Dauerausstellung zum nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma im Staatlichen Museum Auschwitz

04/2002Gedenkstättenrundbrief 106, S. 12-21
Silvio Peritore und Frank Reuter

»Auschwitz ist das Symbol für die Ermordung von Menschen in Gaskammern, nur weil sie als Sinti, Roma oder Juden auf die Welt gekommen sind. Das ist die härteste Anklage, das darf am wenigsten vergessen werden.« Dieser Satz von Hermann Langbein könnte als Motto über der neuen Ausstellung stehen, die den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma im Staatlichen Museum Auschwitz erstmals ausführlich dokumentiert. Nach über drei Jahren Vorbereitung wurde die Ausstellung, die in Block 13 des ehemaligen Stammlagers untergebracht ist, am 2. August letzten Jahres der Öffentlichkeit übergeben. Neben weiteren hohen politischen Repräsentanten gedachte der damalige polnische Außenminister Prof. Bartoszewski, der als junger Mann selbst Häftling in Auschwitz war, der Opfer.

Die Realisierung des Projekts erfolgte auf Initiative und unter Federführung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in enger Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Auschwitz und dem Verband der Roma in Polen sowie sechs weiteren nationalen Roma-Organisationen. Fast neunzig Archive und weitere Institutionen haben dafür Fotos und Dokumente zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus konnte durch die Unterstützung von Überlebenden und ihren Angehörigen aus ganz Europa ein bislang einzigartiger Bestand von Privatfotos zusammengetragen werden, von denen viele erstmals präsentiert werden. 

Grundsätzliche Überlegungen zur inhaltlichen Konzeption

Ziel der Ausstellung ist die Annäherung an ein Menschheitsverbrechen, das sich allen historischen Vergleichen entzieht und das in seinem Ausmaß bis heute unvorstellbar bleibt. Auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie wurden Sinti und Roma ebenso wie Juden vom Säugling bis zum Greis erfasst, entrechtet, ghettoisiert und schließlich in die Vernichtungslager deportiert.

Für den Besucher der Ausstellung soll deutlich werden, dass ein großer Teil der deutschen Gesellschaft und der staatlichen Institutionen des Dritten Reichs in dieses Völkermordverbrechen verstrickt war. Die industrielle Massenvernichtung in Auschwitz, von einem modernen bürokratischen Staatsapparat ins Werk gesetzt, war nicht nur End- und Höhepunkt der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus, sondern der Zivilisationsbruch schlechthin.

Zugleich dokumentiert die Ausstellung, dass Sinti und Roma in den Ländern Europas alteingesessene Minderheiten darstellen, die dort seit Jahrhunderten beheimatet sind. Sinti und Roma waren und sind Bürger dieser Staaten. Die vielfältigen, historisch gewachsenen Beziehungen zwischen Minderheit und Mehrheitsbevölkerung wurden von den Nationalsozialisten und den faschistischen Regierungen, die mit ihnen kollaborierten, systematisch zerstört. Die Darstellung der Verfolgungsgeschichte geht daher von den Menschen aus, die zu Opfern erst gemacht wurden; ihre Biografien stehen im Zentrum der Ausstellung.

