Das Kölner NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus, dem ehemaligen Sitz der Gestapostelle Köln, ist eine der lokalen Gedenkstellen, die in den beiden letzten Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen entstanden sind. Die Geschichte des Hauses und die Entwicklung dieser Einrichtung sind eng miteinander verknüpft.
Die Aufgaben des NS-Dokumentationszentrums
Das NS-Dokumentationszentrum ist eine Einrichtung der Stadt Köln. Es hat unterschiedliche Funktionen: es ist mit dem Gestapogefängnis im Keller des Hauses Gedenkstätte; zum anderen ist es eine Dokumentations- und Forschungseinrichtung; weiterhin enthält es einen museumsartigen Ausstellungsbereich, und schließlich ist es Lern- und Bildungsort. Diese unterschiedlichen Aufgaben prägen sowohl die Raumstruktur des Hauses wie die Arbeitsweise dieser Einrichtung.
Gedenkstätte ist das Hausgefängnis der Gestapo im Keller des Gebäudes mit den Häftlingszellen und den Inschriften der Opfer. Es ist Ausgangspunkt und Kern dieser Einrichtung, der authentische Ort. Er erinnert am unmittelbarsten und eindringlichsten an den mit diesem Hause verbundenen Schrecken der NS-Zeit.
Museumsartige Ausstellungstätigkeiten bilden einmal die Dauerausstellung »Köln im Nationalsozialismus«, zum anderen die in einem speziellen Bereich durchgeführten Sonderausstellungen. Die Dauerausstellung beschränkt sich nicht auf die Themenbereiche Widerstand und Verfolgung, sondern versucht die Gesamtentwicklung des Nationalsozialismus konkret in der Stadt Köln in den Grundzügen aufzuzeigen, von den frühen Anfängen in der Weimarer Zeit bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes im Frühjahr 1945. Die Ausstellung behandelt ein breites Spektrum von Themen: Rassenpolitik mit den zentralen Opfergruppen Juden sowie Sinti und Roma, den Widerstand der unterschiedlichen Gruppen, aber auch Machtergreifung und Gleichschaltung, NS-Propaganda und Machtapparat, Jugend, Kirchen oder Alltag. Darüber hinaus werden im Sonderausstellungsbereich Einzelausstellungen gezeigt, die entweder vom NS-Dokumentationszentrum erarbeitet oder die von außen übernommen werden. Als museumsartige Einrichtung wird für den Besuch des Hauses (Ausstellungen einschließlich Gedenkstätte) ein Eintritt erhoben. Im Jahr 1999 zählte das NS-Dokumentationszentrum 41000 Besucher (1998: 27000).
Die Tätigkeit des NS-Dokumentationszentrums ist zu einem wesentlichen Teil Bildungsarbeit, vor allem im Hinblick auf Jugendliche und Schüler. Zu dieser Aufgabe gehören die Vorbereitung und Organisation von Führungen durch die Dauerausstellung, die Sonderausstellungen und die Gedenkstätte, auch unter Einsatz von Medien. In diesem Rahmen werden auch Projekte von Schülern oder Jugendgruppen gefördert. Teil der Bildungsarbeit sind weiterhin Vorträge, Diskussionen oder andere Veranstaltungen, die der Vermittlung dieses Themas dienen, auch künstlerische Formen wie Konzerte und Theateraufführungen.
