Eine wertende und zudem kurze Darstellung ist bei einem Thema, das die Schaffung einer internationalen Suchorganisation im ersten Nachkriegsjahrzehnt für eine bis dahin nie da gewesene Zahl von Zivilisten behandelt, nur begrenzt möglich. Von den Verantwortlichen wurde Neuland betreten. Vergleiche fehlten ihnen. Leicht können Ratlosigkeit als Unwille interpretiert und Abneigung mit Unsicherheit verwechselt werden. Was im Nachhinein unverständlich, schwer nachvollziehbar oder chaotisch erscheint, hatte teilweise pragmatische Ursachen. Dennoch: Trotz der Unmöglichkeit der Objektivität soll versucht werden, die wichtigsten Aspekte zu beleuchten, um annähernd zu verstehen, welche Fehler begangen wurden und welche Mühe aufgewendet wurde, die Hürden und Hindernisse – auch die hausgemachten – zu überwinden, sodass schließlich eine Institution zum Laufen gebracht wurde, die seit über 60 Jahren einer bedeutenden humanitären Aufgabe nachgeht.
Nach der Kriegswende 1943 schätzten die Westalliierten die Anzahl der in den NS-Machtbereich verschleppten UN-Bürger recht zutreffend auf über zehn Millionen. Mit dem Vorsatz, diese Displaced Persons (DP) zu registrieren, zu verpflegen, medizinisch zu versorgen und zu repatriieren und damit das »Displacement« rückgängig zu machen, bürdeten sie sich eine Aufgabe auf, deren Ausmaß sie quantitativ nicht genau einschätzen konnten, da sich z.B. die Zahl der Personen, die gewaltsam von ihren Familienangehörigen getrennt worden waren, nur sehr grob angeben ließ. Zusätzlich zeichnete sich Ende 1945 eine Entwicklung ab, mit der kaum gerechnet worden war: Etwa eine Million Verschleppter wollte nicht in ihre Heimat zurückkehren. Unter diesen Konditionen ergaben sich Falscheinschätzungen, von denen die erbrachten materiellen und logistischen Leistungen nicht verdeckt werden dürfen. Dies gilt primär für die Zusammenführung und Versorgung der DPs in Sammellagern und die bis zum Spätherbst 1945 folgende Repatriierung von knapp fünf Millionen Menschen in ihre Heimat.
Für die Suche verschollener Zivilisten zeichnete sich anfangs eine positive Entwicklung ab. Das Oberkommando der Westalliierten erklärte im Administrative Memorandum No. 39 »Tracing« als wichtige militärische Pflicht, die jeder Verantwortliche zu erfüllen hatte.[1] Vor allem jedoch entwickelten Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) und des britischen Roten Kreuzes Lösungsmöglichkeiten und fanden trotz gegensätzlicher Ausgangspositionen einen Kompromiss, den auch das Militär wohlwollend bewertete. Im Mittelpunkt des Entwurfs stand ein zentrales Suchbüro für Europa beim IKRK in Genf.[2] Der Aufbau dieser Verwaltungseinheit wurde als eine dermaßen wichtige humanitäre Aufgabe eingeschätzt, dass ernsthafte Behinderungen oder gar eine Ablehnung für undenkbar gehalten und daher nicht in das Kalkül einbezogen wurden. Das erwies sich als fataler Fehler.
Unmittelbar nach Kriegsende ging mancher der Vorschläge verloren oder blieb in der Umsetzung rudimentär. Stattdessen traf man Maßnahmen spontan nach eigenem Ermessen. Dabei gerieten als nicht lebensnotwendig eingestufte Komplexe in den Hintergrund, da man davon ausging, dass den DPs in erster Linie materiell geholfen werden musste. Die Verantwortlichen erkannten nicht in vollem Umfang, dass fehlende Informationen über das Schicksal von Familienangehörigen mitunter ebenso belastend sein können wie Hunger. Es bestand eine Situation, die gefühlsmäßig dem Eindruck Dunants nach der Schlacht von Solferino ähnelte[3]. Von daher ist es unverständlich, dass nach Ende der Kriegshandlungen eine Kooperation mit dem IKRK ausblieb und die während der Planung fixierten Vorschläge sogar verworfen wurden.
