Im Februar 2013 fand eine Exkursion zu bedeutenden Erinnerungsorten des Ersten Weltkrieges in Belgien und Nordfrankreich statt. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen reisten als Vertreter und Vertreterinnen des Ministeriums für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen (NRW), der Landeszentrale für politische Bildung NRW, des Kulturdezernates des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) sowie in überwiegender
Zahl als leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gedenkstätten, Museen und politischen Bildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen mit. Das Projekt sollte zur Vorbereitung auf das kommende »Jubiläumsjahr« 2014 dienen, in dem der Beginn des Ersten Weltkriegs sich zum hundertsten Male jährt.[1] Die räumliche und historische Nähe vor allem des Rheinlandes zu Belgien und Frankreich bedeutet auch eine Verpflichtung, wieder an diesen Krieg, der von vielen als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« (George F. Kennan) betrachtet wird, zu erinnern.
Während der sechstägigen Busrundreise konnten die vier wichtigsten, großen Museen zur Geschichte des Ersten Weltkrieges in Belgien und Nordfrankreich besichtigt werden. Als Orte der Musealisierung des Ersten Weltkrieges wurden vor allem solche Häuser besucht, die entweder neugestaltete Dauerausstellungen präsentieren, erst kürzlich eröffnet worden sind (Meaux) oder kurz vor einer Neugestaltung stehen (Verdun). Daneben wurde bei der Auswahl darauf geachtet, dass die Annäherungen und Präsentationen des Ersten Weltkrieges exemplarisch verschiedene konzeptionelle Zugänge repräsentieren. Die vier besuchten Museen stehen außerdem jeweils für die vier bedeutendsten Frontabschnitte der Westfront, an denen die großen Schlachten des Ersten Weltkrieges ausgetragen wurden (Ypern, Somme, Marne, Verdun).
In allen Häusern, die mit einer Ausnahme (dem Mémorial de Verdun) aus finanziellen Ressourcen der öffentlichen Hand unterhalten werden, konnten im Anschluss an die Museumsbesuche Austauschgespräche mit leitenden Verantwortlichen geführt werden. Im »In Flanders Fields Museum« in Ypern bestand überdies die Möglichkeit, die Ausstellung jenseits der offiziellen Öffnungszeiten als einzige Besuchergruppe ausführlich zu besichtigen.
Neben den vier Häusern, die als Museen für die, bisweilen unterschiedlich gewichtenden »Großerzählungen« der jeweiligen Regionen sowie für durchaus verschiedene inhaltliche Schwerpunkte und Ausstellungskonzepte stehen, konnten sowohl in Belgien als auch in Nordfrankreich zentrale Gedenkorte aufgesucht werden, die am historischen Ort – Soldatenfriedhöfe und Schlachtfelder – auf die Teilnahme vor allem britischer, französischer, belgischer, deutscher oder, im Fall des Mémorial Sud Africain in Longueval, auch südafrikanischer Soldaten am Ersten Weltkrieg verweisen. Da auch hier die jeweiligen Initiativen bzw. Trägerschaften in der Regel (para-)staatlich sind (hier in erster Linie die nationalen Kriegsgräber-Verbände), spiegeln diese Gedenkorte ebenfalls eine jeweils spezifische Memorial-Kultur wie auch ein jeweils nationales Narrativ vom Kämpfen und Sterben im »Großen Krieg« wider. Daneben wurde mit Stationen im belgischen Grenzgebiet und dem Besuch eines privaten Museums an der Somme zwei weiteren Perspektiven auf die Geschichte des Ersten Weltkrieges nachgegangen: Zum einen der »Spurensuche« in der Grenzregion des Dreiländerecks, dem Gebiet um Gemmenich, das am 4. August 1914 zum Einmarschgebiet der Deutschen Armee in Belgien wurde. Zum anderen richtete der Besuch des privaten Museums eines Sammlers im nordfranzösischen Pozière den Blick auch auf den populären Ausdruck von
Erinnerungskultur zum Ersten Weltkrieg, wie sie in den bereisten Regionen neben dem ›offiziellen‹ Gedenken der großen, staatlich unterhaltenen Museen und Gedenkorte eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.
Den Auftakt der Exkursion gestaltete Herbert Ruland (Autonome Hochschule in der deutschsprachigen Gemeinschaft), der die Aufmerksamkeit in der Region um Eupen auf wenig bekannte Aspekte des Ersten Weltkrieges im besetzten Belgien lenkte. Bereits in den ersten Wochen nach dem deutschen Einmarsch 1914 waren mehr als 6000 Zivilisten aus Angst vor Freischärlern durch deutsche Truppen getötet worden.
Anhand ausgewählter Gedenksteine, die von Angehörigen auf Friedhöfen oder an den Orten von Exekutionen errichtet wurden, konnten kaum bekannte Monumente populärer Erinnerungskultur an diese Kriegsgräuel besichtigt werden. Daneben machte Herbert Ruland auf den ebenfalls kaum bekannten, von den deutschen Besatzern seit Sommer 1915 errichteten »Elektrozaun« zur niederländischen Grenze aufmerksam, der Fluchten von belgischen Zivilisten, Kriegsgefangenen und auch deutschen Deserteuren verhindern sollte. Mehr als 3000 Menschen fanden an diesem unter Hochspannung stehenden Grenzzaun den Tod.
