Die Arbeitsgruppe "Gedenktag 2. April" in Wewelsburg

12/1998Gedenkstättenrundbrief 86, S. 21-24
Sonja Büttner

Schreckliches zu vergessen, ist für Außenstehende verhältnismäßig leicht und oft bequem. Für Überlebende ehemaliger Konzentrationslager und deren Angehörige ist es unmöglich.

Damit in Wewelsburg und der Umgebung die Geschichte nicht vergessen wird, befaßte sich die Arbeitsgruppe »Gedenktag 2. April« mit der Geschichte des Konzentrationslagers Niederhagen und veranstaltete, unterstützt vom Kreismuseum Wewelsburg, die Gedenktage vom 1.–5. April.

Die Idee dazu entstand am Ende meines Praktikums im Kreismuseum. Da auch die Wewelsburger Bevölkerung unter der NS-Herrschaft litt und dieser Teil der Geschichte auch in späteren Generationen nie richtig ausgearbeitet wurde, lag der Gedanke darin, die Bevölkerung und alle Interessierten bei den Veranstaltungen so stark wie möglich mit einzubeziehen. Sie sollten aufgefordert werden, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen, die Erfahrungen und Leiden der Gefangenen und deren Einstellung zur damaligen Bevölkerung im persönlichen Gespräch kennenzulernen.

Das Museum griff diesen Gedanken auf. So fanden sich zehn junge Erwachsene aus Wewelsburg zur Arbeitsgruppe »Gedenktag 2. April« zusammen. Wir trafen uns zum ersten Mal im November und erarbeiteten so in regelmäßigen Abständen ein Konzept.

Von den 15 Überlebenden nahmen acht unsere Einladung zu den Gedenktagen freudig an: Herr Weidman aus den USA, Herr Preuß-Hermans aus Belgien, Herr Jaworski aus Polen, Herr Engleitner aus Österreich, Herr Klingenberg aus Hamm, Herr Hollweg aus Schlangen, Herr Rehwald und Herr Claus aus Berlin.

Am 01. April 1998 trafen unserer Gäste mit jeweils einer Begleitperson in Salzkotten ein. Das Treffen war von Beginn an von einer herzlichen Atmosphäre bestimmt, Berührungsängste waren nicht spürbar. Nach einer kurzen Erholungsphase lernten wir uns beim Abendessen besser kennen. Trotz den z.T. sehr weiten Anreisen erzählten die Überlebenden von den schrecklichen Erlebnissen aus dem Konzentrationslager Niederhagen. Auch Ortsnamen wie Sachsenhausen und Ravensbrück fielen.

Am Donnerstag morgen, dem 2. April, besichtigten wir den Ort Wewelsburg. Der Schwerpunkt lag dabei auf den verschiedenen Arbeitsstätten der Gefangenen und den Wegen, die die Arbeitskommandos täglich zurücklegten. Wir begannen am Bahnhof von Wewelsburg, an dem Ort, an dem fast alle Häftlinge ankamen und über den ihn auch viele wieder verließen. Die Überlebenden schilderten ihre ersten Eindrücke von dem Ort und den Wachposten. So hofften einige von ihnen, in dem kleineren Lager »bessere« Überlebenschancen vorzufinden als in den größeren Konzentrationslagern, aus denen sie häufig kamen. Alle bekundeten jedoch, daß diese Hoffnung schnell zerschlagen wurde. Nach dem Appellplatz, auf dem nachmittags die Gedenkfeier zum 53. Jahrestag der Befreiung durch die Amerikaner stattfand, besichtigten wir noch die Villa Bartels. Diese Villa ließ sich der Nazi-Architekt Bartels von den Häftlingen bauen. Ihre massive Bauweise und die filigranen Ausführungen, an den Terrassenfenstern beispielsweise, zeugen noch heute von der Härte der Arbeit. In diesem Gebäude befindet sich heute das evangelische Kirchenzentrum.

Des weiteren fuhren wir mit dem Bus zur Firma Herberg, auf deren Gelände sich das Krematorium sowie die Kfz-Halle befanden, zum Schießstand, zum ehemaligen

SS-Bauhof, zur Gärtnerei Nonneneiche und zum Knick, in dem sich ein Steinbruch befand. Im Steinbruch, ebenso wie in der Waldsiedlung, die wir danach besichtigten, kamen viele Gefangenen gewaltsam um. So wurde uns erzählt, daß häufig Gefangene zu Tode geprügelt und den Steinbruch heruntergestoßen wurden. Es war üblich, daß die Betroffenen, die diesen Leidensweg gehen mußten, bereits beim Morgenappell ausgesucht wurden.

Bei der Ortsbesichtigung, wie auch bei der Gedenkveranstaltung, herrschte ein sehr großes Medieninteresse von Presse, Rundfunk und Fernsehen.

Die Gedenkfeier begann um 17 Uhr. Bereits vor der Veranstaltung hatten wir auf dem ehemaligen Appellplatz, der sich heute nur als freie Rasenfläche in einem Wohngebiet darstellt, ein weißes Dreieck aus Kies angelegt. Das gleichschenklige Dreieck maß an jeder Seite ca. vier Meter. Wir wählten diese Form, weil die weiße Farbe neutral ist, d.h. sie stand für keine der Häftlingsgruppen, und das Dreieck, weil jeder Gefangene ein farbiges Dreieck an seiner Kleidung trug.

