In der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen ist am 21. April 2001 das Museum »Baracke 39« wiedereröffnet worden, in dem die neue Dauerausstellung »Der ›Alltag‹ der Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936 bis 1945« zu sehen ist. Zusammen mit der Ende 1997 eröffneten Dauerausstellung »Jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936 bis 1945« im benachbarten Museum »Baracke 38« stellt sie eine konzeptionelle und gestalterische Einheit dar. Die beiden »jüdischen Baracken« 38 und 39 im »Kleinen Lager«, in denen nach dem Novemberpogrom 1938 bis zu ihrer Deportation in die Vernichtungslager jüdische Häftlinge untergebracht waren, waren bei der Errichtung der »Nationalen Mahn- und Gedenkstätte« 1961 als »Museum der Leiden und des Widerstandskampfes des jüdischen Volkes« aus Originalteilen rekonstruiert worden. Bei einem antisemitisch motivierten Brandanschlag im September 1992 sind ein Flügel der Baracke 38 zerstört und die übrigen Gebäudeteile beschädigt worden. Nach umfangreichen Diskussionen und einem Symposium zum zukünftigen Umgang mit der Brandruine haben sich die Gremien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten für einen Museumsneubau anstelle des zerstörten Barackenflügels entschieden. Der Neubau entstand 1996/97 nach Plänen des Architektenbüros Braun, Voigt und Partner (Frankfurt a.M.); die beschädigte Baracke 39 wurde denkmalgerecht saniert, wobei Brandspuren an der Außenwand bewusst konserviert worden sind. Die inhaltliche Konzeption der Museen entstand im Zusammenhang mit dem dezentralen Ausstellungskonzept zur Sanierung und Neugestaltung der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, das an den authentischen Orten zehn kleinere Dauerausstellungen zu unterschiedlichen Aspekten des Konzentrationslagers Sachsenhausen sowie zur Geschichte des sowjetischen Speziallagers (1945– 1950) vorsieht.
Die ungewöhnlichste dieser ständigen Ausstellungen ist zweifellos diejenige zum »Häftlingsalltag« im Museum »Baracke 39«, weil sie sich an ein Thema heranwagt, das vielfältige Probleme aufwirft und dem nach unserer Kenntnis bislang keine KZ-Gedenkstätte eine eigene Ausstellung gewidmet hat. Die besondere Schwierigkeit besteht darin, den extremen Ausnahmezustand des Konzentrationslagers, in dem alle Koordinaten eines ›normalen‹ Alltages aufgehoben sind, mit musealen Mitteln darzustellen und einem heutigen Publikum nahezubringen. Die grundsätzliche Alterität des Lagers war gekennzeichnet durch die totale Herrschaft der SS, die für die Häftlinge völlige Entindividualisierung, permanente Willkür und allgegenwärtige Todesdrohung bedeutete. Die Lager waren »große experimentelle Labors« (Zygmunt Baumann), in denen die totalitäre und rassistische Diktatur ihr sozialdarwinistisches Menschen- und Gesellschaftsbild im Modellversuch erprobte und die Möglichkeiten und Grenzen einer totalen Beherrschung des Individuums testete.
