Die Gründung des Gedenkstättenreferates der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.

04/2001Gedenkstättenrundbrief 100, S. 9-12
Wolfgang Raupach-Rudnick

Gedenkstätten als Lern-Orte fruchtbar zu machen, politisch und pädagogisch, war von Anfang an eines der Ziele der Arbeit der Aktion Sühnezeichen. Das gebietet schon der Respekt vor den Menschen, die an diesen Orten gelitten haben oder dort ermordet worden sind. Die sinnliche Erfahrung der Orte, die praktische Arbeit zu ihrem Erhalt und zu ihrer Pflege und die Besinnung auf die konkreten Bedingungen eines Ortes: Was geschah dort genau? Welche Auswirkungen hatte es auf die Menschen dort, Opfer und Täter? lösten bei Besucherinnen und Besuchern nachhaltige Wirkungen aus.

Seit den siebziger Jahren fuhren von der Aktion Sühnezeichen vorbereitete Gruppen zu einem mehrtägigen Arbeitsaufenthalt in die Gedenkstätten in Polen: Auschwitz, Majdanek und Stutthof. In den achtziger Jahren waren es jährlich etwa 50 Gruppen, also fast 1000 Menschen. Freiwillige der Aktion Sühnezeichen begleiteten die Gruppen vor Ort. Andere Freiwillige arbeiteten in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, seit 1979 auch an der Versöhnungskirche in der Gedenkstätte Dachau, später zudem in Neuengamme und an der Wewelsburg.

Mit Beginn der achtziger Jahre hatte sich die politische Situation in der Bundesrepublik für die Gedenkstätten verändert. Der 40. Jahrestag der ›Kristallnacht‹ 1978 führte zu einer neuen Aufmerksamkeit für die Orte ehemaligen jüdischen Lebens in Deutschland und für die Gedenkstätten allgemein. Die Wirkung der im Frühjahr 1979 ausgestrahlten Fernsehserie ›Holocaust‹ löste eine kontroverse Diskussion über diese Art der Medienverarbeitung des Geschehenen aus, führte breiteren Kreisen aber auch die Bedeutung von konkreten Biographien als Zugang zur Geschichte vor Augen – eine Erfahrung, die die Gespräche mit Zeitzeugen in den Gedenkstätten immer schon einbezogen hatten. Schließlich führte der 8. Mai 1985 zu einer breiten öffentlichen Diskussion über die angemessenen Formen des Gedenkens.

Vor diesem Hintergrund kam es zu einer veränderten Wahrnehmung der Erinnerungs-Orte. Bis dahin hatte sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die großen, zum Symbol gewordenen Gedenkstätten wie Dachau oder Bergen-Belsen konzentriert. Diese Konzentration aber drohte die Tatsache zu verdrängen, dass das nationalsozialistische Regime an vielen Orten Spuren hinterlassen hatte. Das Unrecht war kein fernes Geschehen gewesen, sondern seine Spuren waren in der Nachbarschaft zu finden, in den vielen KZ-Außenlagern, Arbeits- und Straflagern, den Orten der ›Euthanasie-Aktionen‹, zerstörten Synagogen und enteigneten jüdischen Geschäften. Diese Orte zeigen, in wie starkem Maße die nationalsozialistische Gewaltherrschaft auch mit der lokalen Geschichte verknüpft war. An der lokalen Geschichte aber kann umfassend – und nachvollziehbar – Vergangenheit bearbeitet werden. Oft ist dieser lokale Bezug der Anfang einer weiter gehenden Beschäftigung mit der Geschichte. So entstanden in den 80er Jahren unter der Überschrift ›Spurensuche‹ an vielen Orten Initiativen, um Vergessenes oder besser: Verdrängtes und Verschüttetes wieder sichtbar zu machen. Schülergruppen, studentische Seminargruppen, unabhängige Initiativen begannen an ihren Orten zu suchen: Orte zu identifizieren und sie – sei es auch nur durch eine Gedenktafel – zu einem Erinnerungsort zu machen, Dokumente und Zeugenaussagen zu sichern, sie zu bearbeiten und für eine breitere Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und dabei immer wieder: an ihrem konkreten Ort Geschichte (kennen) zu lernen. Bislang abstrakte Geschichte bekam Namen und Anschriften.

Diese Arbeit geschah in aller Regel ehrenamtlich. Die Initiativen waren weder personell noch organisatorisch in der Lage, untereinander ein Informationsnetz aufzubauen und voneinander zu lernen. Gerade das aber wurde immer wichtiger, um Mehrfacharbeit zu vermeiden, Sachinformationen zu vermitteln und Erfahrungen auszutauschen.

