Die Dokumentationsstätte »Gefangenenhaus Ostertorwache«
Die Dokumentationsstätte befindet sich seit ihrer Eröffnung im Oktober 1999 in einem Zellentrakt des ehemaligen Gefangenenhauses am Ostertor in Bremen. In den Räumlichkeiten, deren ursprünglicher Zustand erhalten wurde, erinnert eine Ausstellung mit Installationen an die Anfänge und die Geschichte des modernen Strafvollzugs in Bremen. Im selben Haus befindet sich auch die Wilhelm Wagenfeld Stiftung, die Ausstellungen zur Geschichte des Industriedesigns zeigt.
In dem Gefangenenhaus Ostertorwache waren fast 170 Jahre lang Menschen aus unterschiedlichen Gründen inhaftiert: Menschen, die Straftaten begangen hatten, die gegen die öffentliche Ordnung verstießen, aber auch politische Gegner und ideologisch Verfolgte des Nationalsozialismus. Die Einträge in den Häftlingslisten sprechen von »Mördern«, »Prostituierten«, »Trunkenbolden«, »Volksschädlingen« oder »Wehrkraftzersetzern«. Seit Beginn der 1970er Jahre bis Anfang 1996 diente das Gefangenenhaus als Abschiebegefängnis für abgelehnte Asylbewerber und stand wegen der katastrophalen Haftbedingungen jahrelang in der öffentlichen Kritik.
Schwerpunkte der Dokumentation, die von dem Staatsarchiv Bremen in Zusammenarbeit mit den Vereinen »Gedenkstätte Ostertorwache e. V.« und »Erinnern für die Zukunft e.V.« konzipiert wurde und betreut wird, sind die Nutzung des Gebäudes als Gefängnis der Gestapo während des »Dritten Reiches« sowie als Abschiebehaft von den Anfängen der 1970er Jahre bis Januar 1996.
Die Geschichte der Ostertorwache
Das »Detentionshaus« Ostertorwache wurde im Jahr 1828 als erstes Bremer Untersuchungs- und als Strafgefängnis eröffnet. Bis dahin wurden die Bremer Gefangenen in den unterschiedlichen Türmen der Festungsanlage inhaftiert. Gegenüber diesen fensterlosen und niedrigen Kerkern war der Bau des Gefangenenhauses Ostertorwache ein großer Fortschritt. Zeitgenossen – wie der Bremer Arzt Heineken im Jahr 1836 – lobten den Bau und die Ausstattung des Gefangenenhauses als »den schönsten Beweis der Humanität Bremens«. Im Inneren des Hauses existierten Zellen von unterschiedlicher Größe und Qualität für über hundert Gefangene. Die Gruppenzellen für Bettler und Vagabunden befanden sich im Keller, im Erdgeschoss die Zellen für eine oder zwei Personen. »Ein größeres Gefangenenzimmer, mit freundlicher Aussicht«, so Heineken in seinem Bericht, diente zur Aufnahme der Gefangenen aus den höheren Ständen.
Äußerlich verriet das Gebäude nichts über seine Nutzung. Klassizistische Säulen und der Giebel verschleierten die Tatsache, dass in seinem Inneren Menschen gefangen gehalten wurden. Dies lag nicht zuletzt an der Lage des Hauses mitten in den ehemaligen Wallanlagen, die man seit 1802 als Park nutzte. Darüber hinaus wohnten die reichen Bremer Bürger in ihren herrschaftlichen Häusern in unmittelbarer Nachbarschaft auf der anderen Seite des Wallgrabens.
Das Gefangenenhaus war schon bald nach seiner Eröffnung häufig überbelegt. Dies lag aber nicht an einem Anstieg der Kriminalitätsrate, sondern hing vielmehr mit dem Anwachsen der Bremer Bevölkerung zusammen.