Ein grundlegendes Prinzip der Konzeption besteht darin, dem Terror der Nationalsozialisten und ihrem Verfolgungsapparat die Normalität und den Alltag der Sinti und Roma gegenüberzustellen. Denn die Wirklichkeit des Holocaust kann nicht auf eine Rekonstruktion der geschichtlichen Ereignisse und Fakten, die sich ausschließlich auf die überlieferten Akten der Täter stützt, reduziert werden. Der Besucher soll dafür sensibilisiert werden, dass jedes NS-Dokument die Perspektive der Mörder widerspiegelt. In der Vergangenheit hat man den Inhalt der Täterdokumente oftmals unkritisch mit der Lebenswirklichkeit der Sinti und Roma gleichgesetzt, so dass die Diffamierung der Opfer unreflektiert übernommen wurde. Die Realität der Minderheit muss jedoch grundsätzlich von den antiziganistischen Klischees unterschieden werden, die seit Jahrhunderten im kollektiven Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt sind und die auch die Nationalsozialisten für ihre verbrecherischen Ziele benutzten. Da diese Vorstellungs- und Denkmuster das Bild der Sinti und Roma auch heute noch weithin bestimmen, spielten didaktische Überlegungen bei der Konzeption der Ausstellung von Anfang an eine wichtige Rolle. Gerade beim Thema Nationalsozialismus ist es unverzichtbar darüber nachzudenken, welche zumeist unbewussten Assoziationen und Vorstellungen die ausgewählten Materialien beim Betrachter hervorrufen – schließlich wendet sich jede Ausstellung an eine breite Öffentlichkeit, und viele Besucher bringen kaum Vorkenntnisse mit. Man muss sich der Gefahr bewusst sein, dass die präsentierten Täterdokumente rassistische Inhalte weitertransportieren können, auch wenn das Gegenteil beabsichtigt ist. In der Tat lässt sich die Suggestionskraft der NS-Propaganda durch erklärende Texte nur bedingt auflösen, selbst wenn man voraussetzt, dass die Besucher kritische Erläuterungen zu den einzelnen Exponaten auch wirklich lesen. Dies betrifft insbesondere die Wirkungsmächtigkeit von Fotos. Für den nicht einschlägig informierten Besucher ist nicht ohne weiteres erkennbar, dass viele Bilder aus dieser Zeit propagandistischen Zwecken dienten und die tatsächlichen Geschehnisse verschleiern oder verharmlosen sollten.

Der Umgang mit dem historischen Quellenmaterial erfordert also eine besondere Sensibilität, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Würde der Ermordeten und die Gefühle der Überlebenden. Dies gilt umso mehr angesichts des ungebrochenen Rassismus gegen Sinti und Roma und der Kontinuität der gegen sie gerichteten Stereotypen. Nahezu alle in öffentlichen Archiven zugänglichen Fotos zu dieser Thematik stammen nicht von Angehörigen der Minderheit selbst. Fast immer wurden diese Bilder in der Absicht aufgenommen, das vermeintlich »Fremdartige« der Minderheit herauszustellen. Sie zementieren mithin tief verwurzelte Vorurteile und einen letztlich ahistorischen Blick auf Sinti und Roma, die auf das immer gleiche, unwandelbare Klischee reduziert werden. Dies betrifft in gleicher Weise die endlos reproduzierten »romantischen« Vorstellungen über »Zigeuner«, die lediglich die Kehrseite der negativen Stereotypisierung darstellen. Vor diesem Hintergrund war es ein entscheidendes Anliegen der Ausstellung, die betroffenen Menschen als selbstbestimmte Individuen zu zeigen und nicht als Objekte von Projektionen der Mehrheitsgesellschaft. Gerade weil Sinti und Roma stets Personalität abgesprochen wurde (und manchmal immer noch wird), war es den Ausstellungsmachern wichtig, den Opfern ein Gesicht zu geben, um so zugleich die jahrhundertelang tradierten Zigeunerbilder mit ihren starren Typologien aufzubrechen. Der Besucher soll begreifen, dass es sich um reale Menschen handelt, um Menschen mit einer einzigartigen Biografie und Verfolgungsgeschichte.

Den Dokumenten der Nationalsozialisten, in denen Sinti und Roma systematisch entmenschlicht und entpersönlicht werden, stehen deshalb die Zeugnisse der Opfer und die Berichte der Überlebenden gegenüber. Einen zentralen Stellenwert nehmen dabei die alten Familienfotos ein, die einen Einblick in die persönlichen Lebenszusammenhänge vermitteln und die zeigen, in welch vielfältiger Weise Sinti und Roma in das gesellschaftliche und lokale Leben integriert waren, bevor die Nationalsozialisten und die mit ihnen kollaborierenden Regime ihre systematische Ausgrenzung betrieben Diese persönlichen Zeugnisse bilden einen wichtigen Gegenpol zu den Täterakten. Wie in der ständigen Ausstellung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg werden diese beiden Ebenen – Normalität und Alltag der Minderheit einerseits, Terror und Verfolgungsapparat anderseits – auch in der neuen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz räumlich und gestalterisch deutlich voneinander abgehoben und gleichzeitig zueinander in Beziehung gesetzt. Für die neue Ausstellung in Heidelberg wurde hierfür jedoch eine künstlerisch völlig neue Lösung entwickelt (siehe die Anmerkung des Gestalters Wieland Schmid am Ende dieses Beitrags). Die Konfrontation der Tätermaterialien mit den Biografien der Opfer und der Perspektive der persönlich Betroffenen soll es dem Besucher ermöglichen, sich kritisch mit den nationalsozialistischen Feind- und Zerrbildern vom »Zigeuner« auseinander zu setzen. Gleichzeitig wird dadurch ein empathisches Verstehen unterstützt: Während des Rundgangs machen die alten Familienbilder immer wieder bewusst, dass sich hinter den abstrakten Dokumenten der bürokratisch organisierten Vernichtung unzählige zerstörte Lebenswege und menschliche Schicksale verbergen.