Was dies für den einzelnen Menschen, der in dieses pervertierte Humanlabor geriet, bedeutete, hat Eugen Kogon aus eigener Erfahrung beschrieben: Danach war ein Konzentrationslager eine »Welt für sich, ein Staat für sich; eine Ordnung ohne Recht, in die der Mensch geworfen wurde, der nun mit allen seinen Tugenden und Lastern – mehr Lastern als Tugenden – um die nackte Existenz und das bloße Überdauern kämpfte. Gegen die SS allein? Beileibe nicht; genau so, ja noch mehr gegen seine eigenen Mitgefangenen! Das Ganze hinter den eisernen Gitterstangen einer terroristischen Disziplin ein Dschungel der Verwilderung, in den von außen hineingeschossen, aus dem zum Erhängen herausgeholt, in dem vergiftet, vergast, erschlagen, zu Tode gequält, um Leben, Einfluss und Macht intrigiert, um materielle Besserstellung gekämpft, geschwindelt und betrogen wurde, neue Klassen und Schichten sich bildeten – Prominente, Parvenüs und Parias innerhalb der Reihen der Sklaven –, wo die Bewusstseinsinhalte sich wandelten, die sittlichen Wertmaßstäbe bis zum Zerbrechen sich bogen, Orgien begangen und Messen gefeiert, Treue gehalten, Liebe erwiesen und Hass gegeifert, kurzum die tragoedia humana in absonderlichster Weise exemplifiziert wurde.«*
Bei der Darstellung dieser »tragoedia humana« versagen die klassischen musealen Mittel, nicht zuletzt, weil den präsentierbaren Artefakten des Lageralltages das eignet, was Museologen als »kontrafaktische Aura« bezeichnen. Die Gegenstände teilen dem heutigen Betrachter das exakte Gegenteil dessen mit, wofür sie eigentlich stehen. Schachfiguren, von einem Häftling im Außenlager Heinkel aus dem Plexiglas von Flugzeugkanzeln geschnitzt; mit Ornamenten fein zisielierte Zigarettendosen; Broschen und Halsketten, kunstvoll aus Halbleitern und farbigen Kabelresten im Außenlager der AEG in Hennigsdorf gefertigt – diese kostbaren Raritäten, die meistens als Geschenke oder Tauschobjekte in den Außenkommandos bei der Rüstungsindustrie unter Lebensgefahr hergestellt wurden, können Themen wie Angst, Not, Entbehrung, Zwangsarbeit und Gewalt, die eigentlich vermittelt werden sollen, nicht veranschaulichen.
Daher war es notwendig, bei der musealen Darstellung des Themas »Häftlingsalltag« neue Wege zu beschreiten. Dass nur die ehemaligen Häftlinge selbst es sind, die einen wahrhaftigen Einblick in den Mikrokosmos des Lageralltages geben können, stand als Leitidee am Anfang des Ausstellungsprojektes. Nur sie können durch ihre Erzählungen das Thema in seiner Komplexität authentisch vermitteln und die überlieferten Artefakte in ihrer Bedeutung für heutige Betrachter entschlüsseln, so dass die intendierte auratische Wirkung sich einstellt. Bewusst stellt die Konzeption der Ausstellung die subjektive Perspektive der ehemaligen Häftlinge in den Mittelpunkt. Auf Bilder des Lagers, die die SS aus Propagandazwecken angefertigt oder die von den Alliierten nach der Befreiung aufgenommen wurden, wird konsequenterweise vollständig verzichtet. Die Herausforderung für die Ausstellungsmacher – eine Projektgruppe unter Leitung von Günter Morsch, Eva Brücker und Agnes Ohm – bestand darin, die subjektiven Erinnerungsberichte ausgewählter KZ-Häftlinge so mit den wenigen exemplarischen schriftlichen, bildlichen und dinglichen Überresten des KZ-Alltages zu verknüpfen, dass sie einen ungewohnten, neuartigen Kontext der historischen Erzählung schaffen.
Der Einsatz multimedialer Präsentationsformen ist einer der Katalysatoren bei diesem Verschmelzungsprozess. Nur moderne Medien – von der Hörstation über die Projektion zur CD-Rom – eröffnen zudem die Möglichkeit, die thematisch gegliederte Ausstellung mit den autobiographischen Erzählungen ausgewählter Häftlinge des KZ Sachsenhausen in eine anschauliche, emotional und kognitiv gleichermaßen ansprechende Darstellung umzusetzen.
Ein weiterer Katalysator der intendierten Verschmelzung ist der Raum, in dem die Ausstellung präsentiert wird, die aus Originalteilen rekonstruierte Baracke 39, bestehend aus einem Sanitärtrakt in der Mitte und zwei Flügeln, die sich jeweils in einen Tages- und einen Schlafraum gliedern. Die »Blöcke« waren einer der wichtigsten Orte, in denen sich der Lageralltag der Häftlinge abspielte. Mit ihm vor allem verknüpfen sich bei den ehemaligen Häftlingen vielfältige Erinnerungen, die sowohl die totale Herrschaft der SS über Raum und Zeit als auch die Versuche der Häftlinge widerspiegeln, sich partiell winzige Räume der Selbstbehauptung und Identitätssicherung zurück zu erobern. Die Baracke 39 ist daher Hauptexponat und Ausstellungsort zugleich.
