Die DDR-Gedenkstättenpolitik hatte Anfang der 1970er Jahre den historischen Ort des KZ-Außenlagers Lieberose in dem kleinen brandenburgischen Dorf Jamlitz als Ort des Gedenkens und Darstellens aufgegeben. Noch mehr: Es wurden in dieser Zeit auch fast alle baulichen Relikte des Lagers beseitigt. Dies geschah paradoxerweise, nachdem 1971 ein Massengrab mit etwa 600 Gebeinen ermordeter jüdischer Häftlinge bei Jamlitz gefunden wurde.
Die seit Anfang 1998 von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, dem Kulturministerium des Landes Brandenburg, der Evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Land sowie den Opferverbänden erarbeitete Konzeption sah vor, wieder an den historischen Ort nach Jamlitz zurückzukehren. Zunächst sollten zwei getrennte historische Freiluftdokumentationen in ästhetischer Anlehnung an die Dokumentation auf dem Gelände der ehemaligen Euthanasieanstalt in Brandenburg entstehen. Für eine zweite Phase ist ein Dokumentenhaus für Veranstaltungen, Sonderausstellungen und Archivunterbringung geplant.
Das Vorhaben für zwei räumlich getrennte Dokumentationsstätten in dem Dorf Jamlitz hatte folgende Ausgangssituation zu berücksichtigen.
Erstmals in Deutschland wurde in einem Projekt der Versuch unternommen, die Geschichte zweier Lager, sowohl vor als auch nach 1945, am selben Ort in zwei Ausstellungen gleichzeitig zu gestalten. Diese Situation ergab sich, weil die Gedenkstättenpolitik in der DDR im Umgang mit dem authentischen Ort Jamlitz entschieden hatte, ihn als solchen nach der seit 1947 erfolgten weitgehenden Auflassung und Überbauung seit 1971 weiter unkenntlich zu machen und schließlich ganz zu verlassen. Dass dies damals noch allein mit Bezug auf die schwer in das offizielle Gedenken zu integrierende tatsächliche Geschichte des jüdischen KZ-Außenlagers geschah – wenn auch aus dem Behördenschriftgut Befürchtungen vor der Thematisierung der Speziallagergeschichte durchscheinen –, lässt weitere Betrachtungen notwendig erscheinen. Es existierte seit 1973 bis zum Ende der DDR in Jamlitz keinerlei Hinweis auf die Existenz dieses KZ-Außenlagers. Die Geschichte des Speziallagers Jamlitz war in der DDR ein historiographisches Tabu. 1995 wurde an einem der abseits des ehemaligen Lagergeländes befindlichen Massengräber des Speziallagers eine Gedenkstätte gestaltet, die eine inhaltliche Darstellung der Lagergeschichte nicht ersetzen konnte.
In der Stadt Lieberose, dessen Namen das Lager in der NS-Zeit trug, entstand 1971–1973 an einem willkürlich gewählten Ort ein Mahnmal in antifaschistischem Duktus und 1982 ein Museum. Als der Autor seine Arbeit 1994 begann, war von der Gedenkstättenstiftung Brandenburgs und der Stadt Lieberose noch lediglich die Überarbeitung der weitgehend tendenziösen KZ-Ausstellung und eine erste Ausstellung zum Speziallager ins Auge gefaßt worden. Zwischenzeitlich entstanden bis 1997 zwei Wanderausstellungen, die in zahlreichen Städten in Deutschland gezeigt werden konnten.
Als sich jedoch nach und nach die Erkenntnis durchsetzte, dass die Exhumierung von etwa 600 jüdischen Opfern im Jahre 1971, der Umgang mit ihnen, insbesondere die Verwertung ihres Zahngoldes durch das MfS, die Einäscherung und die Bestattung der Asche in einem Urnengrab an künstlichem Ort in Lieberose und unter antifaschistischer Fahne als ein Akt gedenkstättenpolitischer Blasphemie angesehen werden muss, entstand für die Gedenkstättenstiftung und den Zentralrat der Juden in Deutschland ab Ende 1997 die Notwendigkeit, an den authentischen Ort zurückzukehren. Damit wurde klar, dass die Stadt Lieberose, zunächst Träger des ursprünglichen Vorhabens, als Protagonist ausschied. Es war der leider 2002 verstorbene Dr. Hans Ansorg vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, der sofort begann, entsprechende Mittel für ein Vorhaben in Jamlitz einzufordern und dessen hier besonders gedacht werden soll.
Parallel bot für die Evangelische Kirchengemeinde Lieberose und Land Pfarrer Tilmann Kuhn die zeitlich begrenzte Übernahme des Projektes an. Die Kirchengemeinde kam dafür als ein nicht auf die Stadt Lieberose beschränkter örtlicher Träger in Frage. Die Gedenkstättenstiftung schlug vor, die Rückkehr an den authentischen Ort mit der Einrichtung einer dem Charakter des Außenlagers Lieberose entsprechenden KZ-Gedenkstätte zu verbinden. Die Auffindung des zweiten Massengrabes der 1945 ermordeten 1200 jüdischen Häftlinge erschien der Stiftung als Voraussetzung für die Einrichtung einer solchen Gedenkstätte. Sie wurde hierbei vom Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt. Das Grab ist bis heute nicht gefunden worden. Auch an eine parallele Darstellung der Speziallagergeschichte war ursprünglich noch nicht gedacht.
Zunächst bemühte sich die Kirchengemeinde um eine vorbereitende SAM-Stelle mit Landeshilfe. Es war in dieser Phase der Planungen noch vorgesehen, die Ausstellungen auf einem Grundstück der Kirchengemeinde vis á vis des ehemaligen Lagergeländes entstehen zu lassen, welches diese in das Vorhaben einzubringen gedachte.
Später wurde auf Vorschlag von Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, nach unbebauten Flächen auf dem ehemaligen Lagergelände gesucht, da es eine Inkonsequenz bedeutet hätte, zwar die Erinnerung von Lieberose nach Jamlitz rückzuverlagern, jedoch nicht auf das frühere Lagergelände zurückgekehrt zu sein.
Schließlich entstand im Juli 1999 auf Anregung von Prof. Dr. Morsch eine zu Beginn als zeitweiliger »Beirat« bezeichnete Arbeitsgruppe zur inhaltlichen Vorbereitung des Vorhabens. Eingeladen wurden von der Kirchengemeinde Lieberose und Land außer dem Land Brandenburg und der Gedenkstättenstiftung das Sachsenhausenkomitee, der Mahnmalverein Lieberose, der Zentralrat der Juden, der Landrat, der Amtsdirektor, die Bürgermeister von Jamlitz und Lieberose sowie die Initiativgruppe Internierungslager Jamlitz e.V. und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Für die Kirchengemeinde war der Zentralrat der Juden Ansprechpartner als Opfervertreter. Das sehr persönliche Auftreten von Dr. Peter Fischer hat manche verfahrene Diskussion wieder geöffnet. Das Sachsenhausenkomitee beteiligte sich erst an der Arbeit, nachdem der Beirat in Arbeitsgruppe umbenannt worden war, weil gemäß eigener Grundsätze die Teilnahme an einem gemeinsamen Beirat mit ehemaligen Internierten nicht zulässig war. Es schlug dann entgegen allen Intentionen der Arbeitsgruppe vor, auf dem ehemaligen Lagergelände in Jamlitz nur die Speziallagerausstellung, jedoch die zum KZ-Außenlager überhaupt nicht in Jamlitz, sondern in Lieberose aufzustellen. Dies mußte insbesondere verblüffen vor dem Hintergrund der vorangegangenen Streitigkeiten in Buchenwald und in Sachsenhausen um den räumlichen Vorrang im Verhältnis zwischen KZ- und Speziallagerdarstellung am authentischen Ort. Eigentlich reiche das in Lieberose Bestehende aus, so die Haltung des Sachsenhausenkomitees. Ansonsten werde man dem Projekt nicht zustimmen. In dieser Situation stellte Dr. Ansorg in seiner unvergleichlichen Art klar, dass Geld nur dann zur Verfügung gestellt werde, wenn beide Ausstellungen in Jamlitz entstehen.
An dieser Stelle muß auch das Wirken der Initiativgruppe Internierungslager Jamlitz gewürdigt werden, die durch besonnenes Verhalten in nicht wenigen kritischen Situationen während der zahlreichen Besprechungen viel zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen den verschiedenen Opfergruppen beitragen konnte.
Die auf Anregung der Gedenkstättenstiftung auf dem ehemaligen Lagergelände benötigten Flächen wurden von der Kirchengemeinde erworben, trotzdem die endgültige Trägerschaft für das Vorhaben offen geblieben war. Dieser Prozess, der zum Kauf von rund zwei Hektar Land und Wald führte, wovon etwa die Hälfte auf dem Lagergelände liegt, zog sich trotz dauerhafter Hilfestellung durch die Gedenkstättenstiftung und das Kulturministerium über drei Jahre hin. Die Kaufsummen wurden von der Kirchengemeinde durch Spenden aufgebracht. Die Flächen befinden sich im äußersten nördlichen Teil des ehemaligen Lagergeländes und sind durch einen öffentlichen Weg, den Kiefernweg, voneinander getrennt.
Der damalige Bürgermeisters der Gemeinde Jamlitz hat sich sehr mit einer Unterstützung für das Vorhaben zurückgehalten. Die Jamlitzer Gemeindevertreter haben jedoch, trotz starker allgemeiner Vorbehalte, letztlich einstimmig beschlossen, sie hätten nichts gegen die Errichtung der Ausstellungen in ihrem Dorf. Der Beschluß betonte, die Gemeinde Jamlitz werde jedoch weder als Träger noch mit finanzieller Unterstützung zur Verfügung stehen.
Als der Konsens für zwei Ausstellungen auf dem Lagergelände sich weitgehend gefestigt hatte, änderte das Sachsenhausenkomitee seine Zielrichtung. Nun wurde das Argument vorgebracht, eine Speziallagerdarstellung sei mit Bezug auf internationale Beschlüsse grundsätzlich unverantwortbar, weil ja die Lebensdaten der Internierten etwa auf den individuellen Grabtafeln des Waldfriedhofes eindeutig beweisen würden, dass die Inhaftierten zur Generation der Funktionsträger im NS-Staat gehört hätten. Dies bedeute eine Vermischung der Opfer mit den Tätern. In »Antifa« und einem PDS-Kreisblatt wurden die Kirchengemeinde, die Gedenkstättenstiftung und das Land Brandenburg in einem Rundumschlag der »Geschichtsfälschung« bezichtigt, weil sie sich angeblich bemühten, »die Internierten und die KZ-Häftlinge gleichzusetzen«. Sichtbar wurde an diesem Vorgang auch, dass der Öffentlichkeit suggeriert wurde, das Vorhaben setze sich eine Gedenkstätte, und zwar eine gemeinsame für beide Lager zum Ziel. Dem Bestreben des Vorhabens zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Speziallager, wurde leider weitgehend mit allgemeinen Bewertungen begegnet.
Die weitere Auseinandersetzung drehte sich schließlich darum, wie denn, da ein Doppelprojekt nicht mehr zu verhindern war, ohne zugleich die geplante KZ-Ausstellung in Frage zu stellen, beide Lagerphasen eindeutig inhaltlich und gestalterisch voneinander abzugrenzen seien.
Ein kleiner Wettbewerb ab Ende 1999 zwischen drei ausgewählten Architekturbüros sah die Arbeitsgemeinschaft Bennis-Lohrberg aus Stuttgart als unbezweifelten Gewinner. Sie allein hatten das Thema der zweifachen Lagergeschichte in Jamlitz inhaltlich und gestalterisch zu lösen vermocht. Sie schlugen transluzide, mit Siebdruck bedruckte Glastafeln vor, die in der KZ-Ausstellung neben einem leicht erhabenen Metallgittersteg angeordnet, in der Speziallagerausstellung jedoch in einen wassergebundenen Weg einfügt werden sollten. Die Führung des Metallsteges der KZ-Ausstellung sollte auch den erhaltenen Keller einer Baracke mit in die Ausstellung einbeziehen. Die Tafeln enthalten die Elemente Text, Photo und Dokument. Das Element Dokument ist in den jeweiligen Dokumentationsstätten unterschiedlich farbig unterlegt, ansonsten sind die Tafeln einfarbig.
Schließlich hatte aber das Vorhaben einen weiteren gordischen Knoten zu durchschlagen. Vor dem Lagergelände standen unterdessen drei Steine, je ein Gedenkstein pro Lager und ein authentisches Lagerrelikt, ein behauener Findling mit der Aufschrift »1944 Arbeitslager Lieberose«. In diesem Zusammenhang wurde auch von einem Krieg der Steine gesprochen. Die Gedenkstättenstiftung kündigte das Verlassen des Projektes an, wenn nicht alle drei Steine verschwänden. Der Lagerstein sei durch rechtextreme Gruppen gefährdet, stehe für eine nationalsozialistische Propagandalüge und gehöre in ein Museum. Dieses Verlangen entsprach durchaus der Konzeption, die u.a. eine klare Trennung von Darstellen und Gedenken zum Ausgangspunkt genommen hatte. Die Gemeinde Jamlitz und ehemalige Häftlinge des KZ-Außenlagers Lieberose verwahrten sich bald gegen die erneute Beseitigung des authentischen KZ-Steines. Das Problem blieb lange in der Schwebe, bis schließlich Pfarrer Tilmann Kuhn den Lieberoser KZ-Mahnmalverein und die Initiativgruppe Internierungslager Jamlitz dazu bewegen konnte, jeweils ihre Gedenksteine an die Gedenkstätten in Lieberose sowie in Jamlitz zu versetzen. Der KZ-Stein wurde als Lagerrelikt – zunächst – belassen und in die Dokumentation einbezogen, vorbehaltlich späterer Weiterbehandlung des Problems.
Nachdem alle Voraussetzungen für den Baubeginn, insbesondere die für die Mittelausreichung notwendigen Grundbucheintragungen vorlagen, konnte Ende 2002 schließlich mit der Realisierung begonnen werden. Die Mittel wurden von der Bundesregierung, dem Land Brandenburg und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bereitgestellt.
Die Texte der Ausstellungstafeln entstanden in Zusammenarbeit zwischen der Gedenkstättenstiftung und der Kirchengemeinde und wurden von Prof. Dr. Günter Morsch und Andreas Weigelt verfaßt. Für die Übersetzungen der Texte sorgte Gabriel Fawcett aus Berlin. Das grafische Konzept entwarf das Atelier Berthold Weidner aus Stuttgart. Hergestellt wurden die Tafeln von der Firma Siebdruck Eicher aus Kernen im Remstal. Die Bauleitung vor Ort übernahm das Projektierungsbüro Gundula Reinke aus Lieberose. Die Bauausführung lag in den Händen der Firma Götze Metallbau aus Jamlitz.
Insgesamt wurden 30 Tafeln aufgestellt. Die erste Tafel, unmittelbar an der B 320, gibt den Besuchern eine Orientierung auf dem Lagergelände und nimmt auf den originalen Lagerstein, in dessen Nähe sie steht, Bezug. Die zweite Tafel markiert den ehemaligen Standort des Lagertors. Die KZ-Ausstellung umfaßt 17, die zum Speziallager 11 Informationstafeln.
Die Eröffnung der beiden Freiluftausstellungen am 22. Juni 2003 nahm Steffen Reiche, Minister für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg vor. Den Einführungsvortrag hielt Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, zur Frage des doppelten Erinnerns nicht nur in Deutschland, sondern auch mit Blick auf Osteuropa.
Als Überlebende der Lager sprachen Chaim Piotrkowski aus Israel für das KZ-Außenlager Lieberose und Kurt Noack aus Groß Kölzig für das Speziallager zu den Gästen.
Die Veranstaltung wurde von etwa 400 Gästen aus Nah und Fern besucht. Zur Verwunderung der Veranstalter hat die überregionale Presse vollständiges Desinteresse an der Berichterstattung über dieses Ereignis gezeigt.
Anreise: A12 Abfahrt Fürstenwalde, dann B 168 über Beeskow. A13 Abfahrt Freiwalde oder Duben, ab Lübben B 320, in Jamlitz Richtung Guben, der Kiefernweg geht links ab, die Ausstellungen befinden sich ca. 300 Meter von der Hauptstraße entfernt.
Kontakt: Evangelische Kirchengemeinde Lieberose und Land, Markt 19, 15868 Lieberose,
Tel. 033671-2682 und 2140 | Fax 033671-2140
e-Mail: info@die-lager-jamlitz.de | www@die-lager-jamlitz.de