Die Gedenkstättenlandschaft für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im bevölkerungsreichsten Bundesland in Deutschland zeichnet sich durch eine lebendige Vielfalt dezentraler Gedenkstätten und Erinnerungsorte aus, die aufgrund ihrer unterschiedlichen lokalen Anforderungen eine große Bandbreite an Themen und Vermittlungsangeboten aufweisen.
Wie in vielen Teilen der Bundesrepublik begannen auch in Nordrhein-Westfalen Ende der 1970er Jahre lokale bürgerliche Initiativen, sich gegen das noch immer weitverbreitete Schweigen und Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit zu stellen und sich mit der NS-Geschichte vor Ort zu beschäftigen. Bis dahin waren zumeist Gedenktafeln und Mahnmale auf zentralen öffentlichen Plätzen oder Friedhöfen errichtet worden, an denen das öffentliche Gedenken und Trauern um die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen stattfinden konnte. Die Tafeln und Mahnmale übernahmen für die Überlebenden die Funktion symbolischer Ersatzorte für das persönliche Gedenken an die Opfer der NS-Gewalt, häufig blieben die Gedenktafeln aber auch von der öffentlichen Wahrnehmung unberücksichtigt. Eine Ausnahme bildete hier die Stadt Oberhausen, die bereits 1962 mit der Gedenkhalle Schloss Oberhausen sehr früh einen eigenen Gedenkraum mit Ausstellung einrichtete. Das Streben nach gründlicher Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, das von bürgerschaftlichem und ehrenamtlichem Engagement getragen wurde, führte seit den frühen 1980er Jahren zur Einrichtung von Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen.
Ergänzend zu den herkömmlichen Vermittlungsformen wie Gedenkfeiern und Reden wurden künstlerische Auseinandersetzungen, wissenschaftliche Forschungen und Projekte etabliert. Die Verantwortlichen verstanden die Einrichtungen als »aktive Gedenkstätten«, die die historisch-politische Bildungsarbeit für Jugendliche und Erwachsene in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellten. Die Gedenkstätten wurden zu Lernorten. Zu den Gedenkstätten der ersten Stunde gehörten – neben der Gedenkhalle Schloss Oberhausen – das NS-Dokumentationszentrum zur Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus in Köln (1981), die Dokumentations- und Gedenkstätte »Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS« im Kreismuseum Wewelsburg (1982), das »Werkhaus für die Bonner Gedenkstätte« (1986), die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf (1987) sowie die Alte Synagoge Essen (1988).
Die öffentliche Diskussion um die Würdigung der NS-Opfer, die sich an dem Sinn und der Gestaltung von Mahnmalen festmachte, führte auch in den 1990er Jahren zu weiteren Gedenkstättengründungen. Die Orte und Räumlichkeiten, in denen die Einrichtungen und meist auch Dauerausstellungen untergebracht wurden, waren in der Regel für die lokale Geschichte während des Nationalsozialismus bedeutsam, aber auch sehr unterschiedlich. So ist mit der »Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945« die einzige KZ-Gedenkstätte auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens (Büren, Kreis Paderborn) im ehemaligen SS-Wachgebäude der Wewelsburg, einem Verwaltungsgebäude, untergebracht. Auch die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte befindet sich in einem früheren nationalsozialistischen Verwaltungsgebäude, dem Polizeipräsidium im Stadthaus Düsseldorf. Die Dokumentation in Gelsenkirchen nutzt die ehemaligen Räume der NSDAP-Ortsgruppenleitung Gelsenkirchen Buer-Erle. Die Villa ten Hompel in Münster war der Sitz des regionalen Befehlshabers der Ordnungspolizei. In anderen Städten wurden die unmittelbaren Orte, an denen Opfer verfolgt und misshandelt wurden, für die Gedenkstätten ausgesucht, z.B. in Köln das EL-DE-Haus, die ehemalige Gestapo-Zentrale mit Haftzellen im Keller, in Dortmund das ehemalige Gestapo-Gefängnis Steinwache, die ehemaligen Zellentrakte von Rathäusern in Lüdenscheid und Herford. Historische Räume oder Baracken ehemaliger Kriegsgefangenenlager konnten in Stukenbrock und Hemer genutzt werden.
