Als 1945 die Jahrestage der Ermordung Ernst Thälmanns, Rudolf Breitscheids und der Widerstandskämpfer des 20. Juli bevorstanden, ergriffen ehemalige politische Häftlinge die Initiative zur Begründung eines Gedenktages. Aus diesem Anlass wandte sich der Berliner »Hauptausschuss Opfer des Faschismus« am 3. August 1945 an den Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner. Der Berliner Magistrat nahm sich dieses Anliegens an und rief erstmals für den 9. September 1945 zum »Tag der Opfer des Faschismus« auf. Die neu zugelassenen antifaschistisch-demokratischen Parteien, die jüdische Gemeinde, die Kirchen, die Gewerkschaften und Jugendausschüsse unterstützten diesen ersten Gedenktag nach der Befreiung. Im Zentrum der Ehrung standen die »toten Helden des antifaschistischen Kampfes«, wie es im Aufruf des Berliner »Hauptausschusses OdF« hieß.
Bereits am Vorabend des 9. September 1945 fanden in vielen Schulen und in allen Bezirken Berlins Gedenkfeiern statt. An Häuserruinen, in Straßen, an U-Bahnzugängen – überall waren Transparente angebracht, wehten Fahnen im Trauerflor. Gottesdienste leiteten den Gedenktag ein. Am frühen Nachmittag bewegten sich dreißig Demonstrationszüge durch die Stadt. Ihr Ziel war das in »Werner-Seelenbinder-Kampfbahn« umbenannte Neuköllner Stadion. Umrahmt von 14 Fahnen der von Deutschland überfallenen Länder, erhob sich in der Mitte des Platzes das von dem Baustadtrat Hans Scharoun entworfene Ehrenmal. Es trug die Inschrift: »Die Toten mahnen die Lebenden«, das Motto des ersten »OdF-Tages«. Unter den Buchstaben »KZ« befand sich der rote Winkel der politischen Häftlinge, der sich seither auf zahlreichen Plakaten, Aufrufen, Denkmälern, Publikationen und Abzeichen findet. Tausend Kränze wurden in der Mitte des Stadions nieder gelegt. Zehntausende Berliner standen gemeinsam mit Gästen aus allen Besatzungszonen dicht gedrängt, als Chopins Trauermarsch erklang. Beethovens Coreolan- und Leonoren-Ouvertüren unterstrichen den Gedenkcharakter des Tages. Der Schauspieler Horst Caspar rezitierte Karl Schnogs »Heimkehr«, sein Kollege Ernst Wilhelm Borchert Johannes R. Bechers »Kinderschuhe von Lublin«. Der Gesang »Unsterbliche Opfer« – ein russisches Revolutionslied – und das Moorsoldaten-Lied wurden angestimmt. Die Ravensbrück-Überlebende Maria Wiedmaier, Ottomar Geschke, der zwölf Jahre Gefängnis und Konzentrationslager überlebt hatte, und Oberbürgermeister Dr. Werner verbanden in ihren Reden Trauer und Gedenken mit dem Aufruf, den Nazismus mit all seinen Wurzeln zu beseitigen und ein freies demokratisches Deutschland aufzubauen. Mit dem gemeinsamen Gesang »Brüder zur Sonne, zur Freiheit…« klang der erste OdF-Tag aus.
Auch in zahlreichen Städten Sachsens, in Brandenburg, Weimar, Neumünster und Stuttgart fanden im September 1945 Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Faschismus statt. Würdige Feiern sollten nun jährlich zum OdF-Tag ausgerichtet werden.
Anliegen des deutschlandweit durchgeführten OdF-Tages war es, Totenehrung und Erinnerung mit Aufklärung und Mahnung zu vereinen. Programm und Ablauf des Tages glichen sich vielerorts. Widerstandskämpfer, führende Vertreter von Landesregierungen und Stadtverwaltungen und Politiker aller Parteien traten auf. Klassische Musik und Lesungen von Zeugnissen der Opfer und Verfolgten ließen Raum für Trauer um die Toten...Darüber hinaus wurden sterbliche Überreste von Opfern des Faschismus beigesetzt, Gedenktafeln und Mahnmale eingeweiht, Straßen nach ermordeten Widerstandskämpfern benannt, Broschüren mit Texten von Verfolgten des Naziregimes publiziert, Ausstellungen zur Geschichte des Widerstands gezeigt. Umrahmt wurde der Gedenktag von Feiern in Schulen, Kundgebungen in Betrieben, Andachten in Kirchen und Gedenkfeiern in Synagogen, Theateraufführungen, Konzerten und Rundfunksendungen. Alle kulturellen Einrichtungen waren gehalten, ihre Programme der Würde des Gedenktages entsprechend zu gestalten.