Materialbasis der Arbeit des NS-Dokumentationszentrums bildet die Dokumentationstätigkeit. Im Rahmen einer Ersatzdokumentation versucht das NS-Dokumentationszentrum die im Krieg und bei Kriegsende weitestgehend zerstörte Aktenüberlieferung zu rekonstruieren. Dies geschieht einmal durch Bildung einer Ersatzüberlieferung aus Beständen anderer Archive und Sammlungsstätten, d.h. durch Sammlung von Aktenbetreffen, die sich in anderen Überlieferungen des In- und Auslandes erhalten haben. Zum anderen werden allgemein und im Rahmen bestimmter Projekte Einzelmaterialien, vor allem auch Fotografien, gesammelt. Die Fotosammlung umfaßt zur Zeit etwa 6400 Aufnahmen. Einen weiteren Ansatz bilden die Zeitzeugeninterviews: das NS-Dokumentationszentrum hat zahlreiche Interviews geführt und verschriftlicht sowie über 500 Zeitzeugenerinnerungen systematisch gesammelt. Außerdem gibt es zu einer Reihe von Themen Materialsammlungen. Sämtliche Materialien, die allgemein zugänglich sind, werden schrittweise mit einem Datenbankprogramm (Faust) erschlossen.
Die Bibliothek – in Form einer Präsenzbibliothek – enthält schwerpunktmäßig Literatur zu Köln in der NS-Zeit. Sie besitzt in Form von Microfiches und teilweise im Original Zeitungen aus diesem Zeitraum. Ein Spezialgebiet sind Nachrichten- und Mitteilungsblätter von NS-Organisationen und Behörden sowie Firmenzeitschriften aus dem Raum Köln. Ein weiterer Schwerpunkt sind Jugendbücher, auch nichtdokumentarischen Charakters.
Ein Ergebnis der Arbeit des NS-Dokumentationszentrums bilden die Publikationen, zum Teil hervorgegangen aus Ausstellungsprojekten. Sie sind zunächst einzeln oder im Rahmen anderer Publikationsreihen erschienen. Seit 1994 verfügt es über eine eigene Schriftenreihe, die »Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln«. Darüber hinaus sind inzwischen mehrere Hefte mit Unterrichtsmaterialien mit Themen zur NS-Zeit in Köln für die Schulen entstanden.
Seit Anfang 1999 ist das NS-Dokumentationszentrum im Internet präsent unter der Adresse www.museenkoeln.de/ns-dok. Das noch im Aufbau befindliche Angebot enthält – vergleichbar dem Kurzführer – einen Überblick über die Angebote und Aktivitäten des NS-Dokumentationszentrums, bietet einen virtuellen Rundgang durch das Haus und wird – mit dem »Gedenkbuch der jüdischen Opfer aus Köln« als Anfang – schrittweise weitere Materialien und Datenbanken einlesen. Dazu zählt nunmehr auch die Liste der Zwangsarbeiterlager im Gebiet der Stadt Köln. Der interaktive Charakter beider Datenbanken ermöglicht es, Korrekturen und Ergänzungen zu verarbeiten.
Das NS-Dokumentationszentrum als Dienststelle der Stadtverwaltung ist gleichzeitig zuständig für die Behandlung von Themen, die die NS-Vergangenheit der Stadt betreffen. Das bedeutet etwa die Bearbeitung von Anfragen an die Stadtverwaltung zur NS-Zeit, in den letzten Jahren vor allem auch Bestätigungen über die Tätigkeit als Zwangsarbeiter in Köln. Dazu zählen aber auch Aufträge der Stadtverwaltung wie Stellungnahmen zu Gedenktafeln und Denkmälern oder Straßenumbenennungen, Mitwirkung an städtischen Veranstaltungen und Projekten oder etwa Vorbereitung von Redebeiträgen.