In Flandern wurden zunächst in der Nähe von Ypern der britische Militärfriedhof in Lijssenthoek und der deutsche Soldatenfriedhof in Langemarck besucht, um einen vergleichenden Eindruck von den unterschiedlichen Erinnerungskulturen zu gewinnen, die in den verschiedenen Gestaltungsmerkmalen zum Ausdruck kommen. Die Unterhaltung und Ausgestaltung der Friedhöfe liegt in Händen der jeweiligen Kriegsgräberorganisationen (Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Commonwealth War Graves Commission).
In Lijssenthoek befand sich von 1915 bis 1920 das größte Evakuierungslazarett der Ypern-Front. Auf dem dazugehörigen Militärfriedhof sind über 10000 Soldaten v.a. des britischen Commonwealth bestattet, die im Lazarett ihren Verletzungen erlagen oder dort namentlich bekannt geworden waren, sodass die Gräber hier beinahe ausnahmslos individuell auf die in Lijssenthoek Bestatteten verweisen. Im September 2012 wurde,
finanziert und erhalten von der Vlaamse Gemeenschap und der Stadt Popperinge, ein kleines sehr aufmerksam gestaltetes Besucherzentrum eröffnet, das mit Fotografien, Objekten und Hörstationen in die Geschichte des historischen Ortes einführt. Besonders auffällig und interessant sind hierbei die biographischen Zugänge, die dem spezifischen Charakter des Friedhofes mit seinen individuellen Gräbern folgen. Der deutsche Soldatenfriedhof in Langemarck ist eng mit dem verklärenden »Langemarck-Mythos« verknüpft und wurde auf Initiative studentischer Bünde nach Umbettung von 10 500 gefallenen deutschen Soldaten aus in der Region verstreuten Gräberstätten im Juli 1932 eingeweiht. Das Gräberfeld ist mit Eichen bepflanzt und von einem Wall mit davorliegendem Wassergraben umfriedet. Eine Linie von 52 Granitblöcken
mit Inschriften beteiligter Truppenteile und studentischer Verbindungen bilden den vormaligen Frontverlauf nach. Mitte der 1950er Jahre wurde die Anzahl der dort bestatteten deutschen Soldaten auf über 44 000 erweitert, davon mehr als 25 000 in einem Gemeinschaftsgrab. Seit 2006 befindet sich an der Nordseite ein tunnelartiges Gebäude, in dem mit audiovisuellen Installationen Informationen zum Kriegsverlauf und zum Friedhof angeboten werden.
Das 1998 als Neukonzeption eines Vorgängermuseums gegründete »In Flanders Fields Museum« in der Lakenhalle in Ypern verdankt seinen Namen dem englisch-sprachigen Gedicht von John McCrae aus dem Jahre 1915. Nach einer Umbauphase und einer grundlegenden Veränderung der Dauerausstellung wurde das Museum im Juni 2012 wiedereröffnet. In der Ausstellung werden aus den verschiedenen Perspektiven
der am Ersten Weltkrieg beteiligten Nationen die wesentlichen Entwicklungslinien des Konfliktes rekonstruiert und ihre kulturelle Verarbeitung thematisiert.
Daneben wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Auswirkungen des Krieges auf die Landschaft in West-Flandern und die Stadt Ypern gelegt (»spatial history«). Im Zentrum stehen jedoch persönliche Geschichten von Individuen, die durch Ausstellungsobjekte, interaktive Installationen oder eine filmische Darstellung durch Schauspieler und Schauspielerinnen (re-)präsentiert werden. Mit einer multimedialen Darstellung, die auf verschiedene Art und Weise die vom Krieg betroffenen Menschen zu Wort kommen lässt, kann die Ausstellung weitgehend auf erklärende Texte verzichten. Im Ergebnis kann man das »In Flanders Fields Museum« als ein europäisches Friedensmuseum bezeichnen.
Das Historial de la Grande Guerre in Péronne ist in der Gedächtnisregion Somme angesiedelt, wo von Juli bis November 1916 britische und französische Truppen eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges gegen das deutsche Heer führten.
Das »Historial« wurde seit Mitte der 1980er Jahre geplant und am 1. Juli 1993 in der um einen integrierten Beton- und Glasbau erweiterten, mittelalterlichen Königsburg von Péronne eröffnet. Die Dauerausstellung wurde von einer internationalen Historikerkommission erarbeitet und konzentriert sich auf die drei Nationen (England, Frankreich und Deutschland), die 1916 an der Somme kämpften, wobei eine betont vergleichende Fragestellung und Präsentation verfolgt wird.
Die Ausstellung ist einer Kulturgeschichte des Krieges gewidmet, die den Blick auf die vielfältigen kulturellen Produktionen und Innovationen, die im Krieg und durch den Krieg entstanden sind, richtet und danach fragt, wie sich die betroffenen Menschen den Krieg kulturell angeeignet haben. Die gleichberechtigte Darstellung von Erfahrungen an der Front und in der »Heimat« unterstreicht die umfassende Wirkung des Krieges auf das Alltagsleben.
Dabei werden, ausgehend von den mentalen und sozialen Gegebenheiten im imperialen Europa der Vorkriegszeit, Ausdrucksformen von nationalen Feindbildern und Kriegsmentalitäten präsentiert, wie sie durch Kriegsinstrumente, Ausrüstung und »Grabenkunst« im weitesten Sinne im soldatischen Kriegserleben oder auch etwa am Beispiel von »Liebesgaben« oder Schlachten-Devotionalien für das Alltagslebens an der »Heimatfront« zum Ausdruck kamen.
