Wir alle wissen, dass Erinnerung in einer Gemeinschaft von bestimmten Interessengruppen funktionalisiert wird und unverzichtbar für soziale Binnenintegration, Identitätsbildung und Herrschaftslegitimierung ist. [2] Diese Zusammenhänge erscheinen jedoch in der Forschung oft wie eine black box. Kaum lässt sich beim Thema Identitätsbildung sagen: Wer hat wann was wie gemacht? Meiner Meinung nach lassen sich diese Fragen durch die beispielhafte Untersuchung eines geschichtspolitischen Akteurs – wie z.B. dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund (SHHB)[3] – auflösen.
Um im Bild dieser Tagung zu bleiben: Das Wirken dieses Verbandes zieht sich vertikal durch alle Schichten von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus war dabei naturgemäß eine besondere Herausforderung.
Meine These lautet: Der Heimatbund beschäftigte sich in den hier betrachteten Zeiträumen, direkt nach Ende des Krieges bzw. 1975 bis 1985, niemals direkt mit der Erinnerung an das »Dritte Reich«, aber sein gesamtes geschichtspolitisches Wirken stellt jeweils zeitbezogen die reflexhafte Entwicklung einer Art »Deckerinnerung« dar, in deren Schutz Identität vermittelt werden sollte. Dieser Begriff stammt aus der Psychoanalyse und meint Erinnerungen, die in den Vordergrund gestellt werden, um das Selbstbild zu schützen. Die gefährlichen Erinnerungen, Scham und Schuld, können so verdeckt werden.[4] Meiner Meinung nach wurden die für die konservative Identität bedrohlichen Themen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus jeweils gespiegelt abgehandelt auf der Folie der schleswig-holsteinischen Landesgeschichte: Die vorhandene Deckerinnerung war der Mainstream, gegen den sich die aufklärerischen Projekte der 1970er und 1980er Jahre wandten. Graben wir also in der Landesgeschichte, um etwas über das Verständnis vom Nationalsozialismus in den verschiedenen Erinnerungs(ge)schichten herauszufinden.
Die erste Schicht, auf die ich den Blick lenken möchte, ist die direkte Nachkriegszeit. Zwar gab es keine Stunde Null, aber ich unterstelle, dass es im Leben der Menschen einen Bruch gab, dass der Übergang von der Diktatur zur Demokratie eine Selbstentfremdung bedeutete: Im Gegensatz zu früheren Kriegen hatten die Deutschen nicht nur eine Niederlage erlitten und waren Verlierer. Nach dem Nationalsozialismus waren sie Täter und unterlagen nicht nur materiell, sondern total, auch psychisch. Sie verloren ihre nationale Identität.[5] Die Nation, als über hundert Jahre einstudierter, als praktisch natürlich gegeben wahrgenommener Rahmen, der dem Staat das erforderliche kulturelle Substrat gab, war desavouiert.[6]
Es stellte sich die Frage nach der kollektiven Identität. In Schleswig-Holstein hatte diese gegenüber dem Rest Deutschlands spezifische Begleitumstände: die alle anderen Territorien Deutschlands anteilig weit übertreffende Belegung mit Vertriebenen. Noch 1950 war jeder zweite Einwohner des Landes nicht in Schleswig-Holstein geboren.[7] Die Vertriebenen wurden nicht eben mit offenen Armen empfangen und zeitgleich entwickelte sich die dänische Minderheit explosiv. Berechnungen, bei denen die Flüchtlinge aus der Wahlbevölkerung herausgenommen wurden, ergaben, dass 1947 55 % der einheimischen Bevölkerung Schleswigs dänisch wählten, in Flensburg waren es sogar 96 %.[8] Auch die Schülerzahlen der dänischen Schulen wuchsen von 1945 bis 1950 um das Dreißigfache. Nicht nur fielen auf einer übergeordneten Ebene das »Reich« und die NS-Ideologie weg. Schleswig-Holstein schien sich überhaupt aufzulösen durch eine hohe Zahl Zuzügler und parallel eine Art Nationalflucht vieler Eingesessener. Der »Zusammenbruch« hatte anstelle der vormals so mächtigen nationalen Identität ein Vakuum hinterlassen. Vor diesem Hintergrund deute ich die vielerorts äußerst schroffe Ablehnung der Vertriebenen, die Angst vor »Überfremdung« und die zeitgleich ablaufende Auseinandersetzung über die vorgebliche Zugehörigkeit Schleswigs und der Schleswiger zu Dänemark als eine Spiegeldebatte um die eigene nationale Identität nach dem Ende des Nationalsozialismus. Die Frage der nationalen Identität deutsch oder dänisch beinhaltete:
■ am Nationalsozialismus (mit)schuldig zu sein, mit einer Traditionlinie von den »aufrührerischen« Holsteinern zu den »militaristischen« Preußen des 19. Jahrhunderts, oder unschuldig zu sein, mit einem tradierten Königshaus als Stabilitätsanker und der Demokratie zugewandt.
■ gezwungen zu sein, als Deutscher, die fremdartigen Vertriebenen aufzunehmen – wobei der radikale Teil der Minderheit diese als zu den »nazistischen« und einer angeblich minderwertigen slawisch-germanischen Mischrasse angehörig betrachtete,[9] oder aber in der Region verwurzelt, nur die Fahne zu wechseln, aber nicht den gewohnten Alltag.
