Datenbank-Projekte in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

04/2000Gedenkstättenrundbrief 94, S. 26-36
Linde Apel, Cord Pagenstecher und Bärbel Schindler-Saefkow

Einführung

Die SS inhaftierte im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück zwischen 1939 und 1945 über 130000 Frauen und Kinder, aber auch 20000 Männer. Zehntausende der Häftlinge aus über 20 Nationen wurden ermordet. Heute bewahrt die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück Zeugnisse und Spuren, fördert Erinnerung und Forschung und gestaltet einen aktiven Lern- und Bildungsort.

Wichtige Arbeitsbasis sind dabei die »Sammlungen Ravensbrück«: Archiv, Fotothek, Bibliothek, Mediathek und Depot. Sie bewahren archivalische und museale Bestände, Fachliteratur und Zeitzeugeninterviews zur Geschichte von KZ und Gedenkstätte. Die originalen KZ-Akten wurden 1945 allerdings weitgehend vernichtet; relativ wenige Dokumente wurden von ehemaligen Häftlingen oder den Alliierten in verschiedene Länder mitgenommen und dort aufbewahrt.

Der erste Grundstock für die Sammlungen in Ravensbrück entstand in Vorbereitung des »Lagermuseums« 1959; ehemalige Häftlinge hatten dem Museum rund 800 Gegenstände und Dokumente übergeben. In der Folgezeit wurde weiteres Material zusammengetragen. Da die Nationale Mahn- und Gedenkstätte in DDR-Zeiten aber mehr Veranstaltungsort als Forschungseinrichtung war, wurde der systematische Ausbau der Sammlungen lange vernachlässigt und blieben die Bestände kaum erschlossen. Seit der Gründung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten im Jahr 1993 werden die Sammlungen Ravensbrück gezielt als Informations- und Dokumentationszentrum zur NS- und Geschlechterforschung, speziell zur Geschichte der Konzentrationslager, ausgebaut. Durch verschiedene Projekte, zahlreiche Kontakte zu Überlebenden und Kooperationen mit anderen Institutionen konnten die Bestände erheblich erweitert werden, zumal viele Archive in Ost und West nun zugänglich wurden. Angesichts der verstreuten Überlieferung sind die hier konzentrierten Informationen und Kopien aus auswärtigen Archivbeständen eine zentrale Hilfe für die gegenwärtige und künftige Ravensbrück-Forschung. Damit wurde jedoch auch eine bessere Erschließung mittels EDV immer dringlicher.

In diesem Artikel sollen die drei wichtigsten aktuellen Datenbank-Projekte an der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück vorgestellt werden: ein Initialprojekt zur langfristiger angelegten »Digitalisierung der Sammlungen«, das schon 1996 begonnene Projekt »Gedenkbuch Ravensbrück« und die im Rahmen eines Forschungsvorhabens entstehende »Forschungsdatenbank Jüdische Häftlinge«.

Digitalisierung der Sammlungen

Zielsetzung

Die Einzelsammlungen – Archiv, Depot, Mediathek, Fotothek und Bibliothek – sollen bereichsübergreifend, computergestützt und personenbezogen recherchierbar und so besser mit der stark biographisch ausgerichteten Forschungs- und Ausstellungsarbeit verknüpft werden. Fernziel ist eine Datenbank auf einem Computernetzwerk, an der die einzelnen Bereiche ihrer jeweiligen Logik entsprechend weiter bearbeitet werden, gleichwohl aber eine übergreifende Recherche nach Schlagworten und nach Personen möglich ist.