Im Jahr 1855 wurde das bestehende Gebäude um einen Anbau erweitert. Das Gefängnis konnte nun bis zu 170 Personen aufnehmen. Trotzdem kam es häufig zu Überfüllungen in den Zellen und zu Beschwerden über die schlechten hygienischen Bedingungen. Bis in das Jahr 1922 stand den zeitweilig mehr als zweihundert Gefangenen ein einziger Baderaum im Keller zur Verfügung. Das Stroh in den Matratzen war oft faulig und wie die Kleidung voller Ungeziefer, die Zellenwände schimmelten und waren feucht, kranke und gesunde Gefangene mussten sich eine Zelle oder gar ein Bett teilen.
Die »Kundschaft« des Gefangenenhauses bestand bis in die Weimarer Republik hinein u. a. aus Kriminellen, Prostituierten und Betrunkenen, die ausgenüchtert wurden. Aber auch Bremer Schüler waren hier inhaftiert, wenn sie der Schulpflicht nicht nachkamen. Die politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik, die auch in Bremen zum Teil gewaltsam auf der Straße ausgetragen wurden, erweiterten dieses Spektrum um den »politischen Gefangenen«. Zumeist handelte es sich dabei um Kommunisten oder Sozialdemokraten.
Unmittelbar nach der Übernahme der Macht in Bremen durch die Nationalsozialisten am 6. März 1933 wurden die ersten politischen Gegner des Regimes verfolgt und inhaftiert. Das Gefangenenhaus war für viele dieser Gefangenen die erste Station auf ihrem Leidensweg, der sie über Verhöre und Misshandlungen ins Zuchthaus und ins Konzentrationslager führen konnte. Mit 228 Gefangenen war die Ostertorwache bereits Ende März 1933 vollkommen überbelegt; das Haus war für höchstens 178 Personen ausgelegt. Die SA und die »Hilfspolizei« richteten daraufhin in den Hallen eines ehemaligen Bremer Auswandererbüros ein »wildes« KZ ein, in dem sie nun ihre Gefangenen festhielten und quälten. Die Ostertorwache blieb während der nationalsozialistischen Herrschaft weiterhin ein »normales« Polizeigefängnis, sie war aber auch das Polizeigefängnis der Gestapo, deren Dienststelle in Bremen nur wenige hundert Meter von dem Gefangenenhaus entfernt war. Die Gestapo ging in dem Haus frei ein und aus, obwohl das Gebäude institutionell der Bremer Justizverwaltung unterstellt blieb. Im Keller des Gebäudes hatte die Gestapo sogar ein eigenes Vernehmungszimmer, in dem Gefangene verhört und misshandelt wurden. Durch Verbote und Sanktionen – wie Arbeitsverbot oder Kontaktsperre – griff sie direkt in den Alltag der Gefangenen ein. Das »ordentliche« Aufsichtspersonal setzte diese Strafen durch und überwachte deren Einhaltung.
Vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten gehörten in den Anfängen der nationalsozialistischen Herrschaft zu den von der Gestapo Inhaftierten, im späteren Verlauf des »Dritten Reiches« waren es auch jüdische Deutsche, »Bibelforscher« und andere Verfolgte. Während des Krieges saßen vor allem Zwangsarbeiter ein, die der »Arbeitsverweigerung« beschuldigt wurden. Bekannt ist hier vor allem der Fall des 16-jährigen polnischen Jugendlichen Walerjan Wrobel, der aus Heimweh eine Scheune in der Nähe Bremens anzündete, daraufhin im Gefangenenhaus am Ostertor inhaftiert war und von einem Bremer Gericht zum Tode verurteilt wurde.
Nach Kriegsende entließ die amerikanische Besatzungsverwaltung die verbliebenen und überlebenden Inhaftierten. Doch die Zellen füllten sich schon bald wieder. Zunächst waren es Personen, die auf dem Schwarzmarkt verhaftet wurden oder die die Vorschriften über die Ausgangssperre übertreten hatten. Später – in den 1950er Jahren – waren in der Ostertorwache Transportgefangene untergebracht und das Haus wurde wieder als Polizeigefängnis genutzt. Mit der Inhaftierung von 19 marokkanischen Gastarbeitern, die sich illegal in der Bundesrepublik aufhielten, begann im Jahr 1972 das letzte Kapitel in der Nutzung des Gebäudes als Gefängnis – der als Abschiebegefängnis für illegale Ausländer und abgelehnte Asylbewerber. Das Haus war allerdings für den Aufenthalt von Abschiebegefangenen nicht vorbereitet. Konzipiert waren die Einzelzellen für »Eintagsgäste«, die in der Regel nur wenige Stunden festgehalten wurden. Jetzt mussten sich die Abschiebegefangenen aber häufig mehrere Monate ihre Zelle teilweise mit anderen Leidensgenossen teilen. Die Toiletten waren lediglich durch ein Bettlaken von dem Raum getrennt, das Tageslicht fiel durch Glasbausteine in das Zelleninnere. Aggressives Verhalten und Selbsttötungsversuche waren die Folge dieser katastrophalen Lebensbedingungen.