Das Totengedenken, Kern jeder kulturellen Erinnerung, fand seine Entsprechung in einer sich herausbildenden Gedenkästhetik, die teilweise sakrale Symbole adaptierte und auf Formen von Gedenkfeiern für die Toten des Ersten Weltkriegs und für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in den zwanziger Jahren zurückgriff. Die Opfer des Faschismus wurden zu Blutzeugen und Märtyrern für ein besseres Deutschland. So erinnerte von 1946 bis 1948 bei den Manifestationen auf dem Berliner Lustgarten eine große, flammende Opferschale an die elf Millionen Toten, die in Konzentrationslagern, Haftanstalten und an zahllosen Orten in den überfallenen Ländern ermordet wurden. An einem symbolischen Katafalk wurden Blumen und Kränze niedergelegt. Im Totengedenken und in ihrer Trauer fanden Angehörige, Freunde und Kampfgefährten zusammen, um über die Erinnerung ein Einvernehmen über Gegenwart und Zukunft herzustellen. Dies vereinte sie mit vielen Menschen, die nach einem Neuanfang suchten. In der Erinnerung an die Millionen Opfer begründeten sie das »Nie wieder!«, den endgültigen Bruch mit dem Nazismus.
Die emotional berührenden Gedenkveranstaltungen in vielen Städten Deutschlands mit Hunderttausenden von Teilnehmern regten eine beginnende Auseinandersetzung mit der nazistischen Vergangenheit an. Durch eine breite mediale Verbreitung in Tageszeitungen, Rundfunk, Wochenschauen sowie in hoher Auflage publizierten Gedenkbroschüren hatten sie eine große Ausstrahlung auf die Nachkriegsgesellschaft. Die Erinnerung an die Verfolgten des Naziregimes bildete ein Gegengewicht zu dem weit verbreiteten diffusen Gefühl der »deutschen Katastrophe« und vermittelte Anstöße für ein Nachdenken über das Ausmaß der von der überwiegenden Mehrheit geduldeten Verbrechen. Schlussstrichmentalität, Scham über die eigene Schuld und Verantwortung, der Wunsch nach Neubeginn um den Preis des Vergessens, die Erfahrungen von Bombardierung und Vertreibung begründeten jedoch eine tiefe Kluft zwischen den überlebenden Opfern des Faschismus und großen Teilen der Bevölkerung. Ein öffentliches Gedenken für die deutschen Kriegstoten fand in dieser Zeit nicht statt. Der erste Volkstrauertag wurde 1948 wieder begangen.
Die Ehrung der Toten sollte zu einer Verpflichtung der Lebenden werden, alles zu tun, den Nazismus für immer zu überwinden. Millionen jüdische Opfer mahnten zur Wachsamkeit gegenüber einem schon wieder offen auftretenden Antisemitismus, vor dem die Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde Heinz Galinski und Julius Meyer zum OdF-Tag 1947 eindringlich warnten. Ottomar Geschke erklärte auf der Kundgebung im Lustgarten: »Der Kampf gegen den Antisemitismus ist nicht ein Kampf der Juden. Er muss ein Kampf aller anständigen Menschen in der ganzen Welt sein«. Hermann Duncker mahnte: »Wo man von Opfern des deutschen Faschismus spricht, muss daher des Schicksals der deutschen und europäischen Juden immer an erster Stelle gedacht werden.«
Überparteilichkeit, Überkonfessionalität und gleichberechtigtes Nebeneinander verschiedener Weltanschauungen und Überzeugungen knüpften direkt an die Erfahrungen aus Widerstand und Haft in Konzentrationslagern und Zuchthäusern an. Am 22. September 1946 stand im Berliner Lustgarten die Würdigung des deutschen Widerstandes in seiner weltanschaulichen Vielfalt im Mittelpunkt. Änne Saefkow und Fritz Ziegler sprachen für den kommunistischen Widerstand, Gräfin Marion Yorck von Wartenburg für den 20. Juli, Robert Havemann für die Europäische Union, die Bildhauerin Ruthild Hahne für die Rote Kapelle, Werner Haberthür für den christlichen Widerstand und Erich Wichmann für die Beppo-Römer-Gruppe. Den überlebenden Widerstandskämpfern ging es darum, das heimliche, das andere Deutschland, die weitgehend unbekannt gebliebene Widerstandsbewegung in das Bewusstsein zu rufen und der Jugend nahe zu bringen. Davon zeugte die zum OdF-Tag 1948 eröffnete VVN-Ausstellung »Das andere Deutschland«. 1947 gehörte erstmals die gerade erst gegründete »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN), eine überparteiliche Organisation von Überlebenden und Angehörigen der Opfer des Faschismus, zu den Trägern des Gedenktages. Im März 1947 hatte die interzonale Länderkonferenz der VVN beschlossen, den OdF-Tag jährlich in ganz Deutschland am gleichen Tage zu begehen: am zweiten Sonntag im September.