Seit 1980 führt das NS-Dokumentationszentrum gemeinsam mit der »Projektgruppe Messelager« jährlich einmal ein Einladungsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Köln durch. Dabei werden die Gäste vom Oberbürgermeister eingeladen und empfangen, suchen die Orte auf, wo sie in Lagern gelebt bzw. in Fabriken gearbeitet haben, sprechen vor allem vor jungen Menschen über ihre Erlebnisse. Die dabei geführten Interviews werden aufgezeichnet und stehen in schriftlicher Form für die Forschung zu diesem Themenbereich zur Verfügung. Für die Gäste ist es eine Form der Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit. Die Erfahrungen aus diesen Besuchen sind in einer Broschüre zusammengefaßt.1
Geschichte des EL-DE-Hauses
Das EL-DE-Haus verdankt seinen Namen den Initialen seines Erbauers, dem Kölner Goldwaren- und Uhrengroßhändler Leopold Dahmen. Dieser ließ am Appellhofplatz auf einem Eckgrundstück zur Elisenstraße anstelle zweier abgerissener Wohnhäuser in den Jahren 1934/35 ein größeres Wohn- und Geschäftsgebäude errichten, das von dem Architekten J.J. Erberich in neoklassizistischem Stil entworfen wurde. Nach einem Baustillstand wurde das Haus noch im Rohbau für die Gestapo angemietet und für deren Zwecke verändert, u.a. durch den Einbau des Häftlingstraktes im Keller des Hauses.
Das viergeschossige Gebäude selbst war mit seiner Schauseite und seinem Haupteingang auf den Appellhofplatz ausgerichtet, der zur Bauzeit in diesem Bereich noch Teil der Langgasse war. Seit Dezember 1935 war es als Sitz der Geheimen Staatspolizei für den Regierungsbezirk Köln – damit gleichzeitig für das Gebiet der Stadt Köln zuständig – bald nicht nur den Gegnern des Systems bekannt. Nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens wurden von der Gestapo überwacht; dies gilt insbesondere für Gruppen, die als politische Gegner eingestuft waren wie vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten oder die als nicht der »Volksgemeinschaft« zugehörig betrachtet wurden wie Juden, Sinti und Roma, Bibelforscher oder Homosexuelle. Im Krieg wurde die Kölner Gestapostelle auch für den Regierungsbezirk Aachen zuständig. In dieser Zeit erreichte der Terror der Gestapo seinen Höhepunkt, insbesondere auch gegen die ausländischen Zwangsarbeiter. Im Hof des Gebäudes wurde im Herbst 1944 ein Galgen errichtet, unmittelbar bei dem Gebäude wurden Menschen erschossen. Die Gestapo hatte im Klingelpütz, in der Messe, im Tanzbrunnengelände, mit Baracken im Stadtwald in Müngersdorf sowie der Provinzialanstalt in Brauweiler weitere Haftstätten. Auf der Ehrenanlage des Westfriedhofs erinnert eine besondere Grabanlage an 720 Opfer der Gestapo aus unterschiedlichen Nationen. Bei Kriegsende flohen die Angehörigen der Gestapo aus Köln, die letzten Anfang März 1945. Ein Teil der Häftlinge mußte in langen Fußmärschen den Weg ins Rechtsrheinische bis ins Sauerland antreten.
Nach 1945 wurden in einzelnen Fällen Prozesse gegen Leiter der Gestapo und gegen bestimmte Beamte durchgeführt. Sie endeten mit bemerkenswert geringen Strafen, die in der Revision häufig noch gemildert wurden.
Wie durch eine Ironie des Schicksals blieb das EL-DE-Haus von Bomben weitgehend verschont. Es wurde daher bereits unmittelbar nach 1945 von städtischen Dienststellen genutzt, u.a. von Standesamt und Rentenstelle. In den Jahren 1947–1949 wurde das EL-DE-Haus umgebaut. Das zerstörte Nachbarhaus am Appellhofplatz und ebenso ein Gebäude in der Elisenstraße wurden in das Gebäude im gleichen Stil integriert, so dass es heute deutlich größer erscheint, als es vor 1945 war. Außerdem wurde ein weiteres Stockwerk aufgesetzt. Im Zuge des Umbaus wurden die schmiedeeisernen Leuchter von dem Eingang Elisenstraße zu dem des Neubaus am Appellhofplatz verlegt, wodurch das Gebäude optisch noch stärker auf den Appellhofplatz hin orientiert wurde. Ende 1981 wurde die Gedenkstätte im Keller des Hauses der Öffentlichkeit übergeben. Bis zum Umbau in den Jahren 1996/97 erfuhr das Gebäude keine einschneidenden Veränderungen mehr. Inzwischen steht es unter Denkmalschutz.
