Der Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb e.V. wurde 2010 gegründet, um die Zukunft des Erinnerns zu sichern und die ehrenamtlichen Gedenkstätten zu vernetzen, zu verjüngen und zu professionalisieren. Er ist ein Zusammenschluss von fünf Gedenkstätten in ehemaligen Synagogen zur Erinnerung an die jüdische Geschichte vor Ort (Baisingen, Haigerloch, Hechingen, Horb und Rottweil), drei KZ-Außenlager-Gedenkstätten (Bisingen, Eckerwald, Hailfingen-Tailfingen), der Stauffenberg-Gedenkstätte in Albstadt und der Geschichtswerkstatt Tübingen.[1] Die Gedenkstätten sind im Vorstand vertreten und Arbeitskreise koordinieren und organisieren die übergreifende Arbeit. Außerdem kooperieren sie in der Forschung, bei der Jugendarbeit und bei Veranstaltungen. Seit 2011 gibt es eine Geschäftsführung in Teilzeit mit Büro in der Volkshochschule Horb. Die Arbeit des Verbunds wird derzeit von der Baden-Württemberg-Stiftung, einzelnen Landkreisen, der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg sowie von Mitgliedsbeiträgen finanziert. Dieser Zusammenschluss ist ein Pilotprojekt in der Bundesrepublik und hat Modellcharakter vor allem für kleine und mittlere Gedenkstätten in anderen Regionen.
Die authentischen Orte der kleinen und mittleren Gedenkstätten des Verbunds spiegeln zum einen die Bedeutung des ländlichen Judentums in Südwestdeutschland und zum anderen die vielen Orte von NS-Verbrechen wider. Sie sind häufig von zivilgesellschaftlichen Gruppen dem Vergessen in den 1980er- und 1990er-Jahren entrissen und zu kleinen Gedenkstätten ausgebaut wurden. Heute sind es anerkannte Institutionen. Dagegen steckt die Vernetzung der kleineren Gedenkstätten häufig noch in den Anfängen und fast alle Gedenkorte sind mit gleichen Problematiken konfrontiert: Oft nur eine Handvoll älterer Ehrenamtlicher betreibt die Einrichtung. Die Überalterung und das Fehlen jüngerer Mitarbeiter kennzeichnen die Situation. Die klassischen Ausstellungen und Veranstaltungsformate sprechen – mit Ausnahme der Schulklassenbesuche – zumeist ältere Zielgruppen an. Zugleich bringen wachsende gesellschaftliche Anforderungen das Ehrenamt an seine Grenzen. Längerfristige Bindungen an Vereine lassen bei der jüngeren und mittleren Generation deutlich nach. Die Existenzfrage steht bei einer Reihe von kleinen und mittleren Gedenkstätten in den nächsten Jahren auf der Tagesordnung.
Der Gedenkstättenverbund verfolgt das Ziel, durch Vernetzung und Beratungs- und Bildungsangebote Antworten für die Zukunftsfähigkeit der kleineren Gedenkstätten und der Erinnerungskultur zu entwickeln. Dabei sind Professionalisierung und Verjüngung zugleich Prozess wie Resultat, und es haben sich mehrere Ansätze herauskristallisiert: Die Vernetzung nach innen und außen, die Beratung und Weiterbildung des Ehrenamts, die Jugendarbeit und Jugendbildung und schließlich die fachliche Unterstützung, um Gedenkstätten zu Lern- und Erinnerungsorten weiter zu entwickeln.
Ein Erfolg des Verbundmodells zeigt sich in der wachsenden Vernetzung der beteiligten Gedenkstätten. Die Zusammenarbeit manifestiert sich in Arbeitsgruppen, der gemeinsamen Jugendarbeit mit dem Konzept der Jugendguides, zentralen Treffen und Projekten wie einer Datenbank zu jüdischen Bürgern und Bürgern, dem abgeschlossenen Digitalisierungsprojekt für Zeitzeugeninterviews und der Facebook-Auftritt. Hinzu kommen regionale Tagungen zum jüdischen Vieh- und Textilhandel, zur Rolle der Bildung im Judentum in Südwestdeutschland sowie eine geplante Konferenz zum Umgang mit den früheren KZ-Lagern nach 1945.