Das Kriegsgeschehen bleibt in der Ausstellung weitgehend ausgespart und auch die Präsentation der Objekte in Bodenauslassungen überlässt die Rekonstruktion und Einordnung in historische Kontexte weitgehend den Besucherinnen und Besuchern. Abgesehen von einigen zeitgenössischen Filmdokumenten, die ihrerseits in ihrem Objektcharakter präsentiert sind, verzichtet die Ausstellung auf den Einsatz audiovisueller Medien. Die Ausstellung schließt mit einer Auswahl von Objekten zum Kriegsende und zu den Nachwirkungen des Krieges auf die (politische) Kultur der drei zentralen Länder Deutschland, Frankreich und England und ihr Verhältnis zueinander.
Auf dem Militärfriedhof in Longueval sind mehr als 5500 gefallene Soldaten des britischen Commonwealth bestattet, darunter etwa 3500 unbekannte Soldaten. Der überwiegende Teil von ihnen ist während der Kämpfe im nahe gelegenen Delville-Wood im Juli und August 1916 gefallen. Da drei an den Kämpfen beteiligte Bataillone aus Süd-Afrika dort besonders schwere Verluste erlitten, ist in Longueval 1926 das
South-Africa National Memorial (Mémorial Sud-Africain) eingeweiht worden, das den Südafrikanern gewidmet ist, die an den verschiedenen Kriegsschauplätzen der beiden Weltkriege und des Korea-Krieges gedient haben. 1986 wurde die Anlage des National Memorial (ein Torbogen mit Skulpturen- und Gedenkstein-Anlagen) um das Museum for the South African Forces ergänzt. Die in der (der Zitadelle von Kapstadt nachempfundenen) Atrium-Halle gezeigte Ausstellung dokumentiert den Einfluss des Ersten Weltkrieges auf das »Nation Building« nach dem Waffenstillstand. Das Beispiel des südafrikanischen Museums zeigt besonders eindrucksvoll, wie die Teilnahme am Ersten Weltkrieg auch Jahrzehnte später zum erinnerungspolitischen Instrument wurde, wenn es, wie im Falle des südafrikanischen Apartheidsstaates in der noch unter Präsidentschaft von Pieter Willem Botha eingeweihten Ausstellung, vor allem um nationales Selbstverständnis ging.
Als Kriegsüberrest zieht der riesige Minen-Krater von La Boisselle unweit von Longueval bis heute jährlich tausende, hauptsächlich britische Besucherinnen und Besucher an. Am 1. Juli 1916 wurde hier der Beginn der britischen Somme-Offensive durch die Zündung einer Sprengmine unter der vordersten deutschen Linie eingeleitet. Der dadurch entstandene Krater ist heute im britischen Erinnerungshaushalt zentraler Gedenkort, an dem in den frühen Morgenstunden eines jeden 1. Juli mit Niederlegung von »poppy flower«-Gestecken (mit der Mohnblume als Symbol des Ersten Weltkrieges auf dem Kontinent) des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges gedacht wird.
In Pozières konnte im Café-Restaurant »Le Tommy« (genannt »Tommy-Bar«) die Gelegenheit wahrgenommen werden, das von dem Eigentümer angelegte und der Gaststätte angeschlossene private Museum zu besichtigen. Im dahinter gelegenen Garten ist eine Schützengraben-Installation zu sehen, die mit uniformierten Schaufensterpuppen und zahlreichen Bodenfunden aus der Region ausstaffiert ist. Daneben sind weitere Stücke ähnlicher Provenienz in einem Nebenraum in Vitrinen ausgestellt. Derartige, zumeist auf Privatinitiative von Militaria-Sammlern geschaffene Museen existieren zahlreich an den verschiedenen Frontabschnitten des Ersten Weltkrieges in Frankreich und dürften es zusammen auf beachtliche Besuchszahlen bringen, sodass ihr Einfluss auf die Gedenkkultur nicht zu unterschätzen ist. Ihre Gestaltung und Aussage ist dabei weitgehend durch klassische Militärmuseen inspiriert.
Das als letzte Station an der Somme besuchte Denkmal in Thiepval wurde 1932 eingeweiht und ist mit 160 000 Besucherinnen und Besuchern jährlich die wichtigste britische Gedenkstätte in Frankreich. Auf einem in Ziegelbauweise errichteten 45 Meter hohen Torbogen sind dort die Namen von mehr als 72 000 vermissten britischen und südafrikanischen Soldaten eingemeißelt. Angeschlossen ist ein kleiner Soldatenfriedhof. 2004 ist in Zusammenarbeit der britischen Regierung mit dem Historial de la Grande Guerre ein Besucherzentrum eingerichtet worden, das mit einer audiovisuellen Ausstellung über den Kriegsverlauf und das Denkmal informiert.
Das Musée de la Grande Guerre du Pays de Meaux wurde im November 2011 eröffnet. Es befindet sich in der historischen Region der beiden großen Marne-Schlachten, die im September 1914 und im Juli 1918 stattfanden.