Der Gedenktag in der frühen Nachkriegszeit vereinte alle Opfer- und Widerstandsgruppen im gemeinsamen Gedenken und wurde parteiübergreifend getragen. Unter dem Druck des Kalten Krieges, im Jahr von Währungsreform und Berlin-Blockade, zerbrach jedoch der antinazistische Konsens. Seit Mai 1948 galt der Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD: kein Sozialdemokrat durfte zugleich Mitglied der VVN sein. Nach der großen Manifestation am 9. September 1948 vor dem Reichstag gegen die Berlin-Blockade wurde die Teilnahme an der wenige Tage später im Ostteil der Stadt stattfindenden OdFKundgebung diffamiert. Die Besatzungsbehörden im britischen und amerikanischen Sektor verboten Bezirksveranstaltungen zum OdF-Tag. In der angespannten politischen Lage des Sommers 1948 beteiligte sich der Magistrat nicht mehr an der Kundgebung im Lustgarten und richtete am 12. September eine eigene kleine Gedenkfeier in Plötzensee aus. Der OdF-Tag geriet in politische Auseinandersetzungen und veränderte seinen Charakter. Aus dem Gedenktag wurde 1948 ein »Kampftag« für den gerechten Frieden und der Erhaltung der nationalen Einheit. Der stellvertretende Vorsitzende der VVN, Heinz Galinski, eröffnete die Kundgebung mit über 100 000 Teilnehmern im Lustgarten und rief dazu auf, die Einheit aller Antifaschisten zu bewahren. Das gelang nicht mehr. Von nun an folgten die am zweiten Sonntag im September stattfindenden Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Faschismus einander konträr gegenüberstehenden Gedenkkonzepten. Das Erbe des Widerstandes gegen das NS-Regime wurde von jeder Seite entsprechend ihrer jeweiligen ideologischen Ausrichtung interpretiert und mehr und mehr für die jeweiligen politischen Ziele vereinnahmt.
In West-Berlin rief 1949 der Senat für den OdF-Tag erneut zu einer eigenen Veranstaltung in Plötzensee auf, die ein »Gegengewicht« zu der Gedenkveranstaltung in Ostberlin schaffen sollte. 1952 wurde am zweiten Sonntag im September die Gedenkstätte Plötzensee eingeweiht. Unterstützt wurden die offiziellen Gedenkfeiern zum OdF-Tag in den Folgejahren von Verfolgtenverbänden, die sich nun in Abgrenzung zur VVN gründen – so zum Beispiel der »Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN)«.
