Die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein im Wandel

Erforschung und Vermittlung eines historischen Ortes der NS-Krankenmorde
10/2015Gedenkstättenrundbrief 179, S. 25-37
Boris Böhm, Axel Drieschner und Barbara Schulz

Entstehung und Entwicklung der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Im Juni dieses Jahres konnte die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein an ihre Eröffnung vor 15 Jahren erinnern. Der Weg dahin war lang und schwierig.

Auf dem Gelände der 1811 eröffneten Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein bestand von Frühjahr 1940 bis Sommer 1942 eine von sechs zentralen »Euthanasie«-Anstalten im Deutschen Reich. Zwischen Juni 1940 und August 1941 wurden im Keller des ehemaligen Paralytikerhauses fast 15000 Menschen mit Kohlenmonoxid ermordet: 13 720 Menschen jeden Alters mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen während der Krankenmord-»Aktion T4« und mindestens 1031 arbeitsunfähige und kranke Häftlinge aus den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald und Auschwitz im Zuge der eigenständigen Mordaktion »Sonderbehandlung 14f13«.

1947 wurden im Dresdner »Euthanasie«-Prozess am dortigen Landgericht einige Täter zur Verantwortung gezogen, danach begann eine vier Jahrzehnte andauernde Periode des Verdrängens und weitgehenden Verschweigens der NS-Krankenmorde in Pirna. Ein Großbetrieb nutzte seit 1953 die Gebäude der ehemaligen Tötungsanstalt vorwiegend für Bürozwecke. Im ehemaligen Tötungsgebäude aber ließ die Betriebsleitung, trotz des Wissens um die Massenverbrechen, eine Werkstoff-Prüfwerkstatt einrichten. Erst infolge der Friedlichen Revolution kam auch in Pirna der Prozess der Aufarbeitung und Aufklärung in Gang. 1991 gründeten engagierte Bürger das Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V. mit dem Ziel der Schaffung eines würdigen Gedenkortes für die vergessenen Opfer der NS-»Euthanasie«. In dieser Zeit befanden sich zahlreiche Gebäude der ehemaligen Landesanstalt in der Verfügung der Treuhand, ein Teil wurde an den wiederbegründeten Freistaat Sachsen restituiert. Nach Protesten des Kuratoriums Gedenkstätte Sonnenstein e.V. und dank der Fürsprache einiger sächsischer Politiker konnte im Herbst 1992 die vom Staatlichen Liegenschaftsamt Dresden geplante Privatisierung der zentralen Gebäude der ehemaligen Tötungsanstalt verhindert werden. Die sächsische Staatsregierung entschied im Oktober 1992, dass diese im Besitz des Freistaates Sachsen bleiben und dass dort eine Gedenkstätte eingerichtet werden soll. Nach einem längeren Diskussionsprozess erhielt die Arbeiterwohlfahrt die Gebäude 1995 zur Erbpacht, wobei für einen Teil des ehemaligen Tötungsgebäudes eine Nutzung als Gedenkstätte vorbehalten war. Das ehemalige Paralytikerhaus, in dem 1940/41 die Massentötungen erfolgten, war bereits 1992 wie alle Gebäude und Anlagen der »Sachgesamtheit Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein« vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen unter Denkmalschutz gestellt worden. Die besondere historische Bedeutung der Nutzung eines Teils dieser Gebäude für die NS-Krankenmordaktion fand dabei noch keine Beachtung.

Im Auftrag des Freistaates Sachsen erfolgten 1993/94 durch Prof.-Ing. Johannes Cramer bauarchäologische Untersuchungen im ehemaligen Tötungsgebäude und anschließend die Vorlage einer denkmalpflegerischen Zielstellung für dieses Gebäude. Die 1994 ins Leben gerufene Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft nahm den Gedenkort Pirna-Sonnenstein sofort in ihre Förderung auf und übernahm ihn 1999 in direkte Trägerschaft. Im Jahr darauf konnte die Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben werden.

