Der "Zellenbau" von Sachsenhausen

Zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Zellenbau der Gedenkstätte Sachsenhausen
01/2000Gedenkstättenrundbrief 93, S. 7-15
Sylvia de Pasquale

Die Eröffnung

Am 29. August 1999 wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen nach rund zweijähriger Vorbereitungszeit eine neue Dauerausstellung im Zellenbau des ehemaligen Konzentrationslagers eröffnet. Aus Anlaß des 60. Jahrestages des Überfalls auf Polen durch Nazi-Deutschland übergab die Gedenkstätte gleichzeitig die erste Sonderausstellung im Zellenbau mit dem Titel »›Der Führer braucht einen Kriegsgrund.‹ Das KZ Sachsenhausen und der Beginn des Zweiten Weltkriegs« der interessierten Öffentlichkeit.

Neben dem Gedenkstättenleiter Dr. Günter Morsch und dem Abteilungsleiter des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Dr. Wilhelm Neufeld, sprachen bei der Eröffnung vor den rund 100 Gästen auch der Botschaftsrat der Republik Polen, Jaroslaw Dziedzic, und der ehemalige Häftling Bertram James aus Großbritannien.

Bertram James berichtete von seinem persönlichen Haftschicksal: Nach einer Flucht aus dem Sonderlager A für Kriegsgefangene im KZ Sachsenhausen wurde der Royal Air Force Pilot im Zellenbau in Einzelhaft gesperrt. Sein Überleben an einem Ort, an dem Mord alltäglich war, schreibt er der Tatsache zu, daß er und die drei anderen britischen Offiziere, die den Fluchtversuch unternommen hatten, als Geiseln am Leben gehalten werden sollten, zumal einer von ihnen mit Winston Churchill verwandt war. Die Zeit der monatelangen Einsamkeit in der Zelle füllte James mit Meditation, mit Auf- und Abspazieren sowie durch Schachspiel gegen sich selbst. Nach einiger Zeit konnte er durch die mutige Hilfe der Zeugen Jehovas, die im Zellenbau als Kalfaktoren arbeiten mußten, Kassiber mit seinen britischen Kameraden austauschen.

Dr. Morsch ging in seiner Rede auf den Prozeß gegen die drei SS-Täter im Zellenbau Kurt Eccarius, Franz-Xaver Ettlinger und Kaspar Drexel aus dem Jahre 1969 ein. Ein Großteil ihrer Straftaten war bereits verjährt, da nur noch Morde strafrechtliche Relevanz besaßen. Sie nachzuweisen erwies sich als äußerst schwierig. So wurde der als besonders sadistisch beschriebene verheiratete Tankstellenleiter Ettlinger freigesprochen. Dem ehemaligen SS-Hauptscharführer Kaspar Drexel sowie Kurt Eccarius, der mehr als acht Jahre lang im Zellenbau tätig gewesen war, davon die meiste Zeit als leitender Offizier, konnten nur die Ermordung des damals 14-jährigen Heinrich Petz nachgewiesen werden. Sie wurden zu vier bzw. fünf Jahren Haft verurteilt, jedoch bereits nach zwei Jahren aus der Haft entlassen.

Dr. Morsch zeigte sich in seiner Rede nicht nur enttäuscht über die milden Urteile in diesem letzten großen Sachsenhausenprozeß, sondern auch über das mangelnde öffentliche Interesse. Gerade vor dem Hintergrund der Studentenproteste und der intensiven Auseinandersetzung um Verjährung von NS-Unrecht in jenen Jahren verwundere die mäßige Berichterstattung. Zudem hatte man die Täter als »etwas minderbemittelte Durchschnittsdeutsche« verharmlost und die Opfer, die sich nicht an genaue Daten erinnern konnten, »als zweifelhafte Belastungszeugen« bezeichnet. Deshalb, so Morsch, sei die Selbstzufriedenheit vieler Angehöriger der Generation von 1969 über die geleistete ›Bewältigung‹ der deutschen Geschichte unangebracht. Von wirklicher Empathie mit den Opfern könne keine Rede sein.