An dem Gebäude und dessen Nutzung entzündete sich in Bremen in der Folgezeit immer wieder eine lebhafte und leidenschaftliche Auseinandersetzung über die deutsche Asylpolitik. Im Jahr 1995 beschloss der Bremer Innensenator, den Betrieb des Hauses als Gefängnisses im Folgejahr auslaufen zu lassen, das Ende kam aber unerwartet bereits am 26.1.1996. Aus Verzweiflung legte ein Abschiebehäftling an diesem Tag in seiner Zelle Feuer. Ein großer Teil des Dachstuhls brannte aus und alle Gefangenen mussten sofort verlegt werden.
Nachdem das Haus umfangreich renoviert und baulich verändert wurde, zog im März 1998 die Wilhelm Wagenfeld Stiftung in das ehemalige Gefangenenhaus am Ostertor ein. Nur die Graffitis an den Wänden und Aufkleber an den Türen erinnern in dem Zellentrakt der Dokumentationsstätte an die Zeit als Abschiebegefängnis.
Konzept und Aufbau der Ausstellung
Die Ausstellung befindet sich im Ostflügel des ehemaligen Gefangenenhauses. Die Zellen und der Flur konnten weitgehend in dem Zustand erhalten werden, in dem sie sich im Januar 1996 befanden. Allein die Enge des Flurs und sein Anstrich, die schweren eisenbeschlagenen Eichentüren, die kleinen Zellenräume und der Geruch darin vermitteln eindringlich, unter welchen Bedingungen Menschen eingesperrt waren und was sie hier erdulden mussten.
Auf dem Flur stellt eine ausführliche Bild- und Textdokumentation die Geschichte des modernen Strafvollzugs in Bremen und des Gefangenenhauses Ostertor dar. Die wesentlichen Inhalte finden sich in dem vorangegangenen Text wieder.
Die verschiedenen Aspekte des Gefangenseins vermitteln mehrere Rekonstruktionen und Installationen in den ungefähr acht Quadratmeter großen Zellen. Der Nachbau einer idealtypischen Einzelzelle aus zum Teil authentischem Mobiliar wie einer Pritsche, einem Tisch und einem kleinen Schrank stellt in der ersten Zelle dar, wie eine Zelle um die Wende zum 20. Jahrhundert ausgestattet sein sollte. Einzig eine Sichtblende vor dem Fenster, durch die mit Hilfe einer Lampe ein Auszug aus einer Gefangenenordnung auf das Kopfkissen projiziert wird, stört diese »Papillon«-Idylle: »Es hat der Gefangene dem Gefangenenwärter, als ihm zunächst Vorgesetzten, Gehorsam zu leisten […]«. Die Belegung einer solchen Zelle mit nur einer Person blieb in der Realität des Gefangenenhauses allerdings die Ausnahme. Die Überfüllung, wie sie die Installation in der zweiten Zelle zeigt, war dagegen die Regel.
Hier stehen die Umrisse von vier Männern dem Besucher gegenüber. Sie sind aus Holz ausgesägt und schwarz gestrichen. Man wagt es kaum, sich in den Raum zu begeben, weil die Schattenrisse aus dem gleichen Material fast den gesamten Boden der Zelle ausfüllen. Während der heutige Besucher zurücktreten und weitergehen kann, mussten die Häftlinge der Vergangenheit hingegen einen solchen Raum betreten und die Zelle mit den anderen teilen. Zwei Tafeln an den Seitenwänden informieren über die unterschiedlichen Beschuldigungen und Anklagen gegenüber den Insassen aus der Geschichte des Hauses.