Überall in Deutschland fehlte nach dem Krieg ein Surrogat, weil die vormaligen gesellschaftlichen Klammern Staat und Nation ihre Wirkung eingebüßt hatten.[10] Als Ersatz erfuhr der Kulturbereich eine ungeheure Aufwertung. Politisch verbrannte Narrative wurden ersetzt durch vorgeblich unpolitische kulturelle. Statt der Nation als gemeinsamen Bezug sprach man etwa von Goethe.[11] Neben der Verlagerung auf ein neues Bezugsfeld veränderte sich dabei auch die Motivation durch die belastende Täterschaft der Gemeinschaft. Niemand konnte ein Interesse daran haben, Teil einer negativ konnotierten Gruppe zu sein.[12] Es musste deshalb bei dieser Identitätsstiftung über den kulturellen Bereich v.a. darum gehen, sich moralisch aufzuwerten.[13]
Auf den Alltag in Schleswig-Holstein gewendet, fanden sich die neuen Schlüsselbegriffe und Narrative vor allem im Bezug auf das engere Umfeld, auf die Region, insbesondere verklärt als »Heimat«. Heimat war bekannt und Heimat war unbelastet. Die eingespielte Symbolik wurde dabei nicht ob ihrer Funktionalisierung in der NS-Zeit hinterfragt.[14] Im Heimatbegriff konnte zudem das »arme Vaterland« auf der Opferseite gesehen werden. In dieser Perspektive ließen sich die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Vertreibungen aufrechnen, weil sie beide »Heimat« zerstört hatten und Täter nur »die Nazis« waren, Opfer aber die Deutschen.[15]
In Schleswig-Holstein entwickelte sich diese Heimat-Debatte, wie oben angedeutet, spezifisch. Die Identität wurde anhand der beiden Pole »Überfremdung« durch die Vertriebenen und Selbstzuschreibung als »dänisch« bzw. Verlegung der Grenze nach Süden – verhandelt von einer »Heimatbewegung unter dänischem Vorzeichen«, wie Erich Hoffmann es pointiert formuliert hat.16 Als zentrale und überparteiliche Sammlungsbewegung gegen diese Entwicklungen wurde 1947 der SHHB aus dem Umfeld der alten Abstimmungskämpfer[17] und der deutsch gesinnten Kulturvereine und Apparatsnomenklatura gegründet. Seine Protagonisten sahen in den »Neudänen« irregeleitete Deutsche und fürchteten zugleich eine »Überfremdung« durch die Flüchtlinge. Sie wollten dagegen dezidiert »die« schleswig-holsteinische als deutsche Identität schützen. Die Satzung gab als Zielsetzung des SHHB unter §2 an:
■ Der Verein bezweckt, die natürlich und geschichtlich gewachsene Eigenart der im Land Schleswigholstein[18] vereinten Landschaften zu erhalten und zu pflegen und so das deutsche Volkstum in Schleswig-Holstein zu fördern. Er will die vorhandenen Heimatvereine zusammenfassen. [...] Vor allem soll die heimatliche Geschichte und Dichtung der Bevölkerung nahegebracht werden.[19]
Gemäß der Regeln der Demokratie wurde damit nicht die persönliche Wahlmöglichkeit bestritten, wohl aber ihre Legitimität vor der Geschichte infrage gestellt. Der SHHB wollte dem Selbstbild der Bevölkerung somit unauffällig ein »nationales Vorzeichen« geben, damit diese sich »in erster Linie als angegriffene Deutsche« begriff.[20]
Wie sah diese Identitätsstiftung konkret aus?
1 Als erstes entledigte man sich der problematischen Anteile der Tradition. Die negativen Teile staatlicher und nationaler Bezüge der Vergangenheit wurden allein Preußen als vermeintlicher Wurzel des Nationalsozialismus zugeschrieben und damit entsorgt.[21] Dazu übernahm der Verband wesentliche Parolen der dänischen Grenzkämpfer und erklärte die preußische Zeit Schleswig-Holsteins als Epoche der Fremdherrschaft. Zudem hätte Preußen durch die Vereinbarung eines Separatfriedens mit Dänemark die Schleswig-Holsteiner 1850, vor der Schlacht von Idstedt, im Stich gelassen. Fortgeschrieben war das untergegangene Deutsche Reich der Täter, die deutsche Bevölkerung aber das Opfer.
2 Die Vertriebenen wurden als Nicht-Schleswig-Holsteiner, als Preußen abgelehnt.[22] Auch hier konvergierten die negativen Einschätzungen über die Vertriebenen mit jenen der dänischen Minderheit: Diese seien »arbeitsscheu«, »besserwisserisch«, »demoralisiert« und »stehlen in vielen Fällen«. Man konnte auch diesen gegenüber Opfer sein.
3 Zugleich wurde ein positives Narrativ der von deutscher Kultur geprägten Heimat entwickelt, das die beherrschenden politischen Fragen indirekt anspielte und die deutsch gesinnten Schleswig-Holsteiner als Opfer stilisierte. Der SHHB deutete dazu die Trias der tradierten Erinnerungsorte 1848, 1864 und 1920 neu aus. Als kleines Beispiel lässt sich die 100-Jahrfeier von 1848 anführen, die der SHHB landesweit federführend und dazu die örtlichen Behörden beratend zu organisieren gedachte: Der SHHB wollte mit 1848 »der schleswig-holsteinischen Selbstständigkeit« gedenken, die man den Dänen im Kriege hatte abringen wollen.[23] Im Zentrum standen »das nationalpolitische Wollen« der Bevölkerung und der daraus gewachsene deutsch-dänische Gegensatz. [24] Dieses Gedenken thematisierte subtil den gegenwärtigen Stand der nationalen Zugehörigkeit Schleswigs als Endpunkt einer von der Bevölkerung getragenen Entwicklung (1920!) und delegitimierte damit die »Neudänische Bewegung«. Zugleich brachte es die Idee der deutschen Nation vor – positiv vermittelt über die schleswig-holsteinische Erhebung des 19. Jahrhunderts und damit unbelastet von Preußen und »Drittem Reich«. Im Ergebnis zeigte die Deckerinnerung des SHHB die Schleswig-Holsteiner als vom reinen, patriotischen Geist motivierte Streiter für die deutsche Nation, dabei als moralische Sieger – durch das wiederkehrende Opfer erst der siegreichen Dänen und dann der sie unterwerfenden Preußen. Der Subtext auf die Gegenwart bezogen lautete: Die Schleswig-Holsteiner müssen sich gegen die aggressive dänische »Kulturoffensive« erneut wehren und die fremden Preußen abschütteln; sie sind Opfer. Durch diese Deckerinnerung blieb nur ein kleiner Rest bestehen, der im Sinne einer Identitätsstiftung nicht zu übertünchen war: Die Verbrechen selbst waren nicht wegzudiskutieren, die Täterschaft war eindeutig. Diese Reste wurden zusammenhanglos mit Vokabeln wie »deutsche Katastrophe«, »Zusammenbruch«, »tragisches Verhängnis« aus der eigenen Geschichte und Sinnstiftung ausgeklammert, um Verantwortung und Schuld unterscheidungslos und naturhaft einem nicht benennbaren Schicksal anheimzustellen.