 

 

Der inhaltliche Aufbau der Ausstellung

Die thematische Gliederung der Ausstellung orientiert sich an der historischen Chronologie. Sie spiegelt damit die Radikalisierung der gegen Sinti und Roma gerichteten »Rassenpolitik« wider: von den ersten Verfolgungs- und Ausgrenzungsmaßnahmen bis zur industriellen Massenvernichtung in den Gaskammern von Auschwitz. Über die zeitliche Entwicklung hinaus sollen die inneren Zusammenhänge zwischen den einzelnen thematischen Abschnitten sichtbar gemacht werden.

Im Kontext der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma werden auch allgemeine Aspekte zur Geschichte des Nationalsozialismus behandelt, etwa die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur und insbesondere die Expansionspolitik des Regimes vor und während des Zweiten Weltkriegs. Schließlich waren Entrechtung, Deportation und Vernichtung der Sinti und Roma keine isolierten Ereignisse, sondern eingebettet in die innen- und außenpolitische Gesamtentwicklung während der NS-Zeit.

Die Ausstellung gliedert sich in drei große inhaltliche Bereiche: Der erste Teil dokumentiert die Ausgrenzung und Entrechtung der deutschen Sinti und Roma von der nationalsozialistischen Machtübernahme bis zur Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und den ersten Deportationen in das von Deutschland okkupierte Polen. Am Beginn stehen die frühen Verfolgungsmaßnahmen gleich nach der sogenannten Machtergreifung. Es folgt die Darstellung der Rassenideologie, die von Anfang an die Grundlage der gegen Sinti und Roma gerichteten Maßnahmen bildete. So wurden die »Nürnberger Gesetze« in gleicher Weise auf Sinti und Roma wie auf Juden angewandt. Die totale Erfassung der Minderheit durch »Rassebiologen«, die eng mit dem SS-Apparat kooperierten, und die Ghettoisierung von Sinti- und Roma-Familien in besonderen Internierungslagern, die ab Mitte der Dreißigerjahre in vielen deutschen Städten eingerichtet wurden, waren ebenfalls wichtige Vorbedingungen für den Völkermord. Dokumentiert wird auch die systematische Verdrängung der Sinti und Roma aus nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Dazu gehörten etwa Berufs- und Schulverbote oder der Ausschluss aus der Wehrmacht, ebenso die verschiedenen Formen der Diskriminierung im Alltag als Folge der NS-Rassenpolitik.

Weitere Themen sind die Inhaftierung hunderter Sinti und Roma in Konzentrationslager im Zuge der Massenverhaftungen 1938/39 sowie die Verfolgung der Minderheit in Österreich nach dem von den Nationalsozialisten erzwungenen »Anschluss«. Am Ende des ersten Teils werden die unmittelbar nach Kriegsbeginn entwickelten Pläne der SS-Führung dokumentiert, alle Sinti, Roma und Juden in die besetzten Gebiete Polens zu verschleppen, und schließlich die ersten Deportationen deutscher Sinti- und Roma-Familien in das »Generalgouvernement« im Mai 1940. Außerdem kommen in diesem Abschnitt grundlegende Aspekte der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den Sinti und Roma zur Sprache. Dies gilt insbesondere für den Täterapparat und dessen bürokratische Organisation. Es wird gezeigt, dass das im September 1939 in Berlin eingerichtete »Reichssicherheitshauptamt« der SS die Federführung bei der Verfolgung der Sinti und Roma übernahm.