Das jüdische Leben und der Völkermord an den Juden wird häufig in ehemaligen Synagogen (z.B. Alte Synagoge Wuppertal; Ehemalige Synagoge Drensteinfurt) oder Wohnhäusern jüdischer Bürger (wie die Villa Merländer in Krefeld) dokumentiert. Die Geschichte der Ausstellungsorte wird in allen Ausstellungen berücksichtigt und dokumentiert.[1]
Durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort und die individuellen Aktivitäten der bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Initiativen bildete sich keine einheitliche Struktur für die Institutionalisierung der Gedenkstättenarbeit in Nordrhein-Westfalen. Manche Einrichtungen stehen in kommunaler Trägerschaft von Städten oder Kreisen, manche werden von Vereinen oder Stiftungen finanziert. Das Land NRW selbst richtete keine eigene Gedenkstätte ein.
Zu Beginn der 1990er Jahre verwiesen die Gedenkstätten in NRW auf die gesellschaftspolitische Rolle ihrer dezentralen Arbeit und suchten den Kontakt zur Landesregierung, um – analog zu den Beispielen anderer Bundesländer wie z.B. Niedersachsen – eine ideelle und finanzielle Unterstützung der Gedenkstättenarbeit anzustoßen. Im Sommer 1993 schlossen sich die Gedenkstättenmitarbeiter/innen zu einem Arbeitskreis zusammen. Zu den ersten Mitgliedern dieses Arbeitskreises gehörten die Vertreter/innen der Gedenkstätten in Dortmund, Düsseldorf, Köln, Krefeld, Oberhausen und Wewelsburg. Als Sprecherin des Arbeitskreises fasste Angela Genger, die damalige Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, in einem Brief an die Landtagspräsidentin die wichtigsten Aufgaben der jungen Gedenkstätten zusammen. Zentrale Aspekte der Gedenkstätten seien die lokale Ausprägung der nationalsozialistischen Herrschaft sowie die Themen Widerstand und Verfolgung. Jede Gedenkstätte habe darüber hinaus spezielle Themen und Vermittlungsangebote, je nach Kontext der Einrichtung. Die sozialen Kontakte zu den Opfern der NS-Verbrechen und ihren Angehörigen würden gepflegt, die Erinnerungen der Zeitzeugen aufgezeichnet und archiviert. Dringende Fragen beträfen die Vermittlung und Aneignung von Geschichte, ausgehend von der Gegenwart und den aktuellen politischen Problemlagen. Sie betonte die politische Aufklärungsarbeit der Gedenkstätten, diese seien zugleich Foren für die Diskussion über Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, über die Gefährdung der Demokratie durch Extremismus und Gleichgültigkeit. Die Gedenkstätten wollten den Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und zwischen den Generationen fördern.[2]
Um sich als Gedenkstätten in der Öffentlichkeit stärker zu präsentieren, veröffentlichte der Arbeitskreis eine Broschüre, in der sich alle Gedenkstätten in NRW vorstellen konnten.[3]
1995 gründete sich der Verein »Arbeitskreis für NS-Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen e.V.« in Düsseldorf. Angela Genger wurde Vorsitzende des Vereins, die Leiterin der Villa Merländer in Krefeld, Dr. Ingrid Schupetta, und Prof. Dr. Horst Matzerath vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln übernahmen den stellvertretenden Vorsitz. Schriftführerin wurde Dr. Ulrike Schrader von der »Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal«, Kassierer Dr. Klaus Rosendahl vom »Verein an der Synagoge e.V.