Im Rahmen des von der Stiftung Jugendmarke und dem Land Niedersachsen geförderten Projektes »Konzeption des Einsatzes Neuer Medien in der Gedenkstättenarbeit mit Jugendlichen« hat die Gedenkstätte KZ Moringen im November des vergangenen Jahres eine Fragebogenerhebung zum Einsatz Neuer Medien in Gedenkstätten durchgeführt. Über die Ergebnisse dieser Untersuchung möchten wir im folgenden berichten.
In der Öffentlichkeit findet gegenwärtig eine intensive Auseinandersetzung zum Thema Neue Medien statt. Auch in Gedenkstätten wird der Einsatz von Multimedia-Anwendungen diskutiert. Gerade unter der Berücksichtigung der Zielgruppe Jugendliche erscheint eine mediale Vermittlungsform wünschenswert, die sich an den Rezeptionsgewohnheiten der jüngeren Generation orientiert. Diese Überlegungen führten in der Gedenkstätte KZ Moringen zur Einrichtung des oben erwähnten Projektes. Hinzu kommt, daß sich von der Geschichte des ehemaligen Moringer Jugendkonzentrationslagers (1940–1945) gerade Jugendliche und Heranwachsende besonders angesprochen fühlen, im besonderen jene Jugendlichen, die heute soziale Benachteiligung und Ausgrenzung erfahren. Insgesamt machen Jugendliche in Moringen 80% der Besucher aus. Das Moringer Projekt besteht aus zwei Teilen: einem mehr grundsätzlichen, in welchem der Einsatz Neuer Medien in der Gedenkstättenarbeit (im besonderen mit Jugendlichen) unter (gedenkstätten-)pädagogischen und museumsdidaktischen Gesichtspunkten problematisiert wird und einem zweiten Teil, in dem die Einrichtung einer sogenannten »Touchscreen-Station« zur Topographie der Lager erfolgt.
Verschiedene Gedenkstätten verfügen bereits über entsprechende multimediale Anwendungen oder befinden sich zur Zeit im Planungsstadium. Mit unserer Erhebung wollen wir zum einen eine Art Bestandsaufnahme vorhandener Multimedia-Anwendungen vornehmen und zum anderen die gesammelten Erfahrungen in bezug auf Realisierung und Besucher-Resonanz ermitteln. Darüber hinaus geht es auch darum, Einstellungen, Vorbehalte und Erwartungen an den Einsatz multimedialer Anwendungen in der Gedenkstättenarbeit zu erfragen. Ebenso sind wir daran interessiert, über geplante Projekte zu erfahren, um auf diese Weise Aussagen über einen möglichen Entwicklungstrend treffen zu können. Und vielleicht können ja die hier zusammengetragenen Daten und Informationen jenen Einrichtungen helfen, die sich ebenfalls mit dem Gedanken an eine Multimedia-Anwendung tragen.
Insgesamt haben wir 76 bundesdeutsche sowie zwei österreichische Einrichtungen angeschrieben. Neben den Gedenkstätten wurden auch einige jüdische Museen und andere vergleichbare Einrichtungen in die Untersuchung miteinbezogen. Von den angeschriebenen Einrichtungen haben uns 40 geantwortet, einige sehr ausführlich. Dies entspricht einer Rücklaufquote von über 51%. Jenen, die sich die Mühe gemacht haben, den Fragebogen zu beantworten, sei an dieser Stelle sehr herzlich für ihre Mitarbeit gedankt.
Zwar gilt unser Hauptaugenmerk dem Einsatz der Neuen Medien, doch war ein Teil der Fragen auch auf den Einsatz der traditionellen Medien wie Dia, Audio, Video und Film gerichtet. Wir wollen wissen, mit welchen dieser Medien gearbeitet wird und bei welcher Gelegenheit sie eingesetzt werden. Hier zeigen die Antworten deutlich – was freilich nicht verwundert –, daß sie in den meisten Einrichtungen intensiv genutzt werden. Allerdings gibt es auch noch eine große Zahl von Gedenkstätten, in denen der Einsatz von Medien allgemein sich erst im Aufbau befindet.