Der zweite Teil der Ausstellung behandelt den Völkermord an den Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa. Dem Besucher sollen ungeachtet der grundlegenden Gemeinsamkeiten der NS-Vernichtungspolitik auch die Besonderheiten der Verfolgung in den einzelnen besetzten und verbündeten Staaten verdeutlicht werden. So wurden Sinti- und Roma-Familien in manchen Ländern zunächst in Lagern oder Ghettos konzentriert, von wo aus man sie nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportierte. In den besetzten Gebieten der Sowjetunion hingegen wurden Angehörige der Minderheit an Ort und Stelle durch die Einsatzgruppen der SS und durch Polizeibataillone ermordet. Im besetzten Serbien waren es hauptsächlich Kommandos der Wehrmacht, welche die Erschießungen durchführten. Im besetzten Polen wiederum wurde der Völkermord sowohl durch systematische Erschießungen als auch innerhalb der Vernichtungslager vollzogen. Ebenso wird gezeigt, dass sich Faschisten anderer Länder an der Mordpolitik beteiligten: etwa die kroatische Ustascha, die in Jasenovac und in anderen Konzentrationslagern bestialische Morde an tausenden Sinti und Roma beging.

Es muss an dieser Stelle betont werden, dass der Völkermord an den Sinti und Roma in den besetzten Ländern Europas immer noch sehr unzulänglich erforscht ist, zumal im Vergleich zum Völkermord an den europäischen Juden. Dies betrifft vor allem die Morde in den ehemaligen Staaten Osteuropas; hier liegen zwar Täterdokumente, jedoch kaum authentische Zeugnisse oder Biografien jener Menschen vor, die den Morden zum Opfer fielen. Da sich Roma-Organisationen aus mehreren europäischen Ländern an dem Ausstellungsvorhaben beteiligt und hierfür umfangreiche historische Recherchen durchgeführt haben, war es erstmals möglich, diese Forschungslücke zumindest teilweise zu schließen.

Der dritte große Themenbereich versucht unter unterschiedlichen Aspekten eine Annäherung an die Geschichte des »Zigeunerlagers« in Auschwitz-Birkenau. Als Folge von Himmlers Auschwitz-Erlass vom 16. Dezember 1942 wurden 23 000 Angehörige der Minderheit aus dem Reich und nahezu allen besetzten Ländern hierher deportiert. Für den größten Teil dieser Menschen war Auschwitz die letzte Station eines jahrelangen Martyriums. Die so genannte Rampe in Auschwitz-Birkenau war Ziel der Deportationszüge mit Sinti- und Roma-Familien aus fast ganz Europa.

Mit Hilfe von Berichten Überlebender, den Familienfotos der nach Auschwitz deportierten Menschen und dem im Archiv des Museums Auschwitz vorhandenen Quellenmaterial werden die Verbrechen an diesem zentralen historischen Ort der Verfolgung dokumentiert: die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager, Hunger und Zwangsarbeit, der Terror der SS und schließlich die Massenvernichtung in den Gaskammern.

Es geht in erster Linie um eine Annäherung an die unsagbaren Leiden der Opfer, doch auch die Täter der SS – verantwortlich für Folter und tausendfachen Mord – werden in den Blick genommen. Eine Intention der Ausstellung besteht nicht zuletzt darin, das verzweifelte Ringen der Menschen um Würde und Selbstbehauptung selbst an diesem Ort des Grauens in die Darstellung einzubeziehen: etwa die Widerstandsaktion am 16. Mai 1944, als die SS zum ersten Mal versuchte, die etwa 6 000 Insassen des »Zigeunerlagers«, die bis dahin überlebt hatten, in den Gaskammern zu ermorden. Gerade in diesem letzten Ausstellungsteil, bei der Dokumentation der Massenvernichtung in Auschwitz, gilt das eingangs Gesagte: Der Besucher soll begreifen, dass sich hinter abstrakten Todesziffern die Namen vieler einzelner Menschen verbergen, und dass hinter jedem Namen eine ganz persönliche Geschichte steht.

Als ergänzender Ausstellungsbereich wurde ein Gedenkraum eingerichtet, in dem sich eine Gedenkstele aus schwarzem Stein befindet. In die vordere Seite dieses Gedenksteins wurde ein Monitor eingelassen: Zu sehen sind hier vom Regisseur Karl Fruchtmann bearbeitete Filmaufnahmen deutscher Sinti-Kinder aus dem katholischen Kinderheim St. Josefspflege in Mulfingen, die im Frühherbst 1942 von NS-»Rassebiologen« aufgenommen wurden. Die Eltern der Kinder waren zuvor in Konzentrationslager verschleppt worden. Im Mai 1944 wurden die Mulfinger Sinti-Kinder abgeholt und nach Auschwitz deportiert; bis auf vier Überlebende fielen dort alle dem Holocaust zum Opfer. Ihr Schicksal steht stellvertretend für all jene Sinti- und Roma-Kinder, die im nationalsozialistisch besetzten Europa verfolgt, gequält und ermordet wurden. Vor der Stele mit dem Monitor befindet sich in den Boden eingelassen ein weiterer schwarzer Granitstein mit einem ewigen Licht zum Gedenken an die Opfer. Durch eine Glaswand wird der Gedenkraum großflächig »aufgebrochen«, so dass der authentische Ort hindurchscheint und stets präsent bleibt.