Neben dieser Verdrängung und Umwertung ließ es sich der SHHB auch nicht nehmen, seinerseits aufzurechnen, dass die dänischen Bestrebungen »Ausfluss des gleichen nationalistischen Geistes [seien] der Hitler zum Krieg führte«.[25] Damit konnte auch ein – freundlich formuliert – sehr pragmatischer Umgang mit der jüngsten Vergangenheit legitimiert werden. Nationalsozialistische Belastung war kein Problem,
denn der Grenzkampf überdeckte alles. Beispielsweise setzte sich der SHHB erfolgreich für 17 aus Dänemark ausgewiesene hochbelastete nordschleswigsche Lehrkräfte ein, um den Anteil der Landesgeschichte im Schulunterricht durch geeignete Lehrkräfte zu fördern.[26] Ihre Entnazifizierung sollte durch ein »besonderes Gremium« erfolgen.[27] Gleichfalls motiviert, verwendete sich der Heimatbund für Professor Jankuhn, der sich schon in Hitlers Ahnenerbe einen Namen gemacht hatte.[28] Hellsichtig erkannte allein Vorstandsmitglied Detlev Scheel im alles beherrschenden Thema des Grenzstreits eine Verdrängung »der inneren Überwindung der Ursachen der Katastrophe für jeden Deutschen«.[29] Er wurde wenig später aus dem SHHB gemobbt. Der SHHB aber etablierte sich im Grenzland als einflussreiche Dachorganisation und guter Partner der konservativen Landesregierungen, um politische Einstellungen über Kultur zu vermitteln. In der Folge wurde der Verband großzügig aus öffentlichen Töpfen bedacht.[30]
Identitätsbruch
Als zweiter Erinnerungsschicht und -geschichte möchte ich mich den 1970er und 1980er Jahren zuwenden und das Wirken der Deckerinnerung des SHHB zu dieser Zeit vorstellen. Die Ausgangslage war eine gänzlich andere als in der direkten Nachkriegszeit. Dies ist in erster Linie auf die generationelle Lagerung in den Erinnerungsschichten
zurückzuführen. Aleida Assmann schreibt dazu:
»Die Dynamik im Gedächtnis einer Gesellschaft wird (...) wesentlich durch den Wechsel der Generationen bestimmt. Mit jedem Generationenwechsel, der nach einer Periode von ca. dreißig Jahren stattfindet, verschiebt sich das Erinnerungsprofil einer Gesellschaft merklich. (...) Dann stellt man rückblickend fest, dass sich mit dem Dominanzwechsel der Generationen eine bestimmte Atmosphäre von Erfahrungen und
Werten, Hoffnungen und Obsessionen aufgelöst hat und neue Prägungen an ihre Stelle getreten sind.«[31]
So ergab sich ein fundamentaler Gegensatz zwischen der Schuldzuweisung durch die Nachkriegsgeneration und der Opferwahrnehmung der Erlebnisgeneration – mit entsprechend erheblicher differierender emotionaler Konnotation von beiden Seiten.[32]
Dabei wurde die Bewegung zur umfassenden Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zwar nicht allein von Jugendlichen getragen, aber die Zuschreibung zu
dieser Generation auch als identitätsstiftender Marker funktionalisiert.[33]
Allmählich begann der auf Bundesebene virulente Diskurs über die NS-Vergangenheit auch in der schleswig-holsteinischen Öffentlichkeit an Bedeutung zu gewinnen. Beispielsweise wurde seit Mitte der 1970er Jahre die Geschichte des Außenlagers des KZ Neuengamme, Kaltenkirchen, von interessierten Laien aufgearbeitet.[34] Und in Schleswig-Holstein mussten kritische Geister nicht tief graben.