Die Dauerausstellung schöpft aus einem Fundus von 20 000 Objekten und 30 000 Dokumenten zum Ersten Weltkrieg, die zuvor von einem Privatsammler zusammengetragen wurden. Dabei ist die Ausstellungsarchitektur zweigeteilt und bietet zunächst in einem großen, zentralen Saal dynamisch präsentierte Schaufensterpupen in zeitgenössischen Uniformen und die Inszenierung von Schützengräben und Unterständen, die durch Geräuscheffekte und Filmsequenzen einen emotionalisierten Zugang bieten. In einem parallelen Gang, von dem mehrere kleinere Säle und Nischen abzweigen, wird eine Fülle von Objekten in Flach- oder Wandvitrinen ausgestellt, die auf thematisch strukturierte Zugänge in den einzelnen Räumen verweisen. Während die Perspektive im großen Saal ein deutliches Gewicht auf nationale Identifikation legt, besteht das Hauptmerkmal der Objektpräsentation im parallelen Trakt auf Waffen, Ausrüstungen und Uniformen. Mentalitätshistorische oder soziale Aspekte des Krieges, wie etwa die Rolle von Frauen oder die Strukturen und Wirkweisen patriotischer Mobilisierung, finden sich in der Ausstellung eher knapp abgebildet, sodass der Erste Weltkrieg fast ausschließlich als militärisches Ereignis inszeniert ist. Trotz der intensiven Nutzung von modernster Museumstechnik, von audiovisuellen Angeboten über interaktive Stationen bis hin zu Hands-on-Bereichen, knüpft die Präsentation inhaltlich an traditionelle Militärmuseen an.
Das Mémorial de Verdun wurde 1967 eröffnet und gilt nach wie vor als eines der bedeutendsten Museen über den Ersten Weltkrieg. Die Ausstellung im »Mémorial« ist um ein inszeniertes »No-mans-land« angeordnet, in dem zahlreiche Bodenfunde aus der Umgebung integriert sind. Neben vor allem größeren Exponaten, die direkt aus Armeebeständen übernommen wurden, besteht die Ausstellung fast ausschließlich aus gespendeten Objekten aus dem Besitz von Veteranen oder ihren Angehörigen. Diese Objekte haben in gewisser Hinsicht den Charakter von »Opfergaben«, die damit die Bedeutung der Ausstellung, die weniger als Musealisierung des Krieges, denn als Rahmung eines quasi sakralisierten Gedenkortes zu verstehen ist, unterstreichen.
Dieser Eindruck verstärkt sich zudem mit Blick auf die zahlreichen Gedenk- und Erinnerungsmonumente und die Inszenierung von Überresten am »authentischen Ort«, wie etwa dem zerstörten Dorf Fleury devant Douaumont, an dessen vormaligen Straßen Schilder und Steinblöcke auf die Lage der zerstörten Gebäude von der Schule bis zum Metzgergeschäft hinweisen und dem bis vor Kurzem immer noch ein gleichwohl symbolischer, aber real amtierender Bürgermeister vorstand.
Das Ossuaire de Douaumont (das Beinhaus von Douaumont) wurde bereits kurz nach Ende des Krieges als würdiger Aufbahrungsort für die unzähligen, nicht identifizierbaren Gefallenen der Verdun-Schlacht geplant und nach Fertigstellung im August 1932 eingeweiht. Die Gebeine von etwa 130 000 unbekannten Soldaten sind hier in 46 Kammern bestattet. Gegenüber dem Ossuaire befindet sich ein französischer Militärfriedhof, auf dem 16 000 Soldaten bestattet sind. 1984 wurden Beinhaus und Friedhof als Ort für eine symbolische deutsch-französische Versöhnung genutzt, als sich der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand gleichsam »über dem Schlachtfeld« die Hände reichten.
Das Fort Douaumont, die Überreste des mächtigen Verteidigungswerkes über der Woëvre-Ebene, war bis vor wenigen Jahren hingegen vor allem als französischer Erinnerungsort identifiziert. Seit 2009 ist über den Trümmern der Festung neben der französischen auch die deutsche Fahne gehisst, zur Erinnerung an die Toten beider Länder, die über Monate um das Fort und den Douaumont, den Bergrücken über Verdun, gegeneinander kämpften.
Als stärkstes Werk des äußeren Festungsgürtels vor Verdun war das Fort zu Beginn der deutschen Offensive nur schwach besetzt, konnte überraschend am 25. Februar 1916 im Handstreich eingenommen werden und wurde erst nach verlustreichen Kämpfen am 24. Oktober 1916 von französischen Truppen zurückerobert. Insgesamt wurde das Fort im Ersten Weltkrieg von schätzungsweise 400 000 Granaten getroffen. Von den Deutschen war das Fort im Wesentlichen als Schutzraum genutzt worden. Bei einer Explosion in einem Munitionsdepot kamen im Mai 1916 etwa 900 Soldaten ums Leben, von denen 679 in einer zugemauerten Kasematte »bestattet« sind, da das Sperrfeuer ihre Beerdigung unmöglich machte. In dieser Deutschen Kapelle wird den eingemauerten Toten bis heute von offizieller wie privater Seite regelmäßig mit Kranzniederlegungen gedacht.