Gemäß einer Vereinbarung mit der Gedenkstättenleitung erscheinen alle Ausstellungstexte in polnischer, deutscher und englischer Sprache. Die Texte sind klar strukturiert, das heißt es gibt eine deutlich erkennbare Hierarchie von den Einführungstexten – die sich als einzelne Tafeln nochmals von den Ausstellungswänden abheben und zugleich inhaltliche Zäsuren bilden – bis zu den einzelnen Bildunterschriften. Für die nicht deutschsprachigen Besucher wurde jedes präsentierte Täterdokument mit einem kurzen Textauszug in Polnisch und Englisch versehen, der die jeweilige Schlüsselaussage enthält.

Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Grafiker Wieland Schmid und seinen Mitarbeitern entwickelt. Ziel war es, Inhalt, Form und Raum zu einer Gesamtkonzeption zu verbinden. Die Texte und die Auswahl der Materialien, ihre grafische Präsentation und Verknüpfung sowie die räumlich-architektonische Anordnung bilden eine Einheit, in der sich die einzelnen Elemente wechselseitig ergänzen und bereichern. Dadurch lassen sich Beziehungen herstellen und Zusammenhänge vermitteln, die nicht eigens durch Texte erklärt werden müssen, sondern die der Besucher – auch auf assoziativem Weg – selbst zu erschließen vermag.

Anmerkungen von Wieland Schmid zur gestalterischen Konzeption der Ausstellung

Die Ausstellungsgestaltung erhält den Originalraum als solchen und bezieht ihn als wesentlichstes Teil ein. Schon dessen strenge, militärisch-gleichförmige Architektur ist Symbol. Der langgestreckte Raum mit exakten Intervallen von Fenstern und seiner geradlinigen Säulenachse, die Kälte des Bodens und die Kahlheit seiner Wände, die Lagerstraße vor dem Fenster – all dies ist sinnlicher Ausdruck von dem, was hier geschah: der exakt geplante Völkermord.

Der mit der Ausstellung hinzugefügte Kernraum ist die architektonische Metapher für die Sinti und Roma in ihrer Individualität und Identität. Die Menschen, die, entmenschlicht und zu Nummern gemacht, hier ermordet und spurlos in diesen Ort eingegangen sind, sollen durch ihn ihre Persönlichkeit und Identität zurückerhalten. Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit, Wärme, Licht und Farbe verbinden die in den Wänden eingelassenen Fotografien, die individuelle Menschen in ihren Alltagssituationen zeigen aus der Zeit, bevor sie zu Opfern und Nummern gemacht wurden. Damit sperrt sich der Kernraum gegen die bestehende Architektur des Auschwitzraums und stellt sich in elementaren Widerspruch zu ihm: die Achsen beider Räume sind nicht identisch, hier angenehme, geborgene Formen, dort harte und strenggegliederte, hier warme, erdhafte Farben, dort kaltes Blau-Weiß, hier Menschengesichter, Lachen und Privatheit, dort in Maschinenschrift getipptes Ausgeliefertsein.

Die Stahlkeile als Symbole der Verfolgung und Gewalt zerschneiden den Kernraum gleichsam auf unsichtbaren Achsen des Originalraums gleitend und brechen ihn schließlich völlig auf. Der Besucher wird auf seinem Weg durch die Ausstellung die zunehmende Zerstörung des Raumgebildes als Metapher der geschichtlichen Ereignisse nachvollziehen. Am Ende des Weges wird er sich in seiner eigenen Gegenwart – in Auschwitz – wiederfinden.

Ein Katalog: »Die Daueraustellung im Staatlichen Museum Auschwitz: Der Nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma«, hgg. vom Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2001 ist zur Ausstellung erschienen....