Der SHHB bezog Stellung: Der Vorsitzende Schmidt und sein Vorstand gehörten zur
1933er-Generation, die im Kaiserreich geboren wurde, die Krisen der Weimarer Republik
erlebt hatte, im Nationalsozialismus sozialisiert wurde und nach dem Zweiten Welt-
krieg eine zweite Karriere machte. Sie waren die Eltern der 1968er.[35]
Schmidt kannte die Gefahren für die konservative Identitätsstiftung mittels der Deckerinnerung. Die Erkenntnis einer massiven geschichtspolitischen Gefährdung der bestehenden Verhältnisse durch die NS-Vergangenheit war mittlerweile zum Allgemeingut der konservativen Eliten geworden.[36] Er wollte die Auseinandersetzungen auflösen, in dem über Geschichtspolitik eine Generationengemeinschaft[37] über den trennenden Gräben etabliert werden sollte.[38] Seiner Auffassung nach würde es »offenbar ein oder zwei Generationen« dauern, »bis ein Volk mit einem Abschnitt seiner Geschichte wirklich fertig geworden ist«; die Erlebnisgeneration wäre jedoch mittlerweile in die Defensive geraten, außerdem würde »einmal der letzte Hitlerjunge diese Welt verlassen haben«. Deshalb sah es Schmidt an der Zeit, die dieser Generation
spezifische Deutung des »Dritten Reiches« in sinnstiftende Narrative zu gießen und durch deren offensive Vermittlung den Gegensatz zu überwinden. In diversen Briefen versuchte er, Bundesgenossen einzuwerben, gegen die »fiese Doppelzüngigkeit«, »die unser politisches Leben vergiftet und versucht, einen teuflischen Gegensatz zwischen der jüngeren und der älteren Generation aufzurichten« und um »unseren Enkeln verständlich zu machen, was vor sich ging«.[39]
Die Überbrückung generationeller Grenzen ist jedoch nur möglich, wenn auch die mit der Erinnerung verbundenen Emotionen weitergegeben werden können.[40] Sollte das »Dritte Reich« also (durch die Geschichtsdebatten erzwungen) generationenübergreifend in diese Selbstbezüge integriert werden, musste Schmidt ein Narrativ finden, das für alle Adressaten Sinn geben würde – trotz der mittlerweile thematisierten unleugbaren Verbrechen. Als tragende Story, um positive Emotionen zu wecken, wählte Schmidt die erfolgreiche »Umquartierung« – d.h. die Flucht der deutschen Zivilbevölkerung aus dem Osten am Ende des Krieges.[41] In der Verbandszeitschrift Schleswig-Holstein wurde, entsprechend dieser politischen Ausrichtung, eine Würdigung der »erstaunlichen« Leistungen »ungezählter Helfer aus Staat und Parteigliederungen« vorgetragen. Die Unterstützer haben, sie hieß es dort, trotz Hemmnissen durch Polykratie und »fehlende, unzureichende, verspätete oder absurde Weisungen von höchster Stelle«, eine hilfreiche Arbeit geleistet, was am Beispiel der Lenkung der Flüchtlinge zum Kriegsende nach Schleswig-Holstein argumentativ untermauert wurde. Ein Hinweis auf die zuvor begangenen Verbrechen fehlte vollkommen.[42]
Diese Deckerinnerung fand nun aber engagierte Gegner. Anders als in der Nachkriegszeit funktionierte Aufrechnen in den 1980er Jahren nicht mehr. Sie erreichten die Skandalisierung, als der Geschäftsführer des SHHB, von Leesen [43], das dänische Straflager Faarhus[44] in einem Artikel als KZ bezeichnete und anmerkte: Es stünde auch Angehörigen anderer Völker gut an, wenn sie [...] die schwarzen Kapitel in der
Geschichte ihrer Völker und Staaten wahrhaben und sich davon distanzierten. [45] Auf diesen Artikel hin kam es zu harten Angriffe gegen den Geschäftsführer.[46] Schmidt war sich der Gefahr für den Verband durchaus bewusst, »in die reaktionäre Ecke gedrängt« zu werden.[47]
Die 50. Wiederkehr der Machtübernahme 1983 wurde dann zur Initialzündung, die Vielzahl von Gedenkanlässen an das Dritte Reich geschichtspolitisch zu funktionalisieren und die Deckerinnerung damit auf die Probe zu stellen.[48] Der Ministerpräsident selbst hatte einer Ausstellung zu diesem Jubiläum in Schleswig-Holstein seine Unterstützung versagt, um den Debatten aus dem Weg zu gehen.[49] In der Schleswig-
Holstein äußerte Schmidt die Befürchtung, dass das Jahr 1983 dem Jubiläum der Machtübernahme geschuldet, eine Verstärkung der Debatte um die NS-Vergangenheit des Landes mit sich bringen und die Kluft zwischen den Generationen vergrößern würde. Er forderte noch einmal, die Betrachtungen nicht auf die zwölf Jahre »missglückter« deutscher Geschichte »zu beschränken«, sondern die gesamten Bezüge der schleswig-holsteinischen Vergangenheit wahrzunehmen.[50]
Die Aussichten für den SHHB, den Ring, in den man zu steigen gedachte, auch als Sieger zu verlassen, standen recht gut: Auf Bundesebene setzte sich der neue Kanzler Helmut Kohl durch eine systematische Kulturpolitik dafür ein, die deutsche Geschichte zu »normalisieren«.[51] In Schleswig-Holstein verfügte der SHHB über eine gute Ausgangsposition. Auf der Jahrestagung des Verbandes 1983 lobte Minister Schwarz den Einsatz des Heimatbundes für die »Pflege des Geschichtsbewusstseins und der Traditionen und der Übertragung dieser Werte auf unsere Jugend«.[52]
Als erste Ad-hoc-Maßnahme versuchte der SHHB, in einer dreiteiligen Serie in der Schleswig-Holstein den Aufklärern der nationalsozialistischen Vergangenheit im Land zu begegnen. Zu diesem Zweck wurden gezielt Gründe für die rasche Verbreitung der NS-Ideologie vorgestellt, die allgemeine und unspezifische Bedingungen anführten, die den Nationalsozialismus quasi per Naturgesetz über die Elbe geführt hätten. Die
Argumentationsweise lenkte von der Verantwortung der Bevölkerung in der Region ab. Stattdessen wurden Landesbewusstsein, Heimatbewegung und das eigentliche Schleswig-Holstein an sich zum Opfer der Entwicklung erklärt und damit exkulpiert.[53] Dabei orientierte sich die Darstellung des Verbandes an der Auffassung, in Schleswig-Holstein sei die NS-Zeit »verhältnismäßig harmlos« verlaufen.[54]
Vor allem aber nutzte der Verband seine privilegierte Position durch die Zusammenarbeit mit der Administration, um sein Geschichtsbild zu befestigen. Der SHHB mischte
sich in die Gestaltung der Lehrpläne ein: 1986 wurden die entwickelten Leitthemen zur schleswig-holsteinischen Geschichte mit der Neufassung der Lehrpläne verbindlicher Teil des Geschichtsunterrichts in Hauptschule, Realschule und Gymnasium.[55] Die NS-Vergangenheit wurde ausgeklammert zugunsten lediglich positiv konnotierter Themen. Beispielsweise wirkte die Wikingerzeit als vergangener Spiegel von Schleswig-Holsteins angeblicher Rolle als Grenzgebiet des freien Westens.