Dabei ging es zunächst darum, Projekt-MitarbeiterInnen und NutzerInnen einen breiten Bestands-Überblick zu verschaffen, ohne gleich eine detaillierte Einzelverzeichnung anbieten zu können. Wichtig war diese Übersicht, da die umfangreichen Bestandserweiterungen und Teilerschließungen der letzten Jahre meist projektorientiert durch befristete MitarbeiterInnen erfolgten; eine kontinuierliche, sachgerechte Verzeichnung und Verschlagwortung der wachsenden Bestände war dagegen – nicht zuletzt durch das Fehlen einer Archivarin – unterblieben. Zudem waren neue elektronische Archivierungsmöglichkeiten nur langsam zur Verfügung gestellt und zögerlich genutzt worden; für die Arbeit an den Datenbanken gibt es noch heute kein Netzwerk.

Seit Oktober 1998 arbeitet der Historiker Cord Pagenstecher im Rahmen einer ABM-Stelle an der Digitalisierung der Sammlungen. Statt einer theoretisch ausgefeilten, aber abstrakten Konzeption standen dabei konkrete und an den momentanen Arbeitsstand angepasste Anwendungen im Vordergrund. Reale Nutzungsverbesserungen und Arbeitserleichterungen sollten eine Initialzündung zur langfristigen Weiterentwicklung geben.

Ausgangspunkt dieser Arbeit war zum Einen die – quasi retrospektive – Digitalisierung vorhandener Findmittel: Karteikarten, handgeschriebene Inventarbücher, listenförmige Ausdrucke sowie Computer-Listen und -Tabellen in den verschiedensten Dateiformaten. Hier waren in den vergangenen Jahren vielfältige, aber schwer zugängliche Vorarbeiten geleistet worden. Erst nach dem Aufbau einer funktionierenden Datenbank kann man an die Erschließung neuer Dokumente gehen. Zum Zweiten wurden Zwischenergebnisse aus den – weiter unten beschriebenen – Gedenkbuch-Datenbanken in die allgemeine Recherchedatenbank integriert. Obwohl sie noch nicht abgeschlossen sind, sollten sie für die Forschung und für persönliche Anfragen zur Verfügung gestellt werden. Zum Dritten wurde mit der Digitalisierung des Bildarchivs und der Fotografien von Gegenständen aus dem Museumsdepot begonnen; integrierte Bilddatenbanken sind im Aufbau.

Dabei ging die Konzeption von drei Vorüberlegungen aus:

L Angesichts der dünnen und wechselhaften Personalausstattung in kleineren Archiven ist für Digitalisierungsprojekte Hilfe von außen erforderlich. Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück konnte dafür ein Schreib- und Scanbüro in Berlin als Kooperationspartner gewinnen: Der Verein für Arbeit, Forschung und Bildung (AFB) ist eine vom Arbeitsamt finanzierte Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft, die für die Gedenkstätte als gemeinnützige Einrichtung Daten eingibt, Fotos einscannt und Beratung anbietet.

L Die schriftliche Beschreibung von Fotos ist mühsam und ersetzt nicht den visuellen Eindruck. Bei der computergestützten Recherche in einem Bildarchiv sollte man direkt am Bildschirm die Bilder betrachten können. Auch zur Sicherung und Erstellung von Benutzerkopien ist das Digitalisieren von Bildern – und anderen Archivalien – sinnvoll.

L Eine einfache Verschlagwortung ist wichtig, allzu fein ausdifferenzierte Thesauri sind aber enorm arbeitsaufwendig und bleiben im Ergebnis meist stärker in den Kontext des jeweils aktuellen Kenntnisstandes oder Forschungsinteresses eingebunden, als es den BearbeiterInnen bewusst sein mag. Ein Archiv soll bildliche und schriftliche Quellen zugänglich machen; ihre genaue Untersuchung und Einordnung ist Aufgabe der Forschung.