In der Bundesrepublik wurde das offizielle Gedenken an die Opfer des Naziregimes in den fünfziger Jahren in die Erinnerung an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft vor und nach 1945 eingereiht und stand nun ganz im Zeichen von Totalitarismus-Theorie und Antikommunismus. 1950 rief der BVN am 12. September zu einem »Gedenktag für die Opfer der Unmenschlichkeit« auf. Während der gemeinsam von BVN und Westberliner Senat veranstalteten Gedenkfeier führte der Vorsitzende des BVN, Peter Lütsches, aus, »daß Berlin durch seinen Freiheitskampf das Werk der durch das Hitler-Regime gemordeten Toten weiterführe«. Auf einer Gedenkveranstaltung in Hannover, die sowohl der Opfer des Naziregimes als auch der »neuen Opfer des Bolschewismus« gedachte, bezeichnete der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher die »Sowjetzone« als ein »großes Konzentrationslager«. NS-Verbrechen und die Existenzbedingungen in Nationalsozialismus, Shoah und Krieg auf der einen, die DDR und die dortigen Menschenrechtsverletzungen auf der anderen Seite wurden von ihren Ursachen und Entstehungsbedingungen abgekoppelt, Interessen und Motive der jeweiligen Akteure und Täter negiert und das Geschehen damit seinem jeweiligen historischen Kontext enthoben. Folgerichtig verschob sich das offizielle Gedenken in dieser Zeit nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich seines Datums: Statt am zweiten Sonntags im September wurde Mitte der fünfziger Jahre am Volkstrauertag im November auch der Opfer des Nationalsozialismus gedacht und eine Versöhnung der Toten, aller Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, beschworen. An den Widerstand gegen das Naziregime wurde nun am 20. Juli erinnert und das Gedenken auf den bürgerlich-konservativen, christlichen und militärischen Widerstand und die Weiße Rose verengt. Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung, vor allem von Kommunisten, wurde weitgehend verdrängt.
Zeitgleich hielt die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) – unterstützt von der SED und der KPD – die Tradition des OdF-Tages in Westberlin und Westdeutschland aufrecht. Mehrere tausend Teilnehmer waren in dieser Zeit keine Seltenheit. Bald aber wurden einzelne Landesvereinigungen der VVN verboten; 1959 stellte die Bundesregierung den Antrag, die Verfassungswidrigkeit der VVN festzustellen. Infolgedessen wurden zahlreiche, von der VVN organisierte Gedenkveranstaltungen zum OdF-Tag verboten oder unter polizeiliche Auflagen gestellt, etwa die, nur Kränze ohne Schleifen niederzulegen, keine Ansprachen politischen Charakters zu halten und die Teilnehmerzahl auf 10 Personen zu begrenzen. Dies wird mit teils massiver polizeilicher Gewalt durchgesetzt, Teilnehmern der Weg zu Kundgebungsorten in Gedenkstätten durch Polizeiketten versperrt, Kranzschleifen entfernt, Redner aufgrund von Ansprachen mit politisch missliebigem Inhalt verhaftet. In den sechziger Jahren verfügte beispielsweise der Berliner Senat zum OdF-Tag mehrmals die polizeiliche Sperrung der Gedenkstätte Plötzensee. Der Einsatz von Wasserkanonen gegen eine Gedenkfeier in Frankfurt am Main, zu der trotz Verbot mehrere hundert Teilnehmer gekommen waren, löste 1951 ein breites Medienecho aus. Dennoch fanden in dieser Zeit in vielen Städten Westdeutschlands eindrucksvolle Kundgebungen statt. 1962 platzte der Verbotsprozess gegen die VVN vor dem 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts wegen der Nazi-Vergangenheit seines Senatspräsidenten; schließlich wurde das Verfahren stillschweigend eingestellt. Damit endeten Kriminalisierung und Repression, wenngleich es bis in die späten 60er Jahre immer wieder Versuche gab, Gedenkfeiern zu behindern.
Verstärkt mit dem Vorwurf politischer Einseitigkeit und Verengung auf die Politik der SED konfrontiert und als »kommunistische Tarnorganisation« diffamiert, fand die VVN weder breite Resonanz in der Bevölkerung noch Bündnispartner. Eine Ausnahme stellte die Kundgebung am 18. September 1955 in Iserlohn (Nordrhein-Westfalen) dar, zu der neben der Jüdischen Gemeinde u.a. auch die VVN und BVN aufriefen. Erst seit den späten siebziger Jahren gewann die VVN neue Bündnispartner. Zu dieser Zeit aber war der OdF-Tag in der Bundesrepublik schon weitgehend vergessen. Das Erinnern an das Naziregime hatte sich auch innerhalb der westdeutschen Linken seit den sechziger Jahren mehr und mehr auf die Jahrestage der Reichspogromnacht, den 30. Januar, den 8. Mai und den Antikriegstag verlagert, vermutlich, weil diese Daten zum Widerspruch gegenüber staatlichen Geschichtsbildern und offizieller Gedenkpolitik herausforderten, sie sich mehr zur Formulierung eigener politischer Forderungen und zum Aufgreifen tagesaktueller Themen eigneten, was auch hier zu Vereinnahmungen und fragwürdigen Gleichsetzungen führte. 1987 rief die VVN-Westberlin gemeinsam mit der »Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten«, der »Internationalen Liga für Menschenrechte« und der Initiative »Asyl e.V.« zu einer Kundgebung »zur Ehrung der Opfer des Faschismus, der Fremdenfeindlichkeit und der Asylpolitik« in der Gedenkstätte Plötzensee auf. (West)Berlin gehört neben Hamburg und Bremen zu den wenigen westdeutschen Städten, in denen die VVN am zweiten Sonntag im September bis heute Gedenkveranstaltungen durchführt.