Geschichte des Zellenbaus

Der Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen 1936–1945

Das Konzentrationslager Sachsenhausen wurde im Juli 1936 als idealtypisches,1 das heißt für andere KZ vorbildliches, Lager geplant. Zu den Planungen gehörte ein Zellengebäude in der für damalige Gefängnisse typischen dreiflügligen T-Form. Diese sogenannte panoptische Gestalt des Baus sollte die Überwachung aller Häftlinge vom Kreuzungspunkt der Flügel aus ermöglichen.2 Im Mittelteil des Gebäudes befanden sich deshalb die Vernehmungs- und Wachräume. Als Bereich der SS-Aufseher war dieser Gebäudeteil auffällig repräsentativ gestaltet: Er war gegenüber den Zellentrakten etwas vorgeschoben und besaß zudem einen Dachreiter.3 Größe und Ausstattung der Häftlingszellen in den drei Flügeln sowie die Gestaltung des Gefängnishofes plante der SS-»Lagerarchitekt« Bernhard Kuiper nach den Richtlinien der preußischen Justizbauverwaltung von 1924.4

Der Zellenbau mit seinem durch einen Zaun, später durch eine Mauer, abgetrennten Hof erfüllte zwei wichtige Funktionen: Er war Lager- und Gestapogefängnis. Daneben diente er teilweise als Karzer für SS-Leute.Als Lagergefängnis waren der Bau und sein Hof Orte grausamer Bestrafungen und Mißhandlungen der KZ-Häftlinge. Sie mußten hier die Dunkelhaft, die Prügelstrafe über dem Bock und das Pfahlhängen erdulden. Teilweise führte die SS auf dem Hof des Zellenbaus auch offizielle Erhängungen durch.

Die Strafen mußten beim Lagerkommandanten und bei der Inspektion der Konzentrationslager beantragt werden. Hierfür gab es genau auszufüllende Strafformulare. Die Durchführung der Strafen und das Strafmaß regelte eine ausführliche Disziplinar- und Strafordnung. Die dort niedergelegten Richtlinien erwiesen sich jedoch, wie Hunderte Häftlingsaussagen und -berichte zeigen, als Farce: Die Dunkelhaft dauerte manchmal mehrere Monate an, obwohl die Richtlinien sie auf 42 Tage begrenzten. Bei der Prügelstrafe war eine Höchstzahl von 25 Schlägen festgeschrieben, die SS-Männer schlugen die Häftlinge aber oft 50 oder sogar über 100 Mal. Das Pfahlhängen, obwohl nur als »Nebenstrafe« ausgewiesen, wurde häufig und in beliebiger Dauer ausgeführt. Darüber hinaus quälten SS-Leute Häftlinge oft vor und nach der eigentlichen Strafvollstreckung durch willkürliche Mißhandlungen. Auf diese Weise fanden viele Häftlinge im Zellenbau den Tod.

Die Gestapo beziehungsweise das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) nutzte den Zellenbau für die Unterbringung von Untersuchungs- und ›Sonderhäftlingen‹, für die in den Berliner Haftorten kein Platz war, die besonders scharf bewacht werden oder deren Aufenthaltsort geheim bleiben sollte. Die Untersuchungshäftlinge wurden in dem Gefängnis einige Tage, Wochen oder Monate, die Sonderhäftlinge oft mehrere Jahre in Einzelhaft gehalten. Zu den sogenannten prominenten Sonderhäftlingen gehörten herausragende Gegner des Hitlerregimes aus dem In- und Ausland wie Julius Alpari oder Martin Niemöller, Minister oder geistliche Würdenträger überfallener Staaten wie Paul Reynaud und Wladyslaw Goral sowie in Ungnade gefallenen Nazis wie die Mitglieder des Stabes von Rudolf Heß, die nach dessen Englandflug inhaftiert wurden.

Die Haftbedingungen der Sonderhäftlinge waren je nach Bedeutung, die die Gestapo ihnen zumaß, bzw. je nach der politischen Ausrichtung des Häftlings sehr unterschiedlich. So wurde der ungarische Kommunist Julius Alpari viele Monate in Dunkelhaft gehalten, wohingegen der Führer der Bekennenden Kirche, Martin Niemöller, in heller Zelle einsaß, SS-Kost erhielt und medizinisch betreut wurde. Der hohe NS-Funktionär und ehemalige Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Martin Luther, durfte sich im Zellenbau frei bewegen. Rumänischen Faschisten der sogenannten »Eisernen Garde« ließ das RSHA im Zellenbau sogar aus sechs Zellen eine Art Wohnung mit Aufenthalts- und Schlafzimmer sowie Bad einrichten. Der Hitler-Attentäter Georg Elser hingegen wurde während der gesamten Zeit der Haft in einer eigens dafür vergrößerten Zelle Tag und Nacht von SS-Männern bewacht.