 

Programmauswahl

Als erster Arbeitsschritt wurde die erforderliche Hard- und Software ausgewählt. Für Datensicherung und -transport hat sich ein externer CD-Schreiber bewährt, der über den Druckerport an jeden Rechner anzuschließen ist. Als Software wählte die Gedenkstätte nach einer eingehenden Diskussion das relationale Datenbankprogramm ACCESS aus dem OFFICE-Paket von Microsoft. Dieses Programm bot sich an, weil

L es bereits vorhanden war (angesichts langwieriger bürokratischer Beschaffungswege ein wichtiger Gesichtspunkt)

L eine wichtige Datenbasis (die Namensdatenbank ehemaliger Häftlinge des Gedenkbuchprojektes) schon auf ACCESS lief

L es eine flexible Verknüpfung in sich unterschiedlicher Teilbereiche erlaubt, dennoch aber bequeme und einfache Eingabemasken ermöglicht

L es ein gängiges, also nicht nur Archivspezialisten vertrautes Programm ist, für das auch längerfristig Updates etc. zur Verfügung stehen werden (es sieht nicht so aus, als ob Microsoft demnächst in Konkurs geht)

L es relativ preiswert ist

L mit diesem verbreiteten Programm leichter zusätzliche Eingabekapazitäten (PC-Arbeitsplätze und Personal, auch außer Haus) zu finden sind,

L es kyrillische, polnische und andere internationale Zeichensätze unterstützt,

L über die OLE-Verknüpfung Bilder, Ton- und Videosequenzen eingebunden werden können und es gut mit dem gängigen Textverarbeitungsprogramm WORD zusammenarbeitet (etwa für Serienbriefe, aber auch zur individuellen Aufbereitung von Rechercheergebnissen),

L es gut mit dem Tabellenkalkulationsprogramm EXCEL zusammenarbeitet (etwa um das Durchschnittsalter bestimmter Häftlingsgruppen berechnen zu können),

L es wohl auch eine passable Basis für ein zukünftiges, HTML-gestütztes Rechercheangebot über das Internet bieten wird,1

L schließlich auch andere Institutionen wie die Gedenkstätte Mauthausen oder das Fritz-Bauer-Institut damit arbeiten.

Ein solch allgemeines, eher unternehmensorientiertes Datenbankprogramm hat gegenüber speziellen Archiv- oder Bildarchivprogrammen jedoch auch Nachteile. Die flexiblen Möglichkeiten von ACCESS machen die Konzeption, Strukturierung und Pflege einer Datenbank kompliziert. Eine Maske zur Verschlagwortung muss im Rahmen des relationalen Datenbank-Modells erst durch Verknüpfung der eigentlichen Datentabelle mit einer Schlagworttabelle hergestellt werden.2 Unbefriedigend ist auch die Kompatibilität zwischen verschiedenen ACCESS-Versionen.

Stärker als bei anderen Programmen fallen die einfache Eingabe- und die anspruchsvolle Entwicklungsebene auseinander, so dass zur Entwicklung und Pflege eine Fachperson im Haus nötig ist. Um so wichtiger erscheint ein Austausch zwischen den Archiven und Museen, die bereits mit ACCESS arbeiten und entsprechende Spezial-Anwendungen entwickelt haben, von denen andere Einrichtungen profitieren könnten. Dazu könnte auch die von der Topographie des Terrors eingerichtete Gedenkstätten-newsgroup genutzt werden.3

Zweifel bestanden, ob ACCESS sich auch für die Bildarchivierung eignet. Für eine bequeme und schnelle Erfassung stehen spezielle Bildbetrachter wie ACDSEE, THUMBSPLUS oder – am einfachsten – IRFANVIEW zur Verfügung.4 Trotz unzureichender Bildbearbeitungsmöglichkeiten sind diese Programme für reine Bildarchive gewiss geeignet. Wir entschieden uns gleichwohl für ACCESS, da eine bereichsübergreifende Vernetzung der unterschiedlichen Sammlungsbereiche oberstes Ziel war. Neben den Bildern sollten mit dem gleichen Programm auch Personendaten und umfangreichere Texte erschlossen werden.