Das IKRK ging von der mit der UNRRA abgesprochenen Suchstrategie aus und bereitete eine Registrierkarte für alle befreiten DPs vor. Doch als Vertreter aus Genf mit 500 000 Karten in Frankfurt eintrafen, um sie in nahegelegenen DP-Zentren zu erproben, wurde ihnen dies von den zuständigen Militärstellen untersagt. In Genf glaubte man an ein Missverständnis. Aber auf schriftliche Nachfrage stellte das Oberkommando in militärischem Ton klar, dass die Militärverwaltungen die Regie übernehmen, zur Registrierung eine eigens entwickelte DP-Card verwenden und das IKRK allen zivilen Hilfsorganisationen gleichgestellt würde. Resigniert zog sich das IKRK Anfang 1946 aus der Suche vermisster Zivilisten zurück.[4] Damit fehlten die Organisationsstruktur und eine Programmatik für ein Suchbüro. In der Zeit kleiner Anfragezahlen – etwa zehn in der Woche – erwies sich dies als unproblematisch, da eine kleine Einheit des Oberkommandos die Aufgabe erfüllen konnte. Hingegen wurde die Lage nach Abklingen der Massenrepatriierung mit steigender Anfragezahl kritisch.
Eisenhower hatte am Ende seiner Zeit als Oberbefehlshaber die Problematik erkannt, sie aber zu optimistisch als eine schnell vorübergehende Episode eingestuft. Für eine kurze Übergangsphase nach Auflösung des Oberkommandos der Westmächte ordnete er die Einrichtung einer gemeinsamen Verwaltung für DPs in den Westzonen an, sodass die Entscheidungsgewalt in den Händen des Militärs blieb. Ein von einer internationalen Administration oder eingeschränkt von allen betroffenen UN-Staaten oder letztlich nur von den Großen Vier getragenes Suchbüro stand für ihn nicht zur Diskussion.
Die Gelegenheit für die Vier-Mächte-Variante bot sich unerwartet im Spätsommer 1945 auf Drängen der UdSSR, als diese die Suche vermisster DPs als eine Deutschland als Ganzes betreffende Angelegenheit einstufte, die somit dem Kontrollrat und dort dem Directorate of Prisoners of War and Displaced Persons unterstand. In ungewohnter Schnelligkeit schloss eine vom Kontrollrat eingesetzte Arbeitsgruppe ihre Verhandlungen ab, die sich hauptsächlich auf die Verwaltungsstruktur eines Central Tracing Service konzentrierten: Neben den in jeder Zone getrennt und eigenverantwortlich arbeitenden Zonal Search Bureaux wurde ein Central Tracing Bureau (CTB) dem Central Tracing Policy Board (CTPB) und damit dem Alliierten Kontrollrat unterstellt. Die operative Umsetzung des CTB übernahm am 1. Oktober 1945 die Deutschlandabteilung der UNRRA. In diesen Dienst integriert waren auch die National Tracing Bureaux, die jeder Staat in Eigenverantwortung betreiben konnte und die primären Ansprechpartner für die Sucher bildeten.[5]
Rückblickend erwies sich die Dreigliedrigkeit als nachteilig: Die nationalen Büros konzentrierten ihre Aktivitäten vorwiegend auf Belange ihrer Staatsbürger, die Zonensuchbüros schotteten sich gegeneinander ab und das zentrale Büro wurde auf eine Verteilerstelle mit vagen Funktionen reduziert. Suchteams zur dringend erforderlichen Recherche vor Ort waren den Zonensuchbüros vorbehalten und dem CTB ausdrücklich untersagt.
Für den Fall des guten Willens aller Beteiligten war damit ein tragfähiger Aufbau geschaffen. Im anderen Fall konnte es zu Schwierigkeiten kommen. Dies zeigte sich u. a. bei der Weigerung der UdSSR, Suchteams der Westalliierten in der sowjetischen Zone operieren zu lassen, während sie selbst für ihre Trupps im Westen ein solches Recht einforderte. Besonders nachteilig war, dass das Zentrale Suchbüro der UNRRA und gleichzeitig dem Kontrollrat der Besatzungsmächte unterstand. Zwischen den in einigen Bereichen nicht in Einklang zu bringenden Ansichten und Zielen wurde das CTB aufgerieben.
Politisch und administrativ nicht der schlechteste Schachzug war, das zunächst in Höchst stationierte Central Tracing Bureau räumlich von den Militärverwaltungen zu trennen und mit der Verlegung ins Zentrum der Besatzungszonen äußerlich deren Gleichwertigkeit zu symbolisieren. Ob Arolsen im nördlichen Teil der US-Zone und nur wenige Kilometer von der britischen Zone entfernt dabei die optimale Lösung war, wurde in der Folge immer wieder angezweifelt. Die sofortige Zustimmung des Alliierten Kontrollrats verdeutlichte allerdings die Ahnungslosigkeit über die Menge der anfallenden Arbeit des Central Tracing Bureau und des benötigten Büroraums. Trafen im ersten Monat des Bestehens des UNRRA-CTB 2 067 Anfragen ein, so stieg die Monatsrate 1946 auf etwa 20 000.
Die nachhaltigsten Probleme waren die Unerfahrenheit in der Führung eines Suchbüros, das Fehlen eines Langzeitkonzepts, die Bindung an eine non-permanente Organisation und die knappen Finanzmittel. Im ersten Nachkriegsjahr war das Suchbüro mehr mit administrativen Aufgaben beschäftigt als mit der Suche Vermisster. Die Situation spitzte sich dermaßen zu, dass der Direktor J. R. Bowring aus Protest Ende 1946 von seinem Posten zurücktrat. Krisenhaft wurde es, als die UNRRA ankündigte, Ende 1946 ihre Tätigkeit in Deutschland einzustellen. Die Konsequenz war augenfällig: Wenn nicht schnell gehandelt und ein neuer Mandatsträger gefunden wurde, drohte das Ende des CTB lange vor Abschluss seiner Arbeit.
Trotz der Gefahr eines vollständigen Scheiterns wollte man die Suche vermisster UN-Zivilisten weiterhin nicht dem IKRK anvertrauen. Eine ebenfalls andiskutierte Variante, nämlich das Büro in eine eigenständige Organisation zu überführen, erschien den Westmächten zu risikoreich, da die Dokumente dann in falsche Hände fallen konnten und die Kostenübernahme nicht gesichert war. Stattdessen bevorzugte man – unabhängig von der negativen Entwicklung in der UNRRA-Zeit – eine internationale Einrichtung, die in Gestalt der International Refugee Organization (IRO[6]) im Entstehen begriffen, aber frühestens im Juli 1947 handlungsfähig war. Um die sechsmonatige Lücke zu überbrücken, erklärte sich die UNRRA zur Verlängerung ihrer Tätigkeit bereit.
Die Entscheidung der Westmächte für die IRO als Mandatsträger des Suchbüros verschärfte die Trennung der beiden Blöcke bei der Zivilistensuche nachdrücklich, denn die UdSSR trat der Flüchtlingsorganisation nicht nur nicht bei, sondern sprach ihr die Existenzberechtigung rigoros ab. Als erste Maßnahme zogen die Verbindungsmissionen Polens, Jugoslawiens und der Tschechoslowakei ihre Delegationen aus Arolsen ab und der Dokumentenaustausch endete fast vollständig. Die Unterlagen der östlich der Demarkationslinie gelegenen ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager blieben – nachdem man in Arolsen optimistisch auf Kopien gehofft hatte – dem Suchbüro vorenthalten.
Ab Februar 1947 verschlimmerte sich die Situation noch. Man gab die Grundideen des Central Tracing Bureau faktisch auf, entließ von den 400 Mitarbeitern 360 und stellte das Gesamtkonzept auf den Kopf: Das zentrale Suchbüro wurde in ein dezentrales umgewandelt. Alle noch offenen Suchfälle gingen kommentarlos an die betreffenden Nationalen Suchbüros, die auf die neue Aufgabe materiell, personell und konzeptionell nicht in Ansätzen vorbereitet waren. Die Folge war, dass viele Unterlagen und Briefe nicht bearbeitet, sondern an nicht registrierten Orten abgelegt wurden. Auch wenn diese unverantwortliche Kehrtwende Ende 1947 rückgängig gemacht wurde, lähmte die Rückgabe der Unterlagen nach Arolsen fast zwei Jahre lang die Lösung von Suchfällen, da die Materialien erneut sortiert und eingeordnet werden mussten.
Am 1. Juli 1947 übernahm die IRO die Leitung des Suchbüros und beließ zunächst vieles unverändert. Aber dann ging man professioneller an die Umsetzung. Da die IRO selbst keinerlei Erfahrungen in der Führung eines Suchdienstes besaß und die Fortsetzung des Central Tracing Bureau von vielen Staaten abgelehnt wurde, bat man jetzt das IKRK um Unterstützung. Dieses sagte sofort zu und schickte Maurice Thudichum vom Suchdienst für Militärangehörige zu Erkundung nach Arolsen. Innerhalb kurzer Zeit formulierte er den Entwurf für einen International Tracing Service (ITS), dem die Delegierten des IRO-Zentralrats mit kleinen Änderungen ohne große Begeisterung zustimmten.[7]
Dabei bedeutete der Übergang vom CTB zum ITS am 1. Januar 1948 nicht, wie später oft fälschlich geäußert, eine bloße Namens-, sondern eine erhebliche Systemänderung. Die nationalen Suchbüros blieben in der Zuständigkeit autonomer Staaten unangetastet, während die Zonensuchbüros ihre Existenzberechtigung verloren und mit zeitlicher Verzögerung aufgelöst und in das Hauptquartier Arolsen integriert wurden. Die Betonung lag nicht mehr auf »zentral«, sondern es entstand ein »internationaler« Dienst, dessen Aufgabe die »Suche« war.
Mit der Ernennung Thudichums zum ITS-Direktor wurde das IKRK durch eine Hintertür in den Suchdienst für Zivilpersonen einbezogen und damit auch seine Erfahrungen aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Hierzu zählte die Erkenntnis, dass nicht jeder Anfrager dem Gesuchten positiv gesonnen war und nicht zwangsläufig ehrenhafte Motive besaß. Für Angehörige von DPs aus den Ostblockstaaten galt diese Sorge besonders, denn nach Deutschland verschleppte Zivilisten galten noch viele Jahre als »Vaterlandsverräter«. Die Weitergabe des Aufenthaltsortes eines Verschollenen durfte daher nur mit dessen Zustimmung erfolgen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war ein solcher »Datenschutz«, der später in seiner erstarrten Form zu herben Vorwürfen führte, berechtigt und wurde nicht in Zweifel gezogen.
Es war der Beharrlichkeit Thudichums zu verdanken, dass aus dem kleinen Suchbüro eine weltweit bekannte Institution – »der Internationale Suchdienst Arolsen« – wurde. Allerdings gelang die Umsetzung des Konzepts eher schleppend, denn die räumliche Enge in Arolsen verhinderte die Zusammenfassung aller Dokumente und die Konzentration der Arbeit an einem Ort. Dies änderte sich erst im Mai 1949, als der ITS in die ehemalige SS-Kaserne umzog und in den folgenden Monaten die Außenstellen von Esslingen und Göttingen nach Arolsen verlegt wurden. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sich die Mitarbeiterzahl von 500 auf fast 1 000.[8]
Die Hochphase des Suchdienstes drohte eine kurze Episode zu bleiben. Noch steckte die Arbeit in den Anfängen, da beschloss man die Auflösung der IRO für »etwa 1950« und kürzte sofort die bereits knapp bemessenen Finanzen. Am Ende seiner Tätigkeit bezeichnete Thudichum den ITS als »ungewolltes Kind« und »armen Verwandten« der IRO. Dies stand ganz im Gegensatz zu den ursprünglichen Absichten der Westalliierten. Sicher war das CTB kein »Wunschkind« gewesen. Wie sollte dies bei einer so subtilen Aufgabe auch der Fall sein. Eine längerfristige Planung und die Bindung an eine dauerhafte Organisation hätten jedoch den Opfern manche Sorge genommen. Zudem kam es durch ungenaue Begriffsbestimmungen zu Irritationen in der Öffentlichkeit. Als besonders missverständlich erwies sich die Aufteilung der Berichte über Suchfälle in die Kategorien »positiv« und »negativ«. Ein positiver Report legte sprachlich nahe, dass die gesuchte Person lebend gefunden, ein negativer, dass ihr Tod festgestellt worden war. In der ITS-Terminologie bedeutete ein negativer Bericht jedoch, dass kein Hinweis auf den Gesuchten gefunden werden konnte. Andererseits wurde z.B. der Nachweis der Ermordung als »positiv« abgelegt. Diese unvernünftige Teilung überdauerte die Zeit. Auch die leichtfertige Benutzung von Begriffen aus der Umgangssprache mit ihrer dehnbaren Bedeutung erwies sich als problematisch. So wurden »Tracing« und »Search« oft parallel verwendet, beschrieben sie doch beide den Vorgang des Suchens. Der feine Unterschied hatte bei den Zonal Search Bureaux und dem Central Tracing Bureau (CTB) zwar zu Verwechslungen geführt, war aber ohne gravierende Folgen geblieben. Beim ITS wog das unterschiedliche Handeln von »Tracing« und »Search« vor allem im Zusammenhang mit der Kindersuche sehr viel schwerer. Neben der Adult Tracing Branch gab es eine Child Tracing Branch, die ihre Tätigkeit der Individualsuche – also die Einleitung eines Suchvorgangs lediglich bei Anfrage – ebenfalls vom Schreibtisch aus erfüllte. Child Search verlangte dagegen das aktive »Aufspüren« auch von nicht gesuchten Kindern in Kinderheimen und bei Adoptiv- und Pflegeeltern. In der UNRRA-Phase erfolgten diese Operationen von anderen Abteilungen und in der amerikanischen Zone vorwiegend vom Zonenbüro in Esslingen aus, während ein vergleichbares aktives Vorgehen dem CTB untersagt war.
In Arolsen kam Child Search erst 1949 zur Umsetzung, als Einzelheiten über Stolen Children und Lebensborn verstärkt in das öffentliche Interesse rückten.[9] Da die zur Verfügung gestellten Finanzmittel sehr begrenzt waren und sich die Aufgabe als äußerst kompliziert erwies, war bis zur geplanten IRO-Auflösung fünf Jahre nach Kriegsende vermutlich die Erwachsenen-, aber nicht die Kindersuche abzuschließen. Ein Fehlschlag mit all seinen negativen Folgen für die betroffenen Kinder rückte in das Blickfeld und selbst die Verschiebung der »dead-line« auf 1951 konnte an dieser Tatsache nichts ändern.
Um den Abbruch zu verhindern, benötigte man eine Nachfolgeorganisation, wobei eine internationale Hilfsorganisation nicht zur Verfügung stand und das IKRK wegen der außerhalb seiner Statuten stehenden Aufspüraufgabe die Übernahme ablehnte. Grundsätzlich bot sich jedoch eine andere Variante an. Die Betreuung der DPs war in die Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland übergegangen und aus DPs wurden Heimatlose Ausländer, sodass es nahe lag, auch deren Suche der Bundesregierung zu übertragen. Aber zu diesem Schritt waren die Alliierten noch nicht bereit und auch die bundesdeutsche Regierung stand der Aufgabe zurückhaltend gegenüber.
Im letzten Moment sprangen die drei Westalliierten ein und die Alliierte Hohe Kommission (AHC) übernahm die Leitung in veränderter Organisationsstruktur: Nicht mehr ein Direktor leitete den Suchdienst, sondern ein Verwaltungsbüro. Die AHC tat dies nicht mit ausgeprägtem Enthusiasmus, sondern in Erwartung einer baldigen völkerrechtlichen Veränderung der Bundesrepublik Deutschland, die aber wegen des Widerstands der französischen Nationalversammlung erst 1955 erfolgte.
Erste Schritte der Einbindung der Bundesrepublik erfolgten im Management: Das Executive Board, dem je ein Vertreter der Westmächte angehörte, kontrollierte von Petersberg bei Bonn aus die Verwaltung, während vor Ort nur der amerikanische Vertreter ständig anwesend war. Neu eingerichtet wurde die Funktion eines deutschen Geschäftsführers, der dem Vorsitzenden zur Seite stand und den ITS in Verhandlungen mit deutschen Behörden vertrat. Auch das Personal wurde durch deutsche Beschäftigte ergänzt. Damit stand man vor einem ernsthaften Problem, das man lange verdrängt hatte und auch jetzt nicht in vollem Umfang durchschaute: Welche Tätigkeiten eine Person in der NS-Zeit ausgeführt hatte oder ob sie sogar in Verbrechen involviert gewesen war und ihre Gesinnung standen nicht in den Personalakten. Hellhörig wurde man beim ITS erst, als sich ehemalige NS-Funktionäre regelmäßig in Arolsen aufhielten, die nach Angaben des britischen Geheimdienstes den demokratischen Aufbau der Bundesrepublik verhindern wollten. Als sich Gerüchte verdichteten, dass NS-Mitglieder beim ITS eingestellt worden waren und jetzt Dokumente der NS-Verbrechen bearbeiteten, reagierte der Vorsitzende des Executive Board, Hugh G. Elbot, unverzüglich und startete eine Überprüfung aller Beschäftigten, als deren Folge einige Mitarbeiter sofort entlassen und andere auf »unsensible« Arbeitsplätze versetzt wurden. Zu Ende geführt wurde das Screening aber nicht.
Eine wichtige Entscheidung, mit der die dauernde Standortfrage des ITS beendet wurde, fiel in der AHC-Periode. Vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs benötigte man die Kaserne wieder für Truppen und ordnete eine schnelle Räumung an. Auf Betreiben der US-Vertreter in der AHC wurde nahe des Neuen Schlosses – des ehemaligen Sitzes des NS-Oberabschnitts »Fulda-Werra« – 1952 ein Verwaltungsgebäude für den ITS gebaut, sodass die materiellen Probleme weitgehend gelöst waren. Gespart werden konnte noch bei den Personalkosten und da ging man rigoros vor: Innerhalb weniger Monate wurden von den 1 000 Beschäftigten 750 entlassen. Dass der verbleibende Rest dennoch mehr »output« erzeugte als der IRO-ITS, wurde als Fortschritt bewertet. Der erforderliche qualitative Vergleich erfolgte nicht.
Unangetastet blieb die Vorstellung, die Arbeit des ITS in überschaubarer Zukunft zu beenden. Doch dem stand der Faktor entgegen, dass neben die ursprüngliche Aufgabe der Individualsuche verschollener DPs für kurze Zeit die breit gefächerte und flächendeckende Kindersuche trat. Mit dem zutreffenden Argument der humanitären Tätigkeit erweiterte man zudem die Anfrageberechtigung auf deutsche NS-Opfer, die aus religiösen, rassischen oder politischen Gründen verfolgt worden waren sowie auf Post-War-DPs.
Die quantitativ entscheidendste Erweiterung betraf allerdings die Bereitschaft, die beim ITS gesammelten Dokumente den NS-Opfern zur Bescheinigung des erlittenen Leids zur Verfügung zu stellen, denn es wurden zunehmend Belege für die Verfolgung, Inhaftierung, Zwangsarbeit und Ermordung benötigt. 1948 verschickte der ITS die erste Inhaftierungsbescheinigung. Nach Aufnahme weiterer Kategorien in den Bearbeitungskatalog und vor allem, als im Zusammenhang mit den Wiedergutmachungsgesetzen Gesuche von Bescheinigungen zur Verwendung in Entschädigungsverfahren ausgestellt wurden, nahm dieser Teil der Arbeit einen ständig größeren Rahmen ein: Seit Sommer 1951 überschritt die Anzahl der Anfragen nach Bescheinigungen die der Vermisstensuche und wenige Monate später galt Entsprechendes für die Antworten.
Aufgrund der Aufgabenverschiebung schlug der Vorsitzende des Executive Board die Umbenennung des International Tracing Service in International Documentation Service vor. Dies hätte einem weiteren Aspekt Rechnung getragen. Zwar betrieb der ITS in den ersten zehn Jahren seines Bestehens keine eigene Forschung, aber die Dokumente standen Wissenschaftlern zur Verfügung. Die Liste der in dieser Phase in Arolsen Forschenden ist lang und viele der heute als grundlegend eingestuften Arbeiten basieren zum Teil auf Unterlagen des ITS. Obwohl intern die sogenannten Such-Fälle kontinuierlich in Such- und Dokumentations-Fälle – T-cases bzw. TD-cases – überführt wurden, blieb man bei der eingebürgerten Bezeichnung ITS. Hätte man Elbots Vorschlag befolgt, wären vermutlich Missverständnisse über den Aufgabenbereich – »wen suchen die denn noch?« – nicht entstanden.
Mit Aufheben des Besatzungsstatuts und der Proklamation der Souveränität der Bundesrepublik Deutschland am 5. Mai 1955 war der Weg für eine Neugliederung des ITS frei. Im sogenannten Überleitungsvertrag verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, die vom ITS durchgeführten Arbeiten fortzusetzen. Doch eine völlige Übergabe in deutsche Hände wurde von allen Seiten mit einigen nachvollziehbaren Gründen nicht angestrebt. Stattdessen wählte man mit den »Bonner Verträgen« 1955 ein vertragstechnisch verwickeltes Konstrukt für die Arbeitsweise des ITS. Vor dem Hintergrund eines noch latent vorhandenen Misstrauens gegenüber der BRD wurde zur Aufsicht über den ITS ein International Committee eingerichtet, dem neben der Bundesrepublik Deutschland Belgien, Frankreich, Großbritannien, Israel, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Vereinigten Staaten von Amerika angehörten. Hinzu kam eine weitere bemerkenswerte »Neuerung«: Nach zehn Jahren der Irrungen und Wirrungen übernahm das Internationale Komitee vom Roten Kreuz die Position des Direktors des ITS. Zunächst für fünf Jahre konzipiert, überdauerte dieses Modell 57 Jahre und endet erst 2012.
Im ersten Jahrzehnt nach Kriegsende hatten nach kurzer militärischer Führung drei verschiedene Organisationen den ITS geleitet. Jede war aus spezifischen Motiven ausgewählt worden, jede besaß in anderen Kreisen Rückhalt, jede fand unterschiedliche Anerkennung, jede setzte individuelle Schwerpunkte, jede hatte die Leitung nur mit Murren übernommen, jeder Übergang hatte einen deutlichen Bruch bedeutet, mit unnötigen Verzögerungen bei der Lösung der eingehenden Suchfälle. Aber jede hinterließ einige lange nachwirkende Spuren.
Der ITS war nicht nur während der Besatzungszeit, sondern darüber hinaus in den folgenden Jahrzehnten, immer wieder Kritik ausgesetzt. Die massivste betraf von Beginn an die lange Zeitspanne vom Eintreffen einer Anfrage bis zu ihrer Beantwortung. Sieht man von mutwilligen Verzögerungen ab, die in Einzelfällen vorkamen, lag bis 1955 eine Ursache in der personellen Unterbesetzung und den knappen finanziellen Ressourcen. Ein weiterer Faktor bestand im ehrgeizigen Bemühen, für jede Anfrage die vollständige Biografie des Gesuchten vom Zeitpunkt der Deportation bis zur Befreiung oder zum Tod lückenlos zu dokumentieren. Mit dem verfügbaren Bestand konnte das in sehr vielen Fällen gar nicht gelingen. Unverständlich ist es, dass man lange an dieses Vorgehen glaubte, obwohl eine solche Vollständigkeit oft nicht erforderlich war und von den Antragstellenden auch nicht erwartet wurde. Eine knappe Bestätigung der Inhaftierung für einen Zeitpunkt hätte für viele juristische Anfragen gereicht. Aufgrund des kontinuierlichen Ausbaus des Masterindex, der 1955 etwa 18 Millionen Karten enthielt, wäre dieses Vorgehen schon in dieser Phase in vielen Fällen zügig möglich gewesen. So aber entstand ein Rückstau, der Ende 1950 etwa 10 000 und fünf Jahre später bereits 25 000 unbearbeitete Fälle umfasste. Diese Anfragen flossen also über lange Zeit gar nicht in den Bearbeitungsprozess ein, sondern lagerten auf der »Wartehalde«.
