Deutsche Böden

Berlin - Weimar
06/1998Gedenkstättenrundbrief 83, S. 27-33
Hoheisel, Horst; Knitz, Andreas

Nachdem Thomas Lutz uns gebeten hatte, in diesem GedenkstättenRundbrief unser Projekt in Weimar Zermahlene Geschichte vorzustellen, gingen wir während eines Berlinaufenthaltes zum Gelände Topographie des Terrors und sahen, wie sehr der Ort dem momentanen Zustand unseres Projektes in Weimar gleicht: Schutthaufen, Baustelle und Fundamentreste ehemaliger Gestapo-Gebäude. Als wir weiter gingen zum vorgesehenen Gelände des zentralen Denkmals für die ermordeten Juden Europas, fanden wir wieder Schutthaufen neben Fundament- und Bunkerresten aus der Nazi-Zeit. Entlang des hermetisch um das Gelände geschlossenen Bauzaunes ging, wie zu Zeiten der Berliner Mauer, ein Wachmann mit deutschem Schäferhund Streife. An zwei Stellen waren ebenfalls wie zur Zeit der Mauer Besucherplattformen errichtet. Von dort sahen wir über dieses brachliegende Stück deutschen Bodens. Nach Norden schloss die neue Glaskuppel des Reichstages das Blickfeld, im Süden traf sich das neue Hochhaus- und Büro - Zentrum von Sony und Daimler in den Himmel.

Wir redeten über den Stillstand in der Mahnmal-Diskussion und über die Schwierigkeit in diesem Boden in Berlin-Mitte ein monumentales Holocaust-Denkmal zu verankern. Wäre der Boden nicht tragfähiger für Immobilien wie Sony und Daimler? Das Geld aus dem Verkauf des Grundstückes könnte man z. B. für den Erhalt der Gedenkstätten und ihrer aktiven Erinnerungsarbeit verwenden. So kamen wir aus der Diskussion über dieses Stück Deutschen Bodens zu, folgender Idee: Wir platzierten am 8.Mai 1998 eine Anzeige in dem Immobilienmarkt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Über zwanzig Immobilienfirmen aus Berlin und der Bundesrepublik forderten das Exposé an. Es zeigte die auf der Titelseite dieses GedenkstättenRundbriefes abgebildeten »Deutschen Boden« mit einer Beschreibung der Orte. Die »Erklärung Deutsche Böden« fügten wir hinzu.

Wir haben von den Immobiliengesellschaften die Erlaubnis erbeten, ihre Zuschriften in einer künstlerischen Arbeit zu Deutsche Böden zu verwenden. Bisher haben wir nur zwei anonyme Rücksendungen unserer frankierten Rückumschläge bekommen. Von der FAZ wurde Strafanzeige gegen die Deutsche Boden erstattet.

Die Schwierigkeit im Umgang mit den Altlasten Deutscher Böden wird im Erscheinungsbild der drei Grundstücke (Bauplatz Holocaust-Mahnmal, Topographie des Terrors, Zermahlene Geschichte in Weimar) sichtbar.

Der Marstall liegt mitten in Weimar, dem Stadtschloss gegenüber und war bis vor kurzem die am besten erhaltene ehemalige Gestapo-Zentrale in der Bundesrepublik. Die Gefängniszellen im Keller reichten der Gestapo kurz nach ihrem Einzug in das Marstallgebäude 1936 nicht mehr aus. Die Remise im Marstall-Innenhof wurde als provisorisches Gefängnis ausgebaut. Eine große Verwaltungsbaracke mit einem speziell schalldicht gebauten Verhörzimmer wurde zusätzlich im Hof errichtet. Die Reithalle des Marstalls diente als Deportationssammelstelle für die Juden aus Thüringen. Die provisorischen Gebäude sollten nur bis zum Umzug in das fast fertiggebaute Gauforum genutzt werden. Der Kriegsverlauf verhinderte den Umzug. Von 1945 bis 1950 wurden die Gebäude vom sowjetischen NKWD als Gefängnis weitergenutzt. Später zog das Landesarchiv, heute Thüringisches Hauptstaatsarchiv in den Marstall.