Die politische Lage ist der von heute verblüffend ähnlich: Eine Verbindung zwischen Nord- und Mitteleuropa ist nur noch über Schleswig-Holstein möglich, das damit zur ›Wespentaille der germanischen Welt‹ geworden ist. In diesem gefährdeten Raum ballen sich nun allerdings auch die geistig-politischen Abwehrkräfte des Westens zusammen. Einerseits konnte der Heimatbund seine Sicht weiter institutionalisieren.
Anderseits sorgte die Ausklammerung der nationalsozialistischen Vergangenheit des Landes dafür, dass der Heimatbund zunehmend in der kritischen Öffentlichkeit als Scharnier und Sprachrohr einer rechtskonservativen Allianz zwischen CDU und einigen Wissenschaftlern erkannt wurde, die ihre Macht über die Deutungshoheit der Vergangenheit zu sichern beabsichtigte.[56]
Wenn wir auf das Jahr 1985 blicken und Bundespräsident Weizsäckers Rede zum 8. Mai als Gradmesser für den Mainstream nehmen, dann wird die Randlage des SHHB deutlich. Dieser lud 1985 den berüchtigten Professor Willms[57], der seit Jahren einen Feldzug für die Forderung nach Rückgabe der Ostgebiete führte, zu einem breit rezipierten Vortrag. Willms behauptete in seiner Rede, dass die Alliierten die »mora-
lische Niederlage« der Deutschen nach dem verlorenen Krieg strategisch genutzt und ausgebaut hätten, um die Identität der Nation zu brechen und diese somit auszuschalten. Dagegen solle die deutsche Bevölkerung aufhören, sich selbst als Verbrecher zu disqualifizieren, »nationalen Masochismus« zu betreiben und ihre Identität nicht von moralischen Bewertungen der Nation abhängig machen, sondern ihre Zugehörigkeit als »Schicksal« akzeptieren, so wie es andere Völker auch täten. Hierbei relativierte er die nationalsozialistischen Verbrechen, um die Forderung nach den deutschen Ostgebieten zu sekundieren. Daneben warf Willms der dänischen Minderheit zudem eine »revisionistische Volksgruppenpolitik« und »dänische Kulturoffensive« vor.[58] Geschäftsführer von Leesen schrieb dazu in einem Zeitungsartikel: »Wir haben keinen Grund, bis in alle Zeiten das Büßerhemd zu tragen.«[59]
Wenn wir beide Schichten vergleichen, zeigt sich, dass der Ansatz der Deckerinnerung zu beiden Zeiten sehr ähnlich war: Es ging darum, aus bekannten Versatzstücken Narrative zu entwickeln, die von der Schuld wiesen, um Identität zu stiften und eine Umwertung der eigenen Position als Opfer ermöglichen sollten.
■ Der SHHB blendete die problematischen Teile der Geschichte aus und beleuchtete stattdessen den deutsch-dänischen Gegensatz vor oder aber die Integration der Vertriebenen nach dem Krieg.
■ Der unleugbare Rest wurde abgeschoben. Der SHHB sorgte für eine Externalisierung der Schuld, z.B. gezielt – »die Preußen« –, oder aber defensiv ins Irgendwo – »die Katastrophe«. Über Details wurde geschwiegen.
■ Von der manifestierten Position des Opfers ließ sich dann die Schuld gegenseitige aufrechnen. Der SHHB beendete seine Argumentationskette als ein Nullsummenspiel mit den von anderen begangenen Verbrechen.[60]
In der Nachkriegszeit sorgte diese Deckerinnerung für die Weitergabe und Vermittlung konservativer Werte und Normen als »Fahnenträger der regionalen Bestandssicherung« (Willi Oberkrome) und verschleierte soziale Konflikte.[61] Mit Hermann Lübbe kann man darin ein »Kommunikatives Beschweigen« sehen, dass notwendig war, um der fragilen Transitionsgesellschaft den Weg zur gefestigten Demokratie zu ermöglichen.[62] Als diese gefestigte Demokratie jedoch erreicht war und der Generationenwechsel neue Orientierungen mit sich brachte, wurde die Deckerinnerung brüchig. In dem Kritiker die Verbrechen und die Verantwortung direkt ansprachen, erodierten die kunstvollen und gehegten Narrative. Die Deckerinnerung funktionierte nur so lange, wie sie niemand hinterfragen wollte und alle einen Nutzen davon hatten.
Dr. Knud Andresen hat über die Geschichtspolitik des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes promoviert, um einen einflussreichen Akteur im regionalen Zugriff und zeitlichen Längsschnitt zu analysieren. Er arbeitet aktuell im Stab der Oberbürgermeisterin der Landeshauptstadt Kiel.
[1] Dieser Beitrag ist die überarbeitete Version eines Vortrages, der im Rahmen der 8. Gedenkstättentagung 22.–24. 3. 2013 in der GustavHeinemannBildungsstätte, Bad Malente, gehalten wurde.
[2] Reichel, Peter: Politik der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, Frankfurt/M. 1999, S. 21.
