Der lange Weg vom Manuskript zum Buch

Lilly Kertesz: Von den Flammen verzehrt. Erinnerungen einer ungarischen Jüdin
08/1999Gedenkstättenrundbrief 90, S. 34-38
Ilse Henneberg und Daniela Nienaber

Von den 800 Jüdinnen aus Ungarn und Polen, die 1944 über Auschwitz nach Bremen und Obernheide deportiert wurden, überlebten nur wenige.

Eine ist Lilly Kertesz, geb. Weisz, aus Eger. In Bergen-Belsen befreit, kehrte sie nach Ungarn zurück und wanderte 1957 nach Israel aus. Mit ihrem Erinnerungsbericht »Von den Flammen verzehrt« sowie dem Schicksal anderer »Frauen von Obernheide« setzen sich SchülerInnen der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-Brinkum und des Mora-Gymnasiums in Györ/Ungarn auseinander.

4. 4. 44 – Lilly Weisz und ihr Verlobter Gyuri hatten dieses Datum für ihre Hochzeit gewählt, doch ihre Verlobung fand am 19. März 1944 durch den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Ungarn ein abruptes Ende. »Ich war zwanzig Jahre alt und verlobt, eine verliebte und fröhliche Braut. Um uns herum war die Welt in Aufruhr, Europa verblutete, aber mein Glück machte mich blind und taub. Damals war ein Teil des europäischen Judentums bereits schrecklichen Verfolgungen ausgesetzt. Wohin der deutsche Marschstiefel auch trat, schlug die letzte Stunde der Juden. Immer wieder hörten wir: Die Juden werden deportiert und erschossen, die Säuglinge an den Beinen gepackt und an die Wand geklatscht, die Mädchen an die Front gebracht – zum Vergnügen der Soldaten. Das Grauen schien uns jedoch so fern, als würden uns einige Erdteile von ihm trennen. Wir bedauerten das Schicksal unserer jüdischen Geschwister, aber wir glaubten keinen Augenblick daran, daß es auch uns treffen könnte.« Doch Adolf Eichmann bereitete sofort die »Endlösung der Judenfrage« in Ungarn vor. Lilly Weisz aus Eger wurde mit ihrer Familie ins Ghetto gesperrt und nach Auschwitz verschleppt. Im Sommer 1944 deportierte die SS sie mit 500 Jüdinnen aus Ungarn zu Zwangsarbeiten nach Bremen und später nach Obernheide, einem Außenlager des KZ Neuengamme. Bald darauf folgten noch 300 polnische Jüdinnen. Kurz vor Kriegsende brachte man die Frauen in das KZ Bergen-Belsen. Nach der Befreiung und einer schweren Typhuserkrankung kehrte Lilly als »Displaced Person« nach Ungarn zurück. Ihr Elternhaus war zerstört, ihre Familie in Auschwitz vergast und ihr Verlobter im jüdischen Arbeitsdienst der Honvédseg verhungert. Auf sich gestellt, wanderte sie 1957 nach Israel aus.

Erst 1994 veröffentlichte die Journalistin Lilly Kertesz, geb. Weisz, ihre Erinnerungen in Tel Aviv und ein Jahr später in Budapest. Lebendig und fesselnd beschreibt die Autorin ihre Deportation und Heimkehr. Differenziert zeichnet sie die Täter und die vielschichtige Lagerwirklichkeit, jedoch auch die vielen Zuschauer, die aus willentlicher Unwissenheit und Furcht das Unrecht schweigend duldeten – in Deutschland wie in Ungarn. Sie zeigt die Mechanismen auf, mit denen die Nazis ihre Opfer zu entwürdigen suchten und stellt ihnen die Solidarität und den Überlebenswillen der verfolgten Frauen entgegen. Ihr Buch ist ein Aufruf gegen das Vergessen und spricht sich zugleich für gelebte Solidarität mit Not leidenden Menschen aus. Keine »Moralkeule«, kein Haß ist aus ihren Zeilen zu spüren – nur der Wunsch, die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten.

