Die Fondation pour la Mémoire de la Deportation

04/1998Gedenkstättenrundbrief 82, S. 29-32
Katharina Hertz-Eichenrode

Die ehemaligen Deportierten sind die Träger der Erinnerung an Verfolgung, Internierung und Deportation in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager. Diese Erinnerung aufzuzeichnen, aufzubewahren und weiterzugeben an die nachfolgenden Generationen, diesem Ziel haben sich die vielen nationalen und internationalen Lagergemeinschaften und Verbände ehemaliger Verfolgter verschrieben. Immer drängender wird jedoch überall die Frage, wer das Erbe der Erinnerung übernimmt nach dem Verschwinden derjenigen, die die Lager selbst noch erlebt haben. Was soll außerdem geschehen mit privaten Nachlässen ehemaliger Verfolgter oder mit den über Jahre hinweg zusammengetragenen Archiven der Häftlingsverbände? Neben diesen Fragen wird gleichzeitig auch deutlich, daß viele Erinnerungen bisher immer noch nicht festgehalten worden sind, daß es in der systematischen Forschung zum Verfolgungssystem der Nazis und zu einzelnen Lagern noch viele Forschungslücken gibt.

Die genannten Fragen und Erkenntnisse haben in Frankreich 1990 zur Gründung einer Stiftung geführt, der Fondation pour la Mémoire de la Déportation (FMD) – das ist die Stiftung zur Erinnerung an die Deportation.1 Gründerorganisationen waren die Fédération Nationale des Déportés Internés Résistants et Patriotes (FNDIRP) und die Union Mutuelle d’Ile de France (UMIF). Alle französischen Lagergemeinschaften, Verfolgten- und Deportiertenorganisationen, Museen und historische Forschungseinrichtungen, Persönlichkeiten aus der Résistance, einzelne Städte und Departements unterstützen die Fondation heute durch aktive Mitarbeit und/oder Bereitstellung von Stiftungskapital. Die lange Liste der Partner- und Mitgliedsorganisationen zeigt, daß es die Fondation geschafft hat, nicht nur die vielen Organisationen der Verfolgten und Deportierten zusammenzuführen, sondern auch Institutionen miteinzubeziehen, die für die Bewahrung der Erinnerung und ihre Weitergabe in Zukunft das Erbe der Verfolgten- und Deportiertenorganisationen übernehmen müssen: Forschungseinrichtungen, Lehrerverbände, kommunale und regionale Verwaltungen. Die Fondation steht unter der Schirmherrschaft des französischen Staatspräsidenten. Das Innenministerium, das Bildungsministerium und das Ministerium für Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer entsenden jeweils einen Vertreter in den Stiftungsvorstand.

Das große Ziel der Stiftung ist es, über den Zeitpunkt des vorhersehbaren Verschwindens der Verbände der Deportierten und Internierten hinaus dahingehend zu wirken, daß die Erinnerung an die nationalsozialistische Verfolgung, Internierung und Deportation und die Erinnerung an den Völkermord bewahrt wird. Gemäß diesem Ziel unterstützt und verfolgt die Fondation folgende Aktivitäten:

• Erhalt der Archive und der historischen Orte der ehemaligen Lager sowie anderer Erinnerungsorte

• Förderung von Forschungen, Studien, historischen und sozialmedizinischen Veröffentlichungen

• Mitwirkung bei der Vermittlung der Erinnerung im inner- und außerschulischen Bereich

• Einrichten einer Videothek mit Lebensberichten von aus Frankreich deportierten Personen

• mit juristischen Mitteln eintreten für die moralischen Rechte und die Ehre der Deportierten, Internierten und Widerstandskämpfer

• Vorgehen gegen Verfälscher und Leugner historischer Tatsachen genauso wie gegen jede Form von Rassismus

Die Stiftung wird von einem Vorstand und den ihn beratenden Gremien geleitet; die organisatorische Arbeit obliegt einem hauptamtlichen Geschäftsführer. Sechs Kommissionen koordinieren die inhaltliche Arbeit zu den Schwerpunkten: Geschichte, Kommunikation (Veröffentlichungen), Videothek, Bildung, Archiv/Dokumentation, Sozialmedizin (gemeint: soziale, medizinische und psychische Auswirkungen der Deportation).

Den Kommissionen gehören ehemalige Häftlinge und durch ihre Sachkenntnis ausgewiesene Personen an, sie arbeiten eng mit wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen, Archiven und Museen zusammen. Mit der konkreten Arbeit zur Realisierung der unterschiedlichen Projekte der Fondation sind z.Zt. noch französische Zivildienstleistende und Wehrpflichtige betraut. Diese arbeiten zwölf oder 24 Monate für die Fondation, da es sich jedoch um qualifizierte Personen handelt, die zumeist ein Grundstudium in Geschichte oder einem anderen relevanten Fach abgeschlossen haben, können sie sich relativ schnell in die ihnen übertragenen Aufgaben einarbeiten.2

Ein wichtiger Arbeitsbereich ist das systematische Erfassen von französischen Archivbeständen zur Deportation, ein entsprechender Archivführer wurde 1996 veröffentlicht.3 Weitere Archivführer zu Aktenbeständen über die Internierungslager in Frankreich oder SS-Aktenbestände in Deutschland sollen folgen. In Arbeit ist außerdem eine Bibliographie mit den Schwerpunkten Deportation und Sozialmedizin.

Momentan wird an der Erstellung eines Gedenkbuches gearbeitet, das alle aus politischen Gründen deportierten Französinnen und Franzosen namentlich aufführen soll. Dieses Buch ist gedacht als Ergänzung zu dem bereits existierenden Gedenkbuch (Mémorial) für die französischen Juden, das von Serge Klarsfeld zusammengestellt wurde.4 In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß aus Frankreich etwa gleich viele Personen aus politischen wie aus rassischen Gründen deportiert worden sind – wenn auch die Zahl der jüdischen Überlebenden sehr viel geringer war als die der politisch Verfolgten. In der französischen Öffentlichkeit wird jedoch (ähnlich wie in Deutschland) Verfolgung und Deportation häufig nur in Zusammenhang mit der jüdischen Bevölkerung gesehen. Die Organisationen der politisch Verfolgten bemühen sich daher, ihr Schicksal als den zweiten großen Bereich der Geschichte der Deportation geltend zu machen und in der (nationalen) Erinnerung – wieder – zu verankern. Der Erstellung des Gedenkbuches für die aus politischen Gründen Deportierten kommt deshalb in den Augen der Betroffenen größere Bedeutung zu als es auf den ersten Blick erscheinen mag.5 Im Rahmen der Forschungsarbeiten für das Gedenkbuch werden französische Archive erstmalig systematisch nach entsprechenden Dokumenten, z.B. Transportlisten, durchsucht – oft erfolgreich. Ein erstes Arbeitsergebnis war die Erfassung aller aus dem Durchgangslager Compiègne abgegangenen Transporte in die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager.6

In diesem Jahr (1998) möchte die Fondation die Arbeiten zu einer Videothek mit insgesamt 100 Erinnerungsberichten abschließen. Angestrebtes Ziel ist es, ein möglichst repräsentatives Bild der Deportation zu vermitteln: So hat eine Kommission aus all denjenigen, die sich bereit erklärt hatten oder vorgeschlagen waren für ein Videointerview, einhundert Personen ausgewählt, die möglichst alle Bereiche der Deportation abdecken (Verfolgungsursachen, verschiedene Lager etc.).

Von Beginn an ihrer Arbeit hat die Fondation großen Wert darauf gelegt, die Neuen Medien miteinzubeziehen. So sollen alle Forschungs- und Arbeitsergebnisse der Fondation in Zukunft über eine Multimedia-Datenbank zugänglich sein. Z.Zt. wird daran gearbeitet, bereits vorliegende Daten (wie z.B. den Archivführer, Daten über die Transporte, Informationen über die Video-Interviews etc.) in eine entsprechende Datenbank einzugeben. Die Partnerorganisationen sowie Wissenschaftler können auf Anfrage die Daten über die Computer der Fondation abrufen. In einem nächsten Schritt sollen alle Daten, die einem breiten Publikum zugänglich sein sollen, über das Internet abrufbar sein. Zu Beginn des Jahres 1998 hat die Fondation ein Dokumentationszentrum und eine Mediathek eröffnet, in dem die Materialien und Dokumente der Fondation für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Zentrum befindet sich noch in der Aufbauphase, nach dem Willen seiner Gründer soll es das Zentrum für die Forschung über und die Erinnerung an die Deportation und Internierung werden.7 Ehemalige Verfolgte, Historiker, Forscher und alle, die zum Gelingen des Dokumentationszentrums beitragen wollen, sind aufgerufen, Dokumente, Objekte und Forschungsergebnisse an die Fondation zu schicken.

Eine CD-ROM über die Deportation wird voraussichtlich in diesem Frühjahr fertiggestellt. Man hofft, mit diesem Medium besonders Jugendliche/Schüler zu erreichen. Mit Unterstützung des Bildungsministeriums sollen alle Schulen die CD-ROM erhalten und so die Möglichkeit bekommen, im Unterricht damit zu arbeiten. Interessant ist es zu sehen, wie besonders das Projekt der CD-ROM von allen Häftlings- und Verfolgtenorganisationen aufmerksam begleitet wird – einem Personenkreis also, der altersbedingt zu den Neuen Medien sonst eher wenig Zugang hat. Die Zukunft wird zeigen, ob die Neuen Medien die in sie gesetzten Hoffnungen bezüglich der Bewahrung der Erinnerung an die Deportation wirklich erfüllen können.

Einen Schritt zur Erweiterung des Handlungsspielraumes der Fondation bedeutete 1995 die Gründung eines Vereins der Freunde der Fondation (Association des Amis de la Fondation pour la Mémoire de la Déportation)8. Da das französische Stiftungsrecht nicht vorsieht, Einzelpersonen als Mitglieder in eine Stiftung aufzunehmen, ist somit über die Vereinsstruktur die Möglichkeit für eine Mitarbeit in der Fondation (außerhalb der von der Fondation eingesetzten Fachkomissionen) geschaffen worden. Der Freundeskreis der Fondation zählt momentan etwa 1000 Mitglieder und es ist geplant, regional arbeitende Arbeitskreise einzurichten. Ein Aufgabenbereich der Freunde der Fondation ist es, den Bestand an Erinnerungsberichten zu bereichern, indem Audio-Interviews mit ehemaligen Verfolgten und Deportierten durchgeführt werden. Regionale Arbeitsschwerpunkte werden sich sicherlich in Zukunft herauskristallisieren.

Der Fondation ist es geglückt, alle maßgeblichen Organisationen und Instanzen für ihr Projekt der Bewahrung und Weitergabe der Erinnerungen an die Deportation zu gewinnen. Die Sorge der ehemaligen Verfolgten und Deportierten um ihr Erbe hat sie zur Gründung der Fondation bewogen. Die vielen Institutionen aus dem wissenschaftlichen und öffentlichen Bereich Frankreichs, die die Arbeit der Fondation unterstützen und mittragen, sind der Beweis dafür, daß (in Frankreich) das Vermächtnis der Überlebenden von Verfolgung und Lagern von den nachkommenden Generationen angenommen worden ist. Der Zeitpunkt der Stiftungsgründung erfolgte gerade noch rechtzeitig, so daß die Betroffenen selbst ihr Erbe noch sichten und ergänzen können, um es dann geordnet und mit den notwendigen Leitlinien versehen in die Hände derer zu übergeben, die dieses historisch bedeutende und an menschlichen Schicksalen reiche Vermächtnis verwalten werden.

Sitz der Fondation pour la Mémoire de la Déportation:

71, rue Saint-Dominique

F-75007 Paris

Tel. 0033-0147053188

Fax 0033-0144423562

 

Generalsekretär: Monsieur Claude Mercier

Vorsitzende: Madame Marie-Josée Chombart de Lauwe

1 Im französischen Sprachgebrauch wird unterschieden zwischen Deportation, d.h. der Verbringung von Personen in Gefängnisse und Lager außerhalb Frankreichs, und Internierung, d.h. Gefangenschaft in Lagern und Gefängnissen innerhalb Frankreichs. Die Internierten waren häufig mit Franzosen, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten, konfrontiert (frz. Miliz, Bewachungspersonal). Eine weitere, inzwischen gegründete Stiftung, die Fondation de la Résistance, widmet sich der Erinnerung an die französischen Widerstandsbewegungen.

2 Die Aufhebung der Wehrpflicht in Frankreich stellt die Fondation hier vor Probleme, da Wehrpflichtige und Zivildienstleistende, die vom Staat und nicht der Fondation selbst bezahlt werden, demnächst nicht mehr zur Verfügung stehen.

3 Fondation pour la Mémoire de la Déportation: Guide des sources documentaires sur la déportaion conservées en France. Paris 1996.

4 Serge Klarsfeld: Le Mémorial de la Déportation des Juifs de France. Paris 1978.

5 Zur Entwicklung, die die Erinnerung an die Deportation und den Genozid in Frankreich nach dem Krieg genommen hat siehe Annette Wieviorka: Déportation et génocide. Entre la mémoire et l’oubli. Paris (Plon) 1992.

6 siehe Mémoire vivante (Informationsbulletin der Fondation), Nr. 9, September 1995

7 Centre de documentation – médiathèque. Hôtel national des Invalides, Treppe K, 1. Stock, Zimmer 112–114. Montag bis Freitag von 8.30–16.30 Uhr.

8 Association des Amis de la Fondation pour la Mémoire de la Déportation (A.F.M.D.),

Hôtel des Invalides, 6 boulevard des Invalides (Corridor de Metz, Treppe K), F-75007 Paris,

Tel. 0033-1-40629227, Fax 0033-1-45512789.

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