[3] Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die dänische Minderheit in SchleswigHolstein einen gigantischen Zuwachs. Da bereits nach dem Ersten Weltkrieg die Grenze zu Dänemark nach einer Volksabstimmung Richtung Süden verlegt worden war, erwarteten viele, sich und ihre regionalen Eigenheiten dadurch unter dänisches Kuratel stellen zu können, ohne von den Folgen des deutschen »Zusammenbruchs« behelligt zu werden. Der SHHB wurde 1947 von einflussreichen deutsch gesinnten Schleswig-Holsteinern gegründet, um dagegen gerichtet zu wirken. Aufgrund von Auflagen der britischen Besatzer trat er als Heimatvereinigung auf. Nach einer wechselvollen Geschichte ist der SHHB in der Gegenwart zu einem wirklichen Verband für Kulturpflege und Naturschutz geworden.
[4] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 261
[5] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 67f.
[6] König, Helmut: Politik und Gedächtnis, Weilerswist 2008, S. 372 und 381.
[7] Lange, Ulrich (Hrsg.): Geschichte SchleswigHolsteins, S. 660ff.
[8] BeckerChristensen, Henrik: Der Sieg des Gesinnungsprinzips. Die endgültige Lösung der deutsch dänischen Grenzfrage, S. 310–317 in: Danker, Uwe/Paul, Gerhard/Wulf, Peter (Hrsg.): Geschichts
umschlungen, S. 312.
[9] Klatt, Martin: Flygtningene og Sydslesvigs danske bevægelse 1945–1955, Flensburg 2001, S. 389.
[10] Paul, Gerhard: »Wir brachten den letzten Wehrmachtsbericht dieses Krieges«. Der »Reichssender Flensburg« im Mai 1945 und die Leitideen der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, S. 55–82 in: Paul,
Gerhard/Schwensen, Broder/Wulf, Peter (Red.): Lange Schatten.
[11] Berger, Stefan: Writing National Histories in Europe: Reflections on the Pasts, Presents and Futures of a Tradition, S. 55–69 in: Jarausch, Konrad H./Lindenberger, Thomas (Hrsg.): Conflicted Memories, S. 62;
Cornelißen, Christoph: Der wiedererstandene Historismus. Nationalgeschichte in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre, S. 78–109 in: Jarausch, Konrad H./Sabrow, Martin (Hrsg.): Die historische Meistererzählung, S. 88–95.
[12] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 81f.
[13] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 85.
[14] So war beispielsweise der Volkssturm als letztes Aufgebot gegen Kriegsende von der gleichgeschalteten Presse und in Kundgebungen mit Mythen wie z.B. der Schlacht bei Hemmingsstedt von 1500 ›War die Gaar, de Buur de kummt!‹ mobilisiert worden. Vgl. Diederichs, Urs Justus: Kriegsende und Neuanfang in SchleswigHolstein. Einführende Bemerkungen, S. 187–192 in: Friederichs, Urs J. und Wiebe, Hans Hermann (Hrsg.): SchleswigHolstein unter dem Hakenkreuz, S. 188.
[15] Confino, Alon: »This lovely country you never will forget! Kriegserinnerungen und Heimatkonzepte in der westdeutschen Nachkriegszeit, S. 235–251 in: Knoch, Habbo (Hrsg.): Das Erbe der Provinz, S. 243.
[16] Hoffmann, Erich: Grundzüge des grenzpolitischen Wirkens Dr. Richard Schencks, S. 155–291 in: ZSHG 107 (1982), S. 217.
[17] Der Begriff bezieht sich auf die Volksabstimmung 1920, die nach dem Ersten Weltkrieg durchgeführt worden war, um über die nationale Zugehörigkeit Schleswigs zu entscheiden. Beide Seiten mobilisierten sehr intensiv; man sprach deutscherseits vom »Abstimmungskampf«.
[18] Diese Schreibweise sollte die Verbundenheit der beiden Landesteile bezeugen, die sich nicht aufteilen ließen in ein dänisches Schleswig und ein deutsches Holstein. Sie geht zurück auf Uwe Jens Lornsen.
[19] LAS 605.664 Einladung zur Mitgliederversammlung des SchleswigHolsteinischen Heimatbundes am 25. Januar 10 Uhr in Schleswig, Prinzenpalais.
[20] LAS 422.17.132 Richtlinien für die Vertrauensmänner des SHHB.
[21] Applegate, Celia: A Nation of Provincials, S. 243.
[22] JessenKlingenberg, Manfred: »In allem widerstrebt uns dieses Volk«. Rassistische und fremdenfeindliche Urteile über die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge in SchleswigHolstein 1945–1946, S. 81–99 in: Pohl, Karl Heinrich (Hrsg.): Regionalgeschichte heute, S. 94f.
[23] LAS 422.17.1 Dr. Muuß an Major Melotte H.Q. 312, 28. September 1947.
[24] LAS 399.69.6 Landesminister Dr. Schenck an den Ministerpräsidenten Lüdemann, 16. Januar 1948.
[25] Edert, Eduard: Ein Wendepunkt?, S. 115f in: SchleswigHolstein, 5 (1955).
[26] LAS 422.17.1 Dr. Muuß an Dr. Schenck, 6. Januar 1948.
[27] Des Weiteren sollten auch die Familien aufgenommen werden. Muuß begründete den Vorschlag, mit der drohenden »völligen Verbitterung«, was wiederum die Eigenwahrnehmung als Opfer aufzeigt. Vgl.LAS 422.17.1 Dr. Muuß an das Kultusministerium, 1. Juli 1948; LAS 422.17.3 Dr. Muuß an Dr. Schenck, 28. Februar 1950.