Wie an allen Stationen der Exkursion deutlich wurde, sind die Erinnerungskulturen in Belgien und Nordfrankreich von den Reiseteilnehmerinnen und -teilnehmern als enorm vielschichtig erlebt worden. Neben den nationalen Großerzählungen vom Ersten Weltkrieg, akademischen oder bewusst emotionalisierenden Herangehensweisen in den großen Häusern der musealen Vermittlung, stehen Erinnerungskonzepte und -erscheinungen, die stiller oder auch, im Gegenteil, in ihrer Ritualisierung am Ende profaner wirken. Als Orte des Andenkens an die militärischen Opfer des Krieges bildet die äußerst bedrückende Zahl der Soldatenfriedhöfe in ihrer sepulkralen Ästhetik hier die eine Seite.
Daneben scheint aber vor allem der »authentische Ort«, der »auratische Ort« des Schlachtfeldes auf den ersten Blick dazu angetan zu sein, (populär-)sakralisierende oder zeremonialisierende Erinnerungsformen zu bestärken, wie sie etwa in Ypern zum »Last Post« unter dem Menenpoort täglich stattfinden. Dass sich jenseits ritualisierter oder von offizieller Seite erinnerungspolitisch initiierter kollektiver Erinnerungskulturen auch das profane Gedächtnis etabliert findet, zeigte nicht zuletzt eine Begegnung mit Teilnehmern einer »Reenactment«-Gruppe, die sich – gekleidet und ausgestattet mit deutschen Uniformen und Ausrüstungsgegenständen eines Heer-Soldaten der kaiserlichen Armee – am 22. Februar 2013 aufmachte, durch einen Aufmarsch vor dem Ossouaire de Douaumont des Beginnes der Schlacht um Verdun vom 21. Februar 1916 zu gedenken.
Mit der Exkursion zu Museen und Gedenkorten in Belgien und Nordfrankreich wurde der Reisegruppe ein breites Panorama an erinnerungspolitischen und -kulturellen Verarbeitungs- und Darstellungsweisen der Geschichte des Ersten Weltkrieges in den beiden Ländern vorgestellt. Dabei wurde entlang der zahlreichen Stationen in beiden Ländern deutlich, dass die besuchten Institutionen, Gedenkorte, Monumente und inszenierten Überreste in ihrer lokalen Einbettung jeweils Teil einer komplexen Erinnerungslandschaft sind – im geographischen wie mentalen Sinne. Als Schauplatz des Krieges von 1914 bis 1918 wurden weite Landstriche Frankreichs und Belgiens wiederholt nahezu vollständig zerstört, Kleinstädte, landwirtschaftliche Strukturen – das zivile Leben – in Flandern, an der Somme, der Marne und vor Verdun von Wellen kriegerischer Verheerungen gleichsam überrollt oder durch bisweilen monatelange Kämpfe vollständig ausgelöscht. Der »Große Krieg« war gleichsam »vor Ort«, hat Spuren hinterlassen, sich in lokale Familiengeschichte eingeschrieben und das Gesicht von Regionen bis heute verändert. Diese Präsenz des Krieges, die Schauplätze als »authentische Orte«, bedingen auch heute das Wesen der Erinnerungskultur in Belgien und Frankreich. Dies mag ein Grund dafür sein, dass der Erste Weltkrieg in der bundesdeutschen Erinnerungslandschaft – insbesondere in seiner offiziellen Lesart – einen vergleichsweise geringen Raum einnimmt, der überdies durch die Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und der Schoa sowie deren Darstellung und Vermittlung in Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Bildungsangeboten in Deutschland überschrieben ist.
Neben der geographischen Eingebundenheit der erinnerungskulturellen Konjunkturen in Belgien und Frankreich, auf deren Boden, anders als in Deutschland, der Erste Weltkrieg stattgefunden und (musealisierbare) Spuren hinterlassen hat, spielt nicht nur der Kriegsschauplatz eine gewichtige Rolle in der unterschiedlichen Verarbeitung des Ersten Weltkrieges. Vielmehr scheint es gerade auch bedeutsam, wie der Krieg – von seinem Anfang wie von seinem Ende aus gedacht – in der jeweiligen nationalen Erinnerungserzählung eingeordnet wird. Hier mag es entscheidend sein, dass in Frankreich und Belgien der Perspektive auf den Krieg vor allem auch der Blickwinkel der »Überfallenen« und »Angegriffenen«, aber auch die Wahrnehmung der »Sieger« innewohnt, bisweilen selbst dann, wenn sie sich mit dem Anspruch eines internationalen oder grenzüberschreitenden Blickes der überlieferten Objekte annimmt. So spiegelt sich nach den während der Exkursion gewonnenen Eindrücke häufig wider, was George L. Mosse als Unterschied zwischen »Sieger-« und »Verlierernationen« beschrieben hat:[2] eine umso scharfkantigere Abgrenzung in ein »Wir« und ein »die Anderen«, insbesondere dort, wo es um kollektivierende Prozesse oder Zusammenhänge geht (zu nennen sei hier z.B. die Darstellung des »Schützengrabens« und der »Schützengrabengemeinschaft« im Musée de la Grande Guerre du Pays de Meaux). Was Mosse für die Nachkriegszeit veranschaulicht, hat möglicherweise nachhaltige Konsequenzen für den Charakter auch der heutigen, seit den 1920er Jahren gewachsenen Erinnerungslandschaft in Belgien und Nordfrankreich: Nicht der Krieg an sich, dafür aber die verteidigende Teilnahme am Krieg sowie der Sieg sind sinnstiftend. Die Gedenk- und Erinnerungsorte kennzeichnen insofern Gemeinschaft und Vergemeinschaftungsprozesse (Nation Building). Offen muss bleiben, inwiefern die Niederlage des Deutschen Kaiserreiches mitsamt der alsbald ›wirksam‹ ins Werk gesetzten »Dolchstoßlegende« eine kollektivierende Form des Erinnerns an den Ersten Weltkrieg gehemmt hat. Oder (wie etwa mit Blick auf den Soldatenfriedhof von Langemarck deutlich werden kann) einen spezifischen Opferkult in den Mittelpunkt gestellt hat, wo Niederlage, Kriegsverwundung, Invalidität, Hunger und Tod den Krieg jeglicher Sinnhaftigkeit jenseits des »Opferganges« entkleiden.
