Die kleine Gemeinde Tröbitz in der südbrandenburgischen Niederlausitz-Region mit ihrer am Ort vorbeiführenden Bahnstrecke war in den letzten Kriegswochen Schauplatz eines furchtbaren Geschehens. Hier endete ein Transport der SS mit jüdischen Gefangenen aus Bergen-Belsen. Siebzig Jahre später fand ein bewegendes Zusammentreffen statt. Überlebende mit ihren Familien und Angehörige der Toten, vor allem aus Israel und den Niederlanden, kamen am 23. April nach Tröbitz. Mit einer Feier und der Einweihung einer Open-Air-Ausstellung gedachte man der Opfer und der Befreiung des »Verlorenen Zuges«.
Mit drei Bahntransporten räumte die SS das Austausch-Lager Bergen-Belsen beim Herannahen der britischen Truppen Anfang April. Im »Aufenthaltslager« waren ab Frühjahr 1943 jüdische Häftlinge als Geiseln gefangen gehalten worden, vor allem zum späteren Austausch gegen deutsche Zivilinternierte und als Pfand für Verhandlungen mit den Alliierten. Viele waren aus dem Judendurchgangslager Westerbork hierher deportiert, andere, die noch versucht hatten, ins Exil zu gelangen, hatten Pässe aus lateinamerikanischen Ländern oder waren staatenlos. Drei Züge waren es, die mit insgesamt etwa 6700 geschwächten jüdischen Häftlingen auf ungewisse Fahrt durch die Wirren des Krieges geschickt wurden. Schon bei der Verladung gab es Tote. Den ersten Zug befreiten US-Truppen in Sachsen-Anhalt, der zweite gelangte nach Theresienstadt. Der dritte Transport mit etwa 2500 Menschen verließ Bergen-Belsen am 10. April. Eine Irrfahrt begann. Über Lüneburg und Berlin fuhr der Zug in Richtung Falkenberg. Es gab Luftangriffe der Alliierten, die den Zug für einen Wehrmachtstransport hielten. Wasser und Nahrung fehlten, und schon aus Bergen-Belsen waren Typhus und Ruhr mitgeschleppt worden, die in den 45 engen, schmutzigen Waggons voll zum Ausbruch kamen. Mindestens 133 Gefangene starben bereits während der dreizehntägigen Fahrt. Mitgefangene begruben sie entlang der Bahngleise. Sie hielten die Namen der Toten und, mit Blick auf die Kilometersteine, die ungefähren Orte ihrer Gräber entlang der Bahnstrecke schriftlich fest.
Der durch die Niederlausitz hin und her irrende Zug kam am 20. April bei Langennaundorf zum Halt, da die Brücke über die Schwarze Elster gesprengt war. Nachdem die SS-Bewacher mit der Lokomotive die Flucht ergriffen hatten, wurde er am Abend des 22. April in den Ort Tröbitz zurückgezogen, den er bereits zwei Tage zuvor durchfahren hatte. Einzelne Häftlinge versuchten schon an diesem Abend, in Tröbitz etwas zum Essen zu bekommen. Am 23. April erreichten sowjetische Soldaten den Ort und stießen auf den größtenteils noch verriegelten Zug am Bahndamm im Wald. Die Bürgerinnen und Bürger von Tröbitz wurden von der Roten Armee dazu angehalten, den Befreiten Unterkunft und Essen zu geben und sie zu pflegen. So trafen etwa 2000 kranke und entkräftete Überlebende auf 700 Bewohner dieses einstigen Bergarbeiterdorfs und 300 Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, eine schwierige und im Rückblick schwer vorstellbare Situation. In einem ehemaligen Barackenlager für ukrainische Zwangsarbeiter, dem »Lager Nordfeld«, richtete man ein Notlazarett für die Typhuskranken ein und stellte den Ort unter Quarantäne.
Die Kranken wurden von jüdischen Ärzten und von Pflegekräften aus dem Ort versorgt, später auch von sowjetischen Ärzten. Trotzdem starben noch mehr als 320 Menschen nach der Befreiung. Auch 26 Bürgerinnen und Bürger von Tröbitz starben, weil sie sich mit Typhus infiziert hatten. Ihnen wurden 1992 in Israel zum Dank 26 Bäume gepflanzt; die Initiative ging auf Hans Vleeschhouwer zurück, dessen Familie in Tröbitz und Umgebung begraben liegt. Als Ansprechpartner für die Tröbitzer und die Armeeangehörigen bestätigten die Überlebenden Vertreter ihres »Ältestenrats« aus dem KZ Bergen-Belsen; diese bildeten ein »Komitee zur Abwicklung des Ausländertransports«, das sich um die Verteilung der Lebensmittel, die Beerdigung der Verstorbenen und die Ausstattung der Überlebenden mit Papieren für die Rückführung in die Herkunftsländer kümmerte, von denen aus viele so schnell wie möglich nach Israel gelangen wollten. Die befreiten Juden des »Verlorenen Transports« verließen Tröbitz bis zum August 1945.
Viele Überlebende mussten ihre verstorbenen Angehörigen in und um Tröbitz zurücklassen. Schon kurz nach der Befreiung wurden an der Bahnstrecke zwei Sammelgräber für 54 Tote angelegt. Ein weiteres Sammelgrab am »Lager Nordfeld« nahm 134 im Lazarett Verstorbene auf. Im Sommer 1945 wurde neben dem Friedhof der Gemeinde ein Jüdischer Friedhof errichtet mit 125 Gräbern für jene, die in den Häusern des Dorfes verstorben waren, wo Einwohner sie gepflegt hatten. Die Geschichte der Betreuung der Gräber seit 1945 ist aufschlussreich. Sie lässt eine besondere Facette der Erinnerungskultur erkennbar werden, im Spannungsfeld zwischen DDR-offizieller Gedenkpolitik, Bürgerengagement und dem jahrzehntelang politisch reglementierten Umgang mit den Themen Judentum und Judenverfolgung. Die Gemeinde Tröbitz kümmerte sich um die Pflege des Jüdischen Friedhofs, so auch nach der Überführung von 48 Toten im Jahr 1947 in ihre Heimatländer, wodurch die Anlage in einen schlechten baulichen Zustand geraten war. Die Sammelgräber außerhalb des Ortes gerieten zeitweilig in Vergessenheit. Auch der Friedhof selbst wurde zunehmend vernachlässigt, bis 1964 ein Überlebender des »Verlorenen Transports« zu Besuch kam und die Gemeindevertreter motivierte, das schwierige historische Erbe anzunehmen. Eine Lehrerin der Tröbitzer Polytechnischen Oberschule übernahm tatkräftig mit ihren Schülerinnen und Schülern Aufräumarbeiten, und Gemeinde und Kreis ließen die Grabstätten zu einem Ehrenfriedhof mit einem Gedenkstein umgestalten, 1966 eingeweiht in Anwesenheit des Oberrabbiners aus Budapest.
Dies war der Beginn eines breiten bürgerschaftlichen Engagements in Tröbitz. Einzelpersonen, Schulklassen und Arbeitskollektive betreuten die Anlage kontinuierlich, und zu den Jahrestagen der Befreiung und des Novemberpogroms fanden Gedenkfeiern statt, auch zentrale Feiern der Jüdischen Gemeinde in der DDR. Die Tröbitzer Bürgerin Erika Arlt hat gemeinsam mit anderen seit 1985 versucht, Namen, Daten und Lebenswege der Verstorbenen zu sammeln und Genaueres über den Transport herauszufinden. Im Jüdischen Friedhof, am Endpunkt des Mittelwegs, wurden 1989, ein Jahr also, nachdem das Gedenken an den Völkermord an den Juden erstmals breite öffentliche Aufmerksamkeit erhielt und in die großen Jahrestag-Zeremonien einbezogen wurde, Granitplatten mit den Namen und Daten von siebzehn Toten errichtet, die bei der Anlage nicht berücksichtigt worden waren. Die Denkmalsetzung, initiiert von Erika Arlt, konnte mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde und des Amtes für Kirchenfragen der DDR in die Wege geleitet werden. Auch an den dezentralen Sammelgräbern wurden Gedenksteine errichtet, so am Sammelgrab von 28 Toten am Bahndamm bei Wildgrube bereits im Mai 1975. Im Jahr 1986 war Arie Koretz, Überlebender des Transportes, Rechtsanwalt in Tel Aviv und Sohn des in Tröbitz im Juni 1945 gestorbenen Oberrabbiners von Saloniki Eliezer Koretz, zur Gedenkfeier nach Tröbitz gekommen. Er hatte Kontakt zu anderen Überlebenden aufgenommen, recherchierte und stieß auf eine Liste des niederländischen Roten Kreuzes von 1947 mit den Namen der Toten des dritten Transports. Auf seine Initiative wurden neue Steine auf dezentralen Gemeinschaftsgräbern errichtet.
Die Ereignisse der letzten Kriegstage haben Tröbitz geprägt. Allmählich konnten sich die schmerzhaften Erinnerungen, die jeder Einzelne bewahrte, auch im öffentlichen Raum manifestieren. Anders als an vielen anderen historischen Ereignis-Orten der DDR, wo die Erinnerung an die jüdischen Opfer von allgemeinen antifaschistischen Pathosformeln vereinnahmt oder überlagert wurde, entwickelten sich seit 1966 in Tröbitz, auch mit Unterstützung der Ost-Berliner Staats- und Parteistellen, spezifische Formen des Gedenkens, bei denen die Verfolgung der Juden im Zentrum stand. Zuvor gab es allerdings auch eine andere Facette. Bereits 1951/52 hatte man die Überreste von 160 Toten aus dem Massengrab am Lazarett des »Lagers Nordfeld« und der Blockstelle »Hansa« in zwei Gemeinschaftsgräber im Ortszentrum neben der Kirche umgebettet. Dort errichtete die VVN, die – im folgenden Jahr zwangsaufgelöste – Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, auch eine Gedenkmauer mit einer Tafel, die jedoch über den Bahntransport und seine Opfer keine Auskunft gab und auch nicht auf die Existenz der Gräber am Fuß der Mauer hinwies. »Wir ehren euch / unsere Toten / die Bannerträger / namenloser Kameraden« lautete die markante Inschrift unter dem VVN-Emblem. So betrieb man in der frühen Nachkriegszeit, ganz im Sinne der offiziellen antifaschistischen Gedenkpolitik, Mythenbildung und ließ die jüdischen Opfer des Evakuierungstransports als heldenhafte antifaschistische Widerstandskämpfer erscheinen.
Seit 1990 konnten mithilfe der Totenlisten die Namen der meisten Opfer herausgefunden werden. Viele Überlebende besuchten nun die Grabstellen ihrer Angehörigen und Freunde und konnten, auch dank des Engagements von Erika Arlt und ihrem Mann Richard, Kontakte untereinander und zu den Bürgern von Tröbitz schließen. 1994 gründeten Überlebende in Israel den zuvor erwähnten Verband »The ‘Lost Transport’ Victims Memorial Society«. Zum 50. Jahrestag der Befreiung 1995 errichtete er mit Unterstützung des Landes Brandenburg auf dem Jüdischen Friedhof anstelle der Granitplatten von 1989 eine neue Gedenkwand. In ihren Nischen sind schwarze Granittafeln eingelassen, in die auf Hebräisch und Deutsch alle bekannten Namen der Opfer und eine mahnende Inschrift eingraviert sind. Mehr als 90 Überlebende und viele Angehörige und Freunde kamen zur Einweihung. Sie hatten auf einer in Westerbork beginnenden Gedenkreise die damalige Route des Zuges über Bergen-Belsen nach Tröbitz nachvollzogen. 1996 brachte man auch bei den Gemeinschaftsgräbern an der Tröbitzer Kirche Tafeln an, die auf die jüdischen Opfer und ihre Geschichte hinwiesen.
Zum siebzigsten Jahrestag des Geschehens wurde vor dem Jüdischen Friedhof die Open-Air-Ausstellung »›Der verlorene Transport‹ von Bergen-Belsen nach Tröbitz« eingeweiht. Sie begleitet den Weg zum Friedhofstor mit einer Sequenz von großen gläsernen Tafeln, die in Bildern und Texten über die historischen Ereignisse Auskunft geben. Einzelne Tafeln an den Orten der dezentralen Sammelgräber und Erinnerungsorte ergänzen die zentrale Installation und bilden mit dieser ein Gesamtkonzept von aufeinander bezogenen historischen Informationen.
Die Ausstellung, getragen von der Gemeinde Tröbitz, entstand in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, unter deren Dach die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen arbeitet. Realisiert wurde sie mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie mit Eigenmitteln der Gemeinde Tröbitz. Projektträger war der Landkreis Elbe-Elster. Das Konzept entwickelte der Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. Erarbeitet hat die Ausstellung der Historiker Ralph Gabriel.
Auf acht Tafeln erzählt die Open-Air-Dokumentation am Jüdischen Friedhof die Geschichte und Nachgeschichte des »verlorenen Transports«, beginnend mit Abbildungen der handgeschriebenen Totenlisten. Erläutert und mit Fotos, Dokumenten, Zeichnungen, Tagebuchzitaten und Biografien veranschaulicht werden die katastrophalen Bedingungen in Bergen-Belsen, die Qualen des Bahntransports, die Befreiung durch die Rote Armee, die dramatischen Nachkriegswochen, die Gräberpflege, die allmählich wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für das historische Geschehen und das mit den Gedenkfeiern entstandene Netzwerk von Überlebenden und Familien. Die zentrale Ausstellung und ihre dezentralen Pendants wurden grafisch von Weidner Händle Atelier und architektonisch von Martin Bennis hervorragend gestaltet, als Balance zwischen einer thematisch sachlichen Darstellung und einer durch Layout und Lichtführung fast poetischen Anmutung.
Zum 70. Jahrestag am 23. April 2015 luden das Amt Elsterland und die Gemeinde Tröbitz ein, zusammen mit der Stadt Uebigau-Wahrenbrück, auf deren Gelände sich der Gedenkort an der Bahnstrecke bei Langennaundorf befindet. Angereist kam, neben Einzelbesuchern, eine große Gruppe von Überlebenden und Angehörigen mit einem Bus aus der Gedenkstätte Bergen-Belsen, wo drei Tage später die Befreiungsfeier stattfand. Am Denkmal in Langennaundorf sprach die Überlebende Naomi Rinat-Tal, immer wieder unterbrochen vom Lärm der vorbeifahrenden Züge. Am Jüdischen Friedhof in Tröbitz eröffnete der Überlebende Micha Gelber die Open-Air-Ausstellung. Die Nachmittagssonne über dem Friedhof und dem See brachte die Glastafeln der Ausstellung zum Leuchten.
Die Autorin dankt Ralph Gabriel, dem Verfasser der Ausstellung, für die Übermittlung der Tafel-Inhalte. Sein umfangreicher Beitrag »Der dritte Zug« mit zahlreichen Literatur- und Quellenangaben erscheint im nächsten »Speicher«, dem Jahrbuch des Kreismuseums Finsterwalde.
Stefanie Endlich, freiberufliche Kunstpublizistin, ist Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum an der Universität der Künste Berlin.