Dieser Aufgabe stellten sich SchülerInnen der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-Brinkum – in Zusammenarbeit mit der Autorin, dem Bremer Staatsarchiv, der Gedenkstätte Bergen-Belsen, der Auschwitz-Stiftung in Budapest und dem DONAT-Verlag. In einem fächerübergreifenden Projekt der gymnasialen Oberstufe gestaltete ein Kunstkurs Vorschläge für das Buchcover und das Layout. Ein Projektkurs im Fach Ev. Religion erarbeitete auf 55 Seiten eine Dokumentation zu den Stationen der Deportation. Sie verknüpft das Schicksal von Lilly Kertesz mit Zahlen, Daten und Ereignissen, die mit dem Schicksal der europäischen Juden in Verbindung stehen und weist so auf das gigantische Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen hin. Die übersichtlichen, dichten Sachtexte klären die historischen Hintergründe der Ereignisse, von denen Lilly berichtet. Sie lassen sich parallel zu dem Erinnerungsbericht lesen. Die Dokumentation informiert u.a. über die antisemitische Gesetzgebung, den jüdischen Arbeitsdienst in Ungarn und die Verschleppung der Juden nach Auschwitz-Birkenau vor dem Hintergrund der deutsch-ungarischen Beziehungen während des Zweiten Weltkrieges. Exemplarisch wird die Funktionsweise des KZ-Wirtschaftssystems mit seinen fatalen Folgen für die Zwangsarbeiter erläutert. Die Abschnitte über das Inferno, die Befreiung und das »D.P. Camp« von Bergen-Belsen klären auch Details aus dem Erinnerungsbericht, wie die Ermordung von Häftlingen durch ungarische Soldaten nach der Befreiung. Ein Kapitel über jüdische Religiosität im KZ beschließt die Dokumentation.

Ilse Henneberg

Der lange Weg vom Manuskript zum Buch

Der Projektkurs »Spurensuche« unter Leitung von Ilse Henneberg besteht seit 1994. Etwa fünfzehn SchülerInnen des 12. und 13. Jahrgangs arbeiten freiwillig mit. Um die Geschichte des Lagers Obernheide in unserer Gemeinde Stuhr kennenzulernen, meldete ich mich 1997 zu diesem Kurs an. Wir besuchten Dr. Hartmut Müller, Leiter des Staatsarchivs Bremen, der uns von seinen Recherchen berichtete und sein gesamtes Material zur Verfügung stellte. Selbst in Stuhr wohnend, war er vor über zehn Jahren zufällig in seinen Akten auf das Außenlager Obernheide des KZ Neuengamme gestoßen. Er ging den spärlichen Hinweisen nach, fand mit Lily Maor, einer Überlebenden, die Namen vieler »Frauen von Obernheide« heraus und organisierte ein Wiedersehen der Frauen in Budapest und Bremen. Gleichzeitig setzte er sich für die Errichtung eines Mahnmal auf dem Lagergelände ein – nicht ohne Widerstand in der Gemeinde. Am Ende unseres Besuches im Staatsarchiv überreichte er uns das Manuskript von Lilly Kertesz. Das Staatsarchiv hätte leider kein Geld, es zu veröffentlichen.

Das Mahnmal stand inzwischen schon viele Jahre, das Buch von Hartmut Müller »Die Frauen von Obernheide« kannten wir, doch einen persönlichen Erinnerungsbericht zu lesen, war für uns etwas ganz anderes. Der Holocaust war plötzlich nicht mehr ferne Vergangenheit, die Toten nicht mehr Zahlen in Statistiken. Wir konnten uns mit dieser jungen Frau identifizieren, waren wir doch selbst nicht viel jünger und – abgesehen von der damaligen Zeit – in einer ähnlichen Lebenssituation: jung, verliebt, glücklich, aufgeschlossen, aber nicht sehr an politischen Ereignissen interessiert.

Es entstand die Idee, den Erinnerungsbericht herauszugeben und eine Dokumentation zu erarbeiten. Zunächst mußte mit der Autorin das Copyright an dem Text und der deutschen Übersetzung geklärt werden. Lilly Kertesz unterstützte sofort unser Vorhaben und stellte uns ihre Unterlagen zur Verfügung. Nun mußte ein Verlag gesucht werden. Wir entschieden uns für den DONAT-Verlag in Bremen, in dem schon das Buch zu unserer Ausstellung »Vom Namen zur Nummer« erschienen war.