« aus Bonn. Laut Vereinssatzung ist der Zweck des Vereins die Förderung der Arbeit der NS-Gedenkstätten, Begegnungs- und Dokumentationszentren in Nordrhein-Westfalen. Die Ziele sollen verwirklicht werden durch die Zusammenarbeit der Gedenkstätten in den Bereichen Forschung und Präsentation von Forschungsergebnissen, durch gemeinsame Projekte, durch die Förderung von Einzelprojekten exemplarischer Bedeutung für alle im Verein repräsentierten Gedenkstätten und Dokumentationszentren, durch die Förderung von Bildungs- und Fortbildungsveranstaltungen, Seminaren, Tagungen und Kongressen im Rahmen der politischen Bildungs- und Jugendarbeit.[4]
Nach anhaltenden Forderungen aus den Reihen der Gedenkstätten stellte das Land NRW 1996 schließlich zum ersten Mal einen Betrag für Gedenkstättenförderung in den Haushalt der Landeszentrale für politische Bildung ein. Erste Projektanträge konnten gestellt werden, es fehlten jedoch genauere Förderbestimmungen. Der Dialog zwischen dem Arbeitskreis und den Mitgliedern des Landtags über die Aufstellung von einheitlichen Förderbedingungen, die Offenlegung der Vergabekriterien sowie die Erhöhung der Fördersumme für die steigende Zahl der Gedenkstätten wurde daher in den folgenden Jahren weitergeführt. Da das Land Nordrhein-Westfalen im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine zentrale Gedenkstätte unterhält, wurde die Notwendigkeit gesehen, dass es die Kommunen, Vereine und Stiftungen in deren politisch und erinnerungskulturellen landesweit bedeutenden Arbeit unterstützt.
In den folgenden Jahren etablierte sich der Verein als festes Netzwerk, das die Aktivitäten der unterschiedlichen Einrichtungen bündelt und Öffentlichkeit schafft für das Gedenken an die Opfer von Terror- und Gewaltherrschaft. Der Arbeitskreis brachte sich 1999 u.a. mit in die erinnerungspolitischen Diskussionen um ein Holocaust-Mahnmal in Berlin ein und bezog Stellung zur Gedenkstättenförderung des Bundes. Seit dem Jahr 2000 bietet der Arbeitskreis in einem gemeinsamen Internetauftritt Informationen zu der Vielzahl der Einrichtungen und ihren Aktivitäten.[5] Regelmäßig werden mithilfe der Landeszuschüsse gemeinsame Publikations- und Ausstellungsprojekte geplant und durchgeführt: So entstanden u.a. eine Broschüre, in der die Gedenkstätten ihre pädagogischen Arbeiten vorstellten, Sammelbände über die Verfolgung von Sinti und Roma im Rheinland und in Westfalen, über Konzentrationslager und über die Reichspogromnacht in Rheinland und Westfalen sowie über die Verfolgung der Zeugen Jehovas als NS-Opfergruppe.[6]
Die Wanderausstellung des Arbeitskreises »Deportiert ins Ghetto. Die Deportationen der Juden aus dem Rheinland im Herbst 1941 ins Ghetto Litzmannstadt (Łódź)«, erarbeitet von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln in Kooperation mit dem Staatlichen Archiv Łódź, wurde mit einer zentralen Gedenkfeier im Düsseldorfer Landtag 2011 eröffnet. Seit 1998 veranstaltet der Arbeitskreis zusammen mit dem »Bildungswerk der Humanistischen Union« und dem »Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher« jährlich im Herbst die Werkstatt-Tagung »Geschichtsarbeit und historisch-politisches Lernen zum Nationalsozialismus« zu erinnerungsrelevanten Themen in der Region.