In der Verwaltungsbaracke und den Gefängniszellen der Remise lagerten Akten aus der NS-Zeit. Die Eingangstür zur Baracke hatte einen Bauhaus-Türgriff. Im Zuge einer notwendigen Modernisierung und Erweiterung des Archivs wurde ein Magazinuntergeschoss unter dem Marstall-Innenhof geplant. Hierzu mussten die unter Denkmalschutz stehende Remise mit dem ehemaligen Gestapo-Gefängnis und die Verwaltungsbaracke abgerissen werden. Die Genehmigung hierzu wurde erst nach längerem Streit zwischen den Denkmalschutzbehörden, dem Staatsbauamt, und dem Wissenschaftsministerium erteilt. Schließlich gab man der aktiven Auseinandersetzung mit den historischen Dokumenten in einem modern ausgestatteten Archiv den Vorrang vor dem Erhalt der ehemaligen Gestapo-Gebäude. Mitten in Weimar bezeugten diese, dass die Grausamkeiten der Nationalsozialisten nicht 15 Kilometer vor Weimar auf dem Ettersberg halt gemacht hatten. Die ehemaligen Kellerzellen des »Hausgefängnisses« im Marstall wollte das Staatsarchiv als Gedenkort erhalten und einrichten. Im Innenhof sollte ein Kunstwerk an die beseitigten Gebäude und ihre Geschichte erinnern.

DEUTSCHE BODEN ERKLÄRUNG

Wir danken ihnen für Ihr Interesse an dem von Deutsche Boden angebotenen Grundstück in Berlin Mitte. Damit sind Sie Teil eines Kunstwerkes geworden.

Zum Erscheinen der Anzeige in der überregionalen Immobilienmarkt-Beilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 8. Mai 1998 folgende Anmerkungen:

  • der 8. Mai 1945 ist das Datum der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.
  • der 17.Juni ist der ehemalige Tag der deutschen Einheit.
  • der Adler in der Anzeige ist nicht der Bundesadler.
  • das Amt für Bundesvermögensverwaltung d.h. ein Amt für Verwaltung gibt es nicht, sondern entweder das Bundesvermögensamt oder die Bundesvermögensverwaltung.

Die fiktive Gesellschaft heißt Deutsche Böden, da es sich, wie Sie dem Exposé entnehmen können, um besondere deutsche Böden handelt. Die im Exposé gezeigten Grundstücke haben unabhängig voneinander die Gestalt von Baustellen im Stillstand angenommen. Zufall? Wir meinen, diese erstarrten Bodenformen demonstrieren die Schwierigkeit im Umgang mit deutschen Böden und deren Altlasten aus der Nazizeit. Sie sind schon Denkmal. Alle drei Orte zeigen die Hilflosigkeit im Umgang mit der Geschichte und den Orten der Nazitäter.

Im Fall des Grundstücks in Berlin Mitte handelt es sich um die von der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung gestellte 20 000 Quadratmeter große Fläche für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Nach jahrelangem Diskussionsprozess, scheint sich, wie Sie der Tagespresse entnehmen können, eine Entscheidung abzuzeichnen, die aber immer wieder verschoben wird. Es soll die Wahl auf einen der vier noch im Verfahren gebliebenen Künstlerentwürfe für dieses Gelände fallen. In zahlreichen Kolloquien und öffentlichen Stellungnahmen von Experten, wurde der Standort immer wieder wegen seiner Größe und Lage als falscher Standort für dieses Denkmal kritisiert. Alle Argumente blieben jedoch von den Auslobern des Denkmals unberücksichtigt. Auch wir halten den Ort für das Denkmal denkbar ungeeignet. Vielleicht sollte das Grundstück tatsächlich verkauft werden und der Erlös dem Erhalt der Gedenkstätten und der Gedenkstättenarbeit zur Verfügung gestellt werden. Wir haben den ungewöhnlichen Weg einer fingierten Anzeige in künstlerischer Form gewählt, um nach all den Diskussionen und verbalen Kämpfen um das Denkmal einen anderen Blickwinkel auf das Gelände und die Entscheidung zu werfen.

