Als am späten Abend des 21. Juni 1933 eine Gruppe SA-Männer in der im Berliner Bezirk Köpenick gelegenen Alten Dahlwitzer Straße in das Haus mit der Nummer 2 eindrang, um den sozialdemokratischen Gewerkschafter Johann Schmaus und seine beiden Söhne Hans und Anton festzunehmen, schoss Anton in Notwehr drei SA-Männer nieder und flüchtete. Zwar stellte sich Anton Schmaus wenig später der Polizei, woraufhin ihn zwei Beamte in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz einliefern sollten, doch gestaltete sich der Transport schwierig. Dutzende SA-Angehörige versuchten, das Fahrzeug mit dem mutmaßlichen Delinquenten aufzuhalten beziehungsweise dessen Herausgabe zu erwirken. Im Präsidium wurde er wiederum von SA-Männern umringt und schließlich durch einen Schuss niedergestreckt. Im Staatskrankenhaus der Polizei überlebte Anton Schmaus noch einige Monate, bis er dort von SS-Männern wiederum so schwer misshandelt wurde, dass er am 16. Januar 1934 starb.[1]
Anton Schmaus ist lediglich eines von mehreren Todesopfern des »frühen« Terrors 1933/34, die in das Staatskrankenhaus der Polizei mitten im Zentrum der Reichshauptstadt eingeliefert wurden und dort verstarben. Ein eintägiger Workshop hat sich nun diesem Forschungsdesiderat gewidmet. Historikerinnen und Historiker – unter ihnen ausgewiesene Expertinnen und Experten für die Geschichte der Medizin, der Polizei und der Verfolgung politischer Gegner und Gegnerinnen im Nationalsozialismus – entwickelten am 2. November 2015 in den Räumen des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors erste und keineswegs abschließende Forschungsfragen. Eingeladen hatten das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universitätsklinik der RWTH Aachen und das Historische Seminar der Universität Hamburg.
Sowohl die NS- als auch die Polizei-Forschung haben die Einbindung des Polizeikrankenhauses in den NS-Machtapparat und seine Rolle bei der Verfolgung sogenannter Schutzhäftlinge bislang weitgehend unbeachtet gelassen. Folglich bot das erste von Anke Hoffstadt, bis 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Düsseldorf, moderierte Panel Gelegenheit, den bisherigen Forschungsstand zu erörtern. Yves Müller berichtete über die wechselhafte Geschichte des Standortes – 1853 als Königliches Garnisonslazarett begründet, übernahm nach dem Ersten Weltkrieg die preußische Schutzpolizei, ab 1949 die neu gebildete Volkspolizei und schließlich seit 1990 die Bundeswehr den Komplex in der Scharnhorststraße[2] – und erläuterte anhand ausgewählter Beispiele die medizinische Versorgung meist durch die nationalsozialistische Sturmabteilung (SA) Misshandelter.
Christoph Gollasch klärte über den bis dato nicht systematisch untersuchten, aber überaus wertvollen Bestand der Krankenblätter im Bundesarchiv auf. Nach ersten konservativen Schätzungen lassen sich allein über diese Unterlagen etwa 1000 Namen von zwischen 1933 und 1945 in das Krankenhaus eingelieferten sogenannten Schutzhäftlingen (u.a. Häftlinge aus den Konzentrationslagern Columbiahaus, Sonnenburg und Oranienburg/Sachsenhausen) und Polizei-Gefangenen auflisten.[3] Insbesondere im Zeitraum des »frühen« Terrors scheinen Oppositionelle, die von den National-sozialisten misshandelt worden waren, ins Polizeikrankenhaus eingeliefert worden zu sein. Zumindest kurzzeitig bestand eine Kooperation mit den Justizkrankenhäusern der Gefängnis- und Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzungspolitik in Osteuropa wurden offenbar auch Gestapo-Häftlinge aus dem Generalgouvernement ins Polizeikrankenhaus eingeliefert. Darüber hinaus finden sich in dem Bestand auch Namen Betroffener, die als »Geisteskranke« oder »Vorbeugehäftlinge« eingewiesen wurden sowie Menschen, an denen Sterilisationen durchgeführt wurden – ein Hinweis auf die mögliche Einbindung des Krankenhauses bzw. seiner gynäkologischen und urologischen Abteilungen in die Euthanasieverbrechen der Nationalsozialisten. Auch arbeitete das Polizeikrankenhaus mit dem Gestapa zusammen, wie das Beispiel des Wehrmachtgenerals Fritz Lindemann zeigt, der im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 bei seiner Festnahme schwer verletzt wurde.