Die Entwicklung der Datenbank

Die entstehende Recherche-Datenbank vereinigt sehr heterogenes Ausgangsmaterial. Der bestandsübergreifenden Vernetzung der einzelnen Sammlungsbereiche dienen einheitliche Recherchemasken, eine abgestimmte Tabellenstruktur mit entsprechenden Feldnamen sowie Schlagwortlisten. Bei der retrospektiven Digitalisierung mussten Kompromisse zwischen Wunschvorstellungen bezüglich einer zukünftigen optimalen Erschließung und den real vorgefundenen Informationen gesucht werden. Wenngleich durch nachträgliche Umgestaltungen manche Mehrarbeit entstand, erwies sich der Datenbankentwurf in ACCESS durchaus als flexibel und auch im Nachhinein entwicklungsfähig.

Um eine baldige Nutzung zu ermöglichen und dadurch die Akzeptanz des Projektes zu erhöhen, waren die Recherchemasken besonders wichtig. Eine einheitliche Startmaske eröffnet einen Überblick über die Sammlungen und mögliche Recherchemöglichkeiten. Zu einzelnen Teilbereichen gibt es jeweils ähnlich gestaltete Übersichtsformulare, systematische Bestandsübersichten, listenförmige Kurzformulare und detaillierte Einzelformulare. In allen Formularen steht die einfache und zugleich komfortable »Filter«-Recherchemöglichkeit in der Menüleiste zur Verfügung. Wichtig war auch eine einfache Navigation zwischen den verschiedenen Recherche-Ebenen mittels einheitlich gestalteter Buttons. Hinter diesen einheitlichen Masken verbergen sich viele verschiedene Datenbank-Elemente: Alle Formulare, Abfragen, Makros und Module befinden sich in einer einheitlichen Recherche-Datenbank, die eigentlichen Datentabellen und die für Auswahlfelder verwendeten Hilfstabellen (z.B. Nationalität) dagegen in gesonderten Datenbanken. Bei der Recherche bemerkt man diese Aufsplittung überhaupt nicht; sie erlaubt aber eine sicherere Eingabe bei paralleler Arbeit in verschiedenen Bereichen. Bestimmte Gestaltungsvorgaben sollen die Einheitlichkeit der Datenbanken gewährleisten und eine eventuelle spätere Konvertierung per Text- oder dBASE-Format in FAUST oder andere Datenbankprogramme ermöglichen. So wurden die Feldnamen zwar achtstellig ohne Sonderzeichen, dennoch aber eindeutig gewählt. Beispielsweise hat jede Tabelle eine Kennummer wie »D_Nr« (Depot-Nummer). Ähnliche Namenskonventionen wurden auf dem Wiener Gedenkstätten-Workshop im November 1999 diskutiert.

Probelauf Depot

Erprobt wurde die Digitalisierung der Findmittel zunächst am Museumsdepot, einem relativ überschaubaren und doch wichtigen Bereich. Das Schreibbüro gab die Informationen aus den Karteikarten und Inventarbüchern in Word-Tabellen ein, die dann zusammengeführt und in eine ACCESS-Tabelle konvertiert wurden. Die an die Karteikarten angehefteten Fotografien der Gegenstände wurden eingescannt.

Die Eingabe- und Scan-Arbeiten außer Haus erforderten eine gute Vorbereitung (etwa eine exakte Maske, nach der einzugeben ist), laufende persönliche Absprachen und terminliche Koordinierungen. Nach der anschließenden Konvertierung ist eine gut nutzbare Datenbank mit über 2100 Datensätzen entstanden; nötig ist freilich noch eine grundlegende Inventur anhand der Originalobjekte.