Führend unter den traditionellen Medien ist der Bereich Video und Film, gefolgt vom Dia und Audio-Bereich. 34 von 40 Einrichtungen geben beispielsweise an, Videos einzusetzen. Filme und Videos, so der Eindruck, kommen sowohl Gruppen als auch Einzelbesuchern zugute. Sie werden in erster Linie außerhalb der regulären Ausstellung bei Sonderveranstaltungen, bei Führungen von Gruppen oder zur Einführung vor dem Besuch der Ausstellung oder des Geländes gezeigt. Auch dem integrierten Einsatz innerhalb der Ausstellung kommt eine gewisse Bedeutung zu. Bei den eingesetzten Filmtypen handelt es sich zu beinahe gleichen Teilen um längere Filme aus einem anderen Kontext (beispielsweise Fernsehproduktionen), um Ausschnitte aus historischem Material sowie um eigens für die Gedenkstätte produzierte Filme oder Filmsequenzen. Acht Gedenkstätten verfügen sogar über eigene Verkaufsfilme. Noch unterstrichen wird die besondere Position des Mediums Film durch die Tatsache, daß 24 Einrichtungen angeben, über eine eigene Videothek zu verfügen.
Doch wie vollzieht sich die Nutzung von Film und Video durch die Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätten? Können sie selbst entscheiden, was sie sehen wollen? In den meisten Gedenkstätten (25 von 40) werden Filme nach Vereinbarung bzw. zu festen Terminen gezeigt. In dreizehn Gedenkstätten besteht die Möglichkeit, daß Besucher einen Film oder ein Videoband per Knopfdruck in Gang setzen können. In weiteren sechs Einrichtungen gibt es Dauerprojektionen (Endlosschleifen) und in zweien werden Filme durch eine Lichtschranke ausgelöst. An dieser Stelle bleibt also festzuhalten, daß eine individuelle Nutzung des Mediums Film bzw. Video nur sehr eingeschränkt gegeben ist. Nicht der Besucher entscheidet darüber, was er sehen kann, sondern ein Programm oder Ablaufplan.
Etwas anders stellt sich die Situation im Bereich Audio und Dia dar. Es fällt auf, daß die Besucher bei diesen Medien häufiger selbst Auswahl und Reihenfolge bestimmen können. Erstaunlich ist allerdings, daß sie sehr viel seltener eingesetzt werden als Film und Video (etwa um ein Drittel). Beim Dia mag dieser Umstand nicht unbedingt überraschen, schließlich sind Photos in der Regel flexibler einsetzbar als Dias. Lediglich neun Gedenkstätten geben hingegen an, in ihrer Ausstellung Hörbeispiele zu präsentieren. Entsprechend verfügen auch nur zwölf Gedenkstätten über eine Audiothek.
Wie bereits oben erwähnt, werden in einigen Gedenkstätten längst Neue Medien eingesetzt. Hierbei handelt es sich um technische Umsetzungen wie Points of Information bzw. Touchscreen-Stations, aber auch um Computer mit spezieller CD-ROM, die über Tastatur oder Maus bedient werden können. Am weitesten verbreitet ist z.Z. die eigene Homepage oder zumindest eine Präsentation der eigenen Einrichtung auf der Homepage einer anderen, vielleicht ›übergeordneten‹ Institution, etwa einer Landeszentrale für politische Bildung.
15 Gedenkstätten geben an, über eine eigene Internet-Adresse zu verfügen. Hier einige Beispiele: Der Internet-Eintrag der KZ-Gedenkstätte Dachau bietet nach eigenen Angaben eine kurze Zusammenfassung der Geschichte des Lagers mit einigen wenigen beispielhaften Bildern und Zitaten von Überlebenden. Er umfaßt die Bereiche »der Lageplan«, »der Beginn«, »die Häftlinge«, »Sklavenarbeit im KZ«, »Leiden und Sterben der Häftlinge« sowie »die letzten Monate und die Befreiung«. Darüber hinaus enthält die Homepage einen Abschnitt mit Angaben zu Öffnungszeiten, Anfahrtswegen und Führungsmöglichkeiten.
