre als Standort der Bahn AG aufgegeben und seither unter dem Projekttitel »Neue Stadtquartiere Derendorf« neu entwickelt und erschlossen worden. Es ist bis heute eines der größten städtebaulichen Entwicklungsgebiete der Stadt Düsseldorf.
Die Gebäude, Lagerhallen und Verladerampen des 1936 umgebauten und erweiterten Güterbahnhofs wurden ab 2005 abgerissen. Verschiedene Investoren, Bauträger und Entwickler sind seit 2007/2008 damit beschäftigt, Bürogebäude, Wohnkomplexe sowie Park- und Freiflächen anzulegen. Als »französisches Viertel« sind die zusammenhängenden Wohnquartiere »le flair«, »Quartis les halles« und »La cour« bisher vermarktet worden; die ebenfalls neue Toulouser Allee verbindet in nordsüdlicher Ausrichtung die einzelnen Quartiere miteinander und erschließt somit das ehemalige Bahnhofsgelände.[1]
Seit 2002 wurde in verschiedenen politischen Gremien darüber diskutiert, wie mit der historischen Bedeutung des Geländes umzugehen sei, auf dem sich der Güterbahnhof befand und von wo aus die Deportationszüge starteten. Die Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf wurde von Anfang an in diese Diskussionsprozesse als Fachamt mit einbezogen, ebenso auch die Bürgerschaft und die Bezirksvertretung des Stadtteils sowie die Jüdische Gemeinde Düsseldorf. In allen Gremien wurde Konsens darüber erreicht, dass man neben den neu entstehenden Gebäuden auch einen würdigen Ort der Erinnerung schaffen müsse, der zur Auseinandersetzung mit den Deportationen Anlass geben würde.
Düsseldorf war Sitz einer Leitstelle der Geheimen Staatspolizei, die als Stapostelle für den gleichnamigen Regierungsbezirk und als Stapoleitstelle für die gesamte preußische Rheinprovinz verantwortlich zeichnete.[2] Das hier 1935 eingerichtete »Judenreferat« organisierte seit Herbst 1941 die Deportationen aus Düsseldorf sowie aus dem ganzen Bezirk, zu dem neben den Landkreisen und Kommunen des unteren Niederrheins (von Mönchengladbach bis Kleve) auch das Bergische Land (Solingen, Wuppertal) sowie das westliche Ruhrgebiet (Duisburg, Oberhausen, Essen) zählten. Aus diesem Distrikt wurden zwischen Oktober 1941 und Januar 1945 mindestens 6 000 jüdische Menschen deportiert. Nicht alle Deportationen sind auf gleichem Niveau nachvollzieh- oder durch die Forschung rekonstruierbar: Während die Mahn- und Gedenkstätte manche Großtransporte durch Quellenstudien und Berichte von Überlebenden detailliert erforschen konnte[3], gab es andere, über die bis heute aufgrund einer mangelhaften Quellensituation weder eine genaue Opferzahl noch andere zentrale Erkenntnisse eruiert werden konnten. Schon deshalb ist eine exakte Gesamtanzahl der aus Düsseldorf Deportierten nicht möglich. Seriöse Schätzungen reichen von 6 000 bis hin zu 8 000 Menschen. Die Zielorte und Zeitpunkte der einzelnen Deportationen konnten hingegen eindeutig geklärt werden. Die Züge fuhren nach Lodz/Litzmannstadt, Minsk und Riga, nach Theresienstadt, Izbica bei Lublin und nach Auschwitz-Birkenau.