Die Ausstellung selbst stützt sich auf die Erzählungen von 20 ehemaligen Häftlingen des KZ Sachsenhausen, wobei im Falle von ermordeten Häftlingen Angehörige berichten oder aus Dokumenten zitiert wird. Die 20 Häftlingsgeschichten wurden aus einem Fundus von 120 lebensgeschichtlichen Interviews, die im Zusammenhang mit dem Ausstellungsprojekt Baracke 38 und 39 entstanden sind, unter dem Aspekt ausgewählt, dass sie einen repräsentativen Querschnitt durch die äußerst heterogene Häftlingsgesellschaft insgesamt bilden sollten.
In der Gruppe der politischen und weltanschaulichen Gegner berichten ein deutscher Kommunist, ein Gewerkschafter, ein Sozialdemokrat, ein Angehöriger der Bekennenden Kirche und ein Zeuge Jehovas. Die sozial Verfolgten repräsentieren ein »Befristeter Vorbeugehäftling« (BVer), ein »Asozialer« und ein Homosexueller. Aus der Gruppe der rassisch Verfolgten werden ein Sinto und zwei Juden vorgestellt. Schließlich folgt das breite Spektrum des Widerstandes in den besetzten Ländern Europas, für das stellvertretend ein Niederländer, ein Belgier, ein Norweger, ein Franzose, ein tschechischer Student, ein Angehöriger der polnischen Minderheit in Danzig, eine Polin sowie ein sowjetischer Kriegsgefangener und ein Zwangsarbeiter aus der Ukraine berichten.
Die Ausstellung gliedert das Thema in sechs Abschnitte: »Wege nach Sachsenhausen« berichtet über die unterschiedlichen Gründe der Verhaftung und die mitunter verschlungenen Wege, die die Häftlinge nach Sachsenhausen führten. Im Abschnitt »Häftlingsgesellschaft« geht es um die oftmals brutale Hierarchie innerhalb der »extremsten Klassengesellschaft« (Primo Levi) der KZ-Häftlinge mit ihren Privilegien und Strafen. Das Kapitel »Arbeit« behandelt die unterschiedlichen Formen der Zwangsarbeit, die oft über Leben und Tod entschieden. Der Abschnitt »Raum und Zeit« thematisiert die totale Enteignung der Bewegungsfreiheit und die Versuche der Häftlinge, sich diese elementaren Orientierungen wieder anzueignen. Ein Abschnitt ist dem Thema »Gewalt, Sterben, Tod« gewidmet. Schließlich wird im Kapitel »Leben mit der Erinnerung« gezeigt, wie die KZ-Erfahrung das Leben der ehemaligen Häftlinge auch nach der Befreiung geprägt hat und auf welch unterschiedliche Weise sie diese Erinnerung verarbeitet haben.
Eine besonders schwierige Gratwanderung hatte der Ausstellungsgestalter HG Prof. Merz zu meistern. Die Ausstellung, die sich bewusst auf wenige Exponate beschränkt (insgesamt 120), musste so präsentiert werden, dass die Aura der Häftlingsbaracke als Baudenkmal und Hauptexponat nicht beeinträchtigt wird. Um die »Unantastbarkeit der Räume« (HG Merz) zu gewährleisten, wurde ein leicht erhöhter und beheizbarer Steg durch die Mitte der ansonsten unbeheizten Barackenflügel gelegt. Dieser künstliche Weg schafft in dieser Welt der Erinnerung eine Realebene, die die historische Distanz bewusst macht. Der Steg ist zugleich Wegweiser und Medientrasse, auf dem nicht nur die sechs Vitrinenstelen plaziert sind, die die sechs Kapitel der Ausstellung bündeln, sondern der auch die Versorgungsleitungen für die Multimediatechnik aufnimmt. Zusätzlich ist eine Fensterseite mit bandartigen Elementen aus einem transluzenten Gewebe abgedeckt. Diese Gaze ermöglicht Text- und Bildprojektionen, ohne dass die Konturen der Wand verdeckt und der Ausblick auf die Nachbarbaracke beeinträchtigt wird. So entstehen sechs multimediale Infostationen, die sich deutlich als Zutat vom historischen Ambiente abheben. Sie sorgen nicht nur für eine klare Gliederung der Ausstellungsabschnitte, sondern sind auch in sich übersichtlich strukturiert.