Der Zellenbau im sowjetischen Speziallager Nr.7/Nr.1 1945–1950

Von 1945 bis 1950 inhaftierte der sowjetische Geheimdienst in den Gebäuden des ehemaligen KZ-Häftlingslagers sowie des Sonderlagers etwa 60000 Personen. Darunter waren vorwiegend untere Funktionäre des NS-Regimes, aber auch politisch Mißliebige und willkürlich Verhaftete sowie von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilte. Mindestens 12000 der Inhaftierten starben an Unterernährung und Krankheiten.5

Das Zellengebäude diente in dieser Zeit zunächst als Quarantänestation für Neuankömmlinge, dann als Arrestgefängnis. Die sowjetische Lagerverwaltung bestrafte Häftlinge beispielsweise wegen Tauschhandels, Diebstahls von Lebensmitteln oder Kontakts zwischen Männern und Frauen mit Arrest zwischen drei und 30 Tagen. Außerdem faßte sie in dem Bau russische Soldaten und Zivilisten, zur Zwangsarbeit bestimmte Wehrmachtssoldaten sowie deutsche Zivilisten vor ihrem Abtransport in die Sowjetunion zusammen. Im Vorfeld der endgültigen Auflösung des Speziallagers wurden hier ab Ende 1949 Lagerinsassen einer kurzen Entlassungsprozedur unterworfen.6

Verfall und Wiederaufbau. Der Zellenbau nach 1950

Nach 1950 ging das ehemalige KZ-Gelände in die Hände der Kasernierten Volkspolizei (KVP) bzw. der Nationalen Volksarmee (NVA) über, die das Häftlingslager als Übungsplatz nutzte. Holz, Steine, Fenster, Dachziegel etc. der Gebäude des Lagers wurden von der KVP/NVA sowie von der Roten Armee und den Bürgern Oranienburgs für den Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt verwendet. Dadurch verfielen nach und nach die Baracken ebenso wie der Zellenbau und andere ungenutzte Gebäude.7

1954 wurden Steine des ehemaligen Gefängnisbaus für ein Denkmal für die Opfer des KZ-Systems genutzt. Von der Notwendigkeit, die historischen Relikte als Zeugen des Geschehens zu erhalten, war damals noch keine Rede. Schließlich war vom Zellenbau nur noch die Ruine des A-Flügels erhalten.

1956 begannen die Planungen für die Nationale Mahn- und Gedenkstätte, die 1961 eingeweiht wurde. Der Wissenschaftlich-Künstlerische Beirat beim Ministerium für Kultur, in dem auch ehemalige Häftlinge mitarbeiteten, beschloß, Teile der noch verbliebenen historischen Bausubstanz des ehemaligen Konzentrationslagers zu restaurieren bzw. wieder aufzubauen, und zwar diejenigen, die man als die »markantesten Orte der Leiden und Qualen der Häftlinge« ansah. Dazu zählte der Beirat den Zellenbau. Sein A-Flügel sollte nun wieder hergestellt, die noch erhaltenen Fundamente des B- und C-Flügels und des Mittelteils sollten durch Betoneingüsse geschützt und verdeutlicht werden.

Um die »Qualen und Leiden« der Häftlinge zu veranschaulichen, wurden sechs Zellen mit Inszenierungen versehen, so zum Beispiel mit einer dunklen Zelle, einer Zelle, in der lediglich ein Strohsack auf dem Boden lag und einer hellen Zelle mit Bett und Stuhl. Außerdem ließ die Aufbauleitung der Nationalen Gedenkstätte Sachsenhausen die Umfassungsmauer des Zellenbauhofes wieder aufbauen, Pfähle im Hof aufstellen und den Erdbunker freilegen.

