»Der Nachlass einer Ravensbrückerin«

Sonderausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
08/2005Gedenkstättenrundbrief 126, S. 22-25
Sigrid Abenhausen

Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Frauen-KZ Ravensbrück wurde am 17. April 2005 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Ausstellung »Antonina Aleksandrowna Nikiforowa (1907–2001),…geboren 1907 in Leningrad, russisch, parteilos, akademisch…« Der Nachlass einer Ravensbrückerin« eröffnet. Erstmalig wird mit dieser Sonderausstellung der schriftliche Nachlass einer ehemals im Konzentrationslager Ravensbrück Inhaftierten präsentiert. Damit findet eine sich verändernde Gedenk stättenarbeit auch in Ravensbrück ihren Ausdruck: Die potenzielle Zeitzeugenbefragung und -mitarbeit weicht einer ausschließlich durch schriftliche Quellen bestimmten Auseinandersetzung mit der KZ-Zeit.

Das persönliche Archiv der russischen Ärztin und Autorin Antonina Nikiforowa umfasst 30 Kartons mit über 2 850 Korrespondenzen (Briefe und Karten), davon über 2 200 aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und etwa 650 aus dem Ausland. Des Weiteren werden im Nachlass Manuskripte, gedruckte Quellen, Fotografien und einige gegenständliche Objekte verwahrt. Die Materialien kamen in mehreren Etappen nach Ravensbrück: ein erstes Konvolut bereits 1994 im Zuge der damaligen Vorbereitungen zur Ausstellung »Ravensbrückerinnen«. In dieser Hauptausstellung im ehemaligen SS-Kommandanturgebäude der Gedenkstätte wird Antonina Nikiforowa in einer biographischen Skizze neben 26 anderen ehemaligen Häftlingen vorgestellt. Die wesentlichen Teile des Nachlasses erhielt die Gedenkstätte in den Jahren 2001 und 2004. Maßgeblich war hierfür der intensive persönliche Kontakt, den die Gedenkstätte, hier vor allem Dr. Bärbel Schindler-Saefkow, mit Antonina Nikiforowa und nach deren Tod ihrer Schwiegertochter Stella Nikiforowa gepflegt hat. Gemeinsam bereiteten sie die Übergabe der Materialien für das Gedenkstättenarchiv vor.

Lebensdaten

Antonina Nikiforowa wurde 1907 im zaristischen St. Petersburg geboren. Zur Kinderärztin ausgebildet, spezialisierte sie sich ab 1936 als Pathologin. Ihre Promotion konnte sie nicht mehr verteidigen, da sie bereits 1939/40 für die seitens der Sowjetunion angestrengten Grenzstreitigkeiten mit Polen und Finnland für den militärmedizinischen Dienst einberufen wurde. Unmittelbar nach dem Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion wurde sie als Militärärztin im Offiziersrang auf der baltischen Insel Saaremaa (Ösel) eingesetzt. Dort geriet sie bereits nach drei Monaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Antonina Nikiforowa durchlief verschiedene Kriegsgefangenenlager sowie das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und wurde im April 1944 weiter in das Frauen-KZ Ravensbrück überstellt. Hier musste sie als Pathologin und praktische Ärztin im Krankenrevier tätig sein. In Ravensbrück blieb sie bis über die Befreiung des Lagers durch die Rote Armee hinaus, da sie von der sowjetischen Militäradministration als leitende Ärztin für die dort verbliebenen Kranken eingesetzt wurde. Noch während dieser Tätigkeit wurde sie nach einer grundlosen Denunziation im Spätsommer 1945 durch die sowjetischen Behörden im vormaligen Lagergefängnis, dem »Zellenbau«, für mehrere Monate eingesperrt. Im November 1945 erhielt sie einen Repatriierungsausweis für die Rückreise in die Sowjetunion1. Dort fand sie zunächst eine Anstellung als Ärztin in einem Krankenhaus in Sibirien. Als das geltende Zuzugsverbot für Leningrad 1947 aufgehoben wurde, gelang es ihr, unter den vor allem für ehemalige Kriegsgefangene schwierigen politischen Bedingungen der stalinistischen Nachkriegszeit in ihre Heimatstadt zurückzukehren und ihre Arbeit als Pathologin in einem Leningrader Krankenhaus2 wieder aufzunehmen. 1958 wurden ihre Aufzeichnungen über Ravensbrück als Buch in Russland veröffentlicht – deutsch: Das darf sich nicht wiederholen –, neun Jahre später erschien ihr zweites, erweitertes Buch des ersten – deutsch: Erzählung von Kampf und Freundschaft.3 Nach ihrer Pensionierung 1962 verbrachte sie ihren Lebensabend in Leningrad/St. Petersburg, wo sie vierundneunzigjährig im Jahr 2001 verstarb.