Die Homepage der KZ-Grab- und Gedenkstätte Flossenbürg enthält eine Einführung in die Geschichte des KZ und zeigt das Erscheinungsbild der Gedenkstätte. Außerdem werden spezielle Besucherhinweise und Informationen über weitere Kontaktmöglichkeiten angeboten. Sogar Literaturbestellungen können vorgenommen werden. Die Homepage der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte vermittelt einen textlichen Eindruck über Aufgaben und Angebot der Gedenkstätte, der durch optische Informationen ergänzt wird. Zusätzlich ist ein Verzeichnis der Publikationen abrufbar und eine Liste mit aktuellen Veranstaltungsterminen.
Ein besonderer Reiz des World Wide Web besteht darin, sogenannte Links, also Verbindungen zu anderen Web-Seiten setzen zu können. Von dieser Möglichkeit machen die bundesdeutschen Gedenkstätten allerdings kaum Gebrauch. Die Homepage vom DIZ Emslandlager, die nach eigenen Angaben Links zu Gedenkstätten im In- und Ausland enthält, stellt hier eine erfreuliche Ausnahme dar, genauso wie jene der Gedenkstätte Flossenbürg, die nach eigenen Angaben Links zu den bereits im Netz befindlichen bundesdeutschen Gedenkstätten enthält. Insgesamt geben lediglich fünf Einrichtungen an, daß ihre Homepages Links zu anderen Gedenkstätten bzw. Forschungseinrichtungen enthalten.
Darüber hinaus gibt es einige, wenn auch nur wenige, weitere multimediale Anwendungen in bundesdeutschen Gedenkstätten. So verfügt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme über einen Computer, über den die Besucher Informationen über die »Außenanlagen« abrufen können. Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf hat innerhalb eines Sonderprojektes »Heines Geschwister. Aspekte jüdischen Lebens in Düsseldorf« eine CD-ROM zum Thema »Jüdische Kinder zwischen 1933 und 1945« entwickelt. In der Gedenkstätte Buchenwald existieren bereits mehrere multimediale Anwendungen. Neben der eigenen Homepage gibt es Touchscreen-Stations und Computer mit einer speziellen CD-ROM. Die Anwendungen enthalten ein lexikalisches Informationssystem zur Ausstellungsergänzung bzw. Zeitzeugenaussagen mit mehrsprachig gehaltenen Interviewpassagen, die deutsch untertitelt sind. Auch die Gedenkstätte Sachsenhausen hat eine eigene CD-ROM entwickelt. Ihr Thema ist der Häftlingsalltag im KZ-Sachsenhausen.
Als nächstes ergibt sich die Frage, in welchem inhaltlichen Bezug die Multimedia-Anwendung zur vorhandenen Ausstellung steht, ergänzt sie diese oder ist sie inhaltlich eigenständig? In Buchenwald wird das computergestützte Informationssystem als zusätzliche Information zur Ausstellung gesehen. Gleiches gilt für die Zeitzeugenaussagen, die als ergänzende Darstellung zu schwer dokumentierbaren Themen verstanden werden. In Neuengamme legt man großen Wert darauf, daß das neue Medium gleichberechtigt neben den traditionellen Medien steht. Es wird als Teil der Gesamtausstellung verstanden, in die es inhaltlich voll integriert ist. Die Möglichkeit, Informationen auf unterschiedlichen Ebenen anzuordnen, wie es bei multimedialen Medien gegeben ist, wird hier auch in der traditionellen Ausstellung angestrebt. Damit kommt es zu einer gewissen Angleichung der Möglichkeiten: »Auch im Verhältnis von ›Vorzeigen–Verstecken‹ gibt es keine fundamentalen Unterschiede mehr,« so der Neuengammer Begleittext zum Fragebogen, »da das Ausstellungssystem z.B. mit Mappen zum Blättern und Schubladen zum Aufziehen arbeitet und die Bild- und Text-Information tief staffelt.«
Auch im Hinblick auf die Homepages entsteht der Eindruck, daß ein inhaltlicher Bezug zur Ausstellung angestrebt wird, es sei denn, daß eine Ausstellung zum Zeitpunkt der Homepagegestaltung als überarbeitungsbedürftig erachtet wird und somit eine inhaltliche Bezugnahme wenig sinnvoll erscheint.