Geschichte und Entwicklung des NS-Dokumentationszentrums
Im Dezember 1979 beschloß der Rat der Stadt Köln die Einrichtung eines Dokumentationszentrums über die Zeit des Nationalsozialismus beim Historischen Archiv der Stadt Köln. Zu diesem Zweck wurde eine Personalstelle eingerichtet. Vorausgegangen waren dem Beschluß des Rates politische Aktionen, die auf die Einrichtung eines Dokumentationszentrums im EL-DE-Haus zielten. Im Januar 1979 hatte der Kölner Sammy Maedge nach der Vorführung des amerikanischen Films »Holocaust« auf dem Wallrafplatz mit einer selbstgebastelten Litfaßsäule aus einem Pappkarton auf das
EL-DE-Haus als der früheren Gestapozentrale verwiesen und ein NS-Dokumentationszentrum in diesem Gebäude gefordert. Etwa zur gleichen Zeit hatten der Lehrer Kurt Holl und der Fotograf Gernot Huber die Existenz der ehemaligen Häftlingszellen ins öffentliche Bewußtsein gehoben: Sie hatten sich im Keller des EL-DE-Hauses, das vor allem vom städtischen Rechts- und Versicherungsamt genutzt wurde, einschließen lassen und nächtens die Situation in den ehemaligen Häftlingszellen, die als Abstellräume und Aktenkeller dienten, fotografiert und diese Fotos anschließend der Öffentlichkeit präsentiert.
Das öffentliche Echo führte dazu, dass die Stadtkonservatorin Hiltrud Kier die Inschriften restaurieren und den Keller des EL-DE-Hauses mit dem Gestapogefängnis als Gedenkstätte herrichten ließ. Die Inschriften selbst wurden mühsam entziffert und sorgfältig von dem Archivar Manfred Huiskes ediert.
1980 wurde mit der Arbeit an einer NS-Dokumentation begonnen, vor allem durch den Aufbau einer Ersatzdokumentation und durch die Sammlung von Zeitzeugeninterviews. In der Öffentlichkeit ging die Diskussion um ein NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus weiter. Es bildete sich eine Initiative für eine solche Einrichtung, Kern des späteren Fördervereins des NS-Dokumentationszentrums, des Vereins EL-DE-Haus e.V. 1988 konnte das NS-Dokumentationszentrum als Abteilung des Historischen Archivs der Stadt in einzelnen Räumen des EL-DE-Hauses seine Tätigkeit aufnehmen: mit seinen Büros, einer kleinen Bibliothek und einem Raum für Gruppenarbeit. Durch das Entgegenkommen des Kölnischen Stadtmuseums konnten einzelne Sonderausstellungen des NS-Dokumentationszentrums in der Alten Wache des Stadtmuseums gezeigt werden. Die erste dieser Ausstellungen galt dem Thema »Jüdisches Schicksal in Köln 1918–1945«.
Ende 1991 fällte der Rat den grundsätzlichen Beschluß, das NS-Dokumentationszentrum in der vorgesehenen Form im EL-DE-Haus zu realisieren. Neben der bereits vorhandenen Gedenkstätte im Keller des Hauses sollten auf zwei Stockwerken eine Dauerausstellung »Köln im Nationalsozialismus«, ein Sonderausstellungs- und ein Medienbereich, die Bibliothek sowie Büroräume untergebracht werden. Am 16. Juni 1997 wurde das NS-Dokumentationszentrum in seiner neuen Form in einer eindrucksvollen Veranstaltung durch den Oberbürgermeister der Stadt, Norbert Burger, der Öffentlichkeit übergeben.
Anfang 1998 wurde das NS-Dokumentationszentrum – bisher Abteilung im Historischen Archiv der Stadt Köln – eine selbständige Einrichtung im Rahmen des städtischen Kulturdezernats.