Ausstellungen und Inszenierungen in den Museen und Gedenkorten, an denen dem biographischen, individualisierenden Moment breiter Raum in der Darstellung von Zusammenhängen zukommt, schaffen es womöglich – in der vergleichenden Betrachtung der einzelnen Stationen der Exkursion – am ehesten, Kategorien wie Nation oder auch Gender kritisch mit einzubeziehen. So stehen etwa im »In Flanders Fields Museum« Erzählungen zu britischen, deutschen, belgischen und französischen Soldaten in der Darstellung von beispielhaften Einzelschicksalen gleichwertig nebeneinander. Mit der offen kommunizierten Über-Inszenierung durch den Einsatz von Schauspielern und Schauspielerinnen werden dabei Emotionalisierungs- und Identifizierungs-Prozesse zwischen Besucherinnen und Besuchern und »Objekt« transparent
gemacht; die Visualisierung und Medialisierung scheint weniger manipulativ oder wird als Vermittlungs-Weg der Kritik zugänglich. Gleiches gilt, wenn die Ausstellung Krankenschwestern, Mütter, Ärzte, Soldaten, weibliche und männliche Zivilbevölkerung parallel in den Blick nimmt, wo es etwa um Kriegsverwundung geht. Ähnliches bleibt den Besucherinnen und Besuchern auch für das Besucherzentrum in Lijssenthoek in Erinnerung. Obwohl der Friedhof in erster Linie Gräberstätte für gefallene britische Soldaten ist, sind die hier vorgestellten Einzelbiographien oder individuellen Zeugnisse in erster Linie die von Soldaten, Krankenpflegenden oder Lazarett-Kräften, weniger die von Briten und Britinnen.
Weniger explizit sucht das Historial de la Grande Guerre die Einzelperson, das Einzelschicksal in seine Darstellung zu integrieren. Hier sind es vielmehr die Objekte einer »culture de guerre«, die durchgängig in dreiteiliger Perspektive – der deutschen, französischen und britischen – veranschaulichen, wie gleichförmig bzw. ihrem Wesen nach austauschbar die Feindbildstereotypien der Vorkriegszeit, der Hass der Kriegsjahre, die Techniken und Erscheinungen des Kriegs- und Überlebensgerätes im Schützengraben waren. Über die Gegenstände vermittelt sich hier der handelnde Mensch, der die Gegenstände erfunden, künstlerisch gestaltet, gebaut und schließlich benutzt hat. Nationalismen verblassen – selbst im Kontext des sehr intellektuellen, analytischen Vermittlungsweges des »stillen Museums« (Gerd Krumeich) von Péronne.[3]
Jenseits der Ausstellungsräumlichkeiten, seien sie in Belgien oder Nordfrankreich, spielen dennoch nationale Perspektiven eine enorme Rolle. So ist zu beobachten, dass sowohl in Belgien als auch in Nordfrankreich ein hauptsächlich von britischen Besucherinnen und Besuchern dominierter »battlefield tourism« die Erinnerungslandschaft der besuchten Regionen prägt (mit Ausnahme von Meaux, das offenbar weniger häufig als »authentischer Ort« wahrgenommen wird, möglicherweise auch aufgrund seiner Nähe zu Paris). Die »poppy flowers«, der rote Klatschmohn als Symbol für die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges in Belgien und Frankreich, scheinen allgegenwärtig. Wie stark britische Truppen vor allem an den Siegen an einzelnen Frontabschnitten beteiligt waren, mag dabei die Intensität bedingen, mit der heute der britischen Teilnahme am Ersten Weltkrieg gedacht wird. Flandern und die Somme sind hier eindeutig hervorzuheben. Dagegen ist Verdun ein vor allem französischer (bzw. französisch-deutscher) Erinnerungsort: vor Ort, in der offiziellen wie »privaten« Erinnerungskultur und im Weltkriegstourismus – wie auch als »lieu de mémoire« im Sinne Pierre Noras.[4]
Jenseits dieser Aspekte bleibt schließlich die – vielleicht lakonische – Beobachtung, dass der Erste Weltkrieg sowohl in Belgien als auch in Frankreich nicht zuletzt eine Ware, seine Erinnerungsorte, seien es Überreste, Monumente, Museen oder Schlachtfelder, Produkte auf dem Reisemarkt sind, die für den lokalen Tourismus in der Picardie, in Meaux, an der Meuse oder in direkter Nachbarschaft und Konkurrenz zur Nordsee und den Städten Gent und Brügge von großer Bedeutung sind.
