Das zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme gehörende Gelände ist weitläufig. Auf einer Länge von etwa zwei Kilometern befinden sich Gebäude, Spuren und Wege, die zu Gedenk- und Mahnorten führen. Überreste der Häftlingslager, der SS-Lager, der Industriezone und anderer Betriebseinrichtungen des ehemaligen Konzentrationslagers sind allenthalben wahrnehmbar und erschließbar. Die ehemaligen Häftlingsbaracken sind durch mit Klinkerresten gefüllte Drahtkonstruktionen angedeutet.
Reste der Justizvollzugsanstalt XII auf dem Gelände des Inhaftierungslagers machen die widersprüchliche Geschichte der Nachnutzung sichtbar. Der in den 1960er Jahren entstandene mächtige Betonbau auf den ehemaligen Tongruben war bis Februar diesen Jahres als Justizvollzugsanstalt Vierlande in Betrieb. Nach der Verlagerung dieses zweiten Gefängnisses auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte bleibt somit zunächst ein weiteres Gebäude mit Spuren seiner letzten Nutzung zurück.
Soviel zum Sichtbaren. Hinzu kommen Berichte, Erzählungen und Bilder: alles Erinnerungen, die die Geschichte des Ortes dokumentieren. Bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wird sehr unterschiedliches Vorwissen mitgebracht und im allgemeinen kommen noch mehr Fragen auf. Für die Erschließung der Geschichte und Gegenwart des Ortes steht darum heute ein Repertoire an Lesehilfen bereit, um die Besucherin und den Besucher zu unterstützen. Im Mittelpunkt steht dabei die neue Hauptausstellung »Zeitspuren«, die auf 2000 Quadratmetern die Geschichte und Nachgeschichte des KZ Neuengamme präsentiert.
Mit der Umgestaltung des ehemaligen Häftlingslagers[1] haben sich in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt in infrastruktureller, neue Möglichkeiten für die Gedenkstättenarbeit in Neuengamme aufgetan. Als eine Idee ist dabei das Konzept eines an der Vorstellung der spontanen Nutzbarkeit ausgerichteten Besucherarchivs entstanden und unter der Bezeichnung »Offenes Archiv« parallel zu den Gedenkfeierlichkeiten am 4. Mai eröffnet worden. Das Offene Archiv stellt sich heute als ein Ausstellungshybrid mit dem Charme einer Projektwerkstatt und der Funktion eines verzweigten Speichermediums dar. Seit einigen Monaten können wir erste Nutzungserfahrungen sammeln.
Das Offene Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bietet Besucherinnen und Besuchern, die über das Ausstellungsangebot hinaus interessiert sind, die Möglichkeit zur gezielten Nachbearbeitung, Vertiefung und eigenständigen Recherche zur Geschichte des Konzentrationslagers und seiner Nachgeschichte. Das präsentierte, zur Verfügung gestellte Material ist heterogen. Es erscheint in Form von Texten, Filmen, Bildern, Themenordnern oder anderen Konvoluten, Listen, Überblicken und Karten. Der Bestand ist feingliedrig sortiert. So kann direkt an den Regalen der übersichtlichen Mediensammlung gestöbert werden. Vier Rechnerarbeitsplätze bieten die Möglichkeit, zusätzlich nach digitalen Texten, Filmen, Bildern und Dokumenten zu recherchieren.
Die Räume des Offenen Archivs befinden sich im Kopfbau der ehemaligen SS-Garagen. Der Zugang zum Rechnerraum mit Abspielgeräten für DVD und Video erfolgt über das Foyer der Ausstellung zur Lager-SS. Die Mediensammlung liegt in einem langen Raum mit Fensterfront. Dort können mehrere Tische für Arbeitsgruppen zusammengestellt werden und hölzerne Stehtische bieten Möglichkeiten für gestalterische Arbeiten.
Rund 2500 Medien in Form von Büchern, Texten, Bildern und Filmen bilden zurzeit den Bestand des Offenen Archives. Das Angebot richtet sich in erster Linie nicht an ein spezialisiertes Wissenschaftspublikum. Die Einrichtung geht davon aus, dass ein erster Kontakt mit wissenschaftlicher Literatur und verständlichen Quellen möglich und gewünscht ist. Zusammengestellte Einführungsordner werden zu vielen Themen angeboten. Es existiert eine Ordnungssystematik, die alle Materialformen umfasst. Schwerpunkt der Sammlung ist die Geschichte des KZ Neuengamme und seine Nachgeschichte. Daran anknüpfende Themenfelder im Bestand sind: nationalsozialistischer Staat, Lagersystem, Verfolgung und Vernichtung, Widerstand, politische Bildung, Gedenkstättenarbeit und Erinnerungspolitik.
Die Medien sind feingliedrig systematisiert. Besucherinnen und Besucher sollen bald auf Themensammlungen treffen und die relevanten Medien in direkter Nachbarschaft vorfinden. Gesondert wird ein systematisierter Fremdsprachenteil mit Texten in rund 20 Sprachen angeboten. Hier stehen in erster Linie Überblickstexte zu Neuengamme und Einzelberichte, aber auch landessprachliche Veröffentlichungen der verschiedenen Überlebendenorganisationen.
Über die vier PC ist der gesamte Bestand recherchierbar. Im Gegensatz zu klassischen Bibliothekssystemen werden nicht nur Titelangaben, sondern inhaltliche Beschreibungen zu jedem einzelnen Medium geboten. Die Stichwortsuche durchforstet auch diese Beschreibungen und gewichtet sie bei der Ausgabe. Die Geräte bieten weitere Zugriffsmöglichkeiten. Viele Texte der Ausstellung sind in einem eigenen Bereich strukturiert hinterlegt und mit Medientipps versehen. Das System hält zusätzlich eine große Anzahl digitaler Medien in Form von pdf-Dokumenten, Bildern und Filmen bereit, die direkt am PC geöffnet und betrachtet werden können. Das gesamte System ist derzeit in deutscher, englischer und französischer Sprache nutzbar. Russisch, vierte Sprache in der Ausstellung, erweitert in naher Zukunft das Angebot.
Gearbeitet wird im Offenen Archiv im kleinen Team. Dem hauptamtlichen Museumspädagogen stehen eine studentische Mitarbeiterin und ein studentischer Mitarbeiter zur Seite. Das Offene Archiv ist ein frequentierter Praktikumsort. Gemeinsam mit den Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste trugen und tragen Praktikantinnen und Praktikanten auf vielfältige Weise mit ihren Ideen und Ausführungen bei. Im Moment ist zumindest wochentags die Öffnung der gesamten Einrichtung parallel zu den Ausstellungen und dem Haus des Gedenkens gewährleistet. Am Wochenende kann in der Regel nur der Rechnerraum zur Suche und Orientierung genutzt werden.
Ein Ziel des Offenen Archivs ist es, ein differenziertes Angebot für EinzelbesucherInnen zu schaffen. Neben der Bereitstellung der Materialien steht die Beratung von Lehrenden, Multiplikatoren, speziell Interessierten oder einfach denen, die vorbeischauen, durch Gesprächsangebote. Darüber hinaus dient das Offene Archiv zur Orientierung in der Gedenkstätte und zur Weitervermittlung an Bibliothek, Archiv und Studienzentrum. Beispielsweise konnte ein Schüler mit Material für ein Referat zu »Medizinische Versuche an KZ-Häftlingen« unterstützt werden, eine Zivildienstseminarleiterin wurde mit Hintergrundtexten zu den Bildungsmöglichkeiten versorgt. Die niederländischen Angehörigen eines ehemaligen Häftlings sahen sich einen Film in ihrer Sprache an und wurden zum Schriftdokumentenarchiv vermittelt. Drei Studentinnen der Universität Lüneburg nutzten die Räumlichkeiten für eine Arbeitsgruppensitzung zur Evaluation der Gedenkstättenarbeit in Neuengamme, indem sie Rundgangskonzepte und Projektmaterialien sichteten.
Mittlerweile ereignet es sich häufiger, dass Gruppen auf dem Rundgang Kenntnis vom Offenen Archiv erhalten und es in Augenschein nehmen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Museumspädagogik nutzen die Möglichkeiten des Offenen Archivs zum selbsttätigen Erarbeiten von Themen bei fünfstündigen Projekten, z.B. mit Referendariats- und Berufsschulgruppen.
Die Einrichtung etabliert sich erst. Effektive Öffentlichkeitsarbeit hieße Schulen und freie Bildungseinrichtungen erneut und nachdrücklich anzusprechen, die Projektmöglichkeiten vorzustellen und Kooperations- und Vernetzungstreffen zu organisieren. Die Einpflegearbeiten der Medien im Offenen Archiv sind zeitaufwendig, ein riesiges Datenpaket der neuen Ausstellung steht in der Warteschlange, noch längst sind nicht alle Medien im Rechnersystem zugänglich.
Vielleicht trägt diese neue und etwas andere Einrichtung der umgestalteten KZ-Gedenkstätte dazu bei, Besucherinnen und Besucher zum Wiederkommen zu bewegen und bisher nicht angesprochene Zielgruppen zu gewinnen.
Kathrin Herold und Bernd Schroller sind als studentische Mitarbeiter in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme für die Erarbeitung und Betreuung des Offenen Archivs zuständig.
[1] Siehe Andreas Ehresmann: Vom Gefängnis zur Gedenkstätte. Die Transformation eines verdrängten Ortes. Ein Werkbericht über Neuengamme, in: GedenkstättenRundbrief Nr. 116, 12/2003