Dan Diners These, dass der Kulminationspunkt des Nationalsozialismus, Auschwitz, sich einer »Historisierung« letztendlich entziehe, steht der Tatsache gegenüber, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus immer mehr von der Zeitgeschichte zur Geschichte wandelt, wie Wulff E. Brebeck in seinem Aufsatz in der Einlage zum GedenkstättenRundbrief Nr. 49/1992 beschrieb. Er plädierte für eine bewusste »Historisierung« dieser Geschichte, d.h. die sorgfältige und umfassende Einordnung der Erfahrungen der Opfer des Nationalsozialismus in den historischen Prozess. Nur so könnten die Gedenkstätten mit dem Widerspruch, dass sie auf einen kulturellen Kontext setzen müssen, in dem historische Erfahrung zählt, sich dieser Kontext aber zunehmend auflöst, umgehen. Junge Menschen des euroamerikanischen Kulturkreises suchten nach einer eher menschheitsgeschichtlichen Orientierung. »Als Vermittlungsinstanzen von Menschheitsdramen haben Gedenkstätten unter solchen Umständen etwas zu sagen. Sie können es jedoch nur konkret, das heißt anachronistisch, historisch angemessen tun.« Die Form, mit der man diesen Anforderungen nachkommen kann, ist die des zeitgeschichtlichen Museums.
Eine These aus dem alten Text erweist sich in der zur Zeit – wieder einmal – geführten Selbstverständnis- und Organisationsdebatte als besonders aktuell, dass es nämlich eine Zukunftsaufgabe der deutschen Gedenkstätten sei, sich dessen bewusst zu werden, dass sie immer mehr zu zeitgeschichtlichen Museen würden. Aufmerksame Blicke in die – besonders seit dem Jahr 1995, dem fünfzigsten Jahr nach der Befreiung der Konzentrationslager und dem fünften nach dem Ende des Staatssozialismus – neu eröffneten Dauerausstellungen an Gedenkorten lassen keine Zweifel aufkommen: In der Art, wie dort Ereignisse und Zusammenhänge dargestellt, Quellen und Erfahrungsberichte medial aufbereitet und verschiedenartige Artefakte präsentiert werden, unterscheiden sich viele Gedenkstätten nicht mehr von Museen. Bemerkenswert ist die gewandelte Rolle, die Archivalien, Fotos und dreidimensionale Objekte nunmehr einnehmen. Sie sind nicht mehr vorzugsweise Beweismittel für die Verbrechen, sondern – wie in anderen Museen auch – vielmehr Belege des historisch Gewesenen. Nicht mehr anklagend und fragend werden sie präsentiert, sondern exemplarisch. Diese Präsentationsweise zeigt, dass auch die Stoffe nicht mehr nur ansatzweise und lückenhaft, sondern – dank zum Teil jahrelanger Vorarbeiten und allgemein angewachsenem Kenntnisstand – in vielen Aspekten erforscht und bekannt sind. Gegenüber den früher vorherrschenden Papierwänden erfolgt nun eine stärkere Einbeziehung von dreidimensionalen Objekten, die erst in den existierenden Institutionen gesammelt und bearbeitet werden konnten. Standard ist nun, wie in Museen, die Erarbeitung der visuellen Seite der Ausstellung durch Designer. Häufig werden spezielle Planungsbüros einbezogen. Bildschirm-Medien, häufig interaktiv, werden eingesetzt. Man findet Inszenierungen, organisierte Perspektivwechsel, aufwendige Ausstellungsarchitekturen usw. Außer der klassischen »narrativen« Darstellungsweise finden sich also auch Elemente einer »symbolisierenden« (Detlef Hoffmann).