Der Umbau des EL-DE-Hauses und das Grundkonzept der Dauerausstellung
Mit der Planung des Umbaus wurde der bekannte Kölner Architekt Professor Peter Kulka beauftragt, der seinerseits den Bielefelder Ausstellungsdesigner Professor Gerd Fleischmann beteiligte. 1993 beschloß dann der Rat die Genehmigung des Vorentwurfs, die eigentliche Weichenstellung für den Umbau. Anfang 1996 wurde mit dem Umbau begonnen.
Aus den Diskussionen zwischen dem NS-Dokumentationszentrum, dem Architekten und dem Ausstellungsdesigner ergab sich ein Konzept, das darauf zielte, auch in den beiden oberen Stockwerken die Geschichte des Hauses erkennbar werden zu lassen und damit das EL-DE-Haus selbst zum Exponat zu machen. Daraus folgte eine deutliche Trennung: Der Keller mit dem Hausgefängnis, den Zellen und den Inschriften sollte als Ort des physischen Terrors, der Eingangsbereich und vor allem die oberen Geschosse mit den Büros der Gestapo als Ort des bürokratischen Terrors erlebbar werden. Daher wurde der bisherige Eingang durch ein transparentes Metallgitter versperrt; das macht den Eingangsbereich mit der Pförtnerloge zum Ausstellungsobjekt. In dem Bereich, in dem die Gestapo ihre Büros hatte, wurden Büroräume und Flure im Prinzip erhalten.
Pläne des Gebäudes und Ansichten einzelner Räume aus der Zeit vor 1945 sind nicht überliefert. Das bedeutete, dass eine Rekonstruktion des früheren Zustandes – selbst wenn sie beabsichtigt gewesen wäre – gar nicht möglich war. Statt dessen erfolgte ein Rückgang auf den Putz der Wände. Bei der Freilegung der Wände traten auch eine Reihe von Wandsafes der Gestapo zutage, deren Existenz bisher unbekannt gewesen war. Sie waren im ursprünglichen Baukonzept für die Schlafzimmer der Wohnungen vorgesehen, kamen dann aber im Rahmen der Umnutzung der Gestapo zugute. Die bisherigen Türen und Oberlichter blieben erhalten. Den Eingriff von der Gegenwart her markieren die um eine Achse oszillierenden Durchgänge zwischen den Räumen. Die »moderne« Nutzung – Büroräume, Bibliothek, Medienbereich und der Raum für Sonderausstellungen – wurde in den nach 1945 errichteten Gebäudeteilen untergebracht, die frei gestaltet wurden, u.a. dadurch, dass die vorhandenen Raumstrukturen aufgegeben und einzelne Räume zu Funktionsbereichen zusammengefaßt wurden.
Die im alten Teil des Gebäudes freigelegten Wände wurden – in verschiedenen Farbabstufungen – mit einer Lasur überzogen; dies schuf eine in etwa homogene Oberfläche, legte gleichzeitig aber bloß, welche Eingriffe seit der Errichtung des Gebäudes vorgenommen worden waren. Der Fußboden wurde mit einer Bitumenmasse ausgegossen mit teils glatter, teils rauher Oberfläche, ein Anklang an die Situation in der Gedenkstätte im Keller des Hauses. Dadurch, dass die Fensterscheiben gleichfalls mit der Lasur überzogen und damit undurchsichtig wurden, erfolgte eine Abschirmung von der Außenwelt und eine Konzentration auf die Ausstellung; lediglich an zwei Stellen wurden bestimmte Elemente der Außenwelt – das Gerichtsgebäude Appellhofplatz und der Hof des EL-DE-Hauses mit der ehemaligen Hinrichtungsstätte – aus konzeptionellen Gründen bewußt als Elemente der Gesamtausstellung einbezogen. Die Außenwände mit den Fenstern wurden möglichst von Exponaten freigehalten, um die Architektur des Hauses auch von innen erlebbar zu machen.