Wir stellen die Frage: Was passiert, wenn man das Grundstück verkauft? gibt es kein Denkmal? gibt es ein Denkmal in anderer Form, nicht monumental, aber an einem viel wirkungsvolleren Ort? , oder ist die ständige Diskussion um das Denkmal, das eigentliche Denkmal?

Das Interesse von Immobiliengesellschaften an dem Grundstück ist, wie die Anzeige bewiesen hat, verständlicherweise sehr groß. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse. Es ist ein sehr reales Argument in der Diskussion um den Standort und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Selbstverständlich behandeln wir Ihre Zuschrift vertraulich.

 

Wir gewannen den beschränkten Wettbewerb mit folgendem Entwurf:

Der Abbruch der Gestapobaracke und des Gefängnisbaus werden öffentlich gemacht. Zuvor werden aus den Gebäuden Sachbeweise gesichert. Es entsteht eine Asservatenkammer im Thüringischen Hauptstaatsarchiv. Türen, Zellengitter, Strohsäcke, Fenster usw. werden zum Teil als Ganzes gesichert. Andere Dinge, wie Türgriffe, Türnummern, Lichtschalter, Dachpappe, Ziegel, Blechgefäße, Alarmklingel, Tapetenstücke, usw., beide Gebäude also werden als ausgeschnittene Asservate in den zur Aktenaufbewahrung üblichen Archivkartons gelagert und im Archivgebäude aufbewahrt.

Danach werden die Gebäude in einem Brechwerk zu Holzschnitzeln und Mauerwerkgranulat zermahlen. In zwei Containern wird während der gesamten Bauzeit das Material vor dem Marstallgebäude zwischengelagert. Die Container tragen Fotos der Baracke bzw. des Gefängnisses und eine von den Archivdirektoren beschriftete Inhaltsangabe: Zermahlene Geschichte 1936-1997 (Baracke), bzw. 1875-1997 (Remise / Gefängnis).

Nach Abschluss der Bauarbeiten werden das zermahlene Gefängnis und die Holzschnitzel der Gestapobaracke gemeinsam mit Feinkies auf der Hofflache (als oberste Schicht) aufgebracht. So bleiben die Gebäude als begehbare Erinnerungsskulptur dem Ort erhalten. Die Grundrisse der beiden Gebäude werden als eine unterbrochene Kontur im Hof sichtbar gemacht. Durch Sicherheits-Glasschlitze kann man in das Magazin des Hauptstaatsarchivs hineinsehen. Dort lagern Bauhaus-Akten und Goethes amtliche Korrespondenz neben der Buchenwaldkartei.

Im Text der Auslobung heißt es: »Die gesamte Baugeschichte Weimars ist in der Architektur des Marstalls in komprimierter Form vorhanden«. Es folgt die Aufzählung historischer Daten. Diese komprimierte Geschichte unterstreicht dieser Entwurf, indem er die Jahreszahlen sichtbar auf die dem Hof zugewandten Gebäudeteile und die mittelalterliche Kalksteinmauer, »denkmalswürdige« Rückwand des Gestapogefängnisses schreibt. Die Jahreszahlen 1936 bis 1952 erscheinen auf keiner Wand. Sie sind auf dem nachgezeichneten Grundriss der verschwundenen Gebäude zu lesen.

»Vergangenheit hat Zukunft« heißt der Slogan auf Plakaten, mit denen das Thüringische Hauptstaatsarchiv die Restaurierung des Marstallgebäudes vorstellt. Alle Bauabschnitte des historischen Gebäudekomplexes sind dort mit Jahreszahlen dargestellt. In der fotorealistischen Simulation ist die Zeit von 1936 bis 1989 gelöscht. Die Gestapogebäude im Innenhof sind dort verschwunden, eine figürliche Skulptur ist als künstlerischer Ersatz vor der mittelalterlichen Mauer postiert.