[28] LAS 422.17.3 Dr. Alnor an Dr. Schenck, 26. Juli 1951; LAS 422.17.129 Ewoldt an Ministerpräsident, 6. September 1951; Kühl, Jørgen: Zwischen Nationalsozialismus und Nationalismus. Søren Telling und
das Dannewerk, S. 23–41 in: Demokratische Geschichte 19 (2008); Prahl, Hans Werner: Last der Vergangenheit. Schwieriger Neubeginn und manche Kontinuität, S. 201–222 in: Ders./Petersen, Hans
Christian/Zankel, Sönke (Hrsg.) Uniformierung des Geistes. Universität Kiel und der Nationalsozialismus, Band 2 Kiel 2007, S. 204.
[29] LAS 605.669 Aktenvermerk F3 über Dienstreise nach Friedrichsstadt, Tönning, Husum, Niebüll, Flensburg, Schleswig und Eckernförde, 25. Juli 1946 und Abschrift Lüth, Pressestelle, 26. August 1946.
[30] Darüber hinaus fiel dem SHHB die Betreuung der deutschen Nordschleswiger, die Organisation von Kinderferienverschickungen und die Übernahme von Patenschaften für selbige zu, nachdem Ver
bindungen zur deutschen Minderheit schon länger bestanden hatten. Eine Anfrage des BdN um »kulturelle Unterstützung des Deutschtums in Nordschleswig durch Vorträge, Spielgruppen, usw.« hatte es bereits früher gegeben. Ebenso war Muuß als Vorsitzender des SHHB der erste offizielle deutsche Gast der deutschen Minderheit beim Knivsbergfest 1948 gewesen. Vgl. Hansen, Siegfried Ernst: Disteln am Weg, S. 300; LAS 422.17.6 Protokoll der Vorstands und Beiratssitzung vom 25. Juli 1947; LAS 422.17.174 Konstituierende Sitzung des Deutschen Grenzausschuss, 7. Dezember 1949.
[31] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 27.
[32] Leonhard, Nina: Politik und Geschichtsbewusstsein im Wandel. Die politische Bedeutung der nationalsozialistischen Vergangenheit im Verlauf von drei Generationen in Ost und Westdeutschland, Münster
2002, S. 293.
[33] Nehring, Holger: Generation as a Political Argument in West European Protest movements during the 1960s, S. 57–79 in: Lovell, Stephen (Hrsg.): Generations, S. 58f.
[34] www.kzkaltenkirchen.de/1/home/index.htm.
[35] Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, S. 60f.
[36] Lübbe, Hermann: Der Nationalsozialismus im deutschen Nachkriegsbewusstsein, S. 579–599 in: Historische Zeitschrift 236 (1983).
[37] Der Generationenbegriff war sein Leben lang zentral für Schmidts Weltsicht: Zum einen stellte Generation für ihn eine durch ähnliches Erleben in der selben Zeit erzeugte Klammer dar, die über Klassen, Schichten und Parteigrenzen Menschen zu einer Gemeinschaft band und damit Grundstock und Vorbild einer übergreifenden Volksgemeinschaft war. Bereits im Dezember 1950 hatte Schmidt die
Gemeinschaft der Kriegsgeneration Schleswig-Holstein gegründet. Sie war Teil einer Bewegung nach dem Krieg, als sich eine »junge Generation« bewusst von der NS Vergangenheit der Älteren, aber auch von den fehlenden Kriegserfahrungen der Jüngeren abgrenzte, um ihren Anspruch auf die Gestaltung des neuen Staates zu legitimieren. Sie verstand sich als Sprecher der im Krieg geprägten jungen Generation, die sich nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus ausgebootet sah und deren Vorstellungen in der Ideenwelt der konservativen Revolutionäre der 1920er Jahre fußten. Ihr Ziel war eine »möglichst große Geschlossenheit des deutschen Volkes in politischen Lebensfragen«, um eine vorgebliche Aufspaltung der Gesellschaft zu verhindern. Schmidts Strategie hatte Erfolg. 1952 wurde er mit Stimmen aus allen Parteien mit Ausnahme von SPD und SSW zum Bürgermeister Eckernfördes gewählt. Gerhard Stoltenberg sah denn auch anlässlich der Totenfeier Dr. Schmidts in seinem Einsatz für den SHHB die Rückkehr zu den »wichtigsten Antrieben, Motivationen [...] seiner Jugend [...], die in allen Phasen seines Lebens für ihn kennzeichnend geblieben sind«. Vgl. PAL: Die Gemeinschaft der Kriegsgeneration SchleswigHolstein, Rendsburg, Eckernförde 1950; Die Kriegsgeneration spricht, 1 (1952); Jureit, Ulrike: Generationenforschung, Göttingen 2006, S. 44ff. und S. 58; Laak, Dirk van: Trotz und Nachurteil. Rechtsintellektuelle Reaktionen im Anschluss an das »Dritte Reich«, S. 55–78 in: Loth, Wilfried/Rusinek, BerndA. (Hrsg.): Verwandlungspolitik, S. 56f; Parnes, Ohad/ Vedder, Ulrike/Willer, Stefan: Das Konzept der Generation, S. 234, S. 259 und S. 280ff; Schleswig-Holsteinisches Freilichtmuseum (Hrsg.): Werner Schmidt in Memoriam, Kiel 1991.
[38] LAS 422.17.519 Pressemitteilung des SHHB. Dr. Werner Schmidt auf der Delegiertenversammlung des SHHB am 9. September 1978.
[39] LAS 422.17.445 Dr. Schmidt an Loewe, 31. Mai 1976, Dr. Schmidt an Gaul, 7. Juli 1978, Dr. Schmidt an Dr. Rüdiger, 30. März 1979.
[40] Jureit, Ulrike: Generationenforschung, S. 59.
[41] LAS 422.17.445 Dr. Schmidt an Dr. Randel, 5. Dezember 1978.