Durch den Eintritt weiterer Mitglieder in den Arbeitskreis stellte sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Vereinsnamens. Um sich auch Bildungseinrichtungen öffnen zu können, die aufgrund ihres historischen Standortes und ihrer damit verbundenen inhaltlichen Schwerpunktsetzung nicht das Gedenken an die Opfer der NS-Verbrechen, aber als Erinnerungs- und Lernort die Vermittlung und Aufklärung über NS-Zeit zu ihrer Hauptaufgabe gemacht haben, wurde im Jahr 2010 eine Namensänderung für sinnvoll erachtet, um auf die Entwicklung in der Gedenkstättenlandschaft zu reagieren. Der Arbeitskreis nennt sich seitdem »Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e.V.«
Heute ist der Arbeitskreis ein eingetragener Verein, in dem sich 24 NS-Gedenkstätten, Dokumentations- und Begegnungszentren, Lern- und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen zusammengeschlossen haben. In den Einrichtungen werden die Aufgaben sowohl von hauptamtlichen, neben- oder ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen übernommen.
Dem Arbeitskreis gehören folgende Gedenkstätten und Erinnerungsorte an (Stand Mai 2012): Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus – An der Synagoge e.V., Bonn; Jüdisches Museum Westfalen, Dorsten; Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Dortmund; Ehemalige Synagoge Drensteinfurt; Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf; Alte Synagoge, Essen; Dokumentationsstätte »Gelsenkirchen im Nationalsozialismus«; Gedenkstätte Stalag VI A, Hemer; Zellentrakt im Rathaus Gedenk-, Dokumentations- und Begegnungsstätte, Herford; NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus der Stadt Köln; Lern- und Gedenkort Jawne, Köln; NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer, Krefeld; Dokumentations- und Begegnungsstätte Frenkel-Haus, Lemgo; Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus, Lüdenscheid; Villa ten Hompel, Münster; Gedenkhalle Schloss Oberhausen; Alte Synagoge, Petershagen; Gedenkstätte »Landjuden an der Sieg«, Rosbach; Alte Synagoge, Selm-Bork; Aktives Museum Südwestfalen, Siegen; Französische Kapelle des Oflag VI A in der Colonel BEM Adam Kaserne, Soest; Dokumentationsstätte Stalag 326, Stukenbrock-Senne; Kreismuseum Wewelsburg, Büren-Wewelsburg; Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Landesverband Nordrhein-Westfalen und dem Projekt »Wege gegen das Vergessen« der Volkshochschule Aachen wurden zwei feste Kooperationspartner des Arbeitskreises in der landesweiten Erinnerungslandschaft gewonnen. Seit 2003 hat Prof. Dr. Alfons Kenkmann, aktueller ständiger Berater der Villa ten Hompel, Münster, den Vorsitz des Arbeitskreises inne. In der April-Sitzung 2012 wurden er und seine Stellvertreter, Dr. Ulrike Schrader, Wuppertal, und Dr. Werner Jung, Köln, im Amt bestätigt. Ebenfalls wiedergewählt wurden als Schriftführerin Kirsten John-Stucke, Wewelsburg, als Kassierer Clemens Heinrichs, Oberhausen und als Beisitzer Dr. Stefan Mühlhofer, Dortmund, Dr. Claudia M. Arndt, Rhein-Sieg-Kreis sowie Hildegard Jakobs, Düsseldorf.