Die Ausstellung

Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt des persönlichen Archivs von Antonina Nikiforowa: russische und internationale Korrespondenzen, Fotografien und persönliche Gegenstände. Darüber hinaus gibt es einen Kurzfilm, der sie in Leningrad und in Ravens- brück bei Gedenkfeierlichkeiten zeigt. Eine Hörstation mit Interviewsequenzen der Schwiegertochter Nikiforowas beschließt die Ausstellung. Thematisch strukturiert zeigt sie Aspekte der beruflichen Ausbildung und Laufbahn Nikiforowas als Ärztin und beleuchtet ihre zahlreichen sowjetischen und weitreichenden internationalen Kontakte und Netzwerke. Die Ausstellung thematisiert ihren persönlichen und familiären Hinter grund sowie schließlich Bereiche ihres gesellschaftlichen Engagements in der Sowjetunion nach dem Krieg.                                                  

Letzteres umfasste ihre Arbeit als Zeitzeugin in Schulen, als Verfasserin der Ravensbrück-Bücher und auch als Mitglied der Leningrader Sektion des Komitees der Kriegsveteranen. Sie wollte die Kriegserinnerung wach halten und vor allem an die jüngeren Generationen weitergeben. Damit ist sie, was die in den 1960er Jahren verstärkt einsetzende öffentliche Erinnerungskultur in der Sowjetunion an den Krieg betrifft, eine typische Vertreterin ihrer Zeit als Kriegsveteranin.4 Ungewöhnlich ist allerdings, dass sie es als repatriierte Kriegsgefangene und ehemaliger KZ-Häftling schaffte, gesellschaftliche Anerkennung und Mitsprache zu erreichen.

Der Bereich ihres persönlichen und familiären Lebens wird mit dem Thema ihrer »Lagerfamilien« im Kriegsgefangenlager Chelm und den Konzentrationslagern Majdanek und Ravensbrück erweitert. Dargestellt wird auch Nikiforowas Adoption eines kriegswaisen achtjährigen russischen Jungen. Das persönliche Leben von Antonina Nikiforowa, wie es sich in ihrem Schriftgut spiegelt, war maßgeblich durch Ravensbrück geprägt: Gemäß ihres noch im KZ gemachten ›Schwures‹, im Falle des Überlebens über Ravensbrück zu berichten und über die nationalsozialistischen Verbrechen aufzuklären, wurde das Sammeln und öffentliche Mahnen und Erinnern zu ihrer Lebensaufgabe.

Die Erinnerungen

Noch heute bestimmen deutsche und westeuropäische Quellen, Literatur und Forschung die Erinnerung an das KZ Ravensbrück. Osteuropäische, insbesondere vormals sowjetische Quellen und Literatur, sind nach wie vor weniger überliefert und erforscht. Damit ist die Gruppe der sowjetischen Frauen in der Gesamtheit der überlieferten Zeugnisse über Ravensbrück unterrepräsentiert. [5] Mit der Ausstellung des zur Zeit umfangreichsten persönlichen Nachlasses der Gedenkstätte Ravensbrück wird einem nunmehr breiter einsetzenden Interesse an der Aufarbeitung des Schicksals der sowjetischen Frauen Rechnung getragen, die in Ravensbrück inhaftiert waren. Da der Nachlass neben dem eigenen Schriftgut von Antonina Nikiforowa vor allem auch eingehende Korrespondenzen, d.h. Erinnerungen anderer sowjetischer Frauen an die Kriegs- und Nachkriegszeit enthält, bieten sich hier noch weitere Möglichkeiten zur Forschung an.