Nun fehlte noch die Einbettung der eingescannten Bilddateien. Leider ermöglicht ACCESS standardmäßig nur für jeden Datensatz einzeln die Einbettung einer Bilddatei als OLE-Objekt. Gewünscht war aber eine automatische Verknüpfung aller 1200 vorliegenden Bilddateien mit dem dazugehörigen Datensatz in der Depot-Tabelle anhand des der Signatur entsprechenden Dateinamens. In Kooperation mit dem AFB, Berlin, wurde ein automatisches Einleseformular entwickelt, das – bei wirklich exakter Übereinstimmung zwischen Signatur und Bilddateiname – gut funktioniert. Leider lässt sich bei der Einbindung die jpg-Komprimierung der Bilddateien nicht beibehalten, so dass die Dateigröße der Datenbank stark anwächst. Die Bilder wurden in einer gesonderten Datenbank von rund 240 MB Größe abgelegt, auf die die eigentliche Recherche-Datenbank problemlos zugreift. Bis die Microsoft-Entwickler eine geeignetere Lösung anbieten, wird man hier in Zukunft eine Verbesserung suchen, indem man in ACCESS sichtbare Thumbnails mit einem Zugriff auf einen externen Bildbetrachter kombiniert. Neu zu erfassende Gegenstände sollten in Zukunft direkt mit einer Digitalkamera fotografiert werden.

Digitalisierung der Fotothek

Der Bestand umfasst rund 10000 Fotos, von denen rund 6500 mit einer laufenden Nummer und einer thematischen Signatur sowie ergänzenden Informationen auf Karteikarten erschlossen sind. Nur etwa 120 Originale stammen aus der KZ-Zeit; die meisten Fotos sind Reproduktionen oder spätere Bilder vom Lagergelände nach der Befreiung sowie aus der Geschichte der Gedenkstätte. Die neue Tabellenstruktur orientiert sich einerseits an der bisherigen Erschließung mittels der Karteikarten, andererseits aber auch an den Masken der anderen Sammlungsbereiche, um damit übergreifende Recherchen zu ermöglichen.

In Kooperation mit dem AFB sind bislang sämtliche Karteikarten und Inventarbücher eingegeben und knapp 4000 Bilder eingescannt worden. Alle Bilder wurden mit 300dpi Auflösung eingescannt und in drei Versionen abgespeichert:

L Die Originalscans als 300dpi-TIF-Dateien (Veröffentlichungsqualität) werden auf CDs gespeichert. Die Dateigröße beträgt je nach Format 0,5 bis 3 MB, bei Farbfotos 3 bis 7 MB; die bisher eingescannten knapp 4000 Bilder nehmen 18 CDs ein.

Diese umfangreichen Dateien werden nur für den Ausdruck mit Fotopapier oder die Übersendung an einen Verlag benötigt. Für hochwertige und großformatige Ausdrucke zu Ausstellungszwecken wäre eine noch höhere Auflösung wünschenswert, die aber – insbesondere bei Farbfotos – zu sehr unhandlichen Dateigrößen führen würde.

L Die komprimierten Versionen als 300dpi-jpg-Dateien (Zwischenstufe) werden ebenfalls auf CDs gespeichert. Diese handlicheren Dateien (100 bis 900 kB) können für Zeitschriften, Faltblätter oder Vortragspapiere genutzt werden. Die in diesem Artikel publizierten Bilder wurden als 300dpi-jpg-Dateien per e-mail an den Verlag gesendet.

L Die stark komprimierten Versionen als 72dpi-jpg-Dateien (Bildschirmqualität) werden auf der Festplatte gespeichert. Diese Bilddateien bleiben in der Regel unter 40 kB und lassen sich per Diskette oder e-mail transportieren. Sie können mit einem Bildbetrachter wie IRFANVIEW – oder einfach im WINDOWS-EXPLORER per Vorschau – durchgeblättert und als Arbeitskopien ausgedruckt werden.

Nach Konvertierung der Textdateien in eine ACCESS-Tabelle und der automatisierten Einbettung der Bilder wird am Bildschirm ein der hier abgebildeten Depot-Maske ähnliches Rechercheformular sichtbar sein.

Einzelschritte in weiteren Sammlungsbereichen

Für das Archiv im engeren Sinne wurde eine bislang handschriftliche Bestandsübersicht in die Datenbank übernommen, in der Volltextrecherchen möglich sind. In 2347 Datensätzen sind hier weniger Einzeldokumente als eher Mappen bzw. Bestandsuntergruppen in kursorischen Kurzbeschreibungen erfasst. Genauer ist die Verzeichnung einiger Nachlässe.

