Der "Zellenbau" von Ravensbrück

Geschichte - Funktionen - Perspektiven
08/1999Gedenkstättenrundbrief 90, S. 20-27
Sigrid Abenhausen und Manuela Möbius

Am 18. und 19. März 1999 fand in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (MGR)/ Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ein vom Stiftungsrat empfohlener Workshop zu Fragen möglicher künftiger Nutzungskonzeptionen des »Zellenbaus« der MGR statt. Versammelt waren 25 Teilnehmende als WissenschaftlerInnen und ExpertInnen, Hans Ansorg als Vertreter des brandenburgischen Kultusministeriums, der Geschichtswissenschaftler Bernd Faulenbach als Vorsitzender der Fachkommission der Stiftung, Thomas Lutz als Vorsitzender des Beirats und Edith Sparmann als Vertreterin des Internationalen Komitees Ravensbrück. Die MGR hatte zum Workshop eine Werkstattausstellung von Fotos ausgewählter Gedenkräume des »Zellenbaus« vorbereitet sowie eine Dokumentation zur Geschichte des ehemaligen Gefängnisbaus nach 1945 erstellt. Vorgetragen und diskutiert wurden Aspekte der Geschichte und Funktionen des »Zellenbaus« der MGR, Nutzungskonzepte zu ehemaligen »Arrestbauten« anderer Gedenkstätten, aber auch zur Funktion und Bedeutung von Gedenkräumen heute.

Geschichte des Zellenbaus

Der »Zellenbau« wurde 1939 als zweigeschossiger Gefängnisbau mit 78 Zellen im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück errichtet. Der von den Häftlingen als »Bunker« bezeichnete Bau befand sich innerhalb der Lagermauern und war nach den damaligen Strafvollzugskriterien errichtet worden. Im Seitenflügel befanden sich verschiedene Funktionsräume der SS, im Unter- und Obergeschoß des Gefängnistrakts waren die Zellen mit je 3,40m Länge, 2,25m Breite und 2,80m Höhe angelegt. Zum Ort des Terrors für die Häftlinge wurde der »Zellenbau« durch verschärfte Arrestformen der »Lagerordnung«, durch die nach einem 1940/41 erfolgten Besuch Heinrich Himmlers im KZ Ravensbrück auch für weibliche Häftlinge angeordnete Prügelstrafe sowie durch Gewaltakte seitens der SS-Angehörigen gegen die Häftlinge. Nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee wurde das gesamte ehemalige KZ-Gelände zum Militär-Areal. Dabei ist über die Nutzung des Gefängnisbaus in den ersten Jahren nach 1945 nur wenig bekannt. Im Zuge der Vorbereitungen zur Errichtung einer Gedenkstätte sollte im »Zellenbau« das »Lagermuseum« eingerichtet werden. Mit der Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (NMGR) 1959 waren das Krematorium und der »Zellenbau« die beiden einzigen Originalgebäude, die der Gedenkstätte von dem ehemaligen KZ-Gelände zur Verfügung standen. Im »Zellenbau« befanden sich neben den Arbeitsräumen im Obergeschoß, die nun als »Lagermuseum« bezeichnete Ausstellung zur Geschichte des ehemaligen Frauen-KZ, im Untergeschoß vier sogenannte Originalzellen und einige Ländergedenkräume.1

Auf dem Workshop verwies in diesem Zusammenhang Edith Sparmann als ehemaliger Häftling auf die damals bestehenden Umstände, die zur Entstehung der Gedenkräume geführt haben. Der »Zellenbau« sei räumlich die einzige Möglichkeit für die ehemaligen inhaftierten Frauen gewesen, ihre Geschichte zu dokumentieren.

Eine mögliche Umgestaltung von Gedenkräumen sollte nur im Dialog und in Zusammenarbeit mit noch lebenden ehemaligen Häftlingen erfolgen. Dabei müsse geprüft werden, ob eine Umgestaltung nötig ist, allgemein solle das Konzept auf Zustandswahrung anlegt sein.

Im Jahr 1977 wurde der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück das Kommandanturgebäude des ehemaligen KZ durch die sowjetische Armee überlassen. Dies war die Voraussetzung für den Umzug der 1984 als »Museum des antifaschistischen Widerstandskampfes« eingerichteten Dauerausstellung und der Arbeitsräume für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte in die ehemalige Kommandantur.