[42] Schmidt, Werner: Wie SchleswigHolstein »Flüchtlingsland Nr. 1« wurde, S. 4f in: SchleswigHolstein 10
(1981).
[43] Hans Joachim von Leesen wurde 1930 in Hamburg geboren und verbrachte seine Jugend in Flensburg. Nach dem Krieg arbeitete er als Verlagsbuchhändler, zuletzt in Köln. 1980 wechselte von Leesen als Geschäftsführer zum SHHB, bis er Ende 1993 in Rente ging. Seitdem wirkt von Leesen in der Grauzone zwischen rechten und rechtsextremen Kreisen. So war er nicht nur zeitweise Regionalleiter der »Staats
und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V.«, sondern betätigt sich als Autor und Referent. Beispielsweise veröffentlichte von Leesen 2005 im rechtsextremen Arndt Verlag das Buch »Bombenterror. Der Luftkrieg über Deutschland«, schrieb in der Jungen Freiheit, im Ostpreußenblatt sowie der Deutschen Militärzeitung. Von Leesens Texte werden auch von der NPD gern zitiert. Vgl. Butterwegge, Christoph: Stirbt »das deutsche Volk aus? – Wie die politische Mitte im Demographie Diskurs nach rechts rückt.« S. 167–217 in: Ders. (Hrsg.): Themen der Rechten – Themen der Mitte. Zuwanderung, demographischer Wandel und Nationalbewusstsein, Opladen 2002, S. 174; Virchow, Fabian: Gegen den Zivilismus. Internationale Beziehungen und Militär in den politischen Konzeptionen der extremen Rechten, Wiesbaden 2006; www.deutschlandjournal.de/Deutschland_Journal_Ausgabe_20/Was_bedeutet_die_deutsche_Kapitulation_1945.pdf, zuletzt besucht am 2. Oktober 2009; wapedia.mobi/de/Deutsche_Militärzeitschrift, zuletzt besucht am 2. Oktober 2009; www.bunddervertriebenen.de/files/seminarejunge generation.pdf, zuletzt besucht am 2. Oktober 2009; www.npdsachsenanhalt.de/landesverband/1258.html, zuletzt besucht am 2. Oktober 2009.
[44] Skov Kristensen, Henrik: Vom FrösleeLager zum FaarhusLager, S. 147–163 in: Bohn, Robert/Danker, Uwe/Kühl, Jørgen (Hrsg.): Zwischen Hoffnung, Anpassung und Bedrängnis.
[45] Der Nordschleswiger, 10. August 1982.
[46] LAS 422.17.491 Vorstandssitzungsprotokoll vom 18. August 1982; Kieler Rundschau, 21. August 1982.
[47] LAS 422.17.491 Vorstandssitzungsprotokoll vom 25. Januar 1982.
[48] Hurrelbrink, Peter: Der 8. Mai 1945, S. 175.
[49] Kieler Rundschau, 2. September 1982.
[50] Schmidt, Werner: Last der Vergangenheit.
[51] Bergsdorf, Wolfgang: Der Stellenwert ostdeutscher Kulturpflege in der Ära Kohl, S. 53–69 in: Gauger, Jörg Dieter/Kittel, Manfred (Hrsg.): Die Vertreibung; Herbert, Ulrich: Der Historikerstreit. Politische, wissenschaftliche, biographische Aspekte, S. 94–114 in: Große Kracht, Klaus/Jessen, Ralph/Sabrow, Martin (Hrsg.): Zeitgeschichte, S. 95.
[52] LAS 605.6256 Pressemitteilung Minister Schwarz, 24. September 1983.
[53] Vaagt, Gerd: Das Hakenkreuz in SchleswigHolstein, Teil 1, S. 5–9 in: SchleswigHolstein, 5 (1983); Teil 2, S. 5–9 in: SchleswigHolstein, 6 (1983); Teil 3, S. 2–9 in: SchleswigHolstein, 7 (1983).
[54] Bästlein, Klaus: SchleswigHolstein. Ein nationales Naturschutzgebiet für NS Verbrecher? – Zur politischen Natur im nördlichsten Bundesland nach 1945, S. 209–264 in: Friederichs, Urs J. und Wiebe, Hans Hermann (Hrsg.): SchleswigHolstein unter dem Hakenkreuz, S. 237f.
[55] LAS 422.17.496 Fragen an die Parteien zur Landtagswahl 1987, Antwort der CDU.
[56] Husumer Nachrichten, 23. Februar 1984.
[57] Mit seinen rechtsextremen Äußerungen hatte der Mitherausgeber der Zeitschrift »Der Staat« zuvor auf sich aufmerksam gemacht. Für ihn war die Nation der einzig relevante Bezugspunkt, Moral und Ethik
hatten sich unterzuordnen. Vgl. Ostpreußenblatt, 31. März 1984; Hurrelbrink, Peter: Der 8. Mai 1945, S. 203.
[58] Vgl. LAS 605.6013 Vermerk StK 160a, 6. August 1984; Willms, Bernhard: Heimat und Nation, S. 5–10 in: Schleswig-Holstein, 11 (1984).
[59] Norddeutsche Rundschau, 14. September 1985.
[60] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 169f.
[61] Hartung, Werner: Das Vaterland als Hort von Heimat. Grundmuster konservativer Identitätsstiftung und Kulturpolitik in Deutschland, S. 112–156 in: Klueting, Edeltraut (Hrsg.): Antimodernismus und Reform, S. 122f; Heitzer, Horstwalter: Die CDU in der Britischen Zone, S. 602f; Oberkrome, Willi: »Deutsche Heimat«, S. 518; Schildt, Axel: Konservativismus in Deutschland. Von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 1998, S. 13; Varain, Heinz Josef: Parteien und Verbände, S. 118.
[62] Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 100–103