Die eingeschränkte Kommunikation der Gefangenen im Detentionshaus untereinander und zu ihrer Umwelt beleuchtet die Ausstellung in der dritten Zelle mit dem Titel »Von innen heraus«. Die Verständigung mit anderen Häftlingen erschwerten die Sichtblenden vor den Zellenfenstern, den Kontakt zur Außenwelt durch Brief und Besuch regelten die strengen Vorschriften und Auflagen der Gefängnisordnung.
Diese konnten zur Bestrafung der Gefangenen weiter eingeschränkt werden. An den Wänden dieser Zelle sind die Briefe und Berichte von sechs Inhaftierten über die Lebensbedingungen in dem Gefangenenhaus sowie ihre Kurzbiographien mit Bildern zu sehen.
In der ehemaligen Dunkelhaftzelle befindet sich die vierte Installation mit dem Titel »Willkür«. Hier wurden Gefangene, die gegen die Gefängnisordnung verstießen, weggeschlossen. In dem Raum befindet sich als einziger Gegenstand eine Holzpritsche, an der die Gefangenen mit Lederriemen gefesselt werden konnten. Über ihr sind die Fotos von politischen Gefangenen aus der Zeit des Nationalsozialismus an Schnüren aufgespannt, die sich in der Dunkelheit des Raumes verlieren. Die Installation erinnert an die willkürlichen Strafen, denen die politischen und ideologischen Häftlinge während des Nationalsozialismus ausgesetzt waren. Viele dieser Gefangenen kannten weder den Grund noch die Dauer ihrer Inhaftierung. Verhöre durch die Gestapo, zu denen psychische und physische Misshandlungen gehörten, konnten jederzeit stattfinden.
»Ungewissheit« ist der Titel der letzten Zelle, in der sich zwei baugleiche Drahtfiguren gegenüberstehen. Sie symbolisieren die Personengruppen, die sich hier während der Zeit des Gefangenenhauses als Abschiebehaft gegenüber standen: behängt mit einer Polizeiuniform, einer Polizeimütze und einem Schlüsselbund der Vollzugsbeamte; ein Batikhemd und Sandalen, ein Stück Seife, ein Handtuch und der dritte Teil eines Plastiknapfes stehen für den Abschiebehäftling. Das letzte Objekt erinnert an die skandalöse Tatsache, dass zeitweise drei Gefangene in einem solchen Napf ihre Mahlzeiten erhielten und daraus gemeinsam essen mussten. Die Installation will auf die Zwangssituation hinweisen, in der sich beide befanden. Häftling wie auch Beamter mussten in diesen Räumlichkeiten – zumindest stunden- oder tageweise – zusammenleben und miteinander auskommen. Neben der menschlichen Problematik wird aber auch auf die Verfolgungssituation der abgelehnten Asylbewerber in ihren Herkunftsländern hingewiesen.
Kontakte, Öffnungszeiten und Angebote
Die Dokumentationsstätte ist bislang regelmäßig jeden ersten Samstag im Monat von 10 Uhr bis 16 Uhr geöffnet. Trotz dieser eingeschränkten Öffnungszeiten herrscht ein großes Besucherinteresse an der Ausstellung und deren Themen. Besonders stark ist das Interesse von Zeitzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit sowie von Bremerinnen und Bremern, die sich für Abschiebehäftlinge und gegen die Haftbedingungen eingesetzt haben. Für interessierte Gruppen besteht die Möglichkeit, nach Absprache mit dem Archivpädagogen des Staatsarchivs Bremen Dr. Günther Rohdenburg die Ausstellung zu besuchen. Dies ist unter folgender Adresse und Telefonnummer möglich: Staatsarchiv Bremen, Dr. Günther Rohdenburg, Am Staatsarchiv 1, 28203 Bremen, Telefon 0421/361-4452
Martin Engelking ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der Dokumenationsstätte, freier Mitarbeiter in der schulgeschichtlichen Sammlung in Bremen und promoviert in Geschichte.