Die Neugestaltung der Ländergedenkräume in den achtziger Jahren, die nun im Obergeschoß des »Zellenbaus« eingerichtet wurden, berichtete Monika Herzog, wissenschaftliche Mitarbeiterin der MGR, auf der Veranstaltung, sei auch als »Korrektur« zur Ausstellung »Museum des antifaschistischen Widerstandskampfes« zu verstehen gewesen. Die Gestaltung der Ländergedenkräume sollte durch die jeweiligen Länder selbst übernommen werden, basierend auf den Gestaltungsvorgaben aus den fünfziger Jahren, die die Zellenfenster unverbaut lassen sollten und an der Stirnseite des Raumes Fahne und Sockel vorsahen. Die Aufteilung der Länder richtete sich nach der Ausbreitung des Faschismus in Europa, die Größe der Gedenkräume (Einzel-, Doppelzellen etc.) etwa nach der Anzahl der Häftlinge. Für das »Nicht Sozialistische Weltsystem« waren die jeweiligen Lagergemeinschaften die Ansprechpartner, bei den sozialistischen Länderverbänden waren staatliche Institutionen (Ministerien etc.) beteiligt. Die einzelnen Länder, so Frau Herzog weiter, hätten dann ihre Konzepte vorgelegt, wobei die Vorgaben der Gedenkstätte nicht umgesetzt wurden. Dadurch entstand eine Vielfalt der Gestaltung der Räume. Für einige Länder, die auf das Rundschreiben zur Neugestaltung keine Reaktion2 zeigten, übernahm die Gedenkstätte die Gestaltung. Andere als nationale Opfergruppen wurden erst kurz vor bzw. kurz nach der »Wende« thematisiert.

Der historische Ort

In Referaten zu Gestaltungskonzeptionen ehemaliger »Arrestgebäude« anderer Gedenkstätten beim Workshop trat deutlich zutage, daß deren Schwerpunkt auf der Spurensuche nach dem »historischen Ort« als bauliches Relikt und in seiner ursprünglichen Funktion als Ort des ›KZ-Strafsystems‹ bzw. Ort des Terrors liegt.

Sylvia de Pasquale, wissenschaftliche Volontärin der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, stellte die Neukonzeption für den »Arrestbau« von Sachsenhausen vor. Bei der Neugestaltung des »Zellenbaus« werden in drei Zellen Aspekte der Geschichte des Lagergefängnisses dokumentiert. In der ersten soll die Geschichte des Ortes, dessen Bedeutung und die Funktion von 1936 bis 1961 dargestellt werden, in der zweiten Zelle vor und in dem Gebäude begangene Mißhandlungen und Morde an Häftlingen. In der dritten Zelle sollen exemplarisch die Schicksale von einigen Sonder- und Gestapohäftlingen behandelt werden. Wechselausstellungen zu besonderen Häftlingsschicksalen sind in einer Doppelzelle geplant. Diese werden unter anderem Biographien von Häftlingen darstellen und in eine dauerhafte Dokumentation einmünden lassen, die derzeit noch in einzelnen Gedenkzellen (z.B. Martin Niemöller) des Gebäudes ausgestellt werden.

Die Gedenkstätte Buchenwald entschied sich im Rahmen einer Neukonzeption des »Zellenbaus« für eine klare Trennung von Gedenken und historischer Ausstellung, berichtete Harry Stein als Kustos der Gedenkstätte Buchenwald, wobei das ehemalige Lagergefängnis ein Gedenkort bleiben soll. Bauhistorische Untersuchungen zu den verschiedenen Schichten des Ortes und – aufgrund der kritischen Lage der Bausubstanz – restauratorische Fragen hatten Priorität. Restaurierungsmaßnahmen mündeten unter anderem in der Sicherung von Beschriftungen an den Zellenwänden, in der Konservierung von Farbaufschlüssen verschiedener Wandfarben sowie im Rückbau eines geöffneten Ausgangs. Hinsichtlich des Gedenkkonzepts wurde die linke Seite des Gebäudes mit den vormals vorhandenen Räumen der Nationen ersatzlos gestrichen. Auf der rechten Seite wird in verschiedenen Zellen sechs im »Arrestbau« umgebrachten Personen individuell gedacht. Biographische Informationen an der der Tür gegenüberliegenden Zellenwand sind als Tafeln zu einem Triptychon angeordnet.

Gabriele Hammermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, berichtete über die Neukonzeption des dortigen »Zellenbaus«. In der KZ-Gedenkstätte Dachau wird der »Bunker« als zentraler Ort des Terrors in die Neugestaltung der Ausstellungen mit einbezogen. Voraussetzungen für die Darstellung des historischen Ortes sind unter anderem die seit 1997 im Verbund von Bauforschern, Architekten und Restauratoren erfolgten bauhistorischen Maßnahmen der Untersuchung und Erhaltung des Baus. Erfolgte Farbuntersuchungen zeigten die Schwierigkeiten mit dem Umgang verschiedener Schichten des Gebäudes. Eine teilweise Zugänglichkeit der Zellen soll die Täterperspektive brechen. Im »Bunker« wird informiert und dokumentiert. Für das Gedenken vorgesehen sind die Neugestaltung des Raumes des Gedenkens bzw. die vorhandenen fünf religiösen Orte auf dem Gelände von Dachau.

Ludwig Eiber, der als Historiker beim Haus der Bayerischen Geschichte mit der Neukonzeption der Ausstellungen in der KZ-Gedenkstätte Dachau betraut ist, beschrieb die Ausstellungskonzeption für den »Bunker«. Die Ausstellung wird dabei in vertiefenden Ebenen arbeiten. Für die »schnellen« Besucher soll der historische Ort mit einfachen, eingängigen Mitteln erfahrbar werden. Dokumente, Häftlingsberichte, Bildquellen etc. liefern Informationen bei intensiverer Auseinandersetzung mit Thema und Ort.

In Ravensbrück ist der historische Ort des »Zellenbaus« heute vor allem im Untergeschoß durch die rekonstruierten »Originalzellen« zu verschiedenen Arreststufen und durch die fast ungebrochene Reihung geschlossener Zellentüren erfahrbar. Um den »Zellenbau« der MGR als historischen Ort stärker zu betonen, ist eine bauhistorische Bestandsaufnahme notwendig. Die MGR plant, leerstehende geschlossene Zellen im Untergeschoß zu öffnen und begehbar zu machen.

Insgesamt wird der Ort jedoch vor allem als museales Objekt wahrgenommen. Die in den einzelnen Räumen ausgestellten persönlichen Exponate werden als »begreifbare« Dokumente zur Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück verstanden. Der Großteil der Besucherinnen und Besucher ist, nach Einschätzung der Gedenkstättenpädagogik, vom »Zellenbau« mit seinem aus den Länderausstellungen zusammengefügten vielfältigen Gesamtensemble positiv beeindruckt. Gleichwohl besteht seitens der BesucherInnen eine Nachfrage nach einem erläuternden Katalog oder ähnlichem für die Gedenkräume.

Das Nationen-Konzept

Bis 1989 gab es im »Zellenbau« 18 nationale Gedenkräume, die sich über insgesamt 27 ehemalige Zellen erstreckten. Nach der »Wende« wurden zwei Gedenkräume für Opfergruppen von der Gedenkstätte konzipiert und im Untergeschoß des Gebäudes eingerichtet. So entstand 1991 der Gedenkraum für Angehörige des 20. Juli 1944, 1992 der Jüdische Gedenkraum und 1995 der vom Dokumentationszentrum Sinti und Roma in Heidelberg konzipierte Gedenkraum für Sinti und Roma. Heute liegen der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück drei Anträge zur Einrichtung auf nationale Gedenkräume im »Zellenbau« vor. Eine potentielle Vergabe von weiteren Gedenkräumen an nationale Gruppen hätte – vor allem in Anbetracht nationalstaatlicher Veränderungen seit 1989 – weitreichende räumliche Konsequenzen für die nur noch im Untergeschoß des Gebäudes leerstehenden Zellen. Die hiermit aufgeworfene Problematik wurde auf dem Workshop unter verschiedenen Aspekten und Fragestellungen diskutiert.

Thema des Referats von Insa Eschebach, Religionswissenschaftlerin, waren die Traditionslinien in der Formensprache des Gedenkens. Die nationalen Symbole charakterisieren den Widerstand als nationale Angelegenheit. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Verbindung von Nationalstaat und Gedenken. Die Gestaltungselemente der nationalen Gedenkräume rekrutierten auf die nationalstaatliche Totenehrung. Formensprachlich zurückgegriffen wurde unter anderem auch auf die Gedenkkapellen des Ersten Weltkrieges (»Kriegsgedächtniskapellen«) – hier wären die Gedenkräume als eine säkularisierte Form von Gedenkkapellen zu lesen. Der nationale Widerstandskampf als Sinnstiftung (des Todes) und das Prinzip der Teilhabe/Selbstgestaltung sind zwei zentrale Motive der Gedenkräume. Dabei ist der Widerstandskampf im Märtyrertum eingebunden und umgedeutet. Ein Problem ist die Ausgrenzung der »Nichtwiderstandskämpfer«. Heute gibt es eine Entwicklung zum post-nationalen Gedenken, womit eine »Demokratisierung« des Erinnerns stattfindet. Gedenken schreibt immer Loyalitäten fest, mit den Veränderungen der Staatengebilde kommt es auch zur Veränderung des Gedenkens.3

Zum Aspekt des Gedenkens im internationalen Vergleich äußerte sich auch Thomas Lutz: Während man im von Deutschland während des Zweiten Weltkrieg besetzten Ausland bei der Erinnerung an die Opfer immer von einem »unseren« ausgehen könne, muß ein Gedenken in Deutschland immer auch im Kopf haben, daß die wenigsten Deutschen Opfer, die meisten Mitläufer oder Täter waren. Das führe zu sehr verschiedenen Annäherungen an das Schicksal der Opfer und deren Darstellung. Zudem sei die Form des Gedenkens an die NS-Opfer in den Ländern sehr verschieden. Aber gerade der Ort Ravensbrück, sowohl als europäischer Friedhof als auch durch die historisch gewachsene Form der Gedenkräume im »Zellenbau«, biete die Chance, sich mit diesen Formen des Gedenkens im Vergleich intensiv auseinanderzusetzen.

Bernd Faulenbach verwies darauf, daß es durch die räumliche Zuordnung von Gruppen zu einer Dominanz einzelner Themen komme. Die Tendenz, Opfer der Bewegung gegen den Nationalsozialismus zu ehren, sei strittig, da aus ›rassischen‹ oder religiösen Gründen Verfolgte und andere in den Hintergrund gerückt werden würden. Zudem stellen die Veränderungen der nationalstaatlichen Zusammensetzung seit 1990 für das Nationalitätsprinzip der Gestaltung ein zusätzliches Problem dar.

Susanne Lanwerd, Religionswissenschaftlerin, setzte sich für einen vorläufigen Status Quo der Ländergedenkräume ein. Ein Schwerpunkt hierbei sei dabei allerdings deren Historisierung. Die Originalfunktion müsse erkennbar sein, der »Zellenbau« vom Betrachter selbst entziffert werden. Dazu sei die Offenlegung der Schichten bzw. Überformung unbedingt notwendig.

Gegen eine Kommentierung der Ausstellung der Ländergedenkräume wandte sich Annette Leo, ebenfalls Mitglied der Fachkommission der Stiftung, da es durch weiteres »Auflegen von Ebenen« zu Mißverständnissen kommen könne.

Stefanie Endlich, Publizistin, betonte, daß der Schwerpunkt heute auf der Aufklärung und Information liege, künstlerisch-emotionale Inszenierungen würden abgelehnt werden. Der Begriff des Gedenkens sei nicht präzise definiert. Frau Endlich schlug die Ausarbeitung eines Stufenplans (kurz-, mittel-, langfristig) für den zukünftigen Umgang mit dem »Zellenbau« vor. Dabei sollten die Entstehungsbedingungen der Räume erläutert werden. Zusätzlich müsse die Entstehungsbedingung der Kunst, als Interpretationsform von Geschichte, erläutert und transparent gemacht werden. Kunst dürfe nicht als »enthistorisierend« begriffen werden. Eine »behutsame« Überarbeitung, so Endlich weiter, sei nicht mehr möglich, weil das Konzept damit weitergeführt werden würde. Langfristig sei die Ausstellung im »Zellenbau« nicht tragbar, die Geschichtsdarstellung sei unkorrekt, die Deutung und Sinngebung fragwürdig.

Bernd Faulenbach faßte die grundlegenden Fragestellungen zusammen. Er verwies darauf, daß sich mehrere Funktionen für den »Zellenbau« ergäben. Die Spuren/Authentizität des Ortes müsse(n) geklärt werden. Eine wichtige Rolle sei die historische Dokumentation, das Erschließen und Auswerten von Erlebnisberichten und Biographien etc. zur Präsentation. Dabei sei die historisch gewachsene Gestaltung im »Zellenbau« besonders interessant. Zur DDR-Zeit gab es unterschiedliche Gestaltungen, so Prof. Faulenbach, die Dokumentationen waren selektiv und richteten sich nach politischen Prämissen. Die Art der Darstellung mit der Absicht, die Opfer zu ehren, hätte die historische Darstellung überformt.

Perspektiven

Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück plädierte eingangs für die Beibehaltung des Status Quo für die Ländergedenkräume. Das bedeutet, daß keine »Korrekturen« in der – damit historisierten – Ausstellung stattfinden sollen, aber auch keine neuen nationalen Gedenkräume eingerichtet werden. Wichtig ist, daß mit den Antragstellern für weitere Gedenkräume im Dialog alternative »Gedenkorte« diskutiert und gefunden werden.

Der »Zellenbau« soll dabei auch ein Gedenkort bleiben, da er erstens ein Ort des Leidens und Sterbens war und da zum zweiten die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte eines großen Teils der Gedenkräume eng mit dem Engagement der Überlebenden verbunden ist. Alternativ zu den Gedenkräumen soll Gedenken über die Anbringung von Tafeln möglich gemacht werden, wobei dann durch die Gedenkstätte für die Tafeln eine Formvorgabe erfolgen würde. Des weiteren soll perspektivisch die Funktionenvielfalt des »Zellenbaus« vermindert werden. Der sich im Eingangsbereich  befindende Buchverkauf sowie Sonderausstellungen werden aus dem Gebäude entfernt.

Hinsichtlich der Information über den Ort als Gefängnisbau des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück müßte die vorhandene Ausstellung zur Geschichte des »Zellenbaus« von 1939 bis 1945 aktualisiert und erweitert werden. Die Zeit von 1945 bis 1999 sollte ebenfalls dokumentiert werden. Eine Dokumentation zu den einzelnen Gedenkräumen könnte einerseits für alle Räume nach einem einheitlichen ›Muster‹ wichtige Daten und Informationen zur Geschichte des jeweiligen Raumes zusammentragen. Andererseits könnte die Dokumentation nach dem heutigen Forschungsstand »problematischen« Ländergedenkräumen ergänzende, komplementäre Informationen zu den »vergessenen« Opfern und zu »Leerstellen« nachliefern. Als vertiefende, erläuternde Ebene der historisierten Ausstellung in den Ländergedenkräumen könnte eine Broschüre oder Lesemappen für Besucherinnen und Besucher zudem die Möglichkeit schaffen, sich mit Geschichtsbildern auseinanderzusetzen.

Um die verschiedenen Aufgaben für die zukünftige Konzeption des Zellenbaus mit größtmöglichem Konsens und konkreten Arbeitsschritten umzusetzen, wurde eine »Arbeitsgruppe Zellenbau« einberufen, die zu Fragen der Feinkonzeption der Gedenkstätte beratend zur Seite stehen soll.

1 Dabei wurde mit Wanddurchbrüchen etc. deutlich in die Originalbausubstanz, so sie nicht schon durch die russische Nutzung verändert worden war, eingegriffen.

2 Von den fünf Staaten kam aus Rumänien keine Reaktion, die anderen Länder (Spanien, Luxemburg, Griechenland, Albanien) baten aus finanziellen und personellen Gründen die NMGR um die Gestaltung ihrer Gedenkräume.

3 Vgl. Insa Eschebach: Elemente einer nationalen und religiösen Formensprache im Gedenken. Religionswissenschaftliche Überlegungen zu den Gedenkräumen im »Zellenbau« der Gedenkstätte Ravensbrück, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 4/1998, S. 293–355.