Hebt man diesen Befund auf die Ebene einer Definition der Gedenkstätten als »historische Museen neuen Typs«, wie der Autor dieser Zeilen es jüngst versucht hat (vgl. Plea for the creation of an International Committee of Memorial Museums for Public Crimes against Humanity within the scope of the International Council of Museums – PublicNewsgroup im Online-Gedenkstättenforum: www.topographie.de/ gedenkstaettenforum), verweigern sich viele Gedenkstätten allerdings einer solchen Zuschreibung. Die Definition geht von einem weiten Museumsbegriff aus, wie er für viele Museumssparten angebracht ist. Z.B. sind viele sozial- und wirtschaftshistorische Museen, aber auch volkskundliche wie etwa Freilichtmuseen der Lebenswelt, der ihre Gewährsleute und Objekte entstammen, in einem umfassenden Sinne zugewandt und kritisieren oder fördern aktuelle Entwicklungen. In diesem weiten Museumsbegriff haben bei den Gedenkstätten auch ihre vielfältigen Verantwortlichkeiten und Aufgabenfelder wie ihre Verantwortung für authentische Orte verschiedener Art (darunter vielfach Verbrechensschauplätze), Friedhöfe, Mahnmäler, Gedenk- und Veranstaltungsorte sowie ihr Charakter als häufig sozusagen »negative« Baudenkmäler oder geschützte Ensembles – kurz: ihre Bedeutung für die Erinnerungskultur – Platz. Gleichwohl sehen Kritiker hier wesentliche gedenkstättenspezifische Merkmale nicht berücksichtigt. Man gewinnt den Eindruck, dass die lange Zeit in den Gedenkstätten vorherrschende Bewusstlosigkeit gegenüber der musealen Funktion zwar neuen Präsentationsformen nicht mehr im Wege steht, in vielen Fällen ihrer aktiven Wahrnehmung aber noch nicht gewichen ist.
Hauptsächlich werden zwei Eigenschaften als mit der Kategorie »Museum« unvereinbar hervorgehoben: »die historisch-politische Bildungsarbeit« (so Uwe Bader für die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz auf einem Treffen am 31.1. 2001 zur Gründung des o.a. internationalen Komitees (Manuskript); vgl. auch Habbo Knoch in einem Beitrag in der PublicNewsgroup des GedenkstättenForums vom 29. 10. 2000, dort erweitert um »emotionales Lernen«) sowie die »Authentizität des Ortes« (Bader).
Was die Bildungsarbeit der Gedenkstätten angeht, so ist sie in der Tat konstituierend für den Typus der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus, wie er sich in der Bundesrepublik Deutschland seit Beginn der 1980er Jahre herausgebildet hat. Der Art, wie von den Initiator(inn)en die Entdeckung der – öffentlich zumeist verschwiegenen oder verharmlosten – Bedeutung eines Ortes für die Verbrechensgeschichte des »3. Reichs« erlebt wurde, entsprach eine aufklärerische Haltung. Diese konfrontierte die – zumeist widerstrebende bzw. protestierende – Öffentlichkeit mit den Befunden und organisierte – analog zur eigenen Entwicklung – die Erarbeitung der als schockierend erfahrenen Vergangenheit als historisch-politischen Lernprozeß. Gerade die Erfahrung, dass der Zugang zu den Quellen und Orten von NS-Verbrechen, deren Verursacher und Opfer großenteils noch lebten, gegen den Mainstream gesellschaftlicher historischer Überlieferung erkämpft werden musste, nährte die Auffassung, Lernen an solchen Orten wohne eo ipso eine emanzipatorische oder kathartische Wirkung inne. Jahrzehntelange pädagogische Praxis an solchen Orten – die übrigens methodisch immer von anderswo entwickelten Modellen gelebt hat – hat gezeigt, dass Lernerfolge auch hier immer wieder durch Innovationen errungen werden müssen und letztlich mehr in der Zurichtung der Inhalte und Umstände als am Ort als solchem die Chancen zu erfolgreichem historisch-politischen Lernen begründet liegen.
Die »Authentizität des Ortes«, die ohne Zweifel eine wichtige Rolle im historisch-politischen Lernen spielt, ist bei Gedenkstätten nicht immer die des Schauplatzes der Ereignisse, häufig auch nicht die des Verbrechensortes und nur in seltenen Fällen ungebrochenes Ergebnis historischer Überlieferung. Es gibt nicht nur in Ländern, die von der Wehrmacht nie besetzt wurden wie die USA, Israel, Großbritannien u.a. (die also keine originalen Schauplätze aufweisen können) Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus, die diese Bezeichnung mit voller Berechtigung tragen, ohne sich an einem »authentischen Ort« zu befinden (ist nicht auch ein von Opfern bestimmter Ort ein solcher?), es gibt sie auch in Deutschland (z.B. allein in Nordrhein-Westfalen in den Städten Bonn und Oberhausen). An »authentischen Orten«, die aber nicht Orte der Verbrechen sind, befinden sich u.a. die Gedenkstätten in Gelsenkirchen (ehemals Sitz der NSDAP-Ortsgruppenleitung Buer-Erle), Münster (ehemals Sitz des regionalen Befehlshabers der Ordnungspolizei) oder Düsseldorf (ehemals Polizeipräsidium), aber auch die vielen Einrichtungen in früheren Synagogen, in denen sich die Ermordung der Gemeindemitglieder nicht abgespielt hat.