Neben den Verladerampen am Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf (Tußmannstraße) besteht mit dem ehemaligen städtischen Schlacht- und Viehhof ein weiterer lokaler Bezugspunkt, der im Zusammenhang mit den Deportationen genannt werden muss. Dessen Großviehhalle diente als »Sammellager«, in dem die jeweils rund 1 000 Menschen aus der gesamten Region sich am jeweiligen Tag vor dem eigentlichen Deportationstermin einzufinden hatten. Hier wurden sie registriert, gezählt und durchsucht. Zu Fuß musste dann die rund ein Kilometer lange Strecke zu den Verladerampen zurückgelegt werden. In Kombination mit dem 2012 neu entstandenen Gedenkort am alten Güterbahnhof wird bis 2015 auf dem brachliegenden Gelände des ehemaligen Schlachthofes der neue Campus der Fachhochschule Düsseldorf entstehen, wo ebenfalls Konzepte des Gedenkens diskutiert werden. Integriert in die alte, unter Denkmalschutz stehende Großviehhalle, die künftig als FH-Bibliothek genutzt werden soll, wird eine abgetrennte Räumlichkeit entstehen, in der auf die Bedeutung des Gebäudes als einstige »Sammelstelle« hingewiesen werden wird.[4]
Das Mahnmal am ehemaligen Güterbahnhof liegt an der Kreuzung der Marc-Chagall-Straße und der Toulouser Allee. Es ist gruppenförmig angeordnet (ein »Ensemble« verschiedener Elemente) und besteht aus einem Schotterbett mit grober Grauwacke belegt, das sich in einen begrünten Erdwall ergießt und zwei lose liegende Schienenstränge in sich aufnimmt, die wiederum den Betrachter vom Bürgersteig aus in eine immer enger werdende Situation hineinziehen. Hinter einer hohen Gabionenwand sind Eisenbahnschwellen aus Eichenholz in den gepflasterten Boden eingelassen. Das Schotterbett und die Schienen werden durch eine schräge Wand aus wetterfestem Baustahl (Cor-Ten) von der begrünten Böschung abgetrennt. Auf dieser 39 Meter langen, rostroten Wand stehen in schwarz lackierten, 25 Millimeter starken Buchstaben die Namen der Zielorte sowie der Name »Düsseldorf« sowie die Jahreszahlen »1941–1945«. Zu dem ganz außen angebrachten Namen »Düsseldorf« verhalten sich die anderen Ortsnamen nach der geografischen Gesetzmäßigkeit ihrer tatsächlichen Entfernung: »Riga« und »Minsk« sind der Europakarte entsprechend weiter von »Düsseldorf« entfernt als »Auschwitz« oder »Theresienstadt«. Die einzelnen Ortsnamen werden in den Abend- und Nachtstunden von unten durch starke Halogenlampen angestrahlt, was in Verbindung mit der Dicke der Buchstaben einen besonderen Schattenwurf hervorruft.
Die Wand, die Schienen und das Schotterbett verengen sich innerhalb der Böschung und scheinen so im Nichts zu verschwinden. Wer sich tiefer und tiefer in diese Konstellation begibt (und der Schotter verursacht einen außerordentlich unbequemen Tritt), dem wird – alleine mit sich und dem Mahnmal – eine Perspektive eröffnet, die zum ehemaligen Schlachthof herüberführt, von wo aus die zu deportierenden Menschen zu diesem Ort getrieben wurden. Eine fast drei Meter hohe Informationsstele gibt in knapper Form und zweisprachig (deutsch/englisch) Auskunft über die historische Bedeutung des Ortes. Vor dem Ensemble dieser unterschiedlichen Bestandteile liegt ein kreisrunder, gepflasterter Platz, der bei Gedenkstunden oder Kundgebungen als Versammlungsort genutzt werden kann.
Planung und Ausführung des Gedenkortes wurden durch das Berliner Gartenlandschaftsbüro »Lützow7« geleistet; für die Beschriftung der Stahlwand und das Design der Informationsstele konnte der renommierte Typograf Prof. Gerd Fleischmann gewonnen werden.[5]
Am 22. April 2012, dem 70. Jahrestag der Deportation nach Izbica, kamen rund 250 Bürgerinnen und Bürger, um der Einweihung des Gedenkortes beizuwohnen.[6] Neben einer Lesung von jüdischen Jugendlichen aus historischen Dokumenten, wie etwa aus Abschiedsbriefen, sowie aus Interviews und Erinnerungen der wenigen Überlebenden, einer Kranzniederlegung und einem Trauergebet des Düsseldorfer Rabbiners hielt Oberbürgermeister Elbers die zentrale Ansprache, in der er sagte: »Das Mahnmal, das wir heute einweihen wollen, ist ein tiefer Schnitt in die neu gestaltete Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs. Es ist ein Schnitt in die Landschaft, und es symbolisiert nicht zuletzt auch einen Einschnitt in die Düsseldorfer Stadtgeschichte und eine offene Wunde unserer jüngsten Vergangenheit […].