Als erstes wurde im Kurs eine knappe Inhaltsangabe zu den einzelnen Kapiteln des Buches erarbeitet, Fragen notiert und mögliche Forschungsschwerpunkte festgesetzt. Anschließend bildeten wir Arbeitsgruppen zu den einzelnen Leidensstationen, die sich in den nächsten Monaten in ihr Thema vertieften. Wir recherchierten im Staatsarchiv Bremen, der Gemeinde Stuhr und in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Weiterhin bekamen wir hilfreiche Informationen von den Gedenkstätten Auschwitz, Yad VaShem und Buchenwald sowie der Auschwitz-Stiftung in Budapest. Die ungarischen Stadtarchive in Eger und Kerescend sahen sich leider nicht in der Lage, Archivmaterial an eine ausländische Schule herauszugeben. Da der größte Teil der fachwissenschaftlichen Literatur über die ungarische Judenverfolgung in englischer Sprache erschienen ist und die Kommunikation mit Lilly über e-mail ebenfalls auf Englisch erfolgte, konnten wir unsere Leistungen in unserem jeweiligen Englischkurs, bzw. im bilingualen Geschichtskurs einbringen. Nach Aufrufen in der Tagespresse meldeten sich einige Zeitzeugen, wir wurden aber auch mit Kritik über das »ständige Aufwühlen der NS-Zeit« konfrontiert.

Nach der Sichtung des Materials galt es, den Sachverhalt vollständig, strukturiert und sachlich korrekt in einem ausführlichem Referat zu erfassen. Für die Veröffentlichung mußte nun das Referat auf das Notwendigste reduziert und komprimiert werden. Im Februar 1998 stellten die einzelnen Gruppen auf einer zweitägigen Klausurtagung im Anne-Frank-Haus in Oldau ihre Ergebnisse dem Kurs vor.

Nun erfolgte eine Korrektur durch die Historiker Hartmut Müller und Thomas Rahe, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, sowie das Lektorat des Verlegers und Historikers Helmut Donat. Danach mußten wir den Text wieder neu berichtigen und verändern. Es war langwierig und nicht sehr motivierend, den Text zum zehnten Mal zu korrigieren und ihn von 20 auf zwei Seiten kürzen zu müssen. Ende Mai waren endlich alle zufrieden.

Parallel zu uns gestaltete ein Kunstkurs des 11. Jahrgangs und die Multimedia AG unter der Leitung von Ulrich Breitsprecher Vorschläge für das Buchcover und das Layout. Auseinandersetzungen mit den Symbolen des Buches, ihrer graphischen Umsetzung und die Grundlagen von Layout und Typographie prägten ihre Projektzeit. Neben der Gestaltung der Textseiten sollte ein Buchumschlag entworfen werden. Hierbei wurden den Schülern Techniken wie digitale und herkömmliche Fotografie, Aquarell- und Acrylmalerei, Feder- und Bleistiftzeichnung gezeigt. Die Multimedia AG überarbeitete Abbildungen, Dokumente und Originaltexte, um sie für den Druck vorzubereiten.

Bereits im Juni 1998 erhielt das Projekt den Förderpreis »Demokratisch Handeln« der Theodor-Heuss-Stiftung und der Akademie für Bildungsreform. Die Auszeichnung nahmen SchülerInnen des Projektkurses und des Kunstkurses von Frau Dr. Hildegard Hamm-Brücher in der Thomas-Kirche in Soest entgegen. Das Projekt wurde beim Wettbewerb »Moderne Schule« des Niedersächsischen Kultusministeriums ausgezeichnet und erhielt im Mai 1999 bei dem Jugendwettbewerb »Dem Haß keine Chance« den Sonderpreis des Bremer Senats.

Gemeinsame Spurensuche mit dem Mora-Gymnasium in Györ/Ungarn

Zwischen unserer Gemeinde Stuhr und der Stadt Györ bestehen seit 1987 freundschaftliche Beziehungen, die durch gegenseitige Besuche gefördert werden. Leider verbindet auch die nationalsozialistische Vergangenheit während des Zweiten Weltkrieges beide Orte. Zufällig entdeckten Schüler des Projektkurses »Spurensuche« 1995 während ihrer Recherchen zu einem anderen Projekt im Gedenkbuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen Namen von dreizehn jüdischen Frauen aus dem Arbeitslager Obernheide, die aus Györ stammten. Sie erlitten das gleiche Schicksal wie Lilly Kertesz, als sie 1944 ebenfalls nach Obernheide deportiert wurden.