Was schließlich die Überlieferungsgeschichte der Orte angeht, die heute als Gedenkstätten fungieren, so braucht man sich nur die Entstehungszeit der jeweiligen Gedenkstätte in Erinnerung zu rufen, um sich darüber klar zu werden, dass fast keiner dieser Orte heute so aussehen kann, wie er bis zum Ende der NS-Herrschaft ausgesehen hat. Teils versuchten die Täter, durch Zerstörung der Tatorte Spuren zu verwischen (z.B. durch Sprengung der Gaskammern und Krematorien in Auschwitz-Birkenau), teils versuchte die Mehrheitsgesellschaft, das unliebsame Erbe durch »zeitgemäße« Nutzungen zu integrieren und damit zu banalisieren (z.B. die vielen, als Flüchtlingslager genutzten ehemaligen KZ), und größtenteils wurden – ohne jedes Bewusstsein für die historische Bedeutung eines Objekts – Liegenschaftsfragen abgewickelt, wurde enttrümmert, entwidmet, restituiert, umgenutzt usw. Was wir heute an authentischen Orten sehen, ist fast immer das Ergebnis einer bewussten partiellen Rückgängigmachung des historisch Überlieferten. Um nicht missverstanden zu werden: Verantwortungsvolle Rekonstruktionen dienen der Erhaltung und Lesbarmachung des Originals. Wie im Fall des Arguments der genuinen Begründung der Gedenkstättenpädagogik zeigt sich aber auch bei genauer Prüfung des Hinweises auf den »authentischen Ort«, dass die Zurichtung und Erschließung die entscheidenden Qualitäten bilden.
Die Diskussion um die »authentischen Orte«, die sich bei genauer Betrachtung als mehr oder minder umfangreiche, verantwortungsbewusste und zuverlässige Ergebnisse von Rekonstruktionsanstrengungen zeigen, führt jedoch weiter. Werfen wir einen Blick zurück in die Zeit vor gut zwanzig Jahren! Damals gab es in der alten Bundesrepublik keine Handvoll »authentischer Orte«, an denen an die Geschichte der Opfer des NS in einer Form erinnert worden wäre, die unserem heutigen Begriff annähernd entsprach: Plötzensee und der Bendler-Block in Berlin (West), Dachau und – eingeschränkt – Bergen-Belsen. Einer der spannungsvollsten Vorgänge (auch in der Auseinandersetzung mit der öffentlichen Meinung) im Verlauf der Entstehung vieler Gedenkstätten war die Redimensionierung historisch scheinbar bedeutungsloser oder nur im Hinblick auf andere Epochen als die des Nationalsozialismus als bedeutungsvoll präsentierter Orte, Bauwerke, Ensembles usw. Aus bohrenden Fragen nach der Ursache eines unauffälligen Gedenksteins auf dem Friedhof der früheren »Arbeitsanstalt« und heutigen psychiatrischen Klinik im ehemaligen Benediktinerkloster Breitenau in Guxhagen entwickelte sich zunächst die Kontur eines Gestapo-Mordes im März 1945. Aktenfunde (besonders in der Anstalt selbst) ermöglichten sodann die Rekonstruktion der Geschichte eines früheren KZ und späteren Arbeitserziehungslagers, die ab 1982 in den Räumen der alten Zehntscheune in Form einer Dauerausstellung der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Obwohl diese Ausstellung nicht mehr existiert, gilt ihre Eröffnung als Gründungsdatum der Gedenkstätte. Archiv, zunehmend Sammlung (sie entstand durch die Verfolgung von Spuren am Ort und den Kontakt zu Überlebenden) und Ausstellung am als authentisch definierten und seitdem mitgestalteten Ort des Geschehens (Umsetzung des Mahnmals, erläuternde Texte an verschiedenen Orten usw.) konstituierten als Voraussetzung der Bildungsarbeit die Gedenkstätte.
Das »Haus Industrieform« in Essen, in dem ein Museum für Design und das Deutsche Plakatmuseum untergebracht waren, trat erst nach einem Brand, der Auslöser für eine öffentliche Debatte wurde, 1979 wieder als »Alte Synagoge« in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Mit der Eröffnung einer Dauerausstellung 1980 übernahm das Gebäude die Funktion einer Gedenkstätte. 1986 bis 1989 wurde der Innenraum so zurückgebaut und rekonstruiert, dass er heute wieder eine Vorstellung von der einstigen Funktion vermittelt. Auch hier ging die Erarbeitung einer Ausstellung, die von Anfang an dreidimensionale Objekte enthielt, allen anderen Aufgaben voran, darunter der Rekonstruktion des »authentischen Ortes«.
