Der retuschierte Reichstag

03/2015Gedenkstättenrundbrief 177, S. 43-45
Dirk Stolper

Die Bilder des brennenden Reichstagsgebäudes gehören, so Alexander Bahar und Wilfried Kugel zu jenen geschichtsmächtigen Bildern, die unsere Vorstellung vom Beginn des ›Dritten Reichs‹ bis heute prägen. Wie unter einem Brennglas bündelt sich darin der Anspruch einer neuen, barbarischen Zeit.«[1]

Eines der bekanntesten Fotos zeigt den Reichstag aus Richtung Brandenburger Tor am Morgen des 28. Februar 1933, also unmittelbar nach dem Brand (Abb. 1). Diese Perspektive war für ein Foto vom Reichstagsgebäude sehr gebräuchlich, weil es hier eine ideale Sichtachse zum Objekt gab. In der Literatur stößt man auf zwei verschieden geschnittene Versionen des Fotos. Zum einen die bekannteste Fassung des Bildes, auf dem links noch ein fahrendes Fahrzeug zu erkennen ist, und zum anderen ein Foto, welches leicht vergrößert wurde und auf dem größere Teile dieses Fahrzeuges zu sehen sind, aber rechts ein großer Teil des Bildes fehlt (Abb. 2). Im Vordergrund der Fotografie blicken mehrere Passanten und Polizisten auf das Reichstagsgebäude. Die Aufnahme wurde an einem kalten Morgen gemacht, als noch Schneehaufen die Straße säumten. Die Hauptfigur des ursprünglichen Fotos ist der Mann mit Hut und Aktentasche. Vor ihm steht eine Gruppe von vier Männern, die sich unterhalten. In der Bildmitte steht eine Gruppe von vier Personen, von denen eine eindeutig als Polizist zu erkennen ist. Weiter links, direkt an der Straße, sind noch zwei Personen zu sehen. Fast alle Personen auf dem Foto sehen zum Reichstagsgebäude, sogar zwei Fahrradfahrer, die in der Mitte des Bildes zu erkennen sind, und ein Mann auf der anderen Straßenseite blicken in Richtung des Gebäudes. Der rauchende Reichstag rief mithin hohe Aufmerksamkeit hervor. Es war ein Großbrand eines symbolisch aufgeladenen Gebäudes mit einem massiven Aufkommen von Feuerwehr und Polizei. Die Bevölkerung wurde über Rundfunk und Presse informiert und so war sicherlich am Morgen nach dem Brand die Neugier Vieler geweckt, den Ort mit eigenen Augen zu sehen. Viele Menschen kamen auch nur auf ihrem Arbeitsweg am Reichstag vorbei, blieben kurz stehen und unterhielten sich mit anderen Passanten. Besonders die Aktentasche unter dem Arm des Mannes im Vordergrund könnte als Indiz gesehen werden, dass dieser sich gerade auf dem Weg zur Arbeit befand.

Da das originale Foto aber letztlich nur den rauchenden, nicht den brennenden Reichstag zeigte, wurde das Bild retuschiert. Auf einmal schlagen aus der Reichstagskuppel Flammen und über dem Feuer zieht eine dichte Qualmwolke in Richtung Tiergarten. Sven Felix Kellerhoff vermutet, dass das Bild durch einen Retuscheur einer Bildagentur verändert wurde, um es interessanter zu machen (Abb. 3).[2]/[3] Der unbekannte Retuscheur, der mit seiner Arbeit das Bild vollkommen veränderte, hat anscheinend gute Arbeit geleistet. Heute taucht die retuschierte Version des Fotos in fast allen wichtigen Publikationen zum Reichstagsbrand auf. Als Beispiele können hier die Biografie über Marinus van der Lubbe von Martin Schouten[4] und Kellerhoffs Buch zum Reichstagsbrand dienen.[5] Für Kellerhoffs Buch wurde das Foto sogar als Titelbild verwendet. Ebenso wie bei Kellerhoff wurde das neu erschienene Buch des kürzlich verstorbenen Reichstagsbrandforschers Fritz Tobias mit dem retuschierten Bild bedruckt.[6] Auch in der Publikation von Heinz Brüdigam ist das veränderte Bild enthalten. Das Foto wurde hier mit »Das brennende Reichstagsgebäude.« untertitelt.[7]