Das war der Punkt, an dem die langjährigen Erfahrungen der Aktion Sühnezeichen mit der neuen Entwicklung der Gedenkstätteninitiativen zusammen kommen mussten. Ende 1981 trafen sich Vertreter von sieben Gedenkstätten und der Aktion Sühnezeichen in Dachau. Sie suchten nach einer Lösung, die im Entstehen begriffenen Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen untereinander zu vernetzen. Die Aktion Sühnezeichen erklärte sich bereit, die Koordination zu übernehmen. Dass die Aktion Sühnezeichen diese Rolle übernahm, lag nicht nur an ihrer Erfahrung in der Gedenkstättenarbeit, sondern auch daran, dass ASF unabhängig von dem gesellschaftlich-politischen Proporz war und von unterschiedlichen Gruppen staatlich geförderten und freien Institutionen, etablierten und im Werden begriffenen Initiativen als Koordinator akzeptiert werden konnte.

1983 nahm Thomas Vogel in einem Sondervikariat die Arbeit auf. Thomas Lutz setzte sie im Januar 1984 fort, zunächst als Freiwilliger, dann als Honorarkraft. Doch je stabiler die Initiativen wurden, desto deutlicher äußerten sie die Forderung nach kontinuierlicher und professioneller Begleitung. Die aber – das war allen Beteiligten schnell klar – konnte nicht von ständig wechselnden Personen geleistet werden. Die Kontinuität der Arbeit setzte eine feste Anstellung voraus. Die Aktion Sühnezeichen stand vor der Herausforderung, ein Gedenkstättenreferat mit einer festen Stelle einzurichten.

Diese Aufgabe kam auf ASF zu einem Zeitpunkt zu, an dem durch ein erhebliches Defizit im Jahr 1984 und ein zu erwartendes noch höheres Defizit für das Jahr 1985 nicht nur eine Finanzlücke gegeben, sondern die Gesamtarbeit des Vereins bedroht war. Die hauptamtliche Stelle und die Zahl der Freiwilligen in Großbritannien mussten bis auf eine nunmehr symbolische Präsenz in Coventry reduziert werden. Doch nach langen und notwendigerweise schmerzhaften Diskussionen haben alle Gremien des Vereins damals dem Gedenkstättenreferat nach dem Schuldenabbau und der Fortführung der USA-Arbeit die höchste Priorität gegeben.

In dieser angespannten Lage kam überraschende und erfreuliche Hilfe von außen. Durch Vermittlung der damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Aktion Sühnezeichen, Brigitte Gollwitzer, erklärte sich die Freudenberg-Stiftung bereit, die Personalkosten ab 1986 für zwei Jahre zu übernehmen, wenn der Verein die Fortsetzung der Arbeit nach 1988 zusagte.

Die Zusage wurde – mehr als kühn – gegeben. Doch 1988 konnte das Gedenkstättenreferat in den Stellenplan aufgenommen werden. Spendenaufrufe, etwa unter den Bundestagsabgeordneten mit Verweis auf die Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985, versuchten zusätzliche Gelder einzuwerben.

Das war die gleichsam äußere – durchaus hektische – Seite der Gründung des Gedenkstättenreferates. Gleichzeitig begann die Arbeit des Referates Früchte zu tragen. Der regelmäßig erscheinende GedenkstättenRundbrief mit neuesten Informationen, der Diskussion pädagogischer Konzeptionen, praktischen Ratschlägen für die Arbeit etc. wurde zu einem Bindeglied der Initiativen. Mehr noch fungierten als solches die jährlich angebotenen Gedenkstättenseminare, die über das ›Papier‹ hinaus den persönlichen Austausch förderten, untereinander Bekanntheit und Arbeitsvertrauen schufen. Und schließlich die ›zusätzlichen‹ Möglichkeiten und Angebote: Seminare zur fachspezifischen Fortbildung und vor allem der Kontakt zu den Gedenkstätten im Ausland. Gerade der internationale Erfahrungsaustausch war in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen, gab er doch die Chance, die besondere deutsche Situation der Gedenkstätten, Gedenkstätten im Lande der Täter zu sein, im Spiegel internationaler Anregungen und Kritik zu reflektieren.

So waren gewiss die beiden ersten vom Gedenkstättenreferat organisierten internationalen Seminare Höhepunkte der Arbeit von Thomas Lutz bei der Aktion Sühnezeichen: 1985 kamen in der Evangelischen Akademie in Berlin Vertreter von Gedenkstätten aus neun Ländern zusammen. In der kurz zuvor errichteten Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz fand im November 1987 das zweite internationale Seminar statt. ›Kunst im Rahmen der Gedenkstättenarbeit‹ war als Thema formuliert und führte Vertreter aus Yad Vashem und Lohamei Haghetaot in Israel, Auschwitz, Majdanek und Stutthof in Polen, Mauthausen in Österreich, Sachsenhausen und Buchenwald in der DDR, Dachau, Neuengamme, Wewelsburg, Papenburg und Essen in der Bundesrepublik, Westerbork in den Niederlanden und schließlich dem Holocaust Memorial Museum in Washington zusammen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Durchbruch geschafft und das Gedenkstättenreferat zu einer anerkannten Instanz der Koordination und Beratung geworden. Es war allen bei der Aktion Sühnezeichen deutlich, dass sich die – nach ›normalen‹ Maßstäben unverantwortliche – Entscheidung, das Gedenkstättenreferat zu errichten, ausgezahlt hatte.