Ein wichtiger Bestand des Archivs der Gedenkstätte ist der sogenannte Buchmann-Bestand: Die von Erika Buchmann und anderen, vor allem kommunistischen Häftlingen gesammelten Erlebnisberichte und andere Materialien wurden nach 1990 über mehrere Zwischenstationen aus dem Bestand des Dokumentationsarchivs über NS-Verbrechen aus dem Ministerium des Innern der DDR übernommen. Der Bestand Erika Buchmann war ab 1993 in einem zweijährigen ABM-Projekt erschlossen und in mehreren WORKS-Datenbanken nach Häftlingsnamen, Orten, Ereignissen und SS-Personal aufgeschlüsselt worden.5 Die jeweils Tausende von Datensätzen umfassenden Dateien wurden in ACCESS konvertiert, übersichtlicher gestaltet und in die Gesamtdatenbank integriert.

Ein weiterer Schritt zur biographischen Erschließung ist die PC-Erfassung des Personenkataloges, in dem in den vergangenen Jahrzehnten verschiedenste Informationen zu ehemaligen Häftlingen festgehalten wurden. Neue Quellensammlungen zur Gedenkstättengeschichte6 und zu den Todesmärschen sowie ein aktuelles Pressearchiv liegen als wohl sortierte Ordner vor, sind aber bislang nicht digital erschlossen.

Dringender erscheint zunächst eine Verzeichnung der umfangreichen Bestände von Kopien aus ausländischen Archiven, etwa aus Wien, Warschau, Lund, Besançon oder Moskau. Andere Einzel-Projekte sind in Vorbereitung, etwa eine Übersicht der Außenlager oder eine nach Motiven aufgeschlüsselte Datenbank zu Gedichten von Häftlingen.7

Die Mediathek umfasst TV-Aufzeichnungen, Gespräche mit ZeitzeugInnen und Mitschnitte von Veranstaltungen. Die Medien waren bereits in EXCEL mit Titeln, aufgenommenen Personen und Schlagwörtern verzeichnet worden. Diese Dateien wurden konvertiert und in die ACCESS-Datenbank integriert. Die Digitalisierung der Ton- und Filmdokumente selbst und ihre elektronische, sequenzielle Verschlagwortung könnte in wenigen Jahren, wenn preisgünstige DVD-Schreiber zur Verfügung stehen werden, eine sinnvolle Alternative zur arbeitsaufwendigen Transkription sein.

Die Bibliothek wird zur Zeit – im Verbund mit anderen Gedenkstätten – mit dem speziellen Bibliotheksprogramm ALLEGRO erschlossen.

Erleichterte Beantwortung von Haftanfragen

Täglich bitten ehemalige Häftlinge die Gedenkstätte um eine Bestätigung ihrer Haftzeit. Angesichts des Alters und der Not vieler, gerade osteuropäischer Überlebender, die noch immer um Rente und Entschädigung kämpfen müssen, war es ein dringendes Anliegen, durch Zusammenfassung und Aufbereitung verschiedener Datenbanken die Beantwortung der Anfragen zu beschleunigen. Schließlich tragen die Gedenkstätten hier als Hauptansprechpartner der überlebenden Opfer in Deutschland eine hohe Verantwortung und Verpflichtung.

Gleichzeitig sollten die über 2000 bereits eingegangenen Haftanfragen als Quelle für die Forschung nutzbar gemacht werden. Die großenteils übersetzten Briefe enthalten z.T. detaillierte Informationen über Biographie, Verfolgungsgeschichte, Außenlager, Befreiung, Entschädigungsproblematik etc.

Ein spezielles Bildschirmformular dient nun der Erfassung der Briefangaben, öffnet direkt die benötigten Recherchemasken und stellt die Ergebnisse in einem Antwortschreiben zusammen. Das halbautomatische Verfahren erlaubt selbstverständlich eine individuelle Bearbeitung der sehr unterschiedlich gelagerten Anfragen und verbindet Daten-Eingabe, Recherche und ansprechend gestalteten Ausdruck innerhalb eines Arbeitsschrittes.

Zwischenstand und Perspektiven

Ein Zwischenresümee muss zunächst bescheiden ausfallen: Auf dem Weg zum ambitionierten Fernziel – die Sammlungen sollen bereichsübergreifend, computergestützt und personenbezogen recherchierbar sein – sind bislang nur erste Schritte gemacht worden. Im Rahmen einer einzelnen ABM-Stelle ist eine detaillierte Einzelverzeichnung aller Archivalien, ihre übergreifende Verschlagwortung, biographische Erschließung und elektronische Sicherung natürlich unmöglich. Andererseits konnten umfangreiche Vorarbeiten genutzt werden.

Dementsprechend pragmatisch war der Ansatz der gewissermaßen retrospektiven Digitalisierung bzw. Konvertierung vorhandener Findmittel. Möglichst schnell nutzbare Datenbanken sollten eine Initialzündung zur weiteren, langfristigen Entwicklung geben.

Dieses retrospektive Vorgehen hat gewichtige Nachteile: Der bereichsübergreifende Ansatz erzwingt angesichts der begrenzten Zeit eine summarische Bearbeitung und damit eine gewisse Quellenferne. Die Weiterverwendung vorhandener Findmittel und die Einbeziehung nur kurz eingearbeiteter Eingabekräfte machen die Datenbanken fehleranfällig.

Andererseits gelang so ein erfolgreicher Beginn des Projektes: Anders als bei vielen ähnlichen Vorhaben sind die Datenbanken nach einem Jahr bereits nutzbar. Mit verschiedenen Neuentwicklungen wurde das eher unternehmensorientierte ACCESS zu einer den Bedürfnissen der Gedenkstätte angepassten Sammlungs-Anwendung weiterentwickelt. Dieses Pilotprojekt ist freilich noch lange nicht abgeschlossen. Viele Teilbereiche stecken noch in unterschiedlichen Stadien der Erfassung, der Konvertierung und der programmtechnischen Entwicklung. Besonders wichtig erscheint eine intensivere biographische Erschließung. Ziemlich am Anfang steht noch die Verschlagwortung.

Generell sind noch gründliche Korrektur-Durchgänge erforderlich. Datensicherung, Netzwerkarchitektur und Zugangsberechtigungen müssen abgestimmt werden, die individuelle oder automatisierte Einbindung von Bildern muss optimiert werden. Schließlich muss die Implementierung der Datenbanken in die vorhandenen Arbeitsstrukturen verbessert werden.

1 Auf der neuen Homepage der Gedenkstätte (www.ravensbrueck.de) ist das allerdings noch nicht realisiert.

2 Hier könnte in Zukunft vielleicht der ACCESS-basierte Fachthesaurus zum Nationalsozialismus hilfreich werden, den das Fritz-Bauer-Institut auf einem Gedenkstättentreffen im November 1999 als work-in-progress vorstellte.

3 www.topographie.de/gedenkstaettenforum

4 Vgl. dazu: Thomas Gade, Digitales Bildarchiv, in: Der Fotorestaurator, 2. 1998, S. 13–19. Informationen zu den Programmen gibt es unter www.acdsystems.com (ACDSee), www.cerious.com (ThumbsPlus), stud1.tuwien.ac.at/~e9227474/ (IrfanView).

5 Unter anderem auf dieser Basis erschienen: Grit Philipp/Monika Schnell, Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Berlin 1999

6 Zu diesem Thema auch: Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit, Susanne Lanwerd (Hrsg.), Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravensbrück 1945–1995 (Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 11), Berlin 1999

7 Vgl. dazu Constanze Jaiser, Poetische Zeugnisse aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Stuttgart 2000 (im Erscheinen)