Eine ehemalige Häftlingszelle wurde als Dienstzimmer des ehemaligen Leiters des Gefängnisses SS-Hauptscharführer Kurt Eccarius inszeniert und mit Tisch, Stuhl, Schlagstöcken, Uniform, Foto und der Geschichte seiner Verurteilung nach 1945 ausgestattet. Diese Zelle räumte die Nationale Mahn- und Gedenkstätte bereits Mitte der 80er Jahre aus.

Zwölf weitere Zellen stattete der Wissenschaftlich-Künstlerische Beirat mit Tafeln für im Zellenbau inhaftierte »Widerstandskämpfer« aus, so zum Beispiel für den ungarischen KP-Funktionär Julius Alpari, den deutschen Kommunisten Theodor Winter, sowie für Gruppen niederländischer, jüdischer, britischer und polnischer Gefangener. Ihr Nimbus wurde durch Sätze wie »Sie sind standhaft und mutig in den Tod gegangen« erhöht. Da nur noch der A-Flügel des Baus erhalten war, konnte keine Rücksicht darauf genommen werden, in welchen Zellen diese Häftlinge tatsächlich eingesperrt waren.

Die Ausstellung 1999

Bei der Ausstellungskonzeption und -gestaltung kam es darauf an, den historischen Charakter des Gebäudes zu erhalten. Aus diesem Grund werden nur sechs von insgesamt 26 Zellen des erhaltenen Zellenbauflügels für Ausstellungszwecke genutzt. Die Ausstellungszellen sind so gestaltet, daß der Eindruck einer »Zelle« soweit wie möglich erhalten bleibt: An den Wänden dreier Zellen sind schmale Pulte und an den Wänden einer Doppelzelle ein Vitrinenband angebracht, die Exponate und erklärende Texte aufnehmen. Eine weitere Zelle enthält ein Modell des Zellengebäudes.

Die drei einzelnen Zellen sind jeweils einem Thema gewidmet: Zelle 1 behandelt die »Geschichte des Ortes 1936–1961«. Hierzu zeigt die Ausstellung u.a. Reproduktionen8 der Entwurfszeichnungen des Zellengebäudes aus dem Jahre 1936, einen Plan des Baus, angefertigt von der sowjetischen Kommandantur in der Zeit des Speziallagers 1945–1950, und Fotos der Zellenbauruine von 1955/56. In der zweiten Zelle werden »›Lagerstrafen‹ im Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen 1936–1945« thematisiert. Befehle und Anordnungen der SS werden hier Häftlingszeichnungen und -berichten gegenübergestellt. In Zelle 3 dokumentiert die Ausstellung das Schicksal der Untersuchungs- und Sonderhäftlinge der Gestapo im Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Dieses Thema veranschaulichen exemplarisch fünf Biografien. Neben dem kommunistischen Untersuchungshäftling Herbert Nicolai und dem Hitler-Attentäter Georg Elser werden auch der polnische Weihbischof Wladyslaw Goral, der französische Ministerpräsident Paul Reynaud sowie der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Martin Luther, porträtiert.

Sonderausstellungen

Mit dem Zellenbau sind noch eine große Anzahl weiterer Biografien verknüpft. Im Laufe der Recherchen entstand eine Liste mit den Namen von ca. 300 Häftlingen des Zellenbaus. Viele werfen nicht nur ein Schlaglicht auf die Geschichte der Konzentrationslager und die Leiden der Häftlinge, sondern auch auf die größeren weltpolitischen Zusammenhänge, den Kriegsverlauf, die Machtkämpfe innerhalb des Naziregimes und den Widerstand gegen Hitler. Um die Schicksale weiterer Häftlinge eingehend darstellen zu können, beschloß die Gedenkstätte eine Doppelzelle für wechselnde Ausstellungen zu reservieren. Hier findet in Zukunft ein Dokumentationspult Platz, in dem Besucher Texte und Exponate bereits gezeigter Ausstellungen in Mappen finden.

Die erste Sonderausstellung

Es lag nahe, zur Eröffnung am 29. August 1999 zunächst die Häftlinge zu porträtieren, die die SS im Zellenbau isolierte, bevor sie sie für die inszenierten Überfalle auf den Sender Gleiwitz, das Forsthaus in Pitschen und das Zollhaus Hochlinden an die deutsch-polnische Grenze transportierte. Hier wurden einige der Gefangenen in polnische Uniformen gekleidet und ermordet. Auf deutschem Territorium liegend, dienten sie dann der Nazipropaganda als »Beweis« für Übergriffe polnischer Soldaten auf Deutschland. Dieser Vorfall wurde als Vorwand für den Angriff auf Polen benutzt. Er markiert somit den Beginn des Zweiten Weltkrieges, der sich am 1. September 1999 zum 60. Male jährte.

Die Ausstellung im Zellenbau thematisiert zunächst anhand von Karikaturen und Presseartikeln die deutsche Propaganda im Vorfeld der Aktionen, die am Vorabend der Überfälle in der Schlagzeile »Polnische Angriffspläne gegen Gleiwitz« gipfelte.9

Im weiteren geht die Sonderausstellung auf die Vorbereitung der Scheinüberfälle unter Führung Reinhard Heydrichs, Chef des Sicherheitsdienstes der SS (SD) und der Sicherheitspolizei (Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei) ein: ca. 350 SS-Männer, die später als polnische Soldaten verkleidet Deutschland »überfallen« sollten, wurden in der SD-Schule nordwestlich von Bernau zusammengezogen, der Geheimdienst der Wehrmacht stellte polnische Uniformen zur Verfügung, Heydrich und »bewährte« SS-Führer, die er für die Aktionen ausgewählt hatte, besuchten das polnisch-deutsche Grenzgebiet. Die Auswahl von 10-15 Häftlingen in den Konzentrationslagern, die als Leichen polnischer Soldaten fungieren sollten, war von der Vorbereitung und Durchführung der Aktionen in Gleiwitz, Hochlinden und Pitschen getrennt. Für diesen Teil der Operationen war SS-Oberführer Heinrich Müller, Chef der Gestapo, verantwortlich. Nur fünf der für die Aktion ausgewählten Häftlinge sind namentlich bekannt, Harry von Bargen, Wilhelm Betke, Walter Schmalenberg, Ludwig Wangelin und Max Crombach. Die Lebens- und Haftgeschichte dieser fünf Männer ist Thema eines weiteren Teils der Ausstellung. Dazu werden unter anderem Fotos, Briefe und Teile von Ermittlungsunterlagen gezeigt. Mit Ausnahme von Crombach waren alle von ihnen vor 1933 als Kommunisten in Kämpfe mit SS oder SA verwickelt gewesen. Sicher wählte die SS sie aus diesem Grund für die Aktion aus. Harry von Bargen und Walter Schmalenberg ermordete die SS vermutlich an der deutsch-polnischen Grenze. Walter Betke und Ludwig Wangelin wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen zurückgebracht und zunächst einige Zeit im Zellenbau in Dunkelarrest gehalten. Max Crombach transportierte die SS in den Zellenbau des Konzentrationslagers Mauthausen, bevor sie ihn im Oktober 1939 in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen verlegte. Nachdem sie sich verpflichtet hatten über ihren Transport nach Breslau zu schweigen, wurden Betke, Crombach und Wanglin Anfang 1940 in das Häftlingslager des KZ Sachsenhausen überstellt.

Auf die Darstellung der Häftlingsbiographien folgt ein Abschnitt über die Durchführung der Überfälle in Gleiwitz, Hochlinden und Pitschen. Fotos zeigen den Sender Gleiwitz, den am 31. August 1939 gegen 20 Uhr ein Kommando von SS-Männern, angeführt von SS-Sturmbannführer Alfred Naujoks, überfiel. Einer der SS-Männer rief über Rundfunk in polnischer Sprache zu einem polnischen Aufstand in Oberschlesien auf. Die SS legte eine Leiche nieder und fotografierte sie. Bei dem Toten handelte es sich um den Oberschlesier Franz Honik. Er galt als Sympathisant Polens und schien daher geeignet der deutschen Öffentlichkeit als polnischer Aufständischer präsentiert zu werden. Da die Aufnahmen nicht den Erwartungen entsprachen, wurden am folgenden Tag zwei weitere Menschen ermordet und fotografiert.

Die Zeichnung des ehemaligen SS-Obersturmführers Herbert Mehlhorn von 1962 belegt die Pläne der SS für die Aktion in Hochlinden.10 Hier griffen etwa 60 SS-Männer in polnischen Armeeuniformen das deutsche Zollhaus an. Eine zweite Gruppe von SS-Männern in den Uniformen der deutschen Grenzpolizei »vertrieb« die »Angreifer«. Sechs bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Leichen in polnischer Uniform ließ die SS am Tatort zurück. In Pitschen überfiel ein als polnische Freischärler verkleidetes SS-Kommando das im Stadtforst gelegene Forsthaus. Soweit bekannt, wurde hier niemand ermordet.

Im letzten Teil der Ausstellung werden Kriegsausbruch und Verlauf thematisiert. Ohne Kriegserklärung marschierte die Wehrmacht am 1. September 1939 in Polen ein. Fotos aus Berlin und München von diesem Tag zeigen betretene Gesichter von Menschen, die auf der Straße über Lautsprecher Hitlers Rede zum angeblichen »Gegenangriff« auf Polen hören. (»Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen«) Bereits in den ersten Kriegstagen erfolgten dort systematische Verhaftungen. Opfer waren vor allem Intellektuelle, Geistliche und Juden. Gleichzeitig begann ein rassistisch und »völkisch« motiviertes Programm der Vertreibung und Germanisierung des Landes. Am 17. September marschierte die Rote Armee in Ostpolen ein. Ein geheimes Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes vom 23. August 1939 hatte die Aufteilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR bestimmt. Die beiden Staaten legten am 28. September 1939 mit den Unterschriften des deutschen Außenministers Ribbentrop und Stalins den endgültigen Verlauf der Demarkationslinie fest. Ein Heft mit dem bezeichnenden Titel »Schluß mit Polen« sowie eine Reproduktion11 der Landkarte Polens mit der von Hand gezeichneten Demarkationslinie und den Unterschriften Ribbentrops und Stalins bilden den Schlußpunkt der Ausstellung.

1     Morsch, Günter, Oranienburg – Sachsenhausen, Sachsenhausen – Oranienburg,

in: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager, Entwicklung und Struktur, Hrsg. Ulrich Herbert,

Karin Orth und Christoph Diekmann. Göttingen 1998, Bd. 1, S. 116

2     Hartung, Ulrich, Gestalterische Aspekte von NS-Konzentrationslagern unter besonderer

Berücksichtigung des SS-Musterlagers Sachsenhausen, Arbeitsbericht zum Praktikum der

Hans-Böckler-Stiftung Düsseldorf, 1994, unveröffentlicht, S. 56 (archiviert in der Gedenkstätte

und Museum Sachsenhausen)

3     Hartung, S. 57

4 Gabriel, Ralph, Morphologie und Topografie. Das Zellengefängnis im KZ Sachsenhausen, April 1999, unveröffentlicht, S.16 (archiviert in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen)

5     Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen im Überblick, Informationsblatt 0 der Gedenkstätte, 1996

6     Schultheis, Silja, Karzer und Strafsystem im Speziallager Sachsenhausen, April 1999,

unveröffentlicht. (archiviert in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen)

7     Dazu und zum Folgenden vgl. Günter Morsch (Hrsg.), Von der Erinnerung zum Monument, Die Entstehungsgeschichte der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen, Berlin 1996

8     Die Ausstellung kann aus konservatorischen Gründen keine Originale zeigen.

9     Der Abschnitt zum »Überfall auf den Sender Gleiwitz« orientiert sich an den Texten des Autors der Sonderausstellung Florian Altenhöner.

10    Die grundlegenden Forschungen zum Thema stammen von Jürgen Runzheimer, der in den 60er Jahren dazu eine Reihe von SS-Männern befragte: Jürgen Runzheimer, Der Überfall auf den Sender Gleiwitz im Jahre 1939, VfZ 10 (1962), S. 408–426; Derselbe, Die Grenzzwischenfälle am Abend vor dem deutschen Angriff auf Polen, in: Sommer 1939. Die Großmächte und der Europäische Krieg, hrsg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml, Stuttgart 1979, S. 107–147

11    Die Sonderausstellung zeigt ebenso wie die Dauerausstellung keine Originale.