In der Presse tauchte das Foto direkt am 28. Februar 1933 in der B.Z. am Mittag auf. Hier ist das Bild noch unretuschiert neben einem Foto des brennenden Reichstagsgebäudes auf der Titelseite abgedruckt. Der Bilduntertitel lautet hier »Brennend und ausgebrannt. – Nachts und morgens vor dem Reichstag.«[8] Welcher Fotograf das Bild gemacht hat, konnte nicht herausgefunden werden. Auch welche Bildagentur das Foto letztendlich retuschiert hat, konnte nicht zweifelsfrei ermittelt werden. Eine Spur führt allerdings zu Hans Schaller (1911–1966). Schaller besaß in Berlin eine Bildagentur und kaufte viele Aufnahmen von Fotografen auf, um sie später weiterveräußern zu können. Darunter befand sich auch ein Abzug des retuschierten Reichstages, welcher sich heute im Landesarchiv Berlin befindet, wohin er 1961 von Schaller gegeben wurde. Des Weiteren gibt es noch den oben erwähnten Abzug aus dem Bundesarchiv. Auf der Rückseite des Abzuges befindet sich ein Stempel des Fotografen Helmut Hoffmann aus Berlin-Wilmersdorf mit einem Copyright­hinweis. Hoffmann war 1933 Fotoreporter in Berlin und es kann durchaus möglich sein, dass er nicht nur für die Vergrößerung des Bildes verantwortlich ist, ­sondern auch der Urheber der Aufnahme ist. Andere führende Zeitungen haben dieses Foto nicht verwendet, sondern eine Frontalansicht des Reichstags vom Königsplatz benutzt. Dieses andere bekannte Bild, auf dem besonders die brennende Reichstagskuppel ins Auge fällt, taucht ebenfalls immer wieder als retuschierte Version auf.[9] Auf diese Veränderung macht eine Rezension im Bonner General-Anzeiger aufmerksam.[10] Die Bilder des brennenden Reichstagsgebäudes haben sich buchstäblich in das Gedächtnis der Deutschen gebrannt. Sie stellen den Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft und der damit verbunden Verbrechen dar. Das Foto zeigt, welche mächtige Wirkung Retuschen haben können. Retuschen werden aus den verschiedensten Gründen angefertigt. Die Frage, die sich bei diesen Veränderungen stellt, ist, aus welcher Motivation heraus diese Retuschen gemacht wurden. Anders als bei aktuellen Beispielen aus Nordkorea wurde das Bild vom Reichstagsbrand nicht aus politischen Motiven heraus verändert. Hier war es eine Fotoagentur, die das Bild modifizierte, um es besser verkaufen zu können. Ohne die massive Veränderung des Bildes wäre es nie so bekannt geworden. Nur durch die Retusche ist das Foto in das kulturelle Gedächtnis gekommen und so oft publiziert worden. Historiker sollten daher, insbesondere bei Bildquellen mit großer Sorgfalt arbeiten und genau recherchieren, ob es sich bei ihren Fotos nicht doch um retuschierte Versionen handelt.
 

Dirk Stolper studiert Neuere und Neueste Geschichte in Marburg und hat im Herbst 2013 als Praktikant im Haus der Wannsee-Konferenz gearbeitet.
 

[1] Alexander Bahar/Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Geschichte einer Provokation, Köln 2013, S. 7.

[2] Dies schreibt Sven Felix Kellerhoff in zahlreichen Artikeln in den Zeitungen »Die Welt« und »Berliner Morgenpost« vgl. beispielsweise Die Welt vom 14. 12. 2011.

[3] www.berliner-feuerwehr.de/uploads/pics/1933_reichstagsbrand1.jpg (Stand: 31. Januar 2014)

[4] Martin Schouten: Marinus van der Lubbe. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1999, S. 75.

[5] Sven Felix Kellerhoff. Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls, Berlin 2008.

[6] Fred Duswald, Fritz Tobias: Polit-Kriminalfall Reichstagsbrand. Geschichte und Fälschung, Tübingen 2012.

[7] Heinz Brüdigam: Faschismus an der Macht. Berichte, Bilder, Dokumente über das Jahr 1933 50 Jahre danach, Frankfurt a. M. 1982, S. 74.

[8] Vgl. B.Z. am Mittag vom 28. Februar 1933, Titelseite. Die Zeitung wurde im Bundesarchiv unter BArch R 3003/155, S. 62 gefunden.

[9] Das Bild ist beispielsweise direkt auf dem Titelbild von Alexander Bahar/Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird, Berlin 2000.

[10] Vgl. Bonner General-Anzeiger vom 23. Juni 2001, S. 22.