Aufgrund der Empfehlung eines 1995 berufenen Fachbeirates wurde eine strikte Trennung von Gedenk- und Ausstellungsbereich umgesetzt. Den Gedenkbereich im Keller kennzeichnet eine Zweiteilung. Die Gaskammer, der Leichenraum, der Krematoriumsraum und der Kaminraum wurden von den industriellen Einbauten befreit und Relikte aus der »Euthanasie«-Zeit freigelegt. Die Wirkung dieser kargen Räume entfaltet sich durch die in mehreren Abschnitten freigelegten Spuren der Verbrechen und das Wissen um die Funktion dieser Räume in den Jahren 1940/41. Mit diesen originalen Befunden, die auch erläutert werden, wird der Gedenkbereich als historischer Ort wahrgenommen. An dessen östlichem Ende befindet sich der ehemalige Kaminraum, in dem seit 2012 Fundstücke aus der Zeit der Tötungsanstalt in der Ausstellung »Sachzeugen« in Vitrinen präsentiert werden.

Westlich davon bestehen ein den Opfern gewidmeter Gedenkraum und der »Raum der Stille«. Im Gedenkraum werden auf Stelen 22 Fotografien und Kurzbiografien von repräsentativ ausgewählten Opfern ausgestellt. Der gegenüber befindliche »Stille Raum« enthält drei am 1. September 2009 eingeweihte Namenstafeln, auf denen über 11 600 bisher bekannte Opfer mit ihrem Familiennamen, Rufnamen und Geburtsjahr festgehalten sind. In diesem Raum sind auch mehrere von Familien gestiftete individuelle Gedenktafeln und eine Gedenktafel der polnischen Regierung angebracht. Er ist für die Besucher, vor allem aber für die Hinterbliebenen, ein Ort des Gedenkens.

Im Mittelbau des Dachgeschosses befindet sich auf etwa 180 m² Ausstellungsfläche die vom Gedenkstättenleiter Boris Böhm konzipierte und erarbeitete Ständige Ausstellung. Die Gestaltung erfolgte durch das Büro Gewerk aus Berlin. Die Ausstellung ist geprägt durch die Konzentration auf die Geschichte des Ortes sowie seine Einbettung in den historischen Kontext. Auf 39 Tafeln wird in einer sachlichen Dokumentation die Thematik chronologisch in Bezug zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland dargestellt. Die Texte der in zwei Reihen stehenden Tafeln sind auf weiß lackierte Blechwände aufgebracht, die dem klar strukturierten Raum eine kalte und sterile Atmosphäre verleihen. Unterstützt wird der Eindruck durch den Einsatz von verschiedenfarbigem Licht. Während die Tafeln zur humanistischen Phase in der Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt in wärmeres Licht getaucht sind, wurde für die Darstellung der »Euthanasie«-Verbrechen auf kühles Neonlicht als Hintergrundbeleuchtung zurückgegriffen, um eine atmosphärische Distanz zur verbrecherischen Politik des NS-Systems herzustellen. Zur Verdeutlichung der Vielschichtigkeit der NS-Krankenmorde werden den Besuchern unterschiedliche Medien zur Erarbeitung der Thematik angeboten. Dazu gehören fünf Hörstelen mit von Schauspielern gesprochenen Texten, eine Medienstation mit Zeitzeugenberichten, benutzbare Bücher sowie Vertiefungsebenen mit Biografien und Dokumenten. Durch vier Stahlstreben am östlichen Ende des Ausstellungsraumes wird auf den 1940 bis 1942 an dieser Stelle durchgeführten Schornstein verwiesen und somit eine Verbindung zwischen der Ständigen Ausstellung und den ehemaligen Tötungsräumen geschaffen. Im Boden werden angekohlte Balken durch Beleuchtung sichtbar gemacht. Dies sind Spuren des Schornsteinbrandes in der »Euthanasie«-Zeit, der damals in Pirna für großes Aufsehen gesorgt hatte, da die vorgefahrene städtische Feuerwehr den Brand nicht löschen durfte.

Die Gedenkstätte hat sich über die Jahre als ein wichtiger Lernort in Sachsen etabliert. Dies bestätigt ein Blick auf die Statistik. 2001 hatte die Gedenkstätte 2 827 Besucher, 2005 dann 4 904 und 2009 waren es 7 998 Besucher. 2014 suchten 13 583 Menschen die Gedenkstätte auf. Von ihnen nahmen 5 810 an Führungen, Projekten und Weiterbildungsveranstaltungen teil.