Ein gemeinsames Medium, die Gedenkstätten-Rundschau, stellt neue Entwicklungen und Forschungsergebnisse aus den Gedenkstätten, Veranstaltungstermine und didaktische Konzepte vor. Die Publikation dient dem Austausch der Gedenkstätten und der Öffentlichkeitsarbeit bei Verbänden, Schulen, Kirchen und der Politik. Die vom Gedenkstättenverbund geschaffenen Strukturen der regelmäßigen Treffen und Projekte führen zu einer wachsenden Kohäsion mit positiven Synergieeffekten. So hat die Kooperation untereinander deutlich zugenommen. Die Gedenkstätten kennen sich, tauschen Infos und Fachwissen aus, suchen und planen gemeinsame Veranstaltungen, z.B. zur Natzweiler-Ausstellung oder finden sich zu Forschungsprojekten wie zur wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in der Region zusammen. Ebenfalls zeigen die vermehrten Besuche von Mitgliedern bei den Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung der KZ-Außenlager einen besseren Zusammenhalt als noch vor wenigen Jahren. Schließlich sind Besuche von KZ- und Shoah-Überlebenden mit ihren Angehörigen wichtige Kristallisationspunkte, an denen häufig mehrere Gedenkstätten mit hohem Engagement beteiligt sind.
Der Gedenkstättenverbund hat zur Vermittlung neuer Inhalte, des Erfahrungsaustausches und der Planung gemeinsamer Veranstaltungen, Tagungen, Workshops und der Gedenkstätten-Rundschau seit 2013 regelmäßige Koordinationstreffen eingeführt: Der Arbeitskreis der KZ-Gedenkstätten koordiniert die Forschungen zu den Todesmärschen, Übersetzungen der Interviews der Shoah Foundation und Veranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung der Lager. Die Synagogengedenkstätten widmen sich in einem Arbeitskreis der Einrichtung einer Datenbank zu den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, die biografische Daten für die Forschung, Dienstleistungen und Didaktik bündelt. Darüber hinaus koordiniert dieser Arbeitskreis die Forschungen zur wirtschaftlichen Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Württemberg und Hohenzollern.
Der Verbund hat eine Kooperation mit Kommunen und Landkreisen, Kirchengemeinden, Schulen, Vereinen, den Volkshochschulen und der Universität Tübingen vorangebracht. Dabei bietet die Homepage des Gedenkstättenverbundes der Öffentlichkeit eine gute Orientierung zu den Angeboten des Verbunds und der Gedenkstätten. Die Homepage liefert neben aktuellen Informationen, Veranstaltungen, Lageplänen und Adressen eine Übersicht zu allen Gedenkstätten mit Informationen zur Geschichte und zu Besonderheiten der Orte sowie Angebote für Erwachsene und Schüler einschließlich Arbeitsmaterialien für Schulen und für die außerschulische Jugendarbeit. Diese digitalen Lernangebote der einzelnen Gedenkstätten orientieren sich an den Bildungsplänen für Schulen. Ein Facebook-Auftritt mit aktuellen Veranstaltungen und Entwicklungen ergänzt das Angebot im Netz. Eine hochaktuelle Aufgabe sieht der Verbund in der Vernetzung gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die der Gedenkstättenverbund mit seiner Beteiligung und Initiativen unterstützt. So konnte der Verbund im Albbündnis für Menschenrechte, gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wichtige Anstöße zum Thema Rechtspopulismus und Rechtsextremismus geben. Die Vernetzung mit dem Albbündnis und der Bürgerinitiative »Gegen Rechtsextremismus – für Toleranz und Vielfalt« in Freudenstadt sind ein Signal, dass Gedenkstätten gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus heute Position beziehen.
Der Gedenkstättenverbund berät die Mitgliedsverbände bei anstehenden Fragen und Entwicklungen wie einer Vereinsgründung, der Verjüngung der Vorstandstrukturen, der Integration von neuen Mitgliedern, Praktikanten, Jugendguides, der Einrichtung von Homepages, neuen Ausstellungsprojekten oder Interviews mit Zeitzeugen. Alle Mitgliedsverbände haben sich an einer vom Verbund durchgeführten Analyse nach Stärken und Schwächen beteiligt und es wurden für jede einzelne Einrichtung spezifische Handlungsempfehlungen für die kommenden zehn Jahre entwickelt.
Seit 2013 hat der Gedenkstättenverbund mehrere Weiterbildungsworkshops für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter veranstaltet: Ein Zeitzeugenworkshop führte in die Methoden der Oral History ein, um die Gedenkstätten zu qualifizieren, die letzten Zeugen der NS-Verbrechen professionell zu befragen. Ein Workshop vermittelte die Ergebnisse der Gedenkstättenanalyse und brachte wichtige neue Ergebnisse zur Kooperation zwischen Gedenkstättenverbund und Mitgliedsvereinen. Ein weiterer Workshop beschäftigte sich mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in der Region und Handlungsstrategien der Gedenkstätten. In der Sommerakademie 2015 zu den Synagogengedenkstätten haben sich rund 25 Ehrenamtliche und junge Leute qualifiziert. Die Weiterbildungsangebote kommen bei den Gedenkstätten gut an. Die alltägliche Beratung und die regelmäßigen Bildungsangebote werden von der hauptamtlichen Geschäftsführung organisiert – es ist eine notwendige Arbeit zur stärkeren Professionalisierung, die nicht im Ehrenamt zu leisten ist.
Neben der Vernetzung ist die professionell betreute und organisierte Jugendarbeit die wichtigste Aufgabe des Gedenkstättenverbunds. Das zuerst in der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen des Verbunds entstandene Modell der Jugendguides wurde vom Landratsamt Tübingen mit einer jährlich stattfindenden Erstqualifizierung in der Region aufgegriffen. Das Jugendguide-Konzept sieht u.a. Führungen von jungen Menschen für Jugendliche vor, um diese besser zu erreichen. Sie besuchen neben einer theoretischen Ausbildung die KZ-Gedenkstätte Natzweiler-Stutthof in Frankreich und einzelne Einrichtungen in der Region, die in der NS-Zeit Außenlager von Natzweiler waren. Diese ausgebildeten Guides sind bei Interesse seit 2012 in den Gedenkstätten tätig und werden dort weiterqualifiziert. Mit der Integration der Jugendguides verfolgt der Verbund die Strategie, seine Einrichtungen inhaltlich und personell zu verjüngen. Die jungen Erwachsenen zwischen 19 und 27 Jahren und einige Schülerinnen und Schüler übernehmen wichtige Aufgaben wie die Betreuung der Homepage, Führungen für Schulklassen und junge Menschen, neue Präsentationsformen und Einzelne wirken auch bei den Vereinstätigkeiten mit. Wichtig ist jedoch, dass junge Menschen in den Gedenkstätten Freiräume für eigene Projekte und Ideen finden, in dem sie selbstbestimmt handeln können.
Die Erfahrungen zeigen, dass sie zahlreiche neue und kreative Ideen in die Gedenkstätten einbringen und sich dadurch auch das bisherige Erscheinungsbild zugunsten einer modernen Gedenkstätte mit attraktiven Angeboten verändert. Inzwischen sind in den Gedenkstätten etwa 20 Guides aktiv. Erheblich zu dieser Etablierung und Stabilisierung der Jugendguide-Strukturen haben die persönliche Betreuung, die Fortbildung in den Gedenkstätten, die zentralen Treffen und Workshops des Verbunds zu historischen Methoden und zu Menschenrechten beigetragen, durch die eine vertiefte Vernetzung unter den Jugendguides entstanden ist. Außerdem wurde das selbstständige Auftreten der Jugendguides gestärkt, was sich u.a. in der selbst gestalteten Unterseite der Homepage des Gedenkstättenverbunds zeigt. Diese soll zum stärkeren Austausch führen. Außerdem hat der Verbund die Einführung eines neuen Zertifikats zur Mitarbeit in den Gedenkstätten nach der Ausbildung initiiert. Für studierende Jugendguides honoriert die Universität Tübingen diese Aktivitäten als Schlüsselqualifizierung für das Studium. Ein Großteil dieser Jugendarbeit wird von der hauptamtlichen Geschäftsführung betreut und koordiniert.
Die Realisierung von niederschwelligen und überwiegend zeitlich befristeten Strukturen führte dazu, dass einige Jugendguides in Vorstandsfunktionen einzelner Mitgliedsvereine aufgerückt sind. Sie und andere, wie junge Praktikanten, tragen zur »Verjüngung« der Angebote (z.B. Facebook-Seite, Führungen, Veranstaltungen, Forschung durch Examensarbeiten) bei. Ihre teilweise auch nur zeitlich begrenzte Mitarbeit ist positiv zu bewerten, zumal die Persönlichkeit der jungen Menschen durch demokratische Wertebildung und gesellschaftspolitisches Engagement gestärkt wird. Auf der einen Seite wird die Arbeit der Gedenkstätten so bei jüngeren Menschen bekannt gemacht und beworben. Auch machen sich die Verantwortlichen der Gedenkstätten mehr Gedanken, wie sie ihre Gedenk- und Lernorte noch jugendgerechter gestalten können. Hier steht auch die Selbstreflexion im Sinne des Konzepts der Gedenkstätten als verunsichernde Orte im Mittelpunkt.[2]
Die Grundausbildung zum Jugendguide im Landratsamt Tübingen konzentriert sich auf die KZ-Gedenkstätten. Diese Lücke in der Jugendbildung zu den jüdischen Gedenkorten und die Komplexität der jüdischen Geschichte verlangte seit Jahren nach einer profunden Ausbildung von jungen Menschen in den Synagogengedenkstätten. Um junge Menschen für diese anspruchsvolle Arbeit zu gewinnen, veranstaltete der Gedenkstättenverbund im Sommer 2015 eine Sommerakademie. Es wurde eine kostenlose Weiterbildung mit Zertifikat zum Thema jüdische Religion, deutsch-jüdische Geschichte, Antisemitismus, Shoah und Gedenkkultur geboten. Das sechstägige Programm aus Referaten, Kleingruppenarbeit, Filmen und Exkursionen mit namhaften Wissenschaftlern, Gedenkstättenmitarbeitern und Rabbinerinnen und Rabbinern der Jüdischen Gemeinden aus Württemberg, Baden und Bayern wurde von über einem Dutzend Jugendguides und Studierenden wahrgenommen. Ein größerer Teil von ihnen ist inzwischen in den Synagogengedenkstätten aktiv. Hinzu kamen rund ein Dutzend älterer Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Gedenkstätten des Verbunds, die am kompakten Weiterbildungsangebot Interesse hatten und mit den jungen Leuten während der Zeit der Sommerakademie ins Gespräch kamen, um Kontakte zu knüpfen und Einsatzmöglichkeiten zu beraten. Diese neue Form einer Sommerakademie stieß in der Region und auch überregional auf Beachtung. So stelle der Gedenkstättenverbund das Konzept der Sommerakademie gemeinsam mit zwei Jugendguides bei der bundesweiten Tagung »Aktives Erinnern« im Juni 2015 in Stuttgart vor, die von der Bundeszentrale und Landeszentrale für politische Bildung und dem Anne-Frank-Zentrum Berlin veranstaltet wurden.[3] Die Sommerakademie ist in dieser Konstellation ein neues Fortbildungsmodell für angehende junge Mitarbeiterinnen und und Mitarbeiter in Gedenkorten zur jüdischen Geschichte, das auch auf andere Regionen übertragen werden könnte.
Weitere Kooperationen mit Vertretern der Jugendarbeit und Jugendgemeinderäten eröffneten neue Zielgruppen, denn diese sind wichtige Multiplikatoren in die Jugendszene. Schließlich konnte der Gedenkstättenverbund die Schulkontakte noch besser intensivieren, pädagogische Angebote weiter entwickeln und Lehrerfortbildungen anbieten. Auch wird in Gesprächen für das Projekt »Schule ohne Rassismus« geworben und einzelne Schulen haben dieses Konzept aufgegriffen. Die Gedenkstätten könnten Paten für das Projekt sein und Einfluss auf die Projektgestaltung nehmen, wodurch historisches und politisches Lernen stärker verknüpft wird.
Der bildungspolitische Trend zu Lernorten der NS-Geschichte, dem sich die großen Gedenkstätten seit Jahren stellen, wird auch für kleinere und mittlere Gedenkstätten immer wichtiger.[4] Aufgrund des Verschwindens der Zeitzeugen und der medialen Umbrüche wandeln sich die klassischen Gedenkstätten immer mehr zu Lern- und Erinnerungsorten, wobei das Gedenken nicht mehr ausschließlich im Vordergrund steht. Die Umbrüche vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis erzeugen neue Ansprüche an die authentischen historischen Orte, die zu Orten der Kommunikation für Lernimpulse werden.
So stellte die empirische Forschung zum Besuch junger Menschen in Gedenkstätten fest, dass kognitives und moralisches Lernen nur begrenzt möglich ist. Wirksamer ist affektives und emotionales Lernen in offener Auseinandersetzung. Gedenkstätten sollen daher Orte der Kommunikation werden mit Sachinformationen zugunsten kommunikativer und reflexiver Zeitanteile. Dabei ist wichtig, eigene Vermittlungsansprüche zurückzustellen.[5]
Im Mittelpunkt des Gedenkstättenbesuchs kann das selbstständige entdeckende Lernen von Themen zur NS-Geschichte, zur jüdischen Geschichte etc. stehen, das sich junge Menschen und auch Erwachsene selbst suchen. Dabei sollten sie bei Bedarf Hilfestellung und Beratung durch die Gedenkstätten bekommen. Gerade wegen der Dominanz der medialen Visualisierung der Welt können auch kleinere Gedenkstätten neue Vermittlungsangebote zur Methodenkompetenz entwickelt. Denkbar wäre die Einrichtung einer »Sehschule«, die bei den Besuchenden die Analysefähigkeit beim Sehen fördert, d.h. das Zeigen des Konstruktionscharakters eines Fotos/Films vermittelt und darauf hinweist, woran und wie historische und aktuelle Zusammenhänge von Fotos und Filmausschnitten zu erkennen sind.
Die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte braucht die permanente Erinnerung, die von Gedenkstätten auch durch die Präsenz von Angehörigen der zweiten und dritten Generation der NS-Opfer wachgehalten werden kann, indem diese das Narrativ des Erfahrenen und Erlittenen ihrer Eltern und Großeltern und anderer Verwandter in die Gedenkstätten hineintragen, z.B. durch Besuche, durch Videointerviews, Skype-Kommunikation etc. In den Lernorten bieten sich Angebote mit Gegenwartsbezügen an, um historische und politische Bildung zu verbinden. Dies könnte in den Gedenkstätten durch Informationszentren für NS-Regionalgeschichte und NS-Verbrechen sowie Demokratiebezüge zu heute, Zivilcourage im Nationalsozialismus und heute geschehen, ohne platte Analogieschlüsse zu ziehen. Für junge Menschen mit Migrationshintergrund werden zudem spezifische Angebote benötigt, um die Verbindung von deren Lebenswelten zur NS-Vergangenheit zu knüpfen. Ansatzpunkte sind beispielsweise die globale Dimension des Zweiten Weltkriegs und die europäische Dimension der Shoah und NS-Verbrechen sowie die Verbindung des Deutschen Reichs zu anderen Genoziden im 20. Jahrhundert, z.B. Völkermord an den Hereros und den Armeniern.
Schließlich existieren im Gedenkstättenverbund Überlegungen, die kleinen Gedenkorte zukünftig stärker inhaltlich-konzeptionell zu profilieren. Jede Gedenkstätte könnte ein Alleinvertretungsmerkmal herausbilden: Ort der KZ-Zwangsarbeit, Ort der Zwangsarbeit von Zivilisten, Zentrum der jüdischen Textilindustrie, Zentrum des Landjudentums, Stätten des Widerstands, etc., um Wiederholungen im Erscheinungsbild zu vermeiden. Schließlich sind die Gedenkorte zur jüdischen Geschichte potenzielle Stätten der kulturellen und religiösen Bildung, d.h. Vermittlung von religiösem Wissen, der Rolle der Religion in Geschichte und Gegenwart, dem Verhältnis von Minderheit und Integration. Sie sind Begegnungsorte des interreligiösen Dialogs, des Umgangs mit Vielfalt, Toleranz, Werteerziehung und Grundwerten, die heute wichtiger denn je sind.
Damit die ehrenamtlich arbeitenden Gedenkstätten diesen anspruchsvollen und mühsamen Weg der Verjüngung und solcher Lernort-Konzepte gehen können, bedarf es der professionellen Unterstützung, z.B. in Form eines Zusammenschluss und Vernetzung wie des Gedenkstättenverbunds und von hauptamtlichen Teilzeit-Stellen in den einzelnen Gedenkstätten. Die Gedenkstättenförderung von Baden-Württemberg eröffnet den kleineren und mittleren Einrichtungen in den kommenden Jahren erstmals solche Perspektiven. Denn Haupt- und Ehrenamt sind hier keine Gegensätze und ihre Zusammenarbeit ist Teil einer sinnvollen Strategie zur Zukunftsfähigkeit kleinerer Gedenkstätten.
Dr. Martin Ulmer, Kulturwissenschaftler und Historiker, ist hauptamtlicher Geschäftsführer des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb e.V. und Vorstandsmitglied der Geschichtswerkstatt Tübingen. Er ist nebenberuflich für Yad Vashem Archive Jerusalem tätig und Lehrbeauftragter am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen.
[1] www.gedenkstaettenverbund-gna.org (aufgerufen am 30. 10. 2015)
[2] Barbara Thimm, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich (Hrsg,): Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Frankfurt a.M. 2010.
[3] www.gedenkstaetten-bw.de/ft_aktives_erinnern | Rückblick: Fachtagung – Aktives Erinnern – World Cafe 7: Gedenkstättenverbund Gäu Neckar Alb (aufgerufen am 30. 10. 2015)
[4] Einen sehr guten Überblick zu Konzepten zur Bildungsarbeit in den Gedenkstätten und deren Perspektiven bietet: Elke Gryglewski, Verena Haug, Gottfried Kößler, Thomas Lutz, Christa Schikorra (Hrsg.): Gedenkstättenarbeit. Kontexte, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen. Berlin 2015.
[5] Bert Pampel: Gedenkstätten als »außerschulische Lernorte«. Theoretische Aspekte – empirische Befunde – praktische Herausforderungen. In: Bert Pampel (Hrsg.): Erschrecken – Mitgefühl – Distanz. Empirische Befunde über Schülerinnen und Schüler in Gedenkstätten und zeitgeschichtlichen Ausstellungen. Leipzig 2011, S. 11–58, hier S. 57.