Dennoch ist abschließend ebenso festzustellen, dass die besuchten Museen und Erinnerungsorte – wenngleich auch in höchst unterschiedlichem Maße – auf dem Weg zu einem europäischen Gedächtnis des Ersten Weltkriegs sind. Dies drückt sich nicht nur in der schon genannten Betonung und Darstellung biografischer und alltäglicher Perspektiven aus, sondern auch in einer Finalisierung der Ausstellungsbestrebungen und damit einer Universalisierung auf die Fragen eines europäischen Friedens, so etwa in Ypern aber auch in Peronne.
Die bundesrepublikanische Geschichts- und Erinnerungskultur ist weitgehend selbstbezüglich gruppiert um die Strukturen und Ergebnisse von Gewalt und Völkermorden im Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus um die DDR-Diktatur und die deutsche Teilung. Dies ist im Hinblick auf die begrenzten Aufträge und besonderen Anknüpfungspunkte einer lokalen und regionalen Erinnerungsarbeit und historisch-politischen Bildung zunächst legitim. Deshalb sollten die folgenden Thesen und Beobachtungen auch nicht als Aufforderung verstanden werden, sich im Horizont weltweiter und europäischer Strukturen und historischer Entwicklungsmuster als Gedenkstätte, als Bildungsstätte, als Museum oder als zivilgesellschaftliche Initiative etc. neu zu positionieren und infolgedessen zu überfordern. Es geht aber sehr wohl um die Beobachtung von langen Wellen oder Entwicklungslinien im 20. Jahrhundert, die die Geschichtsdeutungen und Erklärungen rahmen, durchdringen und sich an geeigneter Stelle auch im regionalen oder lokalen Raum auf kleinere Projekte herunterbrechen lassen.
Weiterhin anzumerken gilt es an dieser Stelle auch, dass im Rahmen der durchgeführten Exkursion und ihrer Erkenntnisse nur die Westfront ein Thema war, die ebenso bedeutenden Kriegshandlungen im Osten und Südosten Europas mit ihren historischen Folgen bleiben weiterhin eine Leerstelle. Begründen kann man diese Einseitigkeit der Betrachtungsperspektiven allenfalls mit der Nachbarschaft bzw. Nähe Nordrhein-Westfalens zu Belgien und Frankreich. Dennoch ist der Erste Weltkrieg mit seinen Folgen im Hinblick auf unsere Erinnerungskultur vor allem aus der europäischen Gesamtperspektive zu betrachten.
Der Erste Weltkrieg war der Auftakt einer nie zur Ruhe kommenden Geschichtsepoche, während derer Reiche zerfielen und Imperien neu begründet wurden, Nationen wieder bzw. neu erstanden, Kontinente geteilt wurden. Und er war mit seinen weitgehend fehlschlagenden Ordnungsvorschlägen zugleich das Treibmittel einer nie da gewesenen Gewaltentfesselung im Zweiten Weltkrieg. Insofern bedeutet das Ende des Ersten Weltkriegs nicht auch das Ende imperialer Konkurrenzen, sondern die Akzeleration und Verstärkung der diesen innewohnenden Antriebs- und Zerstörungskräfte. Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zerfielen weithin die imperialen Ansprüche und kolonialen Ambitionen europäischer Staaten und es setzte sich die – in der Regel ethnisch definierte – Nation als Normalfall von Staatlichkeit und Herrschaft durch.[5] Nur die USA und die Sowjetunion bildeten für ca. 50 Jahre noch Imperien, die im Kalten Krieg eine vergleichsweise übersichtliche Machtkonkurrenz ausübten.
Insofern stellt die Zwischenkriegszeit ein Laboratorium für vielfältige ideologische und politische Suchbewegungen dar, unter denen die politisch riskanten Programmatiken überwogen und sich – gepaart mit politischem Dezisionismus – auch großenteils durchsetzten. Wo in Europa nach 1918 Demokratien neu installiert wurden, war ihnen mit Ausnahme der Tschechoslowakei keine lange Existenz beschieden. Liberale Demokratien konnten sich nicht behaupten und wurden in ihrer Substanz, etwa in der Frage des politischen Pluralismus, nicht begriffen. Es dominierten autoritäre und diktatorische Regime, die gekennzeichnet waren von einer Mischung aus Massenmobilisierung, inneren Ausgrenzungsmechanismen und europäischen Neuordnungsansprüchen.
Zu den besonderen Einflussfaktoren auf solche Herrschaftsansätze zählten – insbesondere in Deutschland, Österreich und Ungarn – die Deutungen des Ersten Weltkriegs. Aufgrund der Niederlage und ihrer Folgen war eine Heroisierung und positive Sinnbildung zunächst erschwert. Erst im Laufe der Jahre vollzog sich in den Diskursen und politischen Programmbildungen eine Okkupation und Umwertung des Gedenkens: von der Sinnlosigkeit angesichts der Niederlage zum vorbereitenden neuen Sinn. Diese Sinnbildungsprozesse betrafen nicht nur die äußerst rechten Kreise und Gruppen in der politischen Kultur der Weimarer Republik, sondern ergriffen fast alle Strömungen und Milieus.