In der DDR wurden in den fünfziger Jahren traditionelle Formen des Gedenkens aus der Nachkriegszeit fortgeführt. Bei der zentralen Veranstaltung auf dem Berliner Thälmannplatz loderten in zwei großen schwarzen Schalen Totenfeuer zum Gedenken an die elf Millionen Opfer des Faschismus. Die Tribüne war mit Blumen und den Fahnen der überfallenen Länder geschmückt. Nach dem Trauermarsch »Unsterbliche Opfer« sprachen deutsche und ausländische Widerstandskämpfer. Beendet wurde die Kundgebung mit zumeist über 100 000 Teilnehmern mit dem Lied »Brüder zur Sonne zur Freiheit«. Um jeden zweiten Sonntag im September fanden Gedenkfeiern in Schulen und Betrieben, Kranzniederlegungen, Einweihungen von Gedenkstätten und -tafeln und Gespräche mit Verfolgten des Naziregimes statt. 1958 wurde am zweiten Sonntag im September die Gedenkstätte in Buchenwald und 1959 in Ravensbrück mit Zehntausenden Teilnehmern eröffnet. Die Jüdischen Gemeinden ehrten die Opfer der Shoah mit eigenen Veranstaltungen.
Auch in der DDR führte zunächst die VVN den OdF-Tag fort. Ihre zunehmende Ausrichtung auf die Politik der SED sicherte deren Einfluss auf Inhalte und Ausgestaltung des OdF-Tages. Mit der plötzlichen und unvermittelten Auflösung der VVN im Februar 1953 brachte die SED-Führung die eigene Stimme der Verfolgten des Naziregimes mit der Begründung, das Vermächtnis der antifaschistischen Widerstandskämpfer sei in der DDR erfüllt, zum Schweigen. Hintergrund war die (nicht öffentliche) Kritik der SEDFührung an der aus ihrer Sicht unzureichenden politischen Arbeit der VVN, der kritischen Haltung von VVN-Mitgliedern zu politischen Entscheidungen, aber auch die Kampagne gegen jüdische Mitglieder der VVN. Das nach der Auflösung der VVN gegründete »Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR« führte gemeinsam mit der Nationalen Front und der SED den OdF-Tag weiter.
Als Kampftag wurde der OdF-Tag zur Popularisierung aktuell politischer Ziele der SED genutzt. Der Protest gegen die Militarisierung und das Aufleben faschistischer Organisationen in Westdeutschland sowie das Eintreten für ein wiedervereinigtes Deutschland waren in dieser Zeit zentrale Forderungen, die in Reden und auf Transparenten erhoben wurden. Die emotionale und moralische Kraft des OdF-Tages diente bis 1989 mehr und mehr der Mobilisierung zum Aufbau des Sozialismus und der antifaschistischen Legitimation der DDR und ihrer Partei- und Staatsführung. Davon kündeten auch ihre Reden auf dem Bebelplatz, Kundgebungsort seit den sechziger Jahren, und die großformatigen Portraits der Mitglieder und Kandidaten des Politbüros der SED auf der Seite der Alten Kommode und die Portraits von Widerstandskämpfern auf der Seite der Staatsoper. Die Ausgestaltung des OdF-Tages wurde zu einem minutiös durchgeplanten Ritual. Die zentrale Kundgebung begann mit einer Kranzniederlegung der Partei- und Staatsführung, des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer und ausländischer Gäste am »Ehrenmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus« (heute Neue Wache).