Tatsächlich bilden diese eingehenden Korrespondenzen von Frauen in der Sowjetunion den zentralen Bestandteil der nachgelassenen Quellen. In den überlieferten Briefen und Karten, die Antonina Nikiforowa seit den späten 1940er Jahren aus der Sowjetunion erhält, berichten ehemalige Leidensgenossinnen, die oft zu Freundinnen geworden sind, von alltäglichen Begebenheiten, von Krankheiten, von ihrer Familie, ihrer Arbeit und ihren Sorgen. Oft geben sie ein plastisches Bild von ihrem Leben vor dem Krieg oder von ihrer Situation nach der Heimkehr und reflektieren die Kriegszeit und Gefangenschaft. Die ehemaligen Ravensbrück-Häftlinge unter ihnen danken der Ärztin innig für ihre Hilfe und Unterstützung im Lager und drücken ihre Verehrung für sie aus oder bitten sie um medizinischen Rat. Da es in der Nachkriegsgesellschaft vor allem auf dem Land an vielem fehlt, bitten manche Frauen die Leningraderin auch, für sie Medikamente, Kleidung oder sogar Möbel zu besorgen. Immer wieder erkundigen sich die Schreibenden nach Dritten oder lassen innerhalb des Netzwerkes von Ravensbrückerinnen Grüße ausrichten.

Auch sind in Nikiforowas 1958 veröffentlichten Erinnerungen die Geschichten zahlreicher anderer in Ravensbrück inhaftierter Frauen eingeflochten, mehrheitlich sowjetischer Kriegsgefangener, in erster Linie Medizinerinnen, mit denen sie zum Teil nach 1945 weiter korrespondierte. Einige nicht-sowjetische politische Häftlinge werden ebenfalls mit ihren »Lagergeschichten« beschrieben, andere Häftlingsgruppen nur am Rande erwähnt. In ihrem 1967 veröffentlichten erweiterten Buch schreibt sie über Erlebnisse nach der Befreiung, nimmt dabei ihre Auslandsreisen zum Anlass, um über weitere Lebensgeschichten ausländischer Ravensbrück-Häftlinge zu berichten. Es handelt sich vor allem um politische Widerstandskämpferinnen aus Deutschland, Westeuropa und Polen. Einige der Freundinnen und Korrespondenzpartnerinnen werden in der Ausstellung mit Kurzbiographien vorgestellt.

1 Über die Nachkriegsnutzung des Lagergefängnisses von Ravensbrück durch die sowjetischen Behörden sowie über die Repatriierung für die aus der Sowjetunion stammenden Frauen in Ravensbrück ist noch wenig bekannt. Zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Repatriierung, nach denen Frauen weitgehend nicht solch strengen Maßgaben der Rückführung unterworfen waren wie Männer, vgl. Pavel Polian: Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im »Dritten Reich« und ihre Repatriierung, 2001, S. 182.

2 Einer Beurteilung dieses Krankenhauses von 1959 entstammt der historisch unkorrekte Städtename im Untertitel der Ausstellung, das Zitat »geboren 1907 in Leningrad, russisch, parteilos, akademisch«. Diese Beurteilung ihrer Arbeitsstelle war eine Voraussetzung dafür, dass Antonina Nikiforowa ins Ausland nach Ravensbrück reisen durfte, um an Gedenkfeierlichkeiten teilnehmen zu können.

3 Original: «Зто не ‰олжно по‚ториться» und «По‚есть о ·орь·е и ‰руж·е». Das erste Buch wurde ins Französische und Lettische übersetzt. Auf deutsch liegen für beide Bücher nur Arbeitsübersetzungen im Nachlass bzw. in der Bibliothek der Gedenkstätte vor.

4 Vgl. Peter Jahn: Sowjetische Erinnerung an den Krieg, in: Zeitgeschichte online, Thema: Die russische Erinnerung an den »Großen Vaterländischen Krieg«, Mai 2005, S. 83 www.zeitgeschichte-online.de/md=Russische-Erinnerung-Beitraege.

5 Literatur vgl. Bärbel Schindler-Saefkow: Dokumentation. Zeugenaussagen ehemaliger Häftlinge über das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und das Außenlager Barth, in: Röhr, Werner; Berlekamp, Brigitte (Hg.): Tod oder Überleben? Neue Forschungen zu Ravensbrück, Berlin 2001, S. 195–230, sowie die laufende Forschung zu den weiblichen Häftlingen aus der Sowjetunion, insbesondere zu den »Rotarmistinnen« im Frauen-KZ Ravensbrück durch Ramona Saavedra Santis.

6 Norbert Frei: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, München 2005, S. 22.