Unbestreitbar ist die Organisationsgeschichte des ITS für das erste Jahrzehnt seines Bestehens und darüber hinaus mit Fehlern auch ernster Natur behaftet. Auf diese – so scheint es – wird allzu gerne der Fokus gerichtet. Dabei übersehen die Kritiker mitunter, dass seine Arbeit in der Summe für die betroffenen NS-Opfer fraglos um ein Vielfaches mehr »Nutzen« als »Schaden« gebracht hat.[10]
Bernd Joachim Zimmer war Lehrer und Fachleiter für Referendare in Arolsen und Kassel. Seine Promotion von 1996 behandelte die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Buchenwaldhäftlingen in der SS-Führerschule Arolsen. Im letzten Jahr hat er publiziert: International Tracing Service Arolsen. Von der Vermisstensuche zur Haftbescheinigung. Die Organisationsgeschichte eines »ungewollten Kindes« während der Besatzungszeit.
[1] SHAEF Administrative Memorandum No. 39, 18. 11. 1944. NARA RG 165, Records of the War Department. General and Special Staffs, CAD 383.7, General Records 1943 – Juli 1949, Sec. 4 to 5, »Refugees«, Box 141. Die für die Praxis wichtigere überarbeitete Fassung Administrative Memorandum No. 39 (revised) vom 16. 4. 1945 ohne Anhänge ist abgedruckt bei Proudfoot: European Refugees, S. 445 ff. Zur Bedeutung des Memorandums s. auch Jacobmeyer: Vom Zwangsarbeiter zum Heimatlosen Ausländer, S. 30 f.
[2] Die Bezeichnung findet sich z.B. im Bulletin No. 2 Communication between Displaced Persons and their Relatives – and Tracing für April 1945. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz wird hier eindeutig als Central Tracing Bureau for Europe bezeichnet. ISD Alliierte 22, S. 3 und S. 47 f.
[3] Die Grausamkeit der Schlacht und die Hilflosigkeit der verwundeten Soldaten veranlassten Henry Dunant (1828–1910) zur Gründung des Roten Kreuzes und führten zur Vereinbarung der Genfer Konvention von 1864.
[4] GE-CDPX 383.7 (4.33), Schreiben von Lt. Col. L. W. Cramer (CDPX) an IKRK vom 7. 9. 1945. ISD Alliierte 15, S. 216 f. Schreiben des IKRK an Bowring (CTB) vom 21. 1. 1946. ISD Alliierte 62, S. 118 f.
[5] CORC/P(45)54, 13. 9. 1945. ISD Alliierte 28, S. 11 ff.
[6] Die IRO (Internationale Flüchtlingsorganisation) war eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die 1946 als Nachfolgeorganisation der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) eingerichtet wurde. Sie war verantwortlich für die Fürsorge für Europäer, die durch den Zweiten Weltkrieg heimatlos geworden waren, v.a. Überlebende des Holocaust und ehemalige Zwangsarbeiter, die sog. Displaced Persons.
[7] Proposals for the Organization of an International Tracing Service (ITS). Prep/131/Rev. 1. 6. 11. 1947. ISD Alliierte 38, S. 102 ff.
[8] Die statistischen Angaben greifen primär auf die in Tabellenform den Monatsberichten beigefügten Zahlen zurück.
[9] Prozess »Rasse- und Siedlungs-Hauptamt der SS« vom 1. 7. 1947 bis 10. 3. 1948. Den Delegierten der 1. Sitzungsreihe der IRO im September 1949 lag ein Bericht des ITS-Direktors über dieses Thema vor. IRO, General Council, Report of the Director-General on the Child Search Programme, 20. 9. 1948, GC/39. ISD Alliierte 39, S. 94R ff.
[10] Zimmer, Bernd Joachim: International Tracing Service Arolsen – Von der Vermisstensuche zur Haftbescheinigung. Bad Arolsen 2011.
Anmerkung: Die Quellenhinweise auf den ITS nennen die während der Forschung verwendeten Bezeichnung des Bestandes »Alliierte«. Mit der Digitalisierung erfolgte eine Umbenennung.