Heute leben diese Frauen in Israel, Schweden, Ungarn und den USA. Unser Projektkurs und Schüler des Mora-Gymnasiums aus Györ schrieben ihnen und baten sie um ihre Berichte. Die Adressen erhielten sie von Lily Maor aus Israel, Vorsitzende des Komitees der »Frauen von Obernheide«, die selbst aus Györ stammt. Die Tageszeitungen von Györ und Stuhr veröffentlichten die Ergebnisse der Recherchen, die auf große öffentliche Resonanz stießen.

Begegnung mit der Autorin

Am 8. November zur Buchpremiere in der Bremer Synagoge erwarteten wir die Autorin aus Israel, doch leider erkrankte sie kurzfristig. Bürgermeister Dr. Henning Scherf führte in das Buch ein. Unser Projektkurs stellte es in einer szenischen Lesung mit musikalischer Gestaltung vor. Weitere Lesungen, inzwischen um eine Computerpräsentation erweitert, folgten u.a. in unserer Schule, im Kreismuseum Syke zum Holocaust-Gedenktag, in Kirchengemeinden und zum Jahrestag der Befreiung am 8. Mai 1999 im DIZ Emslandlager in Papenburg. Ende Mai 1999 lernten wir dann endlich die Autorin des Buches persönlich kennen – Lilly Kertesz war zusammen mit ihrer Tochter Judith aus Israel angereist. Es erwarteten sie aufgeregte Schüler und ein umfangreiches Programm.

Die Dokumentationsstelle der KZ-Gedenkstätte Neuengamme führte ein ausführliches Videointerview. Frau Kertesz berichtete in verschiedenen Klassen unserer Schule, auf Veranstaltungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und des DONAT-Verlages in Bremen, im Rathaus Stuhr sowie der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im Museum für Hamburgische Geschichte. Besonders freuten wir uns über die Rezension in DIE ZEIT vom 2. Juni.

Höhepunkt dieser Reise aber war der Gedenkmarsch vom alten Stuhrer Bahnhof zum Mahnmal Obernheide, den Lilly mit uns, den ungarischen Schülern des Mora-Gymnasiums, Gemeindevertretern und interessierten Bürgern ging. Diesen Weg mußten die »Frauen von Obernheide« jeden Tag vom Lager zu den Trümmerarbeiten in Bremen zurücklegen. Es beeindruckte mich tief, als sie sich auf der Allee vor einen Baum stellte und sagte: »Sieh her, jetzt habe ich Schuhe!« Bei der Ankunft in Auschwitz hatte man ihre Schuhe weggenommen. Nach einer gemeinsamen Gedenkfeier in ungarischer und deutscher Sprache legten wir Blumen am Mahnmal nieder, Lilly entzündete eine Kerze und entfaltete die israelische Flagge. Heute fühlt sie sich nur noch dem Staat Israel verbunden, nicht mehr Ungarn. Gemeinsam fuhren wir nach Bergen-Belsen, gingen mit Lilly über das ehemalige Lagergelände und besuchten den Friedhof in den englischen Kasernen, auf dem ihre Freundinnen begraben liegen, die noch nach der Befreiung in dem D.P.-Camp an Typhus gestorben waren. Nach der Abendveranstaltung in der Gedenkstätte fuhren wir wieder zurück.

Die Woche mit Lilly und Judith ging schnell zu Ende. Mit dem Versprechen, uns sofort zu melden und Tränen in den Augen nahmen wir Abschied von der Frau, die uns ihre bewegende Lebensgeschichte mitteilte und keine Frage unbeantwortet ließ. Eine Frau, die uns mit viel Stärke, Lebenswillen und Freundlichkeit gegenübertrat. Eine Frau, von der wir viel gelernt haben und die wir ganz sicher nicht vergessen werden. Wer sie nicht wie wir erleben konnte, aber ihr Buch liest, wird uns zustimmen.

Daniela Nienaber