Im Jahr 2008 beauftragte die damalige Landesregierung Prof. Dr. Harald Welzer vom Kulturwissenschaftlichen Institut NRW/Center for Interdisciplinary Memory Research mit der Erstellung eines Gutachtens über die Entwicklung der Erinnerungskultur in Nordrhein-Westfalen.[7] Die Standpunkte und Thesen, die Harald Welzer nach der Erstellung des Gutachtens – nicht nur für die Erinnerungskultur in NRW – weiter entwickelte und veröffentlichte, entfachten in den vergangenen zwei Jahren eine öffentliche Diskussion um die Situation und Zukunft der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Deutschland.[8]
Der Arbeitskreis NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW hielt es für notwendig, auch selbst ein Resümee über seine Rolle in der erinnerungskulturellen Arbeit in NRW zu ziehen. Trotz der unbefriedigenden und zum Teil mangelhaften Situation mancher Einrichtungen bezüglich der finanziellen und personellen Ausstattung leisten die Gedenkstätten in NRW hervorragende wissenschaftliche und pädagogische Arbeit. Sie haben sich in den vergangenen 20 Jahren zu modernen Lernorten weiterentwickelt, die die durch die Einwanderungsgesellschaft veränderten Besucher- und Lerngruppen wahrnehmen und in ihrer Arbeit berücksichtigen. Viele der Gedenkstätten haben in den vergangenen Jahren ihre Ausstellungen neu konzipiert und überarbeitet (Kreismuseum Wewelsburg, Gedenkhalle Schloss Oberhausen, Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, Alte Synagoge Essen; in Arbeit sind die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf und Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Dortmund). Dabei wurden moderne konzeptionelle Ideen wie der sinnvolle Einsatz neuer Medien (gerade im Bereich der Zeitzeugen-Erinnerungen), ebenso aufgegriffen wie Änderungen im Besucherverhalten und neue wissenschaftliche Diskurse (z.B. zum Täterbegriff).
Geplante Neugründungen von Erinnerungsorten (z.B. Vogelsang, Eifel) werden von einzelnen Arbeitskreis-Mitgliedern beratend begleitet. Eine Spezialisierung der Lernorte und der Ausstellungen ist dabei im Gange – die lokalen Eigenheiten der auf Vielfalt setzenden Erinnerungskultur in NRW zeigen gerade hier ihre Stärke. Die Bildungsarbeit in den NRW-Gedenkstätten und -Erinnerungsorten hat die Konfrontationspädagogik der Gründerjahre überwunden und setzt stattdessen auf Aufklärung und Auseinandersetzung, auf Projektarbeiten, selbstentdeckende Lernmethoden und Medieneinsatz statt Top-Down-Wissensvermittlung. Die historisch-politische Bildungsarbeit in den Gedenkstätten verharrt nicht in der Vermittlung der NS-Geschichte, sondern kontextualisiert die Vor- und Nachgeschichte bis in die gegenwärtige Gesellschaft. Heutige Fragen nach Akzeptanz der Menschenrechte, Diskriminierung von Minderheiten, Prävention gegen Rechtsextremismus und Demokratieförderung stehen im Fokus der Bildungsarbeit.[9] Der Arbeitskreis versteht sich als Netzwerk, der die einzelnen Gedenkstätten in NRW in der Öffentlichkeit und der bundesweiten und europäischen Erinnerungslandschaft mit hoher Präsenz vertreten will. Er begrüßt den seit einigen Jahren erfolgreich verlaufenden und auf Kooperation zielenden Dialog mit der Landeszentrale für politische Bildung NRW. Die Gespräche zeigen, dass die Landeszentrale ihre eigene Rolle in der Erinnerungs- und Gedenkkultur in Nordrhein-Westfalen stärker wahrnimmt und die hohe Bedeutung der dezentralen Gedenkstättenarbeit anerkennt und fördern will. Dabei bleibt die Verbesserung der finanziellen Unterstützung durch das Land NRW auch weiterhin eine dringende Forderung des Arbeitskreises. Denn nach wie vor ist die Existenz einzelner Gedenkstätten durch finanzielle und politische Probleme gefährdet.
Kirsten John-Stucke ist Leiterin des Kreismuseums Wewelsburg und Mitglied im Vorstand des »Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte in NRW e.V.«.
[1] Angela Genger: Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen, in: Den Opfern gewidmet. Auf Zukunft gerichtet. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Nordrhein-Westfalen, 4. überarb. Aufl. -Düsseldorf 1998, S. 34–41.
[2] Schreiben von Angela Genger an die Präsidentin des Landtags NRW Frau Ingeborg Friebe vom 8. Juli 1993 (Kopie im Kreismuseum Wewelsburg).