Die Erhaltung der ursprünglichen Raumstrukturen hatte für das Ausstellungskonzept zur Folge, dass die einzelnen, zum Teil sehr kleinen Räume Vorgaben für die jeweils zu behandelnden Einzelthemen bildeten, daher im Einzelfall – wie der Raum zum Anhören von Zeitzeugeninterviews – nur für bestimmte Funktionen genutzt werden konnten. Ein Raum sollte in besonderer Weise verdeutlichen, dass die Ausstellungsräume ursprünglich die Arbeitszimmer der Gestapo waren. Weil keine Innenansichten oder präzisen Ansichten zu den Gestapobüros vorliegen, wurde darauf verzichtet, einen solchen Raum zu rekonstruieren oder zu inszenieren; lediglich einige der im Gebäude vorgefundenen Objekte und einzelne Kopien zu Funktion, Aufbau und Arbeitsweise der Kölner Gestapo beinhalten die Herausforderung, »sich selbst ein Bild zu machen«.
Der Zugang zu dem Thema »Köln im Nationalsozialismus« erfolgt aus der Gegenwart. Dies drückt sich auch darin aus, dass der historischen Entwicklung die Geschichte des EL-DE-Hauses und die Entstehungsgeschichte des NS-Dokumentationszentrums vorangestellt werden. Am Schluß des Ausstellungsganges kann in einem neutral gestalteten Raum über die Ausstellung oder über einzelne Themen diskutiert werden. Aktuelle Artikel aus der Presse an einer Pinnwand, aber auch der Roller, mit dem der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig eine Spur durch die Stadt gezogen hat, oder das zerstörte Schild mit einer Inschrift am EL-DE-Haus verweisen auf die Gegenwart und die Notwendigkeit politischen Engagements.
Die Ausstellung behandelt das Thema Nationalsozialismus ausschließlich aus der Perspektive Kölns. Dabei werden die Grundzüge des NS-Systems in der konkreten lokalen Ausprägung sichtbar gemacht und so unausweichlich auf den eigenen Lebens- und Erfahrungsraum bezogen. Damit werden zugleich Stereotypen des Selbstverständnisses auf den Prüfstand gestellt, etwa das einer vermeintlichen Immunität der Kölner gegenüber dem Nationalsozialismus. Grundsätzlich wird auf eine »Betroffenheitsdidaktik« verzichtet. Eine klare und beim Gang durch die Ausstellung nachvollziehbare Struktur, kurze komprimierte Texte, Bildmaterial und Einsatz von Medien (Monitore, Projektionen, Tondokumente, Filme) sowie unterschiedliche Gestaltungsformen bei den einzelnen Themen sollen den Zugang erleichtern. Dem dienen auch Großexponate, die bei den meisten Themeneinheiten eine symbolische Verdichtung darstellen.
Als Gesamtüberblick über die Entwicklung des Nationalsozialismus in Köln ist die Dauerausstellung insbesondere für den erwachsenen Einzelbesucher gedacht. Jugend- und Schülergruppen wird nahegelegt, im Rahmen eines thematisch vorbereiteten Besuchs exemplarisch Einzelaspekte herauszugreifen und mit einem Besuch in der Gedenkstätte zu verbinden. Das NS-Dokumentationszentrum bietet dazu Führungen an, die mit den Gruppen abgesprochen und auf Honorarbasis durchgeführt werden. Soweit möglich, werden Gruppen und Klassen auch bei Projekten beraten und unterstützt.
Im Sonderausstellungsbereich werden Einzelausstellungen gezeigt, die vom NS-Dokumentationszentrum erarbeitet oder von außen übernommen werden. So wurde Anfang 1998 dieser Bereich mit der neugestalteten Anne-Frank-Ausstellung eröffnet, zusammen mit dem Kölnischen Stadtmuseum hat das Dokumentationszentrum die Wehrmachtsausstellung gezeigt. Andere Ausstellungen waren »Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma« oder »Betrifft: ›Aktion 3‹« der Fachhochschule Düsseldorf über das Thema Arisierung. Das NS-Dokumentationszentrum hat eine Gemäldeausstellung zur Auseinandersetzung eines Kölner Künstlers mit dem Thema Holocaust gezeigt (Rolf Koller, »Sieh da – der Mensch«). Gegenwärtig wird eine Ausstellung mit Zeichnungen eines Künstlers zu Jugendbüchern von Inge Deutschkron und Rupert Neudeck vorbereitet, außerdem Ausstellungen zu den Themen »Kinderlandverschickung« und »Kölner Polizei im Nationalsozialismus«. Zudem haben 1999 eine Gruppe eine Ausstellung über die Verfolgung der Homosexuellen und eine studentische Gruppe der Fachhochschule Köln eine Ausstellung zum Thema »Design im Nationalsozialismus« gezeigt.
Veranstaltungen werden vornehmlich als Begleitprogramm zu Ausstellungen durchgeführt. So fanden im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung mehrere Theateraufführungen statt. Im Rahmen der sogenannten »Wehrmachtsausstellung« hat das NS-Dokumentationszentrum ein städtisches Basisprogramm durchgeführt wie auch die übrigen Begleitveranstaltungen koordiniert. Die Ausstellung »Jüdisches Schicksal in Köln 1918–1945« bildete den Rahmen für ein Konzert mit Liedern aus dem Kulturbund Rhein-Ruhr, wozu Texte und Melodien teilweise erst ermittelt werden mußten. Aus Anlaß des 70. Geburtstags des überlebenden Sinto Phillip Reinhardt wurde Ende 1998 ein Konzert aufgeführt, zu dem eine CD erstellt wurde, die allen Kölner Schulen zuging. In diesem Frühjahr finden begleitend zur Ausstellung »Jugendbuch und Holocaust« Lesungen von Jugendbuchautoren für Jugend- und Schülergruppen statt. Hinter diesen Ansätzen steht der Versuch, zum Thema der NS-Vergangenheit Zugänge zu erschließen, die nicht primär über Dokumentation oder diskursive Auseinandersetzung erfolgen, sondern auch über künstlerische und literarische Formen, nicht zuletzt auch in der Form der Selbstaneignung.
Der Vor- und Nachbereitung zur Dauerausstellung soll vor allem ein Führer durch die Ausstellung dienen. Er ist entsprechend einem Stadtführer im Taschenformat konzipiert, der Stadtrundgänge vor allem durch die Innenstadt anbietet mit Informationen und Abbildungen zu Orten der Verfolgung sowie zu Gebäuden und Einrichtungen des NS-Systems. Dank der sorgsamen Betreuung durch den Verlag ist dieser Führer als eines der 52 schönsten deutschen Bücher 1999 prämiert worden.2
Das NS-Dokumentationszentrum als Teil der Kölner Erinnerungskultur
Vor allem in den beiden vergangenen Jahrzehnten hat sich in Köln eine spezifische Erinnerungskultur herausgebildet. Das NS-Dokumentationszentrum ist ein nicht unwesentlicher Teil eines Netzes unterschiedlicher Aktivitäten. Dazu zählen neben den Vereinigungen der Verfolgten der Förderverein des NS-Dokumentationszentrums (»Verein EL-DE-Haus«) und die dazu gehörende »Projektgruppe Messelager« ebenso wie die »Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit«. Aus dem Förderverein ist auch die »Beratungsstelle für NS-Verfolgte« hervorgegangen, die inzwischen bundesweit arbeitet. Künstler haben sich auch auf diesem Gebiet engagiert: so hat die »AG Arsch huh«, die im November 1992 mit ihrem berühmten Konzert auf dem Chlodwigplatz in Köln ein klares Zeichen gegen den Rechtsradikalismus gesetzt hat, 1997 durch ein Sponsoring-Konzert in der Kölner Philharmonie die Arbeit des NS-Dokumentationszentrums unterstützt, wie sie es in diesem Frühjahr wieder für Aktivitäten im Bereich des Themas Zwangsarbeit tut. Zu den Unterstützern der Einrichtung zählt mit Konzerten auch der Künstler Nikitakis.