Der nächste Fragenkomplex bezieht sich auf den Bereich Konzeptionierung und Umsetzung der Multimedia-Anwendung. Wer sind die Beteiligten an diesem Prozeß? In den meisten Fällen wurde die inhaltliche Gestaltung von Seiten der Gedenkstätte vorgenommen, hingegen die technische Umsetzung an eine Computer- bzw. Produktionsfirma vergeben, der meist auch die optische Gestaltung der Anwendung oblag. Günstig erwies sich in einigen Fällen auch der Kontakt zu öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten oder Rechenzentren. Die Arbeit an einigen Homepages erfolgte oftmals neben dem »normalen Dienstbetrieb«. Einige Einrichtungen hatten das Glück, daß computerbegeisterte Mitarbeiter oder außerhalb der Gedenkstätte stehende ›Helfer‹ sich an der technischen Umsetzung beteiligten. Für eine erfolgreiche technische Umsetzung, auch dies machen die Antworten deutlich, ist ein intensiver Austausch und eine gute Koordination zwischen den am Projekt beteiligten Partnern notwendige Voraussetzung. Die Frage, ob das Produkt den Erwartungen entspricht, wurde nicht von allen Einrichtungen beantwortet. Doch an den wenigen Antworten läßt sich ablesen, daß die Erwartungen eher befriedigt werden, wenn die oben beschriebene Kommunikation zwischen jenen, die für den Inhalt und denen, die für die optische Gestaltung und die technische Umsetzung des Projekts verantwortlich sind, gut funktioniert.
Noch zurückhaltender wurde erwartungsgemäß die Frage nach den Kosten für die Multimedia-Anwendung beantwortet. Deutlich wurde hier allerdings, daß einige Einrichtungen sehr von einem privaten oder auch dem persönlichen Engagement ihrer Mitarbeiter profitiert haben. Zwei Gedenkstätten legten die Kostenseite ihrer Projekte offen. Zum einen die Gedenkstätte Buchenwald: Für ihre oben beschriebenen Anwendungen lagen die Kosten bei ca. 180000 DM. Davon entfielen 150000 DM auf die beiden Informationssysteme mit Zeitzeugenaussagen. Dieses Projekt wurde komplett extern vergeben. Die Kosten für das lexikalische Informationssystem waren sehr viel geringer, da der Inhalt zum größten Teil durch die Mitarbeiter der Gedenkstätte erarbeitet worden war. Kostendämpfend habe sich auch ausgewirkt, daß kein historisches Filmmaterial verwendet wurde und somit auch keine Fremdarchivrechte abgegolten werden mußten. Mit ca. 12000 DM bezifferte die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf die Kosten für die reine Installation ihrer CD-ROM.
Fragen wir schließlich nach den Erfahrungen mit den Multimedia-Anwendungen und nach ihrer Akzeptanz durch die Besucherinnen und Besucher. Die Nutzer, dies wird deutlich, sind in erster Linie Jugendliche und junge Erwachsene. Älteren Menschen, so der Eindruck, fällt der Zugang zu den Neuen Medien etwas schwerer. So berichtet beispielsweise die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, daß ihre CD-ROM von Jugendlichen sehr gut angenommen wird, sich hingegen Erwachsene dem neuen Medium gegenüber eher zurückhaltend verhalten. In der Gedenkstätte Neuengamme entstehen Probleme im Zusammenhang mit der Computer-Anwendung auf einer anderen Ebene. Hier erwies sich im Alltagsbetrieb die Akustik als Störgröße. Aber auch bei der Integration von Medien in die Präsentation werden Probleme wahrgenommen und wie folgt skizziert: »Ablenkung, andere Ästhetik, besondere Lichtverhältnisse, Gerätebedienbarkeit.« Die entsprechenden Beobachtungen aus Buchenwald spiegeln die Erfahrungen wider, wie sie auch Museen in diesem Zusammenhang machen: nämlich, daß eine zurückhaltende Präsentation und die Einbindung in ein Museums-Gesamtkonzept für den Erfolg einer Multimedia-Anwendung unabdingbar sind.