[3] Den Opfern gewidmet auf Zukunft gerichtet. Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1995, mittlerweile in der 4. Auflage erschienen. Momentan arbeitet der Arbeitskreis an einer neuen Broschüre.
[4] Satzung des Vereins »Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten NRW e.V.« von 1995. Mitglied im Verein kann jeder werden, der an einer Mahn- und Gedenkstätte, einem Lern- und Begegnungsort oder Dokumentationszentrum in NRW arbeitet, soweit sich diese Einrichtung der Erforschung und Vermittlung des Nationalsozialismus widmet.
[5] Siehe www.ns-gedenkstaetten.de/nrw.
[6] Forschen – Lernen – Gedenken. Bildungsangebote für Jugendliche und Erwachsene in den Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in NRW, (hg. v.) AK NS-Gedenkstätten in NRW e.V., Düssel-dorf 1998; Abgemeldet … 60. Jahrestag des Befehls zur Deportation der Sinti und Roma in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau vom 16.12.1942, (hg. v.) AK NS-Gedenkstätten in NRW e.V., 2002; Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933-1945. Zentrale Steuerung und regionale Initiative (hg. v.) Jan Erik Schulte für den AK der NS-Gedenkstätten in NRW e.V., Paderborn 2005; 12 Jahre – 12 Schicksale. Fallbeispiele zur NS-Opfergruppe Jehovas Zeugen in NRW, 2006, (hg. v.) Kirsten John-Stucke für den AK NS-Gedenkstätten in NRW e.V., Münster 2006; Gewalt in der Region. Der Novemberpogrom 1938 in Rheinland und Westfalen, (hg. v.) Bastian Fleermann, Ulrike Schrader für den AK NS-Gedenkstätten in NRW, 2008; Karola Fings, Hildegard Jakobs: »Deportiert ins Ghetto. Die Deportationen der Juden aus Düsseldorf und dem Rheinland ins Ghetto Litzmannstadt (Łódź), Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung des AK NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e.V., 2012; Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933–1945: Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung, (hg. v.) Karola Fings, Ulrich F. Opfermann für den AK NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e.V., Paderborn 2012
[7] Das Gutachten wurde 2009 von Christian Gudehus, David Keller, Harald Welzer erstellt und um zwei Konzeptpapiere von Harald Welzer und Christian Gudehus ergänzt und der Staatskanzlei übergeben.
[8] Harald Welzer: Für eine Modernisierung der Erinnerungs- und Gedenkkultur, GedenkstättenRundbrief 162 (8/2011) S. 3–9. Siehe auch Harald Welzer: Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis, in: APuZ 25-26/2010, 21. Juni 2010, S. 16–23; als Reaktionen darauf s. Habbo Knoch: Mehr Wissen und mehr Recht: Koordinaten einer zukünftigen Erinnerungskultur. Eine Replik auf Harald Welzer, GedenkstättenRundbrief 163 (10/2011) S. 3–11 sowie Ulrike Schrader, Norbert Reichling (für den Arbeitskreis der NS‑Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen e.V.): Modernisierung oder »Neuformatierung«? Was Gedenkstätten für ihre reflexive Weiterentwicklung (nicht) brauchen, GedenkstättenRundbrief 164 (12/2011) S. 3–8.
[9] Vgl. www.ns-gedenkstaetten.de/nrw; Schrader/Reichling: Modernisierung, GedenkstättenRundbrief 164 (12/2011) S. 3–8; s. auch Alfons Kenkmann: Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen: Historische Entwicklungen, Aufgaben und Arbeitsschwerpunkte (Vortrag auf der Tagung »Europäische Perspektiven der Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit – eine deutsch-polnische Fachtagung, Gelsenkirchen, 2./3. Juni 2011), in: Europäische Perspektiven der Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit – ein deutsch-polnischer Austausch (hg. v.) Paul Ciupke, Guido Hitze, Alfons Kenkmann, Astrid Wolters, -Wieslaw Wysok, Essen 2012 (erscheint demnächst).