Dreiminütige Trailer, die auf die Gaze projiziert werden, führen mit Texten und Bildern in das Thema des betreffenden Abschnitts ein. Die Vitrinenstelen präsentieren deutlich sichtbar ein Schlüsselexponat, in dem das jeweilige Thema exemplarisch gebündelt wird. So ist im Abschnitt »Wege nach Sachsenhausen« ein Essgeschirr zu sehen, in das die verschiedenen Besitzer die Stationen ihrer Odyssee eingeritzt haben, so dass der Kosmos des gesamten KZ-Systems schlaglichtartig aufscheint. Im Abschnitt »Leben mit der Erinnerung« wird ein detailgetreues Modell des KZ Sachsenhausen in einer Zigarrenschachtel gezeigt. Es stammt von dem ehemaligen Häftling Etienne van Ploeg (Belgien), der sich in einem abgeschlossenen Raum seiner Wohnung, der mit Erinnerungsstücken an Sachsenhausen angefüllt ist, obsessiv mit seiner Lagererfahrung auseinandersetzt.
In den Stelen befinden sich Hörstationen, an denen der Besucher die Erzählungen der einzelnen Häftlinge zu dem jeweiligen Thema abrufen kann. Die Referenzexponate, die ausschließlich aus dem Besitz der ehemaligen Häftlinge stammen, die zu Wort kommen, werden in Schubfächern bereitgehalten. Wenn etwa Rudi Wunderlich von seiner Flucht aus dem Außenlager Lichterfelde berichtet, findet der Besucher dort die Nachschlüssel, die ihm die Flucht ermöglichten. Der ukrainische Zwangsarbeiter Sergej Owraschko, der 1943 nach Sachsenhausen kam, erzählt, wie er versuchte, Kontakt zu den norwegischen Häftlingen zu knüpfen, die Lebensmittelpakete empfangen konnten, deren Inhalt unter den Häftlingen verteilt wurde. Dazu birgt das Schubfach Owraschkos Kladde aus dem Lager mit ukrainisch-norwegischen Vokabeln. Es entstand eine lebenslange Freundschaft zu dem norwegischen Häftling Per Svor, der auch in der Ausstellung präsentiert wird – ein Beispiel, wie Häftlinge die ihnen von der SS aufgezwungene Hierarchisierung unterwandern. Aber auch von der mörderischen Wolfsgesellschaft der Häftlinge berichtet Sergej Owraschko: Im Außenkommando »Zeppelin«, wo Störballons gefertigt wurden, führte eine Gruppe polnischer Funktionshäftlinge ein brutales Regiment. Während er erzählt, wie ein junger Häftling einem dieser polnischen Häftlinge auflauerte und ihn mit einer harpunenartig zugearbeiteten Ale ermordete, wechselt er unvermittelt von der dritten in die erste Person und der Zuhörer weiss, dass er von sich selbst spricht. Dazu wird eine Ale gezeigt, die Owraschko später nach der Tatwaffe gefertigt hat.
Jeweils an den Eingängen der Barackenflügel werden die 20 Häftlinge mit Bild und Kurzbiographie vorgestellt. An den Kopfseiten der Barackenflügel befindet sich jeweils eine PC-Station, wo der Besucher eine CD-Rom abrufen kann, die die Lebensgeschichten, die in der thematisch strukturierten Ausstellung parzelliert sind, wieder zusammenfügt und als geschlossene Einheit präsentiert. Darüber hinaus hält das digitale Medium wesentlich mehr Materialien zu den einzelnen Lebensläufen bereit, als in der Ausstellung gezeigt werden. Die CD-Rom wird schon bald in einer Version mit dem biographischen und dem thematischen Zugang vorliegen, die in der Gedenkstätte und im Handel erworben werden kann.
Bei den Vorbereitungen der Ausstellung zum Häftlingsalltag sich die Ausstellungsmacher stets bewusst gewesen, dass jeder Versuch der Darstellung von Lagererfahrung immer nur eine Annäherung an einen prinzipiell in seinem Kern zwar erklärbaren, jedoch nur schwer beschreibbaren Gegenstand sein kann. Ob diese Annäherung gelungen ist, mögen nun die Besucher entscheiden.