Bezogen auf Homepages steuert die Gedenkstätte Flossenbürg, die zudem mit der Akzeptanz ihres Internet-Eintrages sehr zufrieden ist, wichtige Erfahrungen bei. Einmal die Feststellung, daß vor allem für »überseeische User« die websites eine wichtige Informationsquelle darstellen und es deshalb geboten sei, das Textangebot auch in englischer Sprache bereitzustellen, wozu sie selbst leider noch nicht gekommen seien. Bedrückend sei allerdings, daß die relative Anonymität des Netzes eine steigende Zahl von e-mails mit revanchistischem bis faschistischem Inhalt mit sich bringt. Problematisch sei ebenfalls, daß die ständigen Aktualisierungen der Homepage viel (Arbeits-) Zeit beanspruchten.
Ein letztes Wort zum Thema Besucherakzeptanz. Eine Frage in diesem Zusammenhang lautete, ob in den jeweiligen Einrichtungen eine gesonderte Besuchererforschung erfolgt. Dies wurde ohne Ausnahme verneint. Auch die eher spärlichen Angaben zu den übrigen Fragen dieses Themenkomplexes deuten darauf hin, daß einer Erforschung des Besucherverhaltens in den angeschriebenen Einrichtungen nur eine relativ geringe Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Zum Bereich Multimedia gibt es auch eine Frage zum Einsatz Neuer Medien in der Archivierung. Sechs Einrichtungen geben an, auch in diesem Bereich auf neue Technologien zu setzen. So arbeitet beispielsweise die Gedenkstätte Neuengamme auch mit Bilddateien. In der Gedenkstätte Dachau wird ein Netzwerk mit Server und Einzelplatzrechnern eingesetzt und ebenfalls ein elektronisches Text- und Bildarchivierungsprogramm mit Scanner. Auch in Flossenbürg wird die Digitalisierung von Photographien betrieben. Die Gedenkstätte Oberer Kuhberg arbeitet bei der Archivierung mit dem Macintosh-Programm Filemaker. Diese Anwendung ist auch für Archivbenutzer der Gedenkstätte zugänglich. Ebenfalls steht auch die Datenbank vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg für Archivbenutzer zur Verfügung.
In Buchenwald gibt es u.a. eine computergestützte Erfassung der Häftlingsnummernkartei. Die einzelnen Dokumente werden hier als Bildinformation abgespeichert, um auf diese Weise die Komplexität des Originaldokumentes wie handschriftliche Randbemerkungen und Zeichen oder unterschiedliche Stempel für spezielle Ereignisse besser erfassen zu können. Zusätzlich zur optischen Erfassung werden die Daten auch in eine Datenbank übertragen. »Durch die Kombination von Bildinformation und Datenbankeintrag wird ein authentischer Quellennachweis für alle Datenbankinformationen erbracht«, schreibt Jens Vehlhaber von der Gedenkstätte Buchenwald. Damit sei die Datenbank als eine echte Alternative zu derzeit verwendeten Mikrofilmsystemen anzusehen. Als Vorteile nennt Vehlhaber a) die Möglichkeit des parallelen Datenzugriffs von mehreren Arbeitsstationen, b) die Möglichkeit der einfachen Erstellung von Dokumentenkopien (ohne teure Spezialhardware) über Drucker und c) die Gewährleistung einer sicheren und verschleißarmen Lagerung und Benutzung der Datenträger.