Thomas Köhler, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Geschichtsort Villa ten Hompel Münster, referierte einführend über Fragen des historischen Bewusstseins in der bundesrepublikanischen Polizei hinsichtlich der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus. Außerdem wies er auf eine weitere beachtenswerte Gruppe hin, die im Polizeikrankenhaus medizinisch betreut wurde: So ist anzunehmen, dass auch Angehörige von Polizei-Bataillonen, deren zentrale Aufgabe im Rahmen der systematischen Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden inzwischen vielfach Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen war, bspw. infolge »nervösen Erschöpfungszustands« zum Zweck der Rekonvaleszenz Wochen oder gar Monate in Polizeikrankenhäusern verbrachten. Nicht zuletzt weisen vereinzelte Fälle darauf hin, dass Polizeiangehörige auch wegen Geschlechtskrankheiten, die sie sich in den von den Deutschen besetzten Gebieten zugezogen hatten, im Berliner Polizeikrankenhaus medizinisch behandelt wurden. So mögen die Krankenblätter auch Aufschluss über sexuelle Kontakte und sexualisierte Gewalt deutscher Polizisten geben.[4]
Ebenso vernachlässigt wurde bisher die Rolle der polizeilichen Zahnmedizin, wie Enno Schwanke, Universitätsklinik der RWTH Aachen, erläuterte. So ist auch über die Tätigkeit der 1942 durch den Chef der Deutschen Ordnungspolizei Kurt Daluege eröffneten und im Polizeikrankenhaus angesiedelten Zahnärztlichen Klinik fast nichts bekannt. Dabei mag gerade diese Einrichtung im Krieg der Erhaltung der Wehrtauglichkeit der Polizisten und SS-Angehörigen gedient haben.
Das zweite Panel, das Daniel Siemens, Arbeitsbereich Geschichte moderner Gesellschaften an der Universität Bielefeld, moderierte, diente der Diskussion von Forschungsfragen. Die Geschichte des Polizeikrankenhauses bietet als Querschnittsthema Anknüpfungspunkte für verschiedene Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft: für die Polizeigeschichte ebenso wie für die Medizingeschichte, für die NS-Täterforschung und Gewaltgeschichte ebenso wie für die Erforschung der Euthanasieverbrechen, für die Wissenschafts- wie die Regional- oder Strukturgeschichte. Der Blick auf dieses eine Krankenhaus und seine verschiedenen Funktionsweisen und Aufgaben eröffnet einen Blick auf bisher vernachlässigte Fragestellungen. Ausgehend von der Einbindung des Krankenhauses in die »totale Institution« (Erving Goffman) oder auch »gierige Organisation« (Lewis A. Coser) der Polizei könnten Rahmenbedingungen, Kommunikationswege und nicht zuletzt die Auswahl des Personals näher untersucht werden.[5] Siemens wies demgegenüber darauf hin, dass es darum gehen müsse, die »Logik des Ortes« als ein »Ort der Gewalt« zu begreifen. Tatsächlich war das Krankenhaus als kollektiver Akteur nicht nur das Glied einer Kette, sondern selbst handelnd und ergriff Initiative. An dieser Stelle muss wiederum nach dem Personal gefragt werden, nach den Polizei- und SS-Ärzten, aber auch den zivilen Vertragsärzten. Auch in zeitlicher Dimension ist eine Perspektive über die Bruchlinien 1933 und 1945 hinweg ertragreich. Mithilfe einer »gebrochenen Forschungsgeschichte«, wie Siemens erläuterte, könnte das Krankenhaus in Weimarer Republik, Nationalsozialismus und DDR in den Blick genommen werden.
Neben Fragen nach dem Forschungsdesign wurde auch über Herausforderungen angesichts breit verstreuter und mitunter schwer zugänglicher Quellenbestände debattiert. Hauptsächliche Aufgabe des angestrebten Projekts wird die vollständige Sichtung des im Bundesarchiv, Standort Berlin-Lichterfelde, lagernden Teilbestands R 19 Hauptamt Ordnungspolizei/Staatskrankenhaus der Polizei sein. Doch macht die Breite der aufgeworfenen Problemstellungen umfangreiche Recherchearbeiten notwendig.
Der Workshop war lediglich ein erster Schritt hin zur Ausarbeitung einer Projektidee. Das ausgewiesene Fachpublikum, die aufgeworfenen Fragen und die angeregte Diskussion zeigten jedoch bereits: Die Erforschung der Geschichte des Staatskrankenhauses der Polizei in Berlin ist lange überfällig.
Christoph Gollasch, ist Doktorand am Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin.
Yves Müller arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiter am Historischen Seminar, Universität Hamburg.
[1] Landesarchiv Berlin (folgend: LAB), C Rep 300, Nr. 71; Museum Köpenick, Archiv, Pressearchiv, Nr. 24.1 (Köpenicker Blutwoche, Prozess 1947).
[2] Zur Geschichte des Standortes: Wolfgang Locher, 150 Jahre Militärkrankenhaus Berlin. Vom preußischen Garnisonslazarett zum Bundeswehrkrankenhaus, in: Wehrmedizinische Monatsschrift. Organ des Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie 48 (2004), H. 4, S. 74–78.
[3] Bereits seit 1931 befand sich im Polizeikrankenhaus eine geschlossene Krankenstation für Polizei--Gefangene.
[4] Vgl. u.a. den Bericht über Pol.-Wachtm. Josef D., enthalten im Krankenblatt D., Josef, geb. 23. 4. 1914, BArch, R 19/2162, unpag.
[5] Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, 12. Aufl., Frankfurt am Main 1999; Lewis A. Coser, Gierige Institutionen. Soziologische Studien über totales Engagement. Mit einem Nachwort von Marianne Egger de Campo, Frankfurt am Main 2015.Die Herangehensweise Cosers hat Stefan Kühl zuletzt aufgegriffen und für Organisationen im NS-Staat, insbesondere die Deutsche Ordnungspolizei aufgegriffen: Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2014.