Der Erste Weltkrieg hatte allerdings für die politischen und ideologischen Initiativen des Nationalsozialismus immer eine besondere, eine zentrale Bedeutung. Es führen sowohl individuelle und kollektive Erinnerungsbrücken und -tunnel wie auch die zentralen Bausteine und Normwelten künftiger Ordnungsvorstellungen vom Ersten Weltkrieg zum Nationalsozialismus. Dabei spielt auch der generationelle Erfahrungsraum eine wichtige Rolle.[6] Sowohl für die »Generation des Unbedingten« (Michael Wildt), die Gruppe der Anfang des Jahrhunderts Geborenen also, die den Ersten Weltkrieg noch bewusst erlebten, aber nicht mehr als Soldaten eingreifen konnten und damit das Fronterlebnis nicht teilen ›durften‹, als auch für die Hitlerjugend-Generation entwickelte sich die immer stärker für die nationalsozialistische Mobilisierung der Bevölkerung inszenierte Weltkriegserzählung zum Ansporn und zum Auftrag, sich in einen neuen Krieg zu involvieren.
Aber nicht nur der Nationalsozialismus ist als Fluchtpunkt in der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg geeignet. Der Krieg verkörpert auch eine umfassende Modernisierungs- und Verwandlungszone, in der neue militärische und zivile Technologien und Produktionsmethoden entwickelt wurden, die die Ökonomie und das gesellschaftliche Leben umfassend revolutionierten. Es setzte eine Entgrenzung aller materiellen und ideellen Produktivkräfte ein, die zur Totalisierung des Krieges nach innen und nach außen führte.
Schließlich wären auch die mannigfachen Reaktionen in der Kunst, der Literatur, dem Theater, dem Film, die in der Regel auch eine ästhetische Revolution bedeuteten, ein lohnendes Sujet. Hier sind als Antwort auf die krisenhaften Erscheinungen der Moderne künstlerische Aufbrüche und Erkundungen aufgeboten worden, die das 20. Jahrhundert nachhaltig geprägt haben.
Das Herunterbrechen solcher Makrostrukturen in die Alltagspraxis von Gedenkstätten, Museen und Bildungsstätten kann nur praktiziert werden, indem man nach konkreten Anschlussmöglichkeiten und lokalen Passungen sucht. Diese sind aus unserer Sicht durchaus zahlreich gegeben. Dazu können hier nur einige wenige Hinweise gegeben werden.
In NRW sind lokale und regionale Thematisierungsmöglichkeiten nicht nur durch die direkte Nachbarschaft zu Belgien gegeben. Mit Rheinischer Republik, Ruhrbesetzung und Ruhrkampf im Kontext von Reparationen und Weimarer Dauerkrise fand der Krieg beispielsweise Ausweitungen in die 1920er Jahre hinein und verknüpfte sich mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgeproblemen. Im lokalen Raum finden sich nach wie vor auch etliche Erinnerungsorte (etwa Weltkriegsdenkmale), mit denen eine Auseinandersetzung reizvoll ist. Zu fragen wäre, wie in der Region oder der Stadt in den 1920er und 30er Jahren politische und ästhetische Auseinandersetzungen mit den Weltkriegserfahrungen stattgefunden haben.
Ebenfalls beachtenswert sind biografische und generationelle Ansätze. Unbestritten ist die Bedeutung des Weltkriegserlebnisses in seinen verschiedenen Facetten für die Generationen und Personen, die das nationalsozialistische Herrschaftsprojekt mit seinen verschiedenen Handlungsdimensionen und Verbrechensschichten wesentlich vorangetragen haben. In der Umkehr sollte aber auch wieder nach gegenstrebigen
Aktionen und Personen gefragt werden, die schon in den 1920er und 30er Jahren das Gebot eines dauerhaften Friedens und einer europäischen Versöhnung projektierten. Hier wird die eigentliche zivilisatorische und demokratische Aufgabe in der Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkriegs sichtbar, die eine Universalisierung nationaler Perspektiven wie eine Dekonstruktion nationaler Mythen erforderlich macht: Die
Sicherung eines europäischen Friedens, die mit den europäischen Verträgen in den 1950er Jahren begann, 1989/90 im Grunde erst in eine entscheidende Herausforderung überging und sich dennoch heute wieder in der Krise befindet.
Dr. phil. Paul Ciupke, und Diplompädagoge, Mitglied des Leitungsteams im Bildungswerk der Humanistischen Union NRW in Essen.
Anke Hoffstadt, Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Frank Sparing, Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
[1] Initiiert und weitgehend finanziert wurde das Projekt von der Landeszentrale für politische Bildung in Nordrhein-Westfalen.
[2] George L. Mosse: Gefallen für das Vaterland. Nationales Heldentum und namenloses Sterben, Stuttgart 1993.
[3] Zu einem vergleichenden Bblick u. a. auf die Museen in Péronne und Ypern siehe Thomas Thiemeyer: Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum, Paderborn 2010.
[4] Zu Noras Konzept der »lieux de mémoire« siehe etwa einführend ders.: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Frankfurt a. Main 1998, das Teile des dreibändigen Sammelwerkes zu den Erinnerungsorten Frankreichs in einführender Auswahl enthält. ausführlicher siehe: Pierre Nora (hg.): les lieux de mémoire, bd. 1–3, Paris 1984–1992, gekürzt dt.: Erinnerungsorte Frankreichs, München 2005.
[5] Siehe dazu auch Lutz Raphael: Imperiale Gewalt und mobilisierte Nation. Ein Deutungsmuster für die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Mittelweg 36, 21. Jg. Dezember 2012/Januar 2013, S. 5–22.