»Nach Abschluß der Arbeiten«, resümiert Vehlhaber, »verfügt die Gedenkstätte [Buchenwald] über ein Fundament für ihre Tätigkeit. Da das Gedenken als Form der Erinnerung an KZ-Gedenkstätten personenbezogen dargestellt werden sollte, ist eine vollständige Übersicht für Forschung und Dokumentation unverzichtbar. So ist unter anderem erstmals auch die Erstellung eines Totenbuches für das Konzentrationslager Buchenwald möglich. Auch die Beantwortung von Anfragen ehemaliger Häftlinge oder deren Angehörige ist so in einer deutlich kürzeren Bearbeitungszeit möglich.« Bleibt noch zu erwähnen, daß es sich bei dem verwendeten Datenbankprogramm um das vom Göttinger Historiker Manfred Thaller in Zusammenarbeit mit mehreren europäischen Forschungsinstitutionen entwickelte Programmpaket Kleio handelt. Dieses steht im übrigen wissenschaftlichen (nicht kommerziellen) Anwendern kostenlos zur Verfügung.
Nachdem wir eine Übersicht bereits vorhandener multimedialer Anwendungen in den angeschriebenen Einrichtungen erhalten haben und eine erste Bilanz der bei ihrem Einsatz gesammelten Erfahrungen ziehen konnten, sind wir nun an einem genaueren Meinungsbild zum Thema Neue Medien und Gedenkstätten interessiert. Entsprechend lautet eine Frage: »Worin sehen Sie die Vorteile oder Nachteile von Multimedia-Anwendungen in der Gedenkstättenarbeit?« Kaum eine andere Frage wurde so eingehend beantwortet wie diese. Einigkeit besteht unter anderem darüber, daß die Neuen Medien auf keinen Fall die traditionellen Medien überflüssig machen werden. Auch wenn im Einzelfall vielleicht einmal Lösungen möglich sein können, die eine klare Überlegenheit gegenüber einem traditionellen Medium zeigen werden. Frank Jürgensen aus Neuengamme nennt in diesem Zusammenhang das Beispiel Diapositive, deren Qualität in der Auflösung bislang von einer Computerkamera nicht erreicht wird. Von eher praktischen Gesichtspunkten ist denn auch Jürgensens Resümee der Nachteile multimedialer Anwendungen geleitet: »Für Installation und Wartung müssen die Grundkenntnisse höher sein, die Möglichkeit, durch Eigenreparatur etwas zu regeln, nimmt ab, die Betriebsdauer scheint weit höher zu liegen, [...] die Anfälligkeit und Abnutzung geringer zu werden.«
Die Vorbehalte gegenüber dem Einsatz Neuer Medien lassen sich in einigen Punkten zusammenfassen. Ein erster Kritikpunkt bezieht sich auf die Kostenseite. Viele Einrichtungen sind der Ansicht, daß entsprechende Anwendungen zu teuer seien und damit für sie nicht realisierbar. Auch personell sehen sich etliche Gedenkstätten nicht in der Lage, eine Multimedia-Anwendung einzurichten.
Eine ebenfalls häufig vorgebrachte Kritik findet sich auf einer anderen Ebene. Viele Gedenkstätten sehen die Gefahr eines Umgangs mit den Neuen Medien, der im wesentlichen geprägt sei durch den Reiz des schnellen »Zappens«. Auch wird die Befürchtung geäußert, daß auf diese Weise die Geduld zum Lesen eines vollständigen Textes, also beispielsweise eines Dokumentes, verloren gehe.