Nach einer Begrüßung durch die Arbeitsgruppe und kurzen Redebeiträgen der Vertreter des katholischen, evangelischen, jüdischen Glaubens und der Zeugen Jehovas, folgte die Ansprache von Herrn Weidman, der aufgrund seines jüdischen Glaubens die Identität eines polnischen Katholiken annehmen mußte, und so neben der Folter zusätzlich in ständiger Angst lebte.

Nach einem kurzen Musikstück lasen Mitglieder unserer Arbeitsgruppe Briefe von Gefangenen aus der Haft, verbunden mit deren Biographien, vor. Im Anschluß legten wir ein Gebinde zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nieder. Die Besucher der Gedenkveranstaltung wurden miteinbezogen, indem wir sie baten, sich an der Niederlegung der 1285 gelben und weißen Tulpen zu beteiligen. So stand für jeden Toten eine Blume. Musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung von Mitgliedern des örtlichen Musikvereins, die u.a. das Lagerlied des KZ Niederhagens spielten.

Die für abends geplante Diskussionsveranstaltung für Jugendliche war trotz der Ferienzeit mit ca. 70 Interessierten sehr gut besucht. Die Überlebenden schilderten eindrucksvoll ihre Erlebnisse. So gingen die Jugendlichen und Erwachsenen nicht nur mit einem bestürzten Eindruck über das Geschehene, sondern auch mit Bewunderung über die persönliche Stärke und die ungebrochenen Charaktere der Überlebenden nach Hause.

Das für den weiteren Verlauf unserer Arbeit mitentscheidende Erlebnis widerfuhr uns am Freitag morgen beim Empfang der Stadt Büren. Nachdem die Überlebenden sich in das goldene Buch der Stadt eingetragen hatten, sprachen sich der Bürgermeister, der Stadtdirektor und die Ratsherrn für ein Denkmal aus, und ermunterten uns, einen entsprechenden Antrag an die Stadt Büren zu richten.

Freitag abend lud der Kreis Paderborn zu einem Empfang ein. Samstag morgen, am 04. April, begann um 10 Uhr die Tagung »Aufarbeitung des Nationalsozialismus in OWL«. An diesem Tag durften wir ca. 80 Gäste begrüßen. In diesem Zusammenhang stellte Kerstin Griese »Neue pädagogische Ansätze der Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen« vor. Als weitere Referentin erläuterte Christine Brade Ansätze und Initiativen zum Gedenken in OWL. Danach boten sich folgende Arbeitsgruppen an: Oral History, Gedenkstätten als historisch-authentische Orte am Beispiel von Stukenbrock und das Projekt Netzwerk OWL, der Aufbau eines regionalen Projektforums als Informations- und Vermittlungszentrum.

Als letzter öffentlicher Tagesordnungspunkt der Gedenktage stand am Samstagnachmittag eine Diskussionsrunde mit der Bevölkerung und anderen Interessierten aus der Umgebung an. Es wurden viele Fragen gestellt und auch auf die Rolle der Bevölkerung in der nationalsozialistischen Zeit eingegangen. Die Überlebenden betonten, daß sie keinen Groll gegen die Wewelsburger hegten, daß manche sogar Lebensmittel für sie auf den Wegen hinterlassen haben. Das Verhalten der Wewelsburger in der heutigen Zeit gegenüber der Denkmaldiskussion sei für sie hingegen unverständlich. Abermals kam von Seiten der Überlebenden und einigen Zuhörern die Forderung nach einem Denkmal auf.

Die Gedenktage haben bei allen Beteiligten tiefe Spuren hinterlassen. Das Abschiednehmen fiel uns am Samstag abend bzw. am Sonntag morgen sehr schwer.

In der folgenden Woche stellte die Arbeitsgruppe den Antrag auf Erhaltung des Kiesdreiecks sowie die Schaffung eines dauerhaften Denkmals. Der Rat der Stadt Büren sprach diesem Antrag seine Empfehlung aus. Trotz heftiger Bemühungen der Bürgerinitiative »Niederhagen«, in der sich eine kleine Anzahl von Wewelsburgern gegen das Denkmal stellt, sprachen sich die meisten Besucher der Bürgerversammlung am 25. April für eine Gedenktafel aus. Viele zeigten sich von dem Besuch der Überlebenden beeindruckt.

Im folgenden wurde der Kulturausschuß damit beauftragt, einen Künstler für das Vorhaben zu finden. Es wird daran gedacht, die Form des Dreiecks auch für das dauerhafte Denkmal zu verwenden.

Ich glaube, daß dieses Projekt für alle Beteiligten eine eindrucksvolle Möglichkeit darstellte, Geschichte zu erfahren und für Gedenken einzutreten. Der persönliche Kontakt zu den Überlebenden läßt aus erschreckenden Zahlen Menschen werden. Eine wertvolle Erfahrung war für mich, und ich glaube, daß sich das auch für die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe sagen läßt, daß wir das Geschehene zwar nicht mehr ändern können, wir aber eine Verantwortung dafür tragen, wie man in der Gesellschaft mit der Vergangenheit umgeht.