Wir haben zur Darstellung unseres Entwurfs dieses Plakat genommen und unter dem Slogan »Vergangenheit hat Zukunft« die Frage gestellt: »Welche Vergangenheit?« Wir haben die Jahreszahlen und Bilder des Ortes zwischen 1936 und 1989 wieder eingefügt. Zusätzlich haben wir zwei Archivkartons eingereicht. Der eine war mit zermahlenem Mauerwerk gefüllt, der andere mit Holzschnitzeln. Sie trugen den offiziellen Registier-Stempel des Archivs: Thüringisches Hauptstaatsarchiv: Bestand: Zermahlene Geschichte 1936-1997, bzw. für die Remise 1838-1997.

Inzwischen sind die Gebäude, aus denen wir zuvor möglichst viele Asservate in Archivschachteln gesichert hatten, in einer öffentlichen Aktion zermahlen worden. Ein Teil des Materials lagert in zwei großen, grauen Containern, die wie riesige Archivschachteln portallöwengleich das Haupttor zum Staatsarchiv rahmen. Der Rest lagert außerhalb von Weimar vor einem atomsicheren Bunker der ehemaligen Volkspolizei. In diesem Bunker sind die Akten, die zuvor in den jetzt geschredderten Gebäuden lagerten, aufbewahrt.

Bis hierher lief das Projekt, das auch Beitrag zum europäischen Kulturstadtjahr 1999 ist, planmäßig. Der Aushub für das Magazinuntergeschoss im Marstall sollte beginnen. Doch dafür hatte das Finanzministerium plötzlich kein Geld mehr. Die Mittel zur Sanierung des Marstallkomplexes wurden gestreckt. Frühestens im Jahre 2000 wird mit dem Magazinbau begonnen.

Wir haben als Reaktion darauf das Schreddergut auf dem Innenhof des Marstalls wieder als Schuttkegel aufgeschüttet und das noch verbliebene Fundament des Gefängnisses gedampftstrahlt und mit einem Bauzaun gesichert. Wir werden unser künstlerisches Urheberrecht an dem geschredderten Material geltend machen. Nichts darf ohne unsere Einwilligung beseitigt oder bewegt werden. Der Versuch, die verbliebenen Reste der Gebäude erneut unter Denkmalschutz zu stellen, scheiterte. Der Peinlichkeit, zuerst den Denkmalschutz intakter Gebäude aufzuheben, um dann die geschredderten Reste erneut unter Denkmalschutz zu stellen, wollte die Behörde sich nicht aussetzen. Der Referent bei der oberen Denkmalbehörde stellte treffend bei einer Ortsbesichtigung fest. »Da stehen wir auf dem Fundament der weggerissenen Geschichte des Gestapogefängnisses und beten die zum Vorschein gekommene mittelalterliche Mauer an.« Er fühlte das Absurde der Situation.

1999 wird es im Marstall eine Ausstellung: Goethe als Beamter geben. Im gleichen Raum auf einer anderen Ebene werden wir das Projekt Zermahlene Geschichte zeigen. Außerdem sind wir Besitzer zweier großer Container mit Zermahlener Geschichte. Die lassen sich bewegen. Über Weimar hat die Landesregierung im Kulturstadtjahr einen Baustopp verhängt. Keine Baukräne und Container dürfen im Stadtbild erscheinen. Aber unsere Container mit der Zermahlenen Geschichte sind Kunstwerke. Mit ihnen werden wir die Schwierigkeit, sich zu erinnern, noch schwieriger machen. So lautet der Titel der Themengruppe im Programm der Kulturhauptstadt Weimar 1999, zu der auch das Projekt Zermahlene Geschichte zählt.

Video und Projektbeschreibung via Internet:

www.aweimar1 999.de/marstall-projekt