Was in Berlin aus dem Schuttabladeplatz an der Kochstraße, auf dem man »Fahren ohne Führerschein« üben konnte, bis heute wurde, ist breiter bekannt. Auch hier begann nach intensiver Quellenforschung die »Erschließung« des Geländes mit einer Ausstellung und Erläuterungstafeln und führte über die Ausgrabung und Sicherung der baulichen Relikte zu einem – noch nicht fertiggestellten – monumentalen Museumsbau für das Dokumentationszentrum »Topographie des Terrors«.
Aus der großen Zahl weiterer möglicher Beispiele seien nur noch Ravensbrück, wo der Gedenkstätte nach dem Abzug der sowjetischen Truppen die Historisierung des riesigen Areals der Kaserne, d.h. des einstigen Konzentrationslagers, und der Wohnquartiere, also der SS-Siedlungshäuser usw., als Aufgabe gestellt ist, und Neuengamme genannt, wo die Gedenkstätte – ausgehend von einem kleinen, 1981 eröffneten »Dokumentenhaus« mit einer ständigen Ausstellung, das sich außerhalb des ehemaligen Lagers auf dem Gärtnerei-Areal befindet – schrittweise das ganze frühere KZ-Gelände »erschloss« und dabei erfolgreich eine Justizvollzugsanstalt vertrieb…
Was sich aus diesem Blick auf die – noch nicht abgeschlossene – Entstehungsgeschichte westdeutscher Gedenkstätten ergibt: Gleichwertig mit der Rekonstruktion des historischen Geschehens und der Sicherung und fortwährenden Erschließung des authentischen Quellenbestandes einschließlich der baulichen Hinterlassenschaften – nach Maßgabe der Möglichkeiten (hier geht es um z.T. große Immobilien, wo der Deutungsmacht lange Zeit reale Macht entgegenstand bzw. -steht) – bildet die historische Ausstellung konstitutiv den Anfang der Geschichte einer Gedenkstätte. Oft markierte sie die wichtigste, die eigentliche Gründungsetappe. Die Dauerausstellung war nie nur pädagogisches Medium, sie war der Beginn der Institutionalisierung einer Gedenkstätte.
Und schließlich war die Dauerausstellung für die Opfer von größter Bedeutung. Viel schärfer als die Initiatoren von Gedenkstätten, die zumeist einer jüngeren Generation als die Verfolgten entstammten und nicht zu ihrem Kreis zählten, hatten die Opfer die Ächtung ihrer Leidenserfahrung durch die Mehrheit erlebt. Das Verschweigen der Ereignisse und ihrer Orte hieß für die Verfolgten, über ihre Erlebnisse nicht sprechen zu dürfen. Neben der Würdigung der Toten durch ein Mahnmal war die öffentliche Präsentation des verbrecherischen Geschehens für die Überlebenden eine Form der Rehabilitation. Überall wirkten sie an den Vorbereitungen mit. Schon nach der Befreiung 1945 hatten viele von ihnen erste Ausstellungen in den ehemaligen Lagern eingerichtet. In Dachau, Buchenwald, Mauthausen und an anderen Orten gab es museumsähnliche Einrichtungen, die der Öffentlichkeit die schrecklichen Vorgänge vor Augen führen sollten. Soweit möglich, verwendete man authentische Objekte. Aber es scheint auch damals schon Rekonstruktionen (z.B. Prügelböcke) gegeben zu haben. Auch Kunstwerke, die von Häftlingen während oder unmittelbar nach der Lagerzeit geschaffen worden waren, wurden gezeigt. Nirgends hat sich daraus aus gesamtgesellschaftlichen Gründen eine ungebrochene Tradition eines authentischen »Lagermuseums« (so hieß es in Dachau) entwickeln können.
Um so mehr gilt es heute, die Funktionen der Gedenkstätten als Museen bewusst zu gestalten. Voraussetzung dafür wäre, eine in nicht wenigen Einrichtungen schon vorhandene, ähnlich kritische und bewusste Haltung gegenüber dieser Daueraufgabe zu entwickeln, wie es in den anderen Bereichen bereits geschehen ist.