»Ich hätte gern ein normales Leben«, sagt Maciek, der Protagonist in »Asche und Diamant« von Andrzej Wajda (1958), in einer der Schlüsselszenen des Films zu Krystyna, die er kurz zuvor im Hotel »Metropol« kennengelernt hat. Bożek, sein Alter Ego im Film »Niemand ruft« von Kazimierz Kutz (1960), bekennt in einem seiner Gedanken-Monologe kurz vor der Flucht aus dem fiktiven Ort Zielno in den sogenannten »Wieder-gewonnen Gebieten«: »Wir wollen wie Menschen leben«. Zwei Aussagen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges als selbstverständliche Vorstellung für ein wieder zu erlangendes »normales« Leben stehen. Doch sowohl Maciek als auch Bożek sind sich des Wunschcharakters ihrer Äußerungen bewusst und ahnen, dass das Kriegsende keineswegs den erhofften Neuanfang bringt. Maciek stirbt, Bożek flieht in eine ungewisse Zukunft.
Die Stiftung Topographie des Terrors veranstaltete im Herbst 2015 gemeinsam mit dem Polnischen Institut Berlin und unterstützt vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften eine Filmreihe mit dem Titel »Kriegsende im polnischen Spielfilm«. Der thematische Fokus lag auf dem Kriegsende in einem weiteren Sinn, auch Entwicklungen der unmittelbaren Nachkriegszeit sollten berücksichtigt werden. Aus ungefähr zehn Filmen, die bei der Auswahl zur Diskussion standen, wurden vier Filme ausgewählt. Am Anfang der Reihe standen die eingangs erwähnten Filme von Andrzej Wajda und Kazimierz Kutz. Als ein Film, der auch die längerfristigen psychischen Auswirkungen mit in den Blick nimmt, wurde »Ein Jahr der ruhigen Sonne« von Krzysztof Zanussi (1984) gezeigt. »Róża« von Wojciech Smarzowski (2011) beendete die Reihe.
Es ist offenkundig, dass Filme mit historischen Themen oft mehr über die Zeit ihrer Entstehung (und deren Konfliktlagen) aussagen als über den behandelten Zeitabschnitt. Daher stand in den sich an die Filmvorführung anschließenden Gesprächen neben dem aktuellen Forschungsstand zum Thema »Polen 1945« die Diskussion der Entstehungsbedingungen der Filme und ihrer literarischen Vorlagen im Mittelpunkt. Für die Filme »Asche und Diamant« und »Niemand ruft« beauftragte das Polnische Institut eine neue Untertitelung, die einem überwiegend deutschsprachigen Publikum einen wesentlich einfacheren und intensiveren Zugang zu den beiden Filmen ermöglichte.[1] Diese beiden Filme sollen auch Gegenstand der weiteren Betrachtung sein.
2015 wurde in ganz Europa des 70. Jahrestages des Kriegsendes gedacht. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich sich das Kriegsende in den verschiedenen Ländern gestaltete. Polen erlebte ein »langes Kriegsende«; bereits im Januar 1945 marschierten sowjetische und polnische Truppen in Warschau ein. Polen hatte neben der Sowjetunion besonders hart gelitten, die gravierenden Folgen von Besatzung und Krieg waren unüberschaubar. Auf der Tagung von Jalta im Februar 1945 wurde zudem die anvisierte Westverschiebung Polens bestätigt. Bevölkerungsveränderungen und Zwangsmigrationen größten Ausmaßes waren damit verbunden. War es die Rote Armee, die Polen von der deutschen Besatzung befreite, so machten die Sowjets schnell deutlich, dass sie massiv auf die Nachkriegsentwicklung Einfluss nehmen wollten. Über die Ausgestaltung des neuen Staates gab es in der polnischen Gesellschaft stark konkurrierende Auffassungen. Viele Menschen befürchteten bereits 1945, dass die Sowjetunion eine demokratische Entwicklung verhindern wollte.
2015 nahmen zwei Ausstellungen jeweils den gesamten Zeitraum des Jahres 1945 in den Blick. Das Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk/Danzig veranstaltete eine Sonderausstellung mit dem Titel »’45 end of war in 45 artefacts« und griff damit eine im Moment beliebte Ausstellungsform auf.[2] In der Ausstellung wurden die verschiedenen Themenbereiche des Jahres angesprochen: die deutschen Kriegsverbrechen, das Kriegsende, das Schicksal der Deutschen nach dem Krieg, der Beginn der sowjetischen Vorherrschaft und der Beginn des Widerstands dagegen.