Zu den Informationsangeboten gehören neben allgemeinen Faltblättern zur Gedenkstätte in vier Sprachen auch Faltblätter für den Gedenkbereich, den sogenannten Denkzeichen-Weg und die Pirnaer Gedenkspur. Letztere geht auf die Idee eines Pirnaer Künstlers während des Sommerlagers der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste im Jahre 2002 zurück. An jedes der 14 751 Opfer der Tötungsanstalt sollte – bei der Gedenkstätte beginnend und am Elbufer am Rande des Pirnaer Stadtzentrums endend – ein farbiges Kreuz erinnern. Die Aktion, die die Erinnerung an den Massenmord und die Auseinandersetzung damit lebendig halten will, ist ein fortwährendes Projekt, denn die Kreuze verblassen und müssen wie die Erinnerung immer wieder aufgefrischt werden. Längst ist die Gedenkspur Bestandteil der Pirnaer Erinnerungskultur, die besonders Jugendliche anspricht und bei vielen Besuchern der Stadt Fragen aufwirft.

Anders entstanden ist dagegen der Denkzeichen-Weg der Berliner Künstlerin Heike Ponwitz, der als Beitrag eines von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten ausgelobten Ideenwettbewerbes zu einem Mahnmal für den Gedenkort Pirna-Sonnenstein eingereicht worden war. 16 gläserne Tafeln und Stelen mit dem idyllischen Motiv der Festung Sonnenstein des Barockmalers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, tragen jeweils einen irritierenden Begriff aus dem Vokabular der »Euthanasie«-Täter aufgedruckt, z.B. »Baderaum« und »Sonderbehandlung«. Sie führen vom Bahnhof durch das Stadtzentrum und entlang des Canalettoweges bis zur Gedenkstätte. Das Kunstwerk konnte im Jahre 2005 nach in der Stadt teilweise kontroversen Diskussionen realisiert werden. Es spricht besonders Schulklassen an, wird aber auch von Touristen interessiert wahrgenommen.

Erste Forschungen zur Überlieferung des Ortes

Als zu Beginn der 1990er-Jahre die Auseinandersetzung mit dem konkreten Ort der Krankenmorde in Pirna begann, lagen die baulichen Spuren des Massenverbrechens nicht offen zutage. Wie an vielen ehemaligen Stätten der NS-»Euthanasie« waren die Tötungsanlagen 1942 abgebrochen worden. Später, zur Zeit der DDR, erfuhren die Räume weitere tiefgreifende Veränderungen. Auch der Verbleib der verbrannten Überreste der Opfer war zunächst unbekannt. Eine Reihe archäologischer und bauarchäologischer Untersuchungen brachte hier in den letzten Jahren jedoch Licht ins Dunkel. Der Bauhistoriker Johannes Cramer hatte im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts bereits 1993/94 den ehemaligen Tötungstrakt eindeutig identifiziert und seine funktionale Struktur im Kern stimmig rekonstruiert.[1]

Damit war die Grundlage geschaffen für die weitere Erforschung des historischen Ortes. Cramer war es insbesondere gelungen – wenn auch eher deduktiv, das heißt aus der Raumabfolge schließend, denn anhand belastbarer Befunde -, die ehemalige Gaskammer zu lokalisieren. Auch für das Krematorium lieferte er den grundlegenden Nachweis, auch wenn er irrtümlich vermutete, ein zweiter Raum, in dem er – ähnlich wie im Dachraum des Gebäudes – Spuren des abgebrochenen Schornsteins nachweisen konnte, habe ebenfalls als Verbrennungsraum gedient. Auf der Basis dieser weitgehend tragfähigen Ergebnisse wurde der Kellertrakt für die Gedenkstätte saniert, indem alle der DDR-Zeit zugewiesenen Einbauten entfernt, schadhafter Putz abgeschlagen und die Wände in einigen Räumen neu geweißt wurden. Die nicht mehr vorhandene Stirnwand der ehemaligen Gaskammer, der Kubus eines der beiden Kremierungsöfen sowie die Umrisse des Schornsteins wurden mittels CORTEN-Stahl-Elementen abstrakt nachgebildet. Auch im Umfeld des Gebäudes erfolgten damals bereits erste Untersuchungen. Dabei wurde eine über zwei Meter hohe Kalksandsteinmauer, die das Gelände in Richtung des westlich gelegenen Schlossparks und zum Elbhang hin abschirmte, in die Zeit der Tötungsanstalt datiert. Diese Zuweisung erwies sich später, als bessere Kenntnisse zur Nutzung des Geländes während der DDR-Zeit vorlagen, als falsch. Wie sich nun zeigte, war der Mauerzug erst zu Beginn der 1950er-Jahre entstanden, als ein höchster Geheimhaltung unterliegender Betrieb der Luftfahrtindustrie von dem ehemaligen Gelände der Tötungsanstalt und von weiteren Teilen der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt auf dem Sonnenstein Besitz ergriff.[2]

Lokalisierung menschlicher Asche

Im Jahr 2001 fanden Mitarbeiter der Gedenkstätte bei Oberflächenbesammlungen auf dem Elbhang Ofenschamotte und Schlackereste mit erkennbaren Anhaftungen verbrannter Knochenpartikel. Damit erhärtete sich der Hinweis einer Zeitzeugin, wonach sich das Personal der Tötungsanstalt auf der Schutthalde hinter dem Gebäude der verbrannten Überreste ihrer Opfer entledigte. Die Oberflächenfunde ließen aber offen, ob hier lediglich vereinzelt – also etwa bei Auflösung der Tötungsanstalt – Asche verschüttet wurde oder ob die Fläche systematisch und über längere Zeit hinweg als »Bestattungsplatz« der Mordopfer fungierte. Um dies zu klären, wurden 2002/2003 punktuell einige archäologische Sondagen angelegt.

Neben Asche und Schlacke von Heizungsanlagen sowie vielerlei Hausmüll und weiteren Abfällen ließen sich dabei teils geringfügige, teils bis zu dreißig Zentimeter mächtige Anhäufungen menschlichen Leichenbrands nachweisen. Das Vorliegen menschlicher Knochenreste bestätigte ein anthropologisches Gutachten.[3] Somit war klar, dass dem Hanggelände der Status eines Massengrabs zukommt.[4] Daraufhin wurde von weiteren Grabungen in diesem Gebiet, die zur Bestimmung der Grenzen des Bestattungsplatzes und zur ungefähren Dimension der hier liegenden menschlichen Überreste hätten führen können, abgesehen. Dass hier sämtliche Überreste der etwa 15 000 Opfer der Tötungsanstalt ruhen, ist indessen ausgeschlossen.[5]

Eine Exhumierung und Umbettung der menschlichen Überreste schien allein schon aufgrund ihrer starken Durchsetzung mit anderem Material kein gangbarer Weg zu sein. Es wurde daher entschieden, das bis zu vierzig Grad steile Hanggelände hinter dem Gebäude der ehemaligen Tötungsanstalt als Kriegsgräberstätte auszuweisen und entsprechend zu gestalten. Dies geschah in enger Absprache zwischen der Gedenkstätte, der Stadt Pirna und dem sächsischen Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die am 2. November 2011 in einer Gedenkzeremonie übergebene Gräberfläche erhielt entlang der Hangkante einen Weg sowie eine Plattform, von dem aus das gesamte Areal überblickt werden kann. Der jüngere Baumbestand auf der Hangfläche wurde stark ausgedünnt und die Oberfläche mit Bodendeckern bepflanzt. Als Gedenkzeichen wurde im Zugangsbereich zu dieser Fläche eine über sechs Meter hohe durchbrochene Betonstele mit dem Zeichen des Kreuzes aufgestellt.

Die Dimensionierung und Positionierung dieses Monuments sowie seine christliche Symbolik blieben nicht ohne Widerspruch. Dasselbe gilt für den Entschluss, die bereits erwähnte Mauer, die wenige Meter vor der Hangkante entlang führte, für die Gestaltung des Freigeländes abzureißen. Anfang der 1950er-Jahre errichtet, zählte sie zwar nicht zu den baulichen Zeugnissen der Tötungsanstalt, doch dokumentierte sie augenfällig, wie diese Stätte des NS-Krankenmords durch seine Nutzung während der DDR-Zeit der öffentlichen Wahrnehmung entzogen und damit das Massenverbrechen dem Vergessen anheimgestellt wurde.

Archäologische Fundstücke

Während der archäologischen Sondierungen wurde eine begrenzte Zahl persönlicher Gebrauchs- und Schmuckgegenstände vorgefunden, darunter Brillengläser, Taschenspiegel, Haarspangen, Bekleidungsreste sowie Teile von Modeschmuck wie Kunststoffperlen und Ohranhänger, ferner Porzellanfigürchen des NS-»Winterhilfswerks« und andere Souvenirs. Der Charakter dieser Fundstücke sowie ihre Nachbarschaft zu den Aschefunden deuten darauf hin, dass sie zu den letzten Habseligkeiten von Mordopfern zählen und ebenfalls vom Personal der Tötungsstätte auf dem Hang »entsorgt« wurden. Während der Leichenbrand an der oberen Zone der Böschung nachgewiesen wurde, sammelte sich an seinem Fuß das schwerere Material, allem voran große Mengen von Trümmerschutt des 1942 abgebrochenen Krematoriums. 2008 wurden diese steinernen Relikte zum Teil geborgen und näher untersucht: es handelt sich um Verblendklinker und Hintermauersteine sowie Schamottesteine, darunter verschiedene passgerecht gefertigte bzw. auf der Baustelle zugehauene Keilsteine. In Fragmenten traten zudem spezielle Formsteine auf, die, wieder zusammengefügt, in der Ansicht eine korbbogenförmige Unterkante beschreiben und in der Aufsicht mehrere Querstege aufweisen. Aus diesen geometrisch relativ kompliziert geformten Steinen fertigte die Firma Heinrich Kori für ihre Öfen die Gitterroste zur Verbrennung der Leichen. Dies ergab ein Vergleich mit noch erhaltenen Einäscherungsöfen, wie sie unter anderem in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Ravensbrück zu besichtigen sind.[6] Das gleiche Bauteil benutzte der Ofen- und Heizungsbaubetrieb Kori, der nur anderthalb Kilometer von der Verwaltungszentrale der Krankenmorde in der Berliner Tiergartenstraße 4 seinen Sitz hatte, bereits seit der Jahrhundertwende für seine verbreiteten Müllverbrennungs- und Tierkadaveröfen. Vermengt mit solchen Überresten fanden sich auf dem Hang in Pirna als weitere Gruppe von Sachzeugnissen mehrere stählerne Gerüste von Arm- bzw. Beinprothesen, die sehr wahrscheinlich ermordeten Psychiatriepatienten oder KZ-Häftlingen (»Sonderbehandlung 14f13«) gehörten, ferner ein Handschuh aus Asbestgewebe, der vom Bedienungspersonal des Krematoriums benutzt worden sein dürfte.[7] Wie erwähnt wird eine kleine Auswahl dieser Objekte seit 2012 in einer Ausstellung am Ende des ehemaligen Tötungskellers den Besuchern der Gedenkstätte präsentiert.

Freilegungen im Ofenraum

Die Beschäftigung mit den vom Hanggelände geborgenen Überresten des Krematoriums bot mit den Anstoß dazu, sich abermals dem ehemaligen Aufstellungsbereich der beiden Öfen im Keller des Gebäudes, in dem sich heute die Gedenkstätte befindet, zuzuwenden. Außer den stählernen Resten, die von den beiden Auflagerböcken der Einfuhrbahre im Fußboden verblieben, gab es bis dahin kaum einen Hinweis auf die Existenz der Verbrennungsöfen. Um den Besuchern wenigstens eine ungefähre Vorstellung der angenommenen historischen Raumverhältnisse zu bieten, war daher 1999 auf einem der Ofenstandorte die abstrakte Kubatur eines Ofens aus CORTEN-Stahl positioniert worden. Die Hinweise auf dem Fußboden sowie der Vergleich mit noch erhaltenen Öfen von Kori nährten den Verdacht, dass die Öfen nicht so umfassend abgebaut wurden, wie es bis dahin den Anschein erweckte. Daraus erwuchs die Vermutung, dass der Betonfußboden im Bereich der Öfen erst bei Auflösung der »Euthanasie«-Anstalt entstand und sich bauliche Überreste derselben darunter erhalten haben könnten. Erste Gewissheit hierüber erbrachte eine 2008 durchgeführte sondierende Untersuchung an einem der beiden Ofenstandorte. Es bestätigte sich, dass, wie bei Kori üblich, die Öfen in einer abgesenkten Arbeitsebene aufgestellt waren und darin, überdeckt vom jüngeren Fußboden, nennenswerte bauliche Reste der Öfen überdauert haben. So blieben die gemauerten Ofenkonstruktionen bis in eine Höhe von zwei Steinlagen an Ort und Stelle erhalten, einschließlich der beiden Mulden, in denen die menschliche Asche bzw. die Rückstände des Brennmaterials zur Entnahme gesammelt wurden. 2010 wurde daraufhin die stählerne Ofenkubatur entfernt und der darunter liegende Ofenrest komplett freigelegt, während es beim zweiten Ofen lediglich bei der Freilegung der Eckpartie blieb. Somit ist heute sowohl die Existenz der Öfen anhand sichtbarer Relikte dokumentiert, als auch der Versuch ihrer Kaschierung nach der Auflösung der Mordstätte nachvollziehbar.

Im Zuge dieser Untersuchungen war es also erstmals für eine der sechs Gasmordanstalten der »T4« gelungen, die bauliche Gestalt der verwendeten Kremierungsöfen näher zu erfassen und in Resten zu zeigen. Für die Gedenkstätte auf dem Sonnenstein ist dies von besonderer Bedeutung, da hier zuvor kaum anschauliche Spuren von der Geschichte der Tötungsanstalt zeugten. Zur dauerhaften Präsentation der freigelegten Ofenreste wurden nur geringfügige bauliche Maßnahmen vorgenommen, so etwa eine Überdeckung des kleinen archäologischen Fensters mit einer begehbaren Glasplatte. Auch die Beleuchtung und Beschriftung blieb zurückhaltend, um dem Doppelcharakter dieses Bereichs als Ort der Dokumentation und des Opfergedenkens gerecht zu werden.

Erneute Untersuchung der Gaskammer

Diesen Maßnahmen schlossen sich 2012 bauarchäologische Forschungen zur historischen Gestalt der Gaskammer sowie zur Funktion der unmittelbar angrenzenden Räume an. Einige der überlieferten Spuren waren in den älteren Untersuchungen nicht berücksichtigt oder nicht schlüssig interpretiert worden. Die Möglichkeiten für eine erneute Untersuchung waren insofern etwas geschmälert, als trotz insgesamt behutsamer Vorgehensweise während und nach der Erstuntersuchung in der Initialphase der Gedenkstätte Veränderungen erfolgten, welche die Überlieferung bereichsweise beeinträchtigten. Neben dem Abbau DDR-zeitlicher Installationen hatte man unter anderem Wandputz ausgetauscht, weitere Oberflächen übertüncht und den Fußboden in einem Nachbarraum der ehemaligen Gaskammer teilweise ersetzt.

Die erneute Untersuchung der ehemaligen Gaskammer, die abgesehen von einer ihrer Umfassungswände in ihrer historischen Raumkubatur erhalten blieb, konzentrierte sich zunächst auf die Fragen des Zuganges sowie der Zufuhr und Verteilung des tödlichen Kohlenmonoxid-Gases. Es zeigte sich, dass die Tür, durch welche die Opfer die Gaskammer betreten mussten, entgegen der bisherigen Annahme nicht in der heute fehlenden Wand gelegen haben kann, sondern in einer der beiden Längswände eingebaut war. Ihre Umrisse sind dort noch im Wandputz zu sehen. Bekannt war bereits, dass durch eine gegenüberliegende, später ebenfalls vermauerte Tür, die Ermordeten aus der Gaskammer herausgebracht und in Richtung des Krematoriums transportiert wurden. Diese Tür hatte man, wie sich nun erwies, noch während der Einrichtung der Gaskammer um gut einen halben Meter versetzt. Vermutlich erfolgte dies mit dem Ziel, im folgenden Raum mehr Platz für ein weiteres Funktionselement zu gewinnen, etwa für einen elektrischen Entlüfter zum Luftaustausch in der Gaskammer.

Die Frage nach der Zufuhr und der Verteilung des Kohlenmonoxid-Gases ließ sich durch zerstörungsfreie Betrachtungen an den drei noch vorhandenen Wänden der ehemaligen Gaskammer klären. Dort sind etwa in der halben Höhe des Raumes umlaufend vermörtelte Dübellöcher zu beobachten, die ähnlich angeordnet bereits in der ehemaligen Gaskammer der Krankenmordanstalt Hadamar festgestellt und als Befestigungspunkte der Gasrohre identifiziert wurden.[8] Weitere Abdrücke verrieten den Verlauf der zuführenden Gasleitung. Unter allen Hinweisen zur Existenz der Gaskammer sind dies die bislang einschlägigsten Befunde.

Die neuen Erkenntnisse zur Struktur der Gaskammer wirkten sich auch auf das Verständnis der drei angrenzenden Räume aus, somit also auf einen wesentlichen Teil des historischen Raumgefüges im Tötungskeller. Der bisher keiner klaren Nutzung zugeordnete Eckraum neben der Gaskammer lässt sich jetzt – korrespondierend mit Zeugenberichten und analog zur Situation in Hadamar – als Warteraum der Opfer auf ihrem Weg zur Gaskammer deuten.[9] Andererseits ist der Flur an der Schmalseite der Gaskammer nicht mehr als Zuführungsbereich der Mordopfer zu interpretieren. Da das Rohrsystem der Gaskammer von hier aus gespeist wurde, ist anzunehmen, dass der kleine Raum, der zugleich den Durchgang zum Krematorium gewährte, als Aufstellungs- und Bedienungsbereich der CO-Gasflaschen fungierte. Bislang wurde diese Nutzung dem östlich angrenzenden Raum, der zugleich als Leichenraum diente und vor einem seiner Fenster wohl auch den Entlüfter der Gaskammer aufnahm, zugewiesen.

Es wurde bereits deutlich, dass sich für die Rekonstruktion des Spurenbildes in Pirna der Vergleich mit den umfassender überlieferten baulichen Befunden in Hadamar als hilfreich erwies. Umgekehrt ließen sich die in Pirna gewonnenen Ergebnisse inzwischen ihrerseits für die Erforschung und Vermittlung der historischen Raumfolge in Hadamar fruchtbar machen. Unter anderem, in dem dort ebenfalls ein Ofenstandort freigelegt werden konnte. Eine Einbeziehung der historischen Stätten der NS-»Euthanasie« in Bernburg und Hartheim in eine solche vergleichende Betrachtung könnte es künftig noch ermöglichen, die Erkenntnisse weiter zu vermehren und zu festigen. Generell erscheint es wichtig, die Ergebnisse bauhistorischer Untersuchungen im Lichte neuer Fragestellungen und Erkenntnismöglichkeiten von Zeit zu Zeit einer Überprüfung und Ergänzung zu unterziehen. Es wäre ein Irrtum, einmal erarbeiteten Resultaten auf diesem Gebiet per se eine »abschließende« Geltungskraft zuzugestehen. Auch deshalb sollten alle Spuren tragenden Oberflächen und Einbauten so gesichert und konserviert werden, dass eine erneute Befragung dieser materiellen Quellen vollumfänglich möglich bleibt. Baumaßnahmen, die etwa aus Gründen der Funktionalität der Gedenkstätte wünschenswert erscheinen, sollten sich diesem Gesichtspunkt unterordnen, gerade in den historisch sensibelsten und aussagekräftigsten Zonen.

Verfall der historischen Busgarage

Große Sorgen bereitet der Zustand eines Gebäudes auf dem Sonnenstein, das 1940/41 – nach allen bisher vorliegenden Informationen – zur Unterbringung und Wartung von Autobussen, mit denen die Opfer der Krankenmorde herangebracht wurden, diente. Der Bau wurde im 19. Jahrhundert als Scheune für die Heil- und Pflegeanstalt errichtet.[10]

Die Transportlogistik bildete eine wesentliche Komponente der Vernichtungsmaschinerie der »T4«-Organisation; Busgaragen gehörten daher zum Standard-Bauprogramm der sechs Gasmordanstalten. Meist wurden dort zerlegbare hölzerne Fahrzeughallen aufgestellt, in Pirna bot es sich stattdessen an, die nur rund hundert Meter von der neu eingerichteten Tötungsstätte entfernte alte Scheune zu nutzen. Sie musste lediglich etwas umgebaut und mit zusätzlichen Einfahrtstoren versehen werden. Das Gebäude wurde auch zur DDR-Zeit als Garage genutzt und überdauerte die Zeitläufe nahezu unverändert. Dann aber folgte die Privatisierung und es genügten wenige Jahre der Vernachlässigung, um den Verfall des unter Denkmalschutz stehenden Bauwerks einzuleiten. Mittlerweile ist der Dachstuhl durchnässt und der historische Wandputz großflächig abgefallen. Der private Eigentümer plante bereits den Abriss der ehemaligen Busgarage. Damit besteht für ein seltenes und im Kern authentisches Zeugnis der Krankenmorde die Gefahr der Zerstörung. Sonst existiert nur noch in Hadamar eine Busgarage der »T4«-Organisation, dort in Gestalt eines transportablen Holzbaues. Der Gedenkstätte Hadamar gelang 2006 mit finanzieller Unterstützung des Bundes und des Landes Hessen die Rückführung und Restaurierung der zwischenzeitlich an anderem Ort aufgestellten Fahrzeughalle. Die Busgarage in Pirna, das einzige ortsfest überlieferte Beispiel, wäre nicht minder wert, erhalten und konserviert zu werden – zunächst durch eine seitens der Kommune zu veranlassende denkmalpflegerische Notsicherung. Es muss ergänzt werden, dass daneben noch weitere historische Gebäude auf dem Sonnenstein wie die Aufbahrungshalle der Heil- und Pflegeanstalt, in der 1940/41 möglicherweise Sektionen von Opfern der Tötungsanstalt erfolgten, in ähnlicher Weise bedroht sind, verloren zu gehen.

 

Dr. Boris Böhm, Historiker, ist seit 1999 Leiter der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein.

Barbara Schulz und Axel Drieschner, betreiben gemeinsam das Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege Berlin, das ab 2002 (bau-) archäologische Untersuchungen für die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein durchgeführt hat und 2012/2013 den Ausstellungsbereichs »Sachzeugen« konzipierte.

 

[1] Johannes Cramer, Bauliche Zeugnisse der »Euthanasie«-Morde in der Anstalt Pirna-Sonnenstein, in: Nationalsozialistische Euthanasie-Verbrechen in Sachsen. Beiträge zu ihrer Aufarbeitung, Dresden/Pirna 1996, S. 143–159.

[2] Friedhelm Schwabe, Untersuchungsbericht zur Neubewertung der Schlussfolgerungen aus den bis 1996 erfolgten bauarchäologischen Untersuchungen im Keller des Gebäudes C 16 und im Außenbereich unter dem Aspekt einer zwischenzeitlich erweiterten Befundlage, August 2006 (unveröffentlicht, Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein).

[3] Dr. Hans Kemnitz, Das Knochenmaterial von Pirna-Sonnenstein. Eine anthropologische Untersuchung, Teil II, 1. 9. 2004 (unveröffentlicht, Archiv der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein).

[4] Axel Drieschner, Barbara Schulz, Spuren der Vernichtung. Archäologie und Bauforschung am Schutthang und im ehemaligem Krematorium der »Euthanasie«-Anstalt Pirna-Sonnenstein, S. 105 ff, in: Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V. (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte des Sonnensteins und der Sächsischen Schweiz, Heft 8, Pirna 2010, S. 103–135.

[5] Möglicherweise wurde eine ca. 600 Meter entfernte größere Mülldeponie der Heil- und Pflegeanstalt ebenfalls zur Beseitigung der menschlichen Überreste verwendet. Auf diesem zur DDR-Zeit teilweise überbautem Areal sind noch keine Forschungen erfolgt. Ein Teil der Asche der Opfer wurde in Urnen abgefüllt und den Angehörigen auf Anfrage zugesandt.

[6] Abb. in: Drieschner/Schulz, S. 126 u. 131.

[7] Ähnliche Funde ergaben sich auf dem Gelände der ehemaligen »Euthanasie«-Anstalt in Hartheim (Österreich).

[8] Johannes Cramer, Spuren der »Euthanasie«-Morde. Bauarchäologische Untersuchungen in der Gedenkstätte Hadamar, S. 202 sowie Abb. S. 207 und 214, in: Verlegt nach Hadamar. Die Geschichte einer NS-»Euthanasie«-Anstalt, Kassel 1991, S. 199-215.

[9] Zu den Zeugenberichten siehe: Thomas Schilter, Unmenschliches Ermessen. Die nationalsozialistische »Euthanasie«-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein 1940/41, Leipzig 1998, S. 75.

[10] Axel Drieschner, (Drohender) Verlust eines zeithistorischen Baudenkmals, in: Umrisse. Zeitschrift für Baukultur, 14. Jg. 2014, Heft 4/5, S.6 (www.umrisse.de/Archiv/umrisse_2014_04_05.pdf).