Als besonders wirkungsmächtig hat sich die Form entwickelt, wie in Köln der neue »Gedenktag 27. Januar« begangen wird, organisiert vom Schulverwaltungsamt, dem Jugendamt, dem Stadtjugendring und dem NS-Dokumentationszentrum. Er wird in Köln unter das Motto gestellt »Erinnern – eine Brücke in die Zukunft«. In diesem Jahr zum dritten Mal wurden am Gedenktag die Ergebnisse von Projekten präsentiert, die im Verlauf des Jahres erarbeitet worden sind, sowohl in Form einer Ausstellung wie in Vorführungen auf der Bühne. Nach der ersten Präsentation im Rathaus (1998), einer weiteren in einem ehemaligen Bunker neben einer abgebrannten Synagoge (1999) wurden in diesem Jahr in drei Programmen in der Kinderoper und in einer Ausstellung im Gebäude des Schulverwaltungsamtes bemerkenswerte Ergebnisse der Auseinandersetzung mit diesem Thema präsentiert.
Enge Zusammenarbeit besteht auch mit bildenden Künstlern. So hat der Kölner Aktionskünstler Gunter Demnig 1990 eine Kreidespur durch die Stadt gezogen zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma. Sie ist nachher an bestimmten Stellen in Messing im Boden eingelassen worden. Gegenwärtig werden – im wesentlichen auf Grund von Informationen aus dem NS-Dokumentationszentrum – etwa 500 »Stolpersteine« vor Häusern verlegt, die einst Wohnungen von NS-Opfern waren.
Diese Vernetzung hat sich auch im Bereich der Wissenschaft ergeben. Es ist eine enge Zusammenarbeit mit den Geschichtsorganisationen und -werkstätten in den einzelnen Stadtteilen entstanden. Inzwischen haben sich auch Beziehungen zur Kölner Universität entwickelt. Darüber hinaus organisiert das NS-Dokumentationszentrum zusammen mit der Historiker/-innengruppe RIGG (Rheinisches Institut für Geschichte und Gedächtnis) halbjährlich einen Workshop, der jeweils zu einem Themenschwerpunkt der Kölner NS-Geschichte Überblicke zur Forschungssituation und zur Materiallage gibt.
Fazit
Das NS-Dokumentationszentrum ist eine lokale Gedenkstätte in kommunaler Trägerschaft. Es bildet zugleich Bestandteil der Gedenkstättenlandschaft in Nordrhein-Westfalen. Der Zusammenschluß der lokalen Gedenkstätten zu einem Arbeitskreis ist Ausdruck der Tatsache, dass diese Gedenkstätten zugleich regionale und nicht selten auch überregionale Funktionen erfüllen, dementsprechend auch der Förderung vor allem durch das Land bedürfen.
Innerhalb der sehr unterschiedlichen Gedenkstätten dieses Landes, aber auch im Rahmen der Kölner kulturellen Einrichtungen hat das Kölner Dokumentationszentrum einen sehr spezifischen Charakter. Unterschiedliche Funktionen wie Gedenkstätte und museumsartige Einrichtung, Lernort und Bildungsstätte, zudem Dokumentationsstelle und wissenschaftliche Einrichtung sowie schließlich Teil der Verwaltung mit dem Einladungsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiter machen das besondere Profil dieser Einrichtung aus.
1 Karola Fings, Begegnungen am Tatort. Besuchsprogramme mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Ein Leitfaden, Düsseldorf 1998
2 Severin Roeseling, Das braune Köln. Ein Stadtführer durch die Innenstadt in der NS-Zeit, Köln 1999