Im Deutschen Historischen Museum in Berlin wurde 2015 die Ausstellung »1945 – Niederlage, Befreiung, Neuanfang« gezeigt. Sie thematisierte das Kriegsende in zwölf Ländern Europas. Den Ausstellungsteil zur Entwicklung in Polen kuratierte Marcin Zaremba, der in einem begleitenden Aufsatz das gesamte Jahr 1945 abhandelte.[3] So widmete er sich neben der Befreiung, den Folgen von Krieg und Besatzung und den Zwangsmigrationen auch den beginnenden Repressionen und dem »ungleichen Kampf um die Macht«.[4] Zaremba gibt skizzenhaft einen ungemein plastischen Eindruck von der Situation des Jahres 1945. Leichen von Menschen und Tieren liegen in den Straßen und können erst nach und nach bestattet werden. In vielen Städten ist ein ganz besonderer Gestank allgegenwärtig, Ruinenlandschaften sind weitverbreitet. Exhumierungen werden vorgenommen, Menschen suchen verzweifelt nach vermissten Familienangehörigen. Es kommt zu einer »fast vollständigen Desorganisation des gesellschaftlichen Lebens«.[5]
Für die Erstinformation zum Thema Kriegsende und unmittelbare Nachkriegszeit in Polen steht dem deutschsprachigen Leser seit 2010 der Band »Geschichte Polens im 20. Jahrhundert« zu Verfügung, in dem es ein längeres Kapitel mit der Überschrift »Die Übergangsperiode (1945–1948)« gibt.[6] Das vielfältig und kontrovers diskutierte Buch von Jan T. Gross »Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen« (»Fear«, engl. 2006) publizierte der Suhrkamp-Verlag 2012 in deutscher Sprache.[7] Im Januar 2016 erschien eine wichtige polnische Studie von Marcin Zaremba nun auch auf Deutsch: »Die große Angst. Polen 1944–1947. Leben im Ausnahmezustand«.[8] In Polen sorgte diese umfangreiche Studie 2012 unter dem Titel »Wielka Trwoga. Polska 1944–1947. Ludowa reakcja na kryzys« für große Aufmerksamkeit.
Die Darstellung widmet sich auf einer breiten Quellenbasis und mit ungewöhnlichem methodischem Instrumentarium der Zeit des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit in Polen. Zentral ist bei Zaremba der Begriff der Angst, vielmehr der »großen Angst«, wie die Formulierung im Titel lautet. Den Begriff »Angst« als eine der wichtigen Kategorien zur Beschreibung der emotionalen Verfasstheit weiter Teile der polnischen Bevölkerung in dieser Zeit zu benutzen, erscheint einleuchtend. Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit diese grundlegende Beobachtung Zarembas auch auf die beiden Filme von Andrzej Wajda und Kazimierz Kutz anwendbar ist. Es geht nicht darum, den Aussagewert bezüglich historischer Details und Abläufe zu beurteilen, sondern zu prüfen, ob die als zentral angenommene »Angststimmung« in den Filmen von Bedeutung ist.
»Asche und Diamant« und »Niemand ruft« werden der »Polnischen Filmschule« zugeschrieben. Damit wird eine Richtung bezeichnet, die das polnische Kino zwischen Mitte der 1950er- und Mitte der 1960er-Jahre prägte. Inwiefern es sich tatsächlich um eine Schule handelt, steht heute zur Diskussion. Dennoch lassen sich Gemeinsamkeiten benennen[9]: Die Filmschaffenden sind zumeist in den 1920er-Jahren geboren, erhielten nach 1945 eine ähnliche, sehr intensive künstlerische Ausbildung und setzen sich in der Regel kritisch mit dem romantischen Erbe auseinander. Am wichtigsten sind aber vielleicht die thematischen Überschneidungen: Im Mittelpunkt vieler Filme steht die Auseinandersetzung mit Krieg und Besatzung.
»Asche und Diamant« ist nach »Generation« (1955) und »Kanal« (1957), dem viel beachteten Film über den Warschauer Aufstand, Wajdas dritter Spielfilm, der die sogenannte »Kriegstrilogie« abschließt.[10] Als Vorlage nutzte Wajda den gleichnamigen Roman von Jerzy Andrzejewski (1948), den er gemeinsam mit dem Autor für das Drehbuch adaptierte. Die Unterschiede zum Roman sind offensichtlich: Die Handlung wird auf einen Tag, den 8. Mai 1945, verdichtet, einzelne Handlungsstränge werden völlig gestrichen, das Personal wird stark reduziert und die Person des Maciek herausgehoben.
Maciek und sein enger Vertrauter Andrzej, die einer antikommunistischen Untergrundeinheit angehören, erhalten den Auftrag, den neuen Bezirkssekretär Szczuka zu töten. Durch eine Verwechslung sterben jedoch zwei Arbeiter des nahen Zementwerkes. Maciek und Andrzej gelangen in das Städtchen Ostrowiec und treffen im Hotel »Metropol«, in dem praktisch die gesamte Handlung des Films spielt, auf den Bezirkssekretär. Der militärische Vorgesetzte der beiden entscheidet, dass ein erneuter Versuch unternommen werden solle, Szczuka auszuschalten. Im Hotel selbst feiert ein Teil der Bevölkerung des Ortes das Ende des Krieges. Der neue Bürgermeister, der eine politische Karriere in Warschau vor Augen hat, lädt die neuen Honorationen der Stadt zum Bankett, u.a. Szczuka und den sowjetischen Ortskommandanten. Das Bankett endet im Chaos, das insbesondere der betrunkene Assistent des Bürgermeisters verursacht. Die Feier im Restaurant kulminiert in der Morgendämmerung in einer abstrusen Polonaise. Maciek, der an der Bar Krystyna trifft und mit ihr eine Beziehung eingeht, entscheidet sich schließlich, das Attentat auszuführen. Auf dem Weg zum Bahnhof gerät er eher zufällig an eine Patrouille, vor der er flieht. Ein Schuss trifft ihn, und er stirbt auf einer Müllhalde.
Wajdas Film ist vieles in einem: eine spannungsgeladene Geschichte um die Ausführung eines politischen Attentats, eine Liebesgeschichte zweier lebenshungriger junger Menschen, ein Gesellschaftsbild zum Zeitpunkt des unmittelbaren Kriegsendes mit symbolischen Anleihen insbesondere aus der Zeit der polnischen Romantik und nicht zuletzt ein Bruderkampf oder eher sogar eine Vater-Sohn-Auseinandersetzung um konkurrierende politische Auffassungen. Klaus Eder erkennