»In Neustadt an der Haardt (heute: Neustadt an der Weinstraße) errichteten die Nationalsozialisten im März 1933 ein Arbeits- und Konzentrationslager. Es war eines der ersten in Deutschland. Bis zur Schließung des Lagers (…) waren über dreihundert[1] hauptsächlich politische Häftlinge in diesem Lager inhaftiert. Der Förderverein ›Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt e.V.‹ sieht seine Aufgabe darin, die Erinnerung an das Geschehen wach zu halten, indem er dazu beiträgt, dass die Gedenkstätte ein Ort ist, an dem Lernen für Gegenwart und Zukunft stattfinden kann. Eine handlungsorientierte Vergegenwärtigung der Menschenrechte steht dabei im Zentrum der pädagogischen und historischen Arbeit.«[2]
Seit 2013 besteht in Neustadt an der Weinstraße eine Gedenkstätte am Ort eines frühen Konzentrationslagers der Nationalsozialisten. Seitdem haben rund 1000 Besucherinnen und Besucher diesen Gedenkort besucht.
Im Oktober 2000 hielt der Neustadter Diakon und Religionspädagoge Eberhard Dittus erstmals eine Namensliste mit »Insassen des Konzentrationslagers Neustadt an der Haardt im März 1933« in Händen. Geschickt hatte sie ihm die Tochter eines der ehemaligen Häftlinge. Gemeinsam mit einer Gruppe von Konfirmanden machte sich Eberhard Dittus danach auf Spurensuche in Neustadt. Die Jugendlichen wollten mehr erfahren über das Schicksal dieser Männer und die Geschichte ihrer Stadt in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus diesen Recherchen erwuchs die Idee, im bisher ungenutzten ehemaligen Gefängnisgebäude der Turenne-Kaserne eine Gedenkstätte mit Geschichtswerkstatt einzurichten. Eberhard Dittus präsentierte seine Idee anlässlich einer Gedenkveranstaltung zum 27. Januar 2009 sowohl dem Eigentümer, der Hornbach Holding AG als auch der Stadt Neustadt. Für Albrecht Hornbach, den Vorstandsvorsitzenden der Holding, war diese »dunkle« Vergangenheit des neu erworbenen Kasernen-Areals »… eine erschreckende Erkenntnis. Gleichzeitig verlangte dies eine Auseinandersetzung mit dem Thema – wie ich überhaupt davon überzeugt bin, dass wir Deutschen mit zunehmender zeitlicher Entfernung zur jüngeren Vergangenheit uns nicht von dieser wegstehlen dürfen, sondern uns weiterhin mit der Zeit der Hitler-Diktatur auseinandersetzen müssen. Dies vor allem dann, wenn wie hier neue Informationen ans Tageslicht kommen. Aus dieser Überzeugung heraus haben wir dann auch der Einrichtung einer Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt im ehemaligen Gefängnis der Kaserne zugestimmt, weil wir mit voller Überzeugung hinter dem Projekt »Gedenkstätte für NS-Opfer« stehen.«[3] Auch die Stadt Neustadt signalisierte Unterstützung, und so konnte bereits einige Monate später, am 4. November 2009 in Neustadt an der Weinstraße in den Räumen der Hornbach AG der Förderverein ›Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt e.V.‹ gegründet werden. Die Hornbach Holding AG, selbst Mitglied im Förderverein, erklärte sich bereit, dem Verein das ehemalige Kasernengefängnis unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, um dort eine Gedenkstätte einzurichten. Der neu gewählte Vorstand des Vereins machte sich nun in verschiedenen Arbeitsgruppen ans Werk: Es mussten ein inhaltlich-pädagogisches Nutzungskonzept erstellt, bauliche Maßnahmen geplant und Finanzierungsmöglichkeiten gesucht werden.
Kurz nach der Vereinsgründung und einigen Presseberichten entbrannte eine Diskussion um die Benennung dieses historischen Ortes. Die Bezeichnung »Konzentrationslager« hielten einige Bürger und Lokalhistoriker für »irreführend« und befürchteten eine Stigmatisierung ihrer Stadt. Sie schlugen Begriffe wie »Schutzhaftlager«, »Internierungslager« oder gar »Regionales Übergangslager – sogenanntes Schutzhaftlager« vor.[4] Durch Einholung von Expertisen von Dr. Carina Baganz[5] (TU Berlin) sowie durch Angelika Arenz-Morch vom NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz in Osthofen konnten diese Argumente entkräftet werden, so dass sich nun die Bezeichnung »Frühes Konzentrationslager« durchgesetzt hat. Die Diskussion hat allerdings auch gezeigt, dass es in Neustadt einen großen Bedarf gibt, die NS-Geschichte der Stadt aufzuarbeiten.
Unterstützung erfuhr der Verein von vielen Seiten: Das Land Rheinland-Pfalz genehmigte Fördermittel aus dem Investitionsstock, die Stadt Neustadt stellte Gelder für die Sanierung des Gebäudes zur Verfügung. Auch die Hornbach Holding AG leistete einen erheblichen Beitrag zur Sanierung durch die Bereitstellung von Know-how und Spendengeldern. So konnten allein in die Sanierung des Gebäudes rund 100 000 Euro investiert werden. Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz stand bei der inhaltlichen Ausgestaltung beratend zur Seite und für die Ausstattung der Gedenkstätte konnten schließlich auch Finanzmittel der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz genutzt werden. Außerdem erhielt der Verein von engagierten Bürgerinnen und Bürgern, von Firmen sowie von Angehörigen der ehemaligen Häftlinge Sach- und Geldspenden. Und nicht zuletzt brachten viele Mitglieder des Vereins ihre Zeit und Arbeitskraft mit ein.
So konnte am 10. März 2013, 80 Jahre nach der Einrichtung des Konzentrationslagers, die Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt eröffnet werden.
In Bayern und somit auch in der bayerischen Pfalz übernahmen die Nationalsozialisten am 9. März 1933 die Regierungsgewalt. Die von Dr. Heinrich Held geführte Regierung der Bayerischen Volkspartei (BVP) wurde abgesetzt und floh aus der Landeshauptstadt München. Wie in großen Teilen des Deutschen Reiches wurde auch in der Pfalz dieses Ereignis mit großen Aufmärschen gefeiert und demonstrativ auf öffentlichen Gebäuden die Hakenkreuzfahne aufgezogen. Zeitgleich mit diesen Feierlichkeiten begann die Verfolgung der politischen Gegner der Nationalsozialisten. Die neuen Machthaber wollten »im Interesse der öffentlichen Sicherheit« alle kommunistischen Funktionäre und Reichsbannerführer in Schutzhaft nehmen und Waffensuchungen vornehmen.[6] In Neustadt an der Haardt setzten die Verantwortlichen diese Anordnung vom 10. März 1933 sofort um: Noch am gleichen Tag wurden 32 politische Gegner in Schutzhaft genommen.[7] Diese Häftlinge wurden zum Teil im Amtsgerichtsgefängnis in der Lindenstraße untergebracht, ein Teil wurde aber auch direkt in ein neu geschaffenes Konzentrationslager in einer ehemaligen Kaserne zwischen Neustadt und Speyerdorf (heute Turenne-Kaserne) eingeliefert.[8] In dieser von den französischen Besatzungstruppen erbauten Kaserne befand sich bereits seit Oktober 1932 das Lager »Rheinpfalz«, eine Abteilung des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Die Häftlingszahlen in dem neu geschaffenen Konzentrationslager schnellten bald in die Höhe. Bereits eine Woche nach der Einrichtung waren etwa 200 politische Gefangene dort untergebracht.[9] Nur wenige Tage später meldete die Presse 275 bis 300 Häftlinge im »Schutzhaftlager Rheinpfalz«.[10] Damit war das Lager wohl hoffnungslos überfüllt, denn ein geplanter Häftlingstransport aus Landau wurde wegen der Überbelegung des Neustadter Lagers nicht durchgeführt[11].
Die Häftlinge waren politische Gegner des Nationalsozialismus, Funktionäre der KPD, der SPD, der SAP und des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, aber auch Mitglieder der Naturfreunde, der Gewerkschaften, des Rotfrontkämpferbundes und der Separatisten-Bewegung. Sie stammten nicht nur aus Neustadt, sondern aus allen Teilen der Pfalz, besonders aus Kaiserslautern, Pirmasens und dem Raum Kusel wurden Schutzhäftlinge in das Neustadter Lager eingeliefert.[12] Nach heutigen Erkenntnissen wurden etwa 500 Häftlinge[13] aus über 80 Städten und Gemeinden der Pfalz[14] im Konzentrationslager Neustadt inhaftiert.
Die Bewachung des Lagers übernahmen SA- und SS-Leute, die ebenfalls, neben Angehörigen des Arbeitsdienstes und den Schutzhäftlingen, in einem Block des großen Kasernengeländes untergebracht waren.[15] Ca. 200 SA- und SS-Leute sowie Mitglieder des Stahlhelms nahmen dort an Fortbildungsmaßnahmen und Lehrgängen teil. Ein Großteil der SS-Leute stammte aus einer Ludwigshafener SS-Einheit. Die Lehrgangsteilnehmer wurden zu Wachdiensten im Gefangenenlager herangezogen.[16] Unterstellt waren die SA- und SS-Männer dem SA-Standartenführer Adam Durein, der jedoch selten anwesend war. Das Kommando hatte dann der Sturmführer der Neustadter SS, Eugen Huber.[17]
Einen besonderen Stellenwert in der Forschung erhält das Konzentrationslager in Neustadt an der Haardt durch die Tatsache, dass die erste erhalten gebliebene Lagerordnung eines Konzentrationslagers aus Neustadt stammt. Diese Lagerordnung für politische Gefangene vom 18. März 1933 regelte den Tagesablauf und das Leben der Häftlinge im Lager. Unterzeichnet ist die Lagerordnung von Standartenführer Durein als dem Beauftragten für das Gefangenenlager.[18] Im Arbeitsdienst wurden die Häftlinge eingesetzt beim Bau eines Flugplatzes im nahen Speyerdorf, aber auch für Arbeiten auf dem Kasernengelände selbst, da wohl nicht ausreichend Arbeit außerhalb vorhanden war.[19] Diese Arbeiten wurden von den Wachleuten nicht selten dazu benutzt, die Häftlinge zu demütigen. So wurden besonders Intellektuelle zu körperlicher, für sie ungewohnter Arbeit herangezogen und dabei verhöhnt.[20]
Über die Verpflegung der Häftlinge im Lager gibt es keine genauen Angaben, die zeitgenössische Presse schildert sie in den üblichen verharmlosenden Propagandaartikeln als »einfach, aber nahrhaft und ausreichend«[21]. Die Häftlinge wurden, gemeinsam mit den sie bewachenden SA- und SS-Leuten, aus der Küche des Freiwilligen Arbeitsdienstes mitversorgt. Dies brachte die Stadt Neustadt schnell in finanzielle Bedrängnis. In einem Schreiben an das Bezirksamt vom 17. März 1933 berichtete der kommissarische Bürgermeister von Neustadt, dass durch die Mitverpflegung der Häftlinge die Mittel des Freiwilligen Arbeitsdienstes völlig aufgebraucht wären und bat um Hilfe.[22] Übernommen wurden die Kosten schließlich vom bayerischen Innenministerium, das am 26.04.1933 15.000 RM für das Lager »Rheinpfalz« anwies.[23]
Nicht nur Schikane und Demütigung bei der Arbeit, sondern auch Misshandlungen waren im Neustadter Lager an der Tagesordnung. Ein Teil der Häftlinge wurde in schwerster Weise von den SA- und SS-Leuten durch Schläge mit Gummiknüppeln und Stahlruten misshandelt.[24] Ein Häftling wurde gezwungen, mit bloßen Händen einen verstopften Abort zu reinigen. Als er zögerte, erhielt er von einem SS-Mann einen Tritt ins Gesäß und einen Schlag mit einem Gummiknüppel auf den Kopf.[25] Ein anderer Häftling berichtet vom sog. Spießrutenlaufen: Der Häftling musste durch ein Spalier aus SS-Leuten laufen und jeder schlug den Häftling mit einem Gummiknüppel. Besonders berüchtigt für solche Strafaktionen waren die SS-Leute aus Ludwigshafen[26], gegen die, zusammen mit Eugen Huber, nach 1945 auch ein Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet wurde.[27]
Nach einem Besuch des pfälzischen Gauleiters Josef Bürckel am 18. oder 19. März 1933, bei dem dieser sich Beschwerden von Häftlingen vortragen ließ, sollen die Misshandlungen angeblich nachgelassen haben.[28]
Der aufsehenerregendste Vorfall im KZ Neustadt ereignete sich am 16. März 1933. Der Neustadter Reichsbannerführer Hermann Zahm hatte den besonderen Argwohn der Wachmannschaft erregt, denn er wurde verdächtigt, an einem Anschlag auf zwei SA-Leute im Februar 1933 beteiligt gewesen zu sein. Er wurde vom ersten Tag seiner Haft an mit Stahlruten und Gummiknüppeln misshandelt und immer wieder vernommen. Aus Angst vor weiteren Misshandlungen sprang er nach einigen Tagen Haft aus einem Fenster im dritten Stock in den Hof. Er erlitt schwere Verletzungen an den Beinen, an drei Rückenwirbeln und am Kopf. Er musste ein Jahr und vier Monate im Krankenhaus behandelt werden und war danach zu 70 Prozent Invalide.[29]
Das Konzentrationslager in der Neustadter Kaserne wurde vermutlich im April 1933 aufgelöst. Die Häftlinge wurden entlassen oder im Amtsgerichtsgefängnis untergebracht, um einem anderen Konzentrationslager zugeteilt zu werden.[30]
Die von den Franzosen 1923 gebaute Kaserne wurde nach der Schließung des frühen Konzentrationslagers ab 1936 von der Wehrmacht vereinnahmt und zum Sitz einer Nachrichteneinheit. Nach Kriegsende wurden die Gebäude kurzzeitig zur Unterbringung ehemaliger Zwangsarbeiter genutzt, bis diese in ihre Heimat zurückkehren konnten. Danach zogen wieder französische Truppen in die Kasernengebäude und nutzten diese bis zum Abzug im Jahr 1992. Daraufhin wurden die leer stehenden Gebäude zur Unterbringung von Asylsuchenden, ab 1993 von bosnischen Kriegsflüchtlingen, genutzt.
Im Januar 2000 wurde das markante Gebäudeensemble der »Caserne Turenne« als bauliche Gesamtanlage unter Denkmalschutz gestellt. Ein Käufer wurde gesucht und mit der Hornbach Holding AG auch gefunden. Der Konzern entwickelte auf der rund 210 000 m² großen Konversionsfläche unter anderem ein Sondergebiet für großflächigen Einzelhandel sowie Dienstleistungs- und Gewerbeflächen. Inzwischen beherbergen die 120 Jahre alten Gebäude neben dem Firmenstammsitz auch zwei Kindergärten, ein Fitness-Center, ein Generalkonsulat, Behörden und weitere Unternehmen.
Das »dunkle« Kapitel der Gebäudegeschichte als Konzentrationslager 1933 war dem Käufer zum Zeitpunkt des Erwerbs unbekannt – in Neustadt gab es bis Ende der neunziger Jahre keinerlei Aufarbeitung der NS-Geschichte der Stadt, die immerhin Sitz des pfälzischen Gauleiters Josef Bürckel und damit auch vieler Parteistellen und Behörden gewesen war.
Die Hornbach Holding AG übernahm in vorbildlicher Weise Verantwortung und unterstützte das »Projekt Gedenkstätte« von Beginn an. Sie wurde Gründungsmitglied im Förderverein und hat diesem das Gebäude des ehemaligen Kasernengefängnisses unentgeltlich für die Gedenkarbeit zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat sie den Verein großzügig bei den Renovierungs- und Ausbaumaßnahmen unterstützt.
Das von Schülerinnen und Schülern der Berufsbildenden Schule Neustadt entwickelte Logo, ein roter Winkel hinter schwarzen Gitterstäben, weist den Besucherinnen und Besuchern den Weg durch das »Quartier Hornbach« zur Gedenkstätte im ehemaligen Kasernengefängnis. Durch ein eisernes Gittertor betreten Besucherinnen und Besucher den sogenannten Lichthof, einen langen Gang, der bei der Sanierung durch ein Glasdach überdeckt wurde, um so Fläche zu schaffen für die Ausstellung »März – Mai 1933: Unterdrückung mit System im frühen Konzentrationslager Neustadt – Orte, Täter, Mitläufer und Häftlinge«. Auf einem Tafelsystem in mehreren Ebenen erfahren die Besucherinnen und Besucher nicht nur etwas zum frühen Konzentrationslager in Neustadt, sondern werden auch informiert über die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in der Pfalz, Orte der Verfolgung in Neustadt und über handelnde Personen, wie z.B. auch den pfälzischen Gauleiter Josef Bürckel. Eine großformatige Karte gibt einen Überblick über die frühen Konzentrationslager im Deutschen Reich und ordnet das Neustadter Lager in einen größeren Gesamtkontext ein. Am Ende des Lichthofs erreichen die Besucherinnen und Besucher den ehemaligen Waschraum sowie im Anschluss daran drei Einzelzellen, die bei der Sanierung weitestgehend im Originalzustand belassen wurden, um dem Betrachter einen Eindruck von den Haftbedingungen zu vermitteln. Zwar war in der Zeit des Konzentrationslagers der Großteil der Häftlinge in den größeren Gebäuden der Kasernenanlage gegenüber dem Gefängnis untergebracht, aber das Gefängnis wurde auch in dieser Zeit genutzt, um Häftlinge in verschärften Arrest zu setzen. Die Zellen werden nun genutzt zur Darstellung von Einzelschicksalen, als Raum für kleine Wechselausstellungen und die mittlere Zelle dient als Gedenkraum, in dem alle bekannten Namen der Häftlinge mit ihrem Wohnort und ihrem Beruf auf großen Fahnen präsentiert werden. Vor allem für Angehörige ehemaliger Häftlinge, die die Gedenkstätte besuchen, ist dieser Raum von zentraler Bedeutung. Sie bekommen bei einem Besuch auch die Möglichkeit, den Namen des Angehörigen farbig zu markieren als Zeichen des Erinnerns. Der Weg durch die Gedenkstätte führt weiter in die beiden Gemeinschaftszellen des Gefängnisses. Hier erlaubte die Denkmalschutzbehörde einen Mauerdurchbruch, sodass ein Rundgang durch die Gedenkstätte möglich ist. Diese beiden Räume dienen als eine Art »Geschichtswerkstatt«: Sie enthalten die Häftlingskartei – sowohl in Papierform in Aktenschränken als auch als Datenbank, die über eine PC-Station zugänglich ist. Auch Aktenmaterial zu den Tätern, sowie eine kleine Handbibliothek sind dort zu finden. Hier können Gruppen, die die Gedenkstätte besuchen, recherchieren und arbeiten. Dazu hat die Arbeitsgruppe »Pädagogik« des Fördervereins Rechercheaufträge und Arbeitsblätter entwickelt. Dieses Angebot soll weiter ausgebaut werden. Der Rundgang mündet in den größten Raum der Gedenkstätte, der multifunktional genutzt werden kann, z.B. zur Präsentation von Arbeitsergebnissen, für Gruppengespräche oder auch für kleine Veranstaltungen. Ergänzt werden die Räume durch eine Toilettenanlage und ein kleines Büro, sowie seit Kurzem durch Räumlichkeiten im gegenüberliegenden Gebäude des »Quartier Hornbach«, die als Abstell- und Lagermöglichkeit, aber auch zur Gruppenbetreuung genutzt werden. Betrieben wird die Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt ausschließlich durch ehrenamtliche Mitarbeiter, größtenteils Mitglieder des Fördervereins. So ist gewährleistet, dass die Gedenkstätte jeden Sonntag von 14 bis 16 Uhr für Besucherinnen und Besucher geöffnet ist. Zu anderen Zeiten sowie für Gruppen ist momentan der Besuch nur nach vorheriger Anmeldung möglich.
Die Eröffnung der Gedenkstätte hat in Neustadt dazu geführt, dass die Bereitschaft, sich mit dem NS-Kapitel der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen, gestiegen ist. Allerdings kommen die größten Impulse dazu immer noch von außen. So hat im März 2014 im Saalbau, dem Neustadter Kongresszentrum, eine große Tagung mit dem Titel »Josef Bürckel. Nationalsozialistische Herrschaft und Gefolgschaft in der Pfalz« stattgefunden. Initiatoren waren die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, das Landesarchiv Speyer und der Offene Kanal in Ludwigshafen. Kooperationspartner waren dazu aber auch der Historische Verein der Pfalz, der Förderverein für NS-Opfer in Neustadt und die Stadt Neustadt. Mit über 250 Teilnehmenden war die Tagung mehr als gut besucht, auch eine Nachfolgeveranstaltung im November 2014 fand großes Interesse. Angesichts dessen und der klaren und deutlichen Worte, die die Veranstaltenden fanden, wächst auch bei den Vertretern der Stadt die Bereitschaft, mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte von Neustadt zu beginnen.
So könnte in Zukunft eine Gedenktopografie entstehen, die maßgeblich von drei Säulen getragen wird: der Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt als Ort der frühen Verfolgung und der Erinnerung an die Opfer, der »Villa Böhm«, in der Josef Bürckel als Gauleiter der Pfalz von 1935 bis 1944 seinen Sitz hatte und in der die Geschichte der Täter erzählt werden könnte, und mit dem ehemaligen Sitz der Gestapo. Für die Gestapostelle Neustadt sind über 60 000 Karteikarten, sowie 12 000 Gestapo-Akten erhalten.[31] Sie dokumentieren auf eindrucksvolle Weise das System von Denunziation und Verfolgung durch die Gestapo. In dem Gebäude sind im Keller noch Original-Haftzellen erhalten. Das Haus wurde bis Ende 2014 vom Finanzamt genutzt, Eigentümer ist der Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung. Das Landesarchiv Speyer stellte gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz eine Anfrage an das Finanzministerium Rheinland-Pfalz. Ziel ist es, im Keller des Gebäudes, der unabhängig vom Hauptgebäude durch einen separaten Eingang zugänglich ist, eine Gedenkstätte einzurichten, in der das System der Gestapo und das Schicksal der Verfolgten dokumentiert werden sollen. Das Ministerium wurde gebeten, dieses Ziel zu unterstützen und bei einer möglichen Neuverwendung oder Veräußerung des Gebäudes zu berücksichtigen. Durch den Wechsel an der Spitze des Finanzministeriums im November 2014 steht eine Entscheidung hierzu noch aus.
Die Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt erhielt im Doppelhaushalt des Landes Rheinland-Pfalz 2014/15 erstmals Fördermittel, die für den weiteren Ausbau der Gedenkstätte genutzt wurden. Ziel für die Zukunft ist es, das Angebot der Gedenkstätte weiter auszubauen, sodass mehr Gruppen die Gedenkstätte besuchen und weitere Veranstaltungen dort durchgeführt werden können. Nur mit ehrenamtlich Tätigen wird dieses Bemühen allerdings bald an seine Grenzen stoßen, sodass auch hier eine langfristige Möglichkeit der Finanzierung einer hauptamtlichen Stelle gesucht werden muss.
Bei ihrem Besuch am 13. Juli 2013 schrieb die Schirmherrin der Gedenkstätte, die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und gebürtige Neustadterin Malu Dreyer Folgendes ins Gästebuch: »Aus der Geschichte zu lernen ist unsere Pflicht. Damit das möglich ist, braucht es Menschen wie Sie, die die Geschichte – auch das schrecklichste Kapitel unserer Geschichte – sichtbar machen. Danke!«
Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt
Quartier Hornbach 13a, 67433 Neustadt/Weinstraße
info@gedenkstaette-neustadt.de | www.gedenkstaette-neustadt.de
Martina Ruppert-Kelly, hat schon während ihres Studiums der Geschichte und der Germanistik für das Lehramt seit 1998 als freie und seit 2008 als festangestellte Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz in der Gedenkstätte KZ Osthofen gearbeitet. Seit 2010 ist sie die Leiterin des Pädagogischen Dienstes.
Eberhard Dittus, ist als Religionspädagoge seit 1980 Bildungsreferent bei der Evangelischen Kirche der Pfalz, u.a. zuständig für friedenspädagogische Projekte und Gedenkarbeit sowie seit 2009 Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt an der Weinstraße.
»Das Geheimnis der Versöhnung ist die Erinnerung. Neustadt an der Haardt 1933 bis 1945«, hrsg. v. Eberhard Dittus, Karl Fücks und Heiko Müller, Neustadt 1998.
Krause-Schmitt, Ursula/Arenz-Morch, Angelika/Berkessel, Hans: Von »Schutzhaft« und »Umerziehung« zur Vernichtung: Zu einigen Aspekten des nationalsozialistischen Lagersystems in Rheinland-Pfalz. In: »Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz«, Bd. 2: »Für die Außenwelt seid ihr tot!«, hrsg. v. Hans-Georg Meyer und Hans Berkessel, Mainz 2000.
Meyer, Hans-Georg/Roth, Kerstin: »Wühler, Saboteure, Doktrinäre«. Das Schutzhaftlager in der Turenne-Kaserne Neustadt an der Haardt. In: Instrumentarium der Macht. Frühe Konzentrationslager 1933–1937, hrsg. v. Wolfgang Benz und Barbara Distel, Berlin 2003. (Geschichte der Konzentrationslager 1933–1945, Band 3).
Morweiser, Hermann: Vom Lager Rheinpfalz nach Dachau gebracht. In Neustadt ist das provisorische KZ fast vergessen. In: die tat, 23. 10. 1981.
Ruppert-Kelly, Martina: »Im Interesse der öffentlichen Sicherheit«: Das Schutzhaftlager Neustadt an der Haardt (März–Mai 1933). In: Vorbei – Nie ist es vorbei. Beiträge zur Geschichte der Juden in Neustadt an der Weinstraße, hrsg. v. Paul Habermehl und Hilde Schmidt-Häbel, Neustadt 2005 (Schriftenreihe d. Bezirksgruppe Neustadt im Historischen Verein Pfalz, 13), S. 137–143.
[1] Forschungsstand 2009, neueste Erkenntnisse gehen von ca. 500 Häftlingen aus.
[2] www.gedenkstaette-neustadt.de/der-verein/unsere-satzung (Abruf 4. 2. 2015).
[3] Ansprache zur Eröffnung der Gedenkstätte für NS-Opfer am 10. März 2013 von Albrecht Hornbach, in: www.gedenkstaette-neustadt.de/wp-content/uploads/2013/11/Albrecht_Hornbach_Ansprache_Eroeffnung.pdf (Abruf 4. 2. 2015).
[4] Zur Diskussion um die Bezeichnung vgl. Die Rheinpfalz, Mittelhaardter Rundschau, Leserbriefe, 31. 3. 2012; »Streit um Stellenwert und Adjektive«, 18.06.2012; »Der Vergangenheit stellen«, 2. 7. 2012.
[5] Vgl. www.gedenkstaette-neustadt.de/wp-content/uploads/2013/08/Baganz_Vortrag_NW.pdf (Abruf 4. 2. 2015).
[6] Vgl. LA Speyer, H 41, Nr. 304.
[7] Vgl. LA Speyer, J 89, Nr. 1.
[8] Vgl. Schreiben der Polizei Neustadt a.d. Haardt an den Stadtkommissar, 10. 3. 1933; Antifa-Archiv Morweiser Ludwigshafen.
[9] Vgl. Schreiben des kommissarischen I. Bürgermeisters Neustadt a.d. Haardt an das Bezirksamt, 17. 3. 1933; Antifa-Archiv Morweiser Ludwigshafen.
[10] Vgl. Landauer Anzeiger, 20. 3. 1933.
[11] Vgl. Edenkobener Rundschau, 25. 3. 1933.
[12] Vgl. Landauer Anzeiger, 30. 3. 1933.
[13] Vgl. www.gedenkstaette-neustadt.de/haeftlinge (Abruf 4. 2. 2015).
[14] Vgl. www.gedenkstaette-neustadt.de/herkunftsorte (Abruf 4. 2. 2015).
[15] Vgl. Landauer Anzeiger, 30. 3. 1933.
[16] Vgl. LA Speyer J 72, Nr. 378.
[17] Vgl. LA Speyer, J 72, Nr. 332 u. 378.
[18] StA Neustadt/Weinstraße, Karton 5624.
[19] Vgl. Landauer Anzeiger, 30. 3. 1933.
[20] Vgl. NSZ Rheinfront, 23. 3. 1933 und LA Speyer, J 71, Nr. 428.
[21] Landauer Anzeiger, 20. 3. 1933.
[22] Vgl. Schreiben der Polizei Neustadt a.d. Haardt an den Stadtkommissar, 10. 3. 1933; Antifa-Archiv Morweiser Ludwigshafen.
[23] Vgl. Drobisch, Klaus/Wieland, Günther: System der Konzentrationslager 1933–1939, Berlin 1993, S. 87.
[24] Vgl. LA Speyer, J 72, Nr. 378.
[25] Vgl. LA Speyer, J 72, Nr. 378.
[26] Vgl. LA Speyer, J 72, Nr. 332.
[27] Vgl. LA Speyer, J 72, Nr. 332 und 378.
[28] Vgl. LA Speyer, J 71, Nr. 428.
[29] Vgl. LA Speyer, J 72, Nr. 378.
[30] Vgl. Pfälzer Kurier, 17. 3. 1933.
[31] LA Speyer, H90 und H 91; Aktenbestand der Gestapostelle Neustadt ist mit Würzburg und Düsseldorf der einzig erhalten gebliebene Bestand dieser Art.