Andere Antworten zu der Frage nach den Nachteilen und Vorzügen multimedialer Technik beziehen sich auf die Eigenart der Institution Gedenkstätte. So schreibt die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, daß multimediale Anwendungen »kein Ersatz für traditionelle Gedenkstättenarbeit an authentischen Orten« sein können. Auch die Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V. will die Besonderheit des Ortes berücksichtigt wissen. Gleichzeitig wird dabei auf ein Dilemma in der Möglichkeit musealer Aufbereitung hingewiesen, nämlich, »...daß sich die Gedenk- und Dokumentationsarbeit zwar in einem musealen Rahmen bewegt, in dem allerdings aufgrund der Unmittelbarkeit der Geschichte Pietätsgefühle zu Recht einen hohen Stellenwert einnehmen. Dies spiegelt sich«, so Christian Mühldorfer von der Dokumentationsstätte Stalag 326 weiter, »allgemein darin wieder, daß bspw. museale Installationen nur – wenn überhaupt – sehr begrenzt möglich sind, so daß die Gefahr groß ist, sogenannte ›Bleiwüsten‹, also vor allem Flachwaren wie historische Dokumente breit zu präsentieren. Diesen traditionellen Konzepten der Gedenkstättenmethodik und -pädagogik stehen die veränderten Sehgewohnheiten vor allem der jüngeren Besucher gegenüber...«
Jörg Skriebeleit von der Gedenkstätte Flossenbürg faßt in seiner Stellungnahme die mit dem Einsatz Neuer Medien verbundenen Befürchtungen in Form von offenen Fragen pointiert zusammen: »Erschlägt die Informationsdichte nicht eher? Ist es für ungeübte Besucher möglich, sich die gewünschten Bereiche auch selbst zu erschließen? Verführen Computeranimationen nicht eher zur unreflektierten Spielerei? Läßt man sich als Gedenkstätteninsider nicht doch von einer virtuellen Darstellung zu sehr blenden? Verdrängt die pure Technikfaszination nicht das eigentliche Thema?«
Kommen wir zu den vermuteten Vorteilen multimedialer Anwendungen. Hier wird darauf verwiesen, daß mit den Neuen Medien vor allem junge Besucher angesprochen werden. Über ein ihnen vertrautes Medium sei es leichter, das inhaltliche Anliegen der Gedenkstätten zu vermitteln. Viele der geäußerten Anschauungen beziehen sich auf den Bereich Informationsaustausch und Außenwirkung. Antworten wie »schneller Abruf von Informationen und breitere Öffentlichkeitsarbeit« oder »schnellere Verfügbarkeit und Austausch [von Informationen]« bringen dies zum Ausdruck.
Die Präsentation einer Informationsfülle, die mit traditionellen Medien nicht erreicht werden könne, wird als ein Vorteil der Neuen Medien gewertet. Einen besonderen Reiz multimedialer Anwendungen sehen viele in der Verknüpfungsmöglichkeit von Text-, Ton- und Bildsequenzen. Auch die Möglichkeit, Informationen auf verschiedenen Ebenen zu staffeln und durch Querverweise miteinander zu verbinden, wird sehr positiv bewertet. So könne der Besucher selbst entscheiden, worüber und vor allem wie intensiv er sich informieren möchte. Dies sei eine Informationsbeschaffung im Sinne des assoziativen und selbstgesteuerten Lernens. Daneben sollten Neue Medien aber auch traditionelle Wege enthalten wie Personen-, Orts- oder Sachregister, Zeittafeln sowie Quellen- und Literaturverzeichnisse. Damit böte der Einsatz Neuer Medien sowohl die Möglichkeit einer ersten inhaltlichen Orientierung über ein Thema als auch die Möglichkeit einer vertiefenden Betrachtung. »Ein entsprechendes Angebot«, so die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, »bietet zudem die Basis für systematische Recherchen und intensive (Teil)Studien einzelner Themenbereiche, die durch eine Ausstellung oft nicht geleistet werden können oder auch nicht geleistet werden sollen.« Als Nutznießer solcher Anwendungen werden in erster Linie Einzelbesucher gesehen, die sich auf diesem Wege zusätzliche Informationen beschaffen können.
Als eine besonders wichtige Erweiterung des jeweiligen Informationsangebotes werden die Homepages betrachtet. Sie ermöglichen eine unmittelbare und ortsunabhängige Informationsbeschaffung. Hierzu noch einmal stellvertretend die Meinung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand: Homepages, so Ute Stepani, böten die Chance, Zielgruppen umfassender zu informieren, gar neue Zielgruppen zu erreichen: »Im globalen Informationspool können insbesondere Interessentinnen und Interessenten aus dem Ausland angesprochen werden, die oft nicht die Möglichkeit des Besuchs einer Gedenkstätte in Deutschland haben; ähnliches gilt für Schülerinnen und Schüler sowie für Studierende im Inland; besonders im Schulunterricht und in der außerschulischen politischen Bildungsarbeit werden ›Neue Medien‹ zunehmend eingesetzt und nachgefragt.«
Dieser Entwicklung stellen sich auch die bundesdeutschen Gedenkstätten. Eine große Zahl von ihnen plant für die nächste Zeit unterschiedliche Multimedia-Projekte. Insgesamt haben von den angeschriebenen Einrichtungen zehn mitgeteilt, daß sie 1998 oder 1999 eine eigene Homepage einrichten wollen. Darüber hinaus ist eine Reihe weiterer Anwendungen geplant. Hier eine Übersicht:
Bei ihrer Umgestaltung will die KZ-Gedenkstätte Dachau Wert legen auf den Einsatz multimedialer Gestaltungsmittel. Konkrete Projekte seien aber noch nicht zu nennen. In der Konzeptionsphase für eine Multimedia-Anwendung befindet sich auch die Gedenkstätte in der JVA-Wolfenbüttel. Die Gedenkstätte Mittelbau-Dora plant ein CD-ROM-Projekt und auch die Möglichkeit einer Computernutzung durch Besucher. Eine CD-ROM zur eigenen Basis-Ausstellung plant die Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Das CD-ROM-Projekt der Topographie des Terrors wird bereits Anfang dieses Jahres seinen Abschluß finden. Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma plant eine CD-ROM zur Ausstellung »Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma«. Die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf visiert eine inhaltliche und technische Erweiterung ihrer CD-ROM »Jüdische Kinder 1933–1945« an. Auch das Haus der Geschichte Baden-Württemberg beschäftigt sich mit der Planung einer multimedialen Anwendung. Ebenfalls arbeitet die Gedenkstätte Bergen-Belsen an einem gemeinsamen CD-ROM-Projekt mit der Gedenkstätte Sachsenhausen. Das Projekt einer Multimedia-Anwendung der Dokumentationsstätte Stalag 326 beschreibt Christian Mühldorfer-Vogt: »Konkret geplant ist die Errichtung des ›Informationszentrums Stalag 326‹. D.h. in einem benachbarten historischen Gebäude nahe der Dokumentationsstätte wird ein größerer Raum ›mediengemäß‹ umgebaut, u.a. sollen hier vier Computerterminals mit Touch-Screen-Monitoren (Point-of-Information-System, läuft auf MacIntosh) aufgestellt werden. Mit diesem System sollen sich die Besucher interaktiv mit den eingescannten Quellen (hist. Fotos und Dokumente) auseinandersetzen können, die zudem thematisch gegliedert sind.« Schließlich darf auch die Gedenkstätte KZ-Moringen erwähnt werden. Sie arbeitet – wie eingangs bereits erwähnt – an einer »Touchscreen-Station«, die den Besucher über das Gelände der ehemaligen Konzentrationslager informieren soll, das heute nicht mehr frei zugänglich ist. Abgesehen von den genannten Einrichtungen gibt es auch noch weitere Gedenkstätten, die sich mit dem Gedanken an ein Multimedia-Projekt tragen, so das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, die KZ-Grab- und Gedenkstätte Flossenbürg, die Gedenkstätte KZ Osthofen und die Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte.
Insgesamt ist die Reaktion auf die Neuen Medien seitens der Gedenkstätten positiv. Angesichts der Vielzahl von geplanten Multimedia-Projekten verwundert es denn auch nicht, daß unter den angeschriebenen Einrichtungen ein hoher Informationsbedarf zu dieser Thematik besteht. Eine große Zahl von Gedenkstätten (30 von 40) äußerte – z.T. mit Nachdruck – Interesse an einem gemeinsamen Erfahrungsaustausch.