Das Gedenken bezog alle Opfer des Faschismus ein. Besondere Ehrung aber erfuhren vor allem die Widerstandskämpfer. Von ihrem Kampf und ihrer nie versiegenden Zuversicht auf eine Welt ohne Krieg und Faschismus sprachen internationale Vertreter von Widerstandsverbänden. Vertreter der Jüdischen Gemeinde, der Roma und Sinti, Deserteure, »Euthanasie«-Opfer und andere Verfolgte des Naziregimes kamen auf den Kundgebungen nicht zu Wort; die Geschichte ihrer Verfolgung wurde kaum erwähnt.
Kundgebungsteilnehmer nahmen den OdF-Tag in einem Spannungsfeld zwischen bewegendem Gedenken, dem Wachhalten der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen und staatlicher wie tagespolitischer Vereinnahmung wahr.
1990 rief der im Mai gegründete Bund der Antifaschisten gemeinsam mit über 30 Organisationen aus Ost- und Westberlin auf, am zweiten Sonntag im September erstmals einen »Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung« zu begehen. Er knüpfte an die großen überparteilichen Kundgebungen in den frühen Nachkriegsjahren an, gab dem Tag aber zugleich ein neues Gesicht. Besucher erhielten mehr Möglichkeit zur Begegnung...Außer der Hauptbühne mit der Podiumsdiskussion und einem vielfältiges Kulturprogramm boten Diskussionsrunden, Zeitzeugengespräche und Ausstellungen die Möglichkeit für Gedanken- und Meinungsaustausch. Rund hundert Büchertische und Infostände, an denen Gruppen, Initiativen und Organisationen ihre Arbeit und Projekte vorstellten, luden ein, sich zu informieren und einander kennen zu lernen. Die Erinnerung an die Opfer des Faschismus und den Widerstand gegen das Nazi-Regime wurde mit einem Appell für Toleranz und Solidarität und gegen das Erstarken rassistischer, nationalistischer und neofaschistischer Kräfte verbunden. Als »Aktionstag gegen Rassismus, Neonazismus und Krieg« begann der Tag der Mahnung jedes Jahr mit einer Auftaktkundgebung, die in Plötzensee und an anderen Orten der Opfer des Faschismus gedachte. Dieser schloss sich ein Fahrradkorso mit Haltepunkten an Stätten von Verfolgung und Widerstand an. Sein Ziel war der Ort des Aktionstages: zunächst der Lustgarten und seit 2002 das Marx-Engels-Forum. Beschlossen wurde der Tag in den Jahren bis 2003 vor dem Reichstag mit einer Kundgebung für die Errichtung eines Mahnmals zur Erinnerung an den Völkermord an Sinti und Roma. Verfolgte des Nazi-Regimes, Gewerkschaften, Jugendverbände, Kirchengruppen, Künstler, Migrantenorganisationen, Antifa- und Solidaritätsgruppen gestalteten den Tag. Seit 1990 haben den »Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung« mehr als 500 Organisationen, Parteien und Initiativen unterstützt.
Die Ausstelung »Der zweite Sonntag im September« zeigt die wechselvolle Geschichte des »Opfer des Faschimus-Tages«. Sie kann ausgeliehen werden: 12 Tafeln (80x120cm), auch in einer kleineren A2-Version und ist als pdf-Dokument auf der Website der Rosa- Luxemburg-Stiftung: www.rosalux.de/cms/index.php?id=7132.
Im September erscheint ein Begleitheft zur Ausstellung, das die Geschichte des OdFTages im Kontext von Gedenkpolitikin Ost und West darstellt. Bestellung: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA).
Kontakt und Bestellung
VVN-BdA, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin
Tel. (030)29 78 41 78 | Fax (030)29 78 43 78
berlin@vvn-bda.org
Dr. Hans Coppi ist freier Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, Vorsitzender der Berliner VVN-BdA und Sprecher des Vorbereitungskreises zum Tag der Erinnerung,
Mahnung und Begegnung, der seit 1990 am zweiten Sonntag im September in Berlin stattfindet.
Nicole Warmbold, Sprachwissenschaftlerin, promoviert derzeit zum Thema »Lagersprache. Zur Sprache der Opfer in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald«. Mitarbeit im Vorbereitungskreis zum Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung.