Am 9. Dezember 2001 wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen ein neues Museum zur Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 7/Nr. 1 eröffnet. Damit finden die Ereignisse der Jahre 1945 bis 1950 nach mehr als 50 Jahren vor Ort eine angemessene und würdige Darstellung. Darüber hinaus sind nun auch die fast zehnjährigen Bemühungen um die Errichtung eines eigenen Museums zur Geschichte des weitaus größten der zehn Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone zu einem Abschluss gelangt. Im Speziallager Sachsenhausen hat der sowjetische Geheimdienst zwischen 1945 und 1950 etwa 60 000 Menschen - Männer Frauen und Kinder, NS-Kriegsverbrecher und zumeist untere und mittlere NS-Funktionäre, von Sowjetischen Militärtribunalen Verurteile, Denunzierte und Gegner der Besatzungsmacht, Wehrmachtsangehörige sowie sowjetische Bürger und Emigranten - unrechtmäßig und unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten. Mindestens 12 000 von ihnen sind an Hunger und Krankheiten gestorben. Das neue Museum lehre, »dass weder das Verschweigen des Geschehens noch die globale, nicht nach der individuellen Schuld fragende Säuberungsaktion einen zukunftsträchtigen Neuanfang ermöglichen«, sagte die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, Jutta Limbach, vor den rund 1 000 Gästen der Eröffnungsveranstaltung, darunter Vertreter der Bundes- und Landesregierung, des öffentlichen Lebens sowie zahlreiche Überlebende und Angehörige.
Nach der Ankündigung einer Demonstration von Verfolgtenverbänden, die sich zu Opfern zweiter Klasse degradiert sehen, und einer harschen Protestnote aus dem russischen Außenministerium, in der dem Museum eine Verharmlosung der NS-Verbrechen unterstellt wurde, fand die Eröffnungsveranstaltung in einer gespannten Atmosphäre statt, die sich jedoch bald löste. Offenbar hatten der Museumsneubau, die Ausstellung und ihre Einbindung in das Gesamtkonzept der Gedenkstätte am Ende überzeugt, was auch an der überwältigend positiven Resonanz in der Presse ablesbar ist.
Die Vorwürfe - Verharmlosung des Nationalsozialismus hier, Verharmlosung des Stalinismus dort - stehen in einem eigentümlichen Widerspruch und wirken wie ein spätes Nachhutgefecht des 'Kalten Krieges'. Dennoch werfen sie ein Licht auf die zentrale Herausforderung an die historischen Erinnerungsorte mit einer »zweifachen Vergangenheit«, wie sie schon 1992 in den Empfehlungen der Expertenkommission zur Neukonzeption der brandenburgischen Gedenkstätten formuliert wurde: »Die NS-Verbrechen dürfen weder durch die Verbrechen des Stalinismus relativiert noch die Verbrechen des Stalinismus mit Hinweis auf die NS-Verbrechen bagatellisiert werden«. Auf diese Herausforderung antwortet das neue Museum nicht nur durch die materialreiche Dauerausstellung, sondern auch durch seine konzeptionelle Integration in das Gesamtgefüge der Gedenkstätte.
Der Standort des Museumsneubaus an der Nordspitze des Lagerdreiecks resultiert aus dem Leitgedanken des dezentralen Ausstellungskonzeptes zur Neugestaltung der Gedenkstätte, wonach die thematischen Darstellungen mit einem historischen Bezugsort verknüpft werden. Am Standort des Museums bündeln sich die historischen Bezugslinien des Speziallagers. Es ist die Schnittstelle zwischen der »Zone I« (ehemaliges KZ-Häftlingslager) und der »Zone II« (ehemaliges KZ-Sonderlager), den von einander getrennten Bereichen der Internierten und der kriegsgefangenen Wehrmachtsoffiziere sowie, darauf folgend, der von Sowjetischen Militärtribunalen (SMT) Verurteilten, die den besonderen Charakter des Speziallagers Sachsenhausen ausmachen. Darüber hinaus verweisen Sichtachsen auf das in unmittelbarer Nähe gelegene und als Gedenkstätte gestaltete Massengrab im Kommandantenhof, wo mindestens 7 000 Tote des Speziallagers nackt und namenlos verscharrt worden sind, sowie auf die erhaltenen Steinbaracken. Sie sind 1943/44 für das KZ-Sonderlager errichtet und im Speziallager als Unterkunftsbaracken genutzt worden. Vier der insgesamt 15 Baracken wurden in das museale Konzept integriert.
Der 1999 in einem internationalen Architektenwettbewerb ermittelte Museumsneubau des Büros Schneider + Schumacher (Frankfurt a. M.) greift diese Bezugslinien auf und erlangt, indem er sie miteinander verknüpft, eine Art Scharnierfunktion. Der Bau ist von der »Station Z« aus durch eine Öffnung in der historischen Lagermauer als schwarzer Kubus erkennbar, der sich flach in die Landschaft schmiegt. Durch die Absenkung des Gebäudes um etwa 1 Meter »werden die Proportionen der Lagermauer und der Steinbaracken respektiert« (Schneider + Schumacher). Auf der Sichtbeton-Oberfläche der Fassaden spiegelt sich - je nach Blickwinkel und Lichtverhältnissen unterschiedlich stark - die karge Umgebungslandschaft mit den baulichen Zeugnissen. Der geschlossene Baukörper enthält lediglich zwei schmale Fenster, die den Blick auf den Friedhof und die Steinbaracken freigeben. Tageslicht erhält der Innenraum durch ein flaches Glasdach, das auf schweren Stahlträgern ruht.
Eine nach innen gefaltete Außenwand führt in das Gebäude, wo sich auf abgesenktem Bodenniveau ein großzügiger, rund 350 m2 umfassender Ausstellungsraum darbietet. Hinter der Eingangswand befinden sich ein Lernzentrum, ein variabler Seminar- und Veranstaltungsraum sowie weitere Funktionsräume. Die Architekten haben einen ausdrucksstarken, atmosphärisch dichten Raum geschaffen, der in seinem äußeren Erscheinungsbild »die asymmetrische Balance gegenüber der Geschichte des Konzentrationslagers« wahrt und sich mit der nahen Grabanlage, den Steinbaracken der »Zone II" und den angrenzenden Bauten der »Zone I« zu einem eindrucksvollen Ensemble fügt. Der Bau strahlt eine unprätentiöse Würde und Ernsthaftigkeit aus, die zwar den in der Ausschreibung geforderten Verzicht auf »memoriale Elemente« erfüllt, gleichwohl bewusst - so die Architekten - eine »intensive und zur Kontemplation anregende Atmosphäre« schaffen will.
Damit sind zwei Aspekte angesprochen, die das gesamte Museumskonzept überwölben: das verheerende Massensterben im Speziallager und die Empathie, die das vielfache Leiden der Häftlinge hervorrufen. Diese Aspekte bilden auch die Leitidee für die Ausstellungskonzeption und -gestaltung, so dass sich der museale Inhalt und die architektonische Form zu einer ästhetischen Einheit fügen, »was wahrlich in Museen nicht die Regel ist«, wie Gedenkstättenleiter Günter Morsch in seiner Eröffnungsrede anmerkte. Es sei in erster Linie das Massensterben gewesen, so Morsch, das in bestimmten Phasen, zumal nach der Absenkung der Essensrationen im November 1946, den Charakter eines Aussterbens des gesamten Lagers angenommen habe, das die historische Bedeutung der sowjetischen Speziallager in der an Schrecknissen so überreichen Geschichte des 20. Jahrhunderts ausmache. »Mit mindestens 12 000 verhungerten und erfrorenen, an Dystrophie, Ruhr, Tuberkulose oder anderen Krankheiten gestorbenen Menschen erreichte die Todesrate ein ähnliches Ausmaß wie zuvor im nationalsozialistischen Konzentrationslager Sachsenhausen, obwohl die Häftlinge dort nicht nur an den Lagerbedingungen zu Grunde gingen, sondern von der SS zusätzlich durch Mord und Massenmord, mit Schlägen, Gas und Kugeln um ihr Leben gebracht worden waren.« Bei aller Sachlichkeit in der Darstellung sei es daher ein erklärtes Ziel der Ausstellung, so Morsch, »bei den Besuchern auch Gefühle der Empathie mit dem Schicksal der Häftlinge oder Bestürzung über die menschenverachtende Gleichgültigkeit der Täter zu wecken«. Es gibt keine Hinweise dafür, dass das Massensterben ein intendierter Massenmord war; vielmehr handelte es sich um den »systematischen Schein des Unsystematischen«, wie Kerstin Decker im »Tagesspiegel« schrieb.
Der Ausstellungsgestalter Stefan Haslbeck hat für die Präsentation der über 700 Exponate massive Vitrinen in dunklen Farben geschaffen, die die strenge Würde des Raumes verstärken. Das räumliche Zentrum der Ausstellung bildet eine große Vitrine, in der mit wenigen ausgesuchten, besonders eindrucksvollen Exponaten das Thema Sterben und Tod dargestellt wird. Gezeigt werden beispielsweise eines der originalen Totenbücher des Lagers und eine schlichte Totenmarke aus Aluminium, die in einem der Massengräber gefunden wurde.
Den thematischen Schwerpunkt der Ausstellung, die von einem Historikerteam unter Leitung von Günter Morsch und Ines Reich entstanden ist, bildet die Häftlingsgesellschaft, wobei 28 exemplarische Häftlingsbiographien, die mit Objekten und Dokumenten ausführlich dargestellt werden, die Heterogenität der Inhaftieren und die Multifunktionalität, die das Lager aus sowjetischer Perspektive hatte, veranschaulichen. Mit rund 30 000 Menschen stellte das sogenannte »Spezkontingent« den größten Anteil der Häftlinge, der in der »Zone I« des Lagers untergebracht war. Diese Häftlinge waren nach den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens als Angehörige des NS-Machtapparates präventiv verhaftet und über Jahre ohne formelles Gerichtsurteil eingesperrt worden. Unter ihnen befanden sich vor allen Dingen untere und mittlere NS-Funktionäre, insbesondere Block- und Zellenleiter der NSDAP. Nur in geringem Umfang sind auf den Einlieferungslisten Angehörige von SS, Gestapo oder KZ-Wachmannschaften und Mitarbeiter von Ministerien und Behörden verzeichnet. Zur Gruppe der Internierten zählten auch einfache Mitglieder von NS-Jugendorganisationen, politische Gegner und willkürlich Verhaftete.
Die zweitgrößte Gruppe waren mit rund 16 000 Personen die SMT-Verurteilten, von denen die weitaus meisten wegen angeblichen Widerstandes gegen die Besatzungsmacht in schauprozessartigen Verfahren nach brutalen Verhören und oft unter Folter erpressten Geständnissen zu hohen Haftstrafen verurteilt worden waren. Die SMT-Verurteilten wurden, abgetrennt von den Internierten, in der »Zone II« gefangen gehalten. Dort waren zuvor rund 6 500 Wehrmachtsoffiziere untergebracht, die bereits aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden waren und im Herbst 1946 in sowjetische Lager deportiert wurden. Schließlich waren im Speziallager Sachsenhausen mehr als 7 000 Sowjetbürger und russische Emigranten inhaftiert - sowjetische Kriegsgefangene, ehemalige Zwangsarbeiter und straffällig gewordene Rotarmisten. An der Unterschiedlichkeit der Häftlingsgruppen und der Multifunktionalität der Speziallager wird erkennbar, dass sie aus der Sicht der sowjetischen Besatzer nicht nur ein Instrument der Säuberung Deutschlands von den Nationalsozialisten waren, sondern vor allem auch dazu dienten, das sowjetische Machtmonopol durch präventive Verhaftungen, abschreckende Willkür und politische Verfolgung durchzusetzen.
Welche Menschenschicksale sich hinter diesen Kategorisierungen verbergen, wird in den Einzelbiografien anschaulich gemacht, wo auch die Frage nach Recht und Unrecht aufgeworfen wird, wobei die Bewertung dem Besucher überlassen bleibt. Das Versäumnis individueller Schuldprüfung, zu der die sowjetische Besatzungsmacht keinerlei Anstrengungen unternahm, kann nicht nach über 50 Jahren durch eine zeitgeschichtliche Ausstellung geleistet werden. Die vorgestellten Biografien reichen vom Direktor der Landesanstalt Brandenburg-Görden, Heinz Heinze, der für zahllose »Euthanasie«-Morde verantwortlich ist, bis zu den Greußener Jungs, einer Gruppe von 38 jungen Leuten aus der thüringischen Kleinstadt Greußen, die vom sowjetischen Geheimdienst NKWD als »Werwolf«-Aktivisten verhaftet wurden. Obwohl sich bald herausstellte, dass die Jugendlichen denunziert worden waren, wurden sie von einem Sowjetischen Militärtribunal zu hohen Haftstrafen und einer sogar zum Tode verurteilt. Nur 14 der »Greußener Jungs« überlebten die Haft in Sachsenhsausen, einer von ihnen, Kurt Weiss, sprach im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung. In der Ausstellung wird eine Liste mit 37 Namen seiner Kameraden gezeigt, die er 1947 in Sachsenhausen angelegt hat. Starb einer von ihnen, hat er den Namen mit einem Kreuz, wenn bekannt, auch mit dem Todesdatum versehen. Als er die Liste bei seiner Entlassung 1950 herausschmuggeln konnte, enthielt sie 20 Todeskreuze.
Vor allem die bewegenden Lebens- und Leidensgeschichten der ehemaligen Häftlinge und die von ihnen oder von Angehörigen zur Verfügung gestellten Exponate - insgesamt rund zwei Drittel aller gezeigten - sind es, die im Gedächtnis bleiben. Im Mai 1946 wurden in Güstrow neun junge Feuerwehrleute unter dem Vorwurf verhaftet, eine terroristische Gruppe gebildet zu haben, unter ihnen Joachim Rebs, der die Haft im Speziallager und in den Gefängnissen der DDR überlebte. Im Museum ist eine aus Draht heimlich angefertigte Nadel zu sehen, die Joachim Rebs durch alle Filzungen in Sachsenhausen und Torgau retten konnte. Er lernte im Lager Nähen und Stricken, so dass er Lebensmittel gegen selbstgefertigte Sachen eintauschen konnte. Ein auf Holz aufgeklebter Kachelsplitter, der viele Jahre auf seinem Schreibtisch stand, stammt aus dem Labor des Lazaretts der »Zone II«. Rebs fand ihn auf dem verwüsteten Lagergelände, als er im Sommer 1953 dort für seine Kameraden Blumen niederlegen wollte.
Ein Stück rotweißer Stoff beinhaltet beinahe die ganze Lebensgeschichte von Dietlinde und Tilman Timm: Die Pastorentochter Dietlinde Schmidt wurde im August 1946 im Alter von 21 Jahren von einem SMT in Eisleben wegen angeblichen Waffenbesitzes zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt und in das Speziallager Sachsenhausen eingeliefert. Im Lagertheater lernte sie Tilman Timm kennen, einen von drei Pastorensöhnen aus Reinshagen in Mecklenburg, die im August 1946 vom NKWD verhaftet und wegen Waffenbesitzes und angeblicher Zugehörigkeit zum »Werwolf« von einem SMT zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden waren. Nach ihrer Einlieferung in das Speziallager Sachsenhausen kamen die drei Brüder 1948 in das »Theaterkommando«. Während einer Probe lernte Tilman Timm seine spätere Ehefrau kennen. Als diese im Januar 1950 erfuhr, dass sie aus dem Lager entlassen werden sollte, Tilman aber weiter in Haft blieb, zerschnitt sie ihr Kopftuch in zwei Teile und stickte die Vornamen »Tilman« und »Dietlinde« darauf. Die beiden Teile wurden im Oktober 1950, als Tilman und seine Brüder aus dem DDR-Gefängnis Torgau entlassen wurden, zusammengenäht.
In dem Ausstellungskapitel »Haftbedingungen« wird versucht, die zentralen Erfahrungen zu veranschaulichen, die das Leben und Sterben der Häftlinge besonders prägten. Dazu gehören die hermetische Isolation der Häftlinge von der Außenwelt und die erzwungene Untätigkeit der meisten Häftlinge sowie ihre Versuche, die Monotonie durch Selbstbeschäftigung zu überwinden. Darüber hinaus werden hier auch die Leidensstationen exemplarischer Häftlinge vor und nach ihrer Inhaftierung in Sachsenhausen thematisiert. Das Kapitel findet seine Fortsetzung in den beiden begehbaren Steinbaracken, wo ein unmittelbarer Eindruck der Lebensbedingungen vermittelt wird und Zeitzeugen in Videosequenzen von ihren Erlebnissen berichten.
Was für den Zeitplan des Museumsbaus fatal war, erwies sich als Glücksfall museologischer Spurensuche: Bei den Ausschachtungsarbeiten stießen Bauarbeiter auf zwei Müllgruben, die vermutlich bei den Aufräumarbeiten im Zusammenhang mit der Errichtung der DDR-Gedenkstätte Ende der 50er Jahre angelegt worden waren. Hier fanden sich zahllose alltägliche Gebrauchsgegenstände aus beiden Lagern, darunter auch eine Zuckerdose aus Aluminium, in deren Deckel das Gesicht eines Menschen hinter Gitterstäben mit den Jahreszahlen »1946« und »1941« eingeritzt ist. Ein ähnlich außergewöhnlicher Zufallsfund gelang einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte, als sie in Moskau den Sohn des Lagerkommandanten Alexej Kostjuchin ausfindig machen konnte. Als kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung überließ er der Gedenkstätte den umfangreichen und vielfältigen Nachlass seines Vaters, des einzigen Kommandanten, der ununterbrochen zwischen 1945 und 1950 eines der zehn Speziallager leitete. Er enthält unter anderem von Häftlingen gefertigte Möbel, Gemälde und Kleidungsstücke sowie Fotos, die erstmals das Innere eines Speziallagers dokumentieren. Am Beispiel der Biographie Kostjuchins lässt sich im ersten Ausstellungskapitel, in dem es um die Vorgeschichte, den Aufbau und die Organisation der sowjetische Speziallager geht, zeigen, dass sich die Traditionslinien des sowjetischen Terrorapparates in die Speziallager in Deutschland hinein fortsetzten: Kostjuchin weist die lückenlose Karriere eines sowjetischen Geheimdienstoffiziers auf, der bereits 1920 in die bolschewistische Tscheka eintrat und bald darauf bei den Wachmannschaften auf den berüchtigten Solowetzkij-Inseln tätig war, von wo das Gulag-System der sowjetischen Zwangsarbeitslager seinen Ausgang nahm. Auch die für das Verständnis der Speziallager unverzichtbare Vorgeschichte, der vom Deutschen Reich gegen die Sowjetunion geführte rassistisch und weltanschaulich motivierte Vernichtungskrieg sowie die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen, werden in der Ausstellung thematisiert. Darüber hinaus ist die NS-Vorgeschichte des Ortes - das nationalsozialistische Konzentrationslager zwischen 1936 bis 1945 - im Speziallager-Museum in Exponaten und Dokumenten präsent. Sie verweisen zugleich auf die anderen Museen im dezentralen Ausstellungskonzept, etwa zum ›Alltag‹ der KZ-Häftlinge oder zur Geschichte der jüdischen Häftlinge, wo analog auf die Nachgeschichte des Ortes von 1945 bis in die jüngste Vergangenheit, also einschließlich des sowjetischen Speziallagers, verwiesen wird.
Die Ausstellung wäre in dieser Form nicht möglich gewesen ohne die bereitwillige Unterstützung durch das russische Staatsarchiv GARF in Moskau und seinen Direktor Sergej Mironenko, der die in seinem Haus befindlichen Bestände aus den Verwaltungen der Speziallager bereits 1994 für die wissenschaftliche Forschung zugänglich gemacht hat. Die wesentlichen Quellen sind inzwischen im Rahmen einer Kooperation zwischen dem GARF, der FernUniversität Hagen, den Universität Jena und den Gedenkstätten Buchenwald und Sachsenhausen publiziert worden. Neben zahlreichen Reproduktionen von Archivalien aus dem GARF werden im Speziallagermuseum der Gedenkstätte Sachsenhausen erstmals das Lagerjournal, ein Totenbuch, das Lageralbum sowie die Personalkarte des Lagerkommandanten im Original gezeigt. Vor dem Hintergrund der langjährigen vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem GARF erscheint die Intervention des russischen Außenministeriums umso unverständlicher.
Als umlaufendes Text- und Dokumentenband, angereichert mit Film- und Tondokumenten, thematisiert das Schlusskapitel «Bilder und Gegenbilder» die Kontroversen um die sowjetischen Speziallager, die seit ihrer Existenz, kulminierend im ideologischen Schlagabtausch des 'Kalten Krieges', zum Teil bis heute anhalten, wie die Angriffe gegen das Museum im Vorfeld der Eröffnung erneut gezeigt haben. Hier kann man noch einmal die Verzerrungen und Mythenbildungen, aber auch die Versuche politischer Instrumentalisierung nachvollziehen, die eine wissenschaftlich fundierte und unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Thema so lange verstellt haben. Vor dieser Folie findet die sachlich-dokumentarische Argumentationsweise der Ausstellung ihre besondere Begründung.
Mit der Eröffnung des Museums »Sowjetisches Speziallager Nr. 7/Nr. 1 (1945 bis 1950)« in Sachsenhausen wurde eine weitere wichtige Etappe bei der Umsetzung des dezentralen Konzeptes zur Neugestaltung und Sanierung der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen zurückgelegt. Die Baukosten in Höhe von 4,9 Millionen DM wurden als Sondermittel zu gleichen Teilen durch den Bundeskulturbeauftragten und das brandenburgische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur bereitgestellt. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung« schrieb, dass Sachsenhausen »mit dem neuen Museum zu einem einmaligen Ort deutschen Gedenkens geworden« ist.