Und wenn wir mitten im Mahnmal stehen, dann ist dort nur wenig Platz und Raum. Wir stehen dort und blicken auf die Wand mit den Namen in einer fast unzumutbaren und bedrückenden Enge und blicken über die Wand hinweg auf die Tußmannstraße, durch die die zu deportierenden Menschen einst gebracht wurden, um dann von hier aus in die Lager und Gettos verschleppt zu werden. Dieses Mahnmal tut uns weh, es liegt still da und mag von den vorbeieilenden Menschen in Zügen oder Autos zunächst kaum wahrgenommen werden. Und dennoch schreit diese Wunde in unserem Stadtbild nach Beachtung und Erinnerung. Dieses Mahnmal, dieser Gedenkort erinnert an die Deportierten und Ermordeten, aber es nimmt uns Bürgerinnen und Bürgern die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht ab. Nehmen wir diesen Ort an, dann wird uns noch einmal deutlich, wie sehr wir uns engagieren müssen, dass das, was hier geschehen ist, niemals sich wiederholen darf. Die heutige Einweihung ist kein Endpunkt und kein Schlussstrich.«
Dass die Einweihung tatsächlich kein Schlusspunkt war, wurde am 11. Dezember 2012 eindrücklich unter Beweis gestellt, als am 71. Jahrestag der Deportation nach Riga rund 320 Teilnehmer einer besonderen Gedenkstunde beiwohnten. Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Schulen und Schulformen entzündeten für jede der 1 007 damals deportierten Menschen eine Kerze und stellten sie auf die Stahlwand. Hierdurch wurde sowohl die große Masse an verschleppten Menschen deutlich, aber auch die Individualität jeder einzelnen Person, die durch die jeweilige Kerze symbolisiert wurde. Kirchen und Jugendverbände, Gewerkschaften und Parteien waren ebenso vertreten wie Anwohner und Nachbarn des Derendorfer Stadtquartiers. Die Veranstaltung war durch die städtische Mahn- und Gedenkstätte und den Landesverband Jüdischer Gemeinden von Nordrhein initiiert worden und stieß auf ein starkes Medieninteresse.[7]
Doch auch im Alltag sind Besucherinnen und Besucher zu beobachten, die als zufällige Passanten oder gezielt Suchende das Mahnmal betrachten, inne halten oder kleine Steine auf die Stahlwand legen. Das Ensemble auf dem historischen Grund des alten Güterbahnhofs ist bisher von politisch motivierten Schändungen oder Beschädigungen nicht verschont geblieben: Vermutlich in der Nacht zum 9. Juni 2013 beschmierten Unbekannte die Stahlwand mit den Worten »Stirb Jude!«; mehrere Hakenkreuze wurden ebenfalls aufgemalt. Die Landeshauptstadt sorgte umgehend für die Entfernung der Schmierereien. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelte, jedoch ohne Ergebnis. Wie die Düsseldorfer Bevölkerung in Zukunft mit dem Mahnmal umgehen wird, wird sich zeigen.
Dr. Bastian Fleermann, Historiker, leitet seit 2011 die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.
[1] Rahmenplan Güterbahnhof Derendorf, online abrufbar unter:
www.duesseldorf.de/planung/rahmplan/gbfderendorf/index.shtml (14. 12. 2012).
[2] Vgl. Bastian Fleermann/Hildegard Jakobs/Frank Sparing: Die Geheime Staatspolizeileitstelle Düsseldorf 1933–1945. Geschichte einer nationalsozialistischen Sonderbehörde im Westen Deutschlands, hg. vom Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf e.V., Düsseldorf 2012; Holger Berschel: Bürokratie und Terror. Das Judenreferat der Gestapo Düsseldorf 1935–1945 (Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 58), Essen 2001.
[3] Vgl. etwa die Ergebnisse des umfangreichen Forschungsprojektes zur ersten Deportation in: Angela Genger/Hildegard Jakobs (Hg.): Düsseldorf/Getto Litzmannstadt. 1941. Essen 2010.
[4] Vgl. Brigitte Grass (Hg.): Erinnerungsort der Fachhochschule Düsseldorf am Campus Derendorf, bearb. von Hannelore Steinert, Düsseldorf 2012.
[5] Beschrieben wird das Mahnmal bei Wolfgang Funken: ars publica Düsseldorf. Geschichte der Kunstwerke und kulturellen Zeichen im öffentlichen Raum der Landeshauptstadt, Essen 2012, Bd. 2, S. 576f.
[6] Rheinische Post vom 23. 4. 2012.
[7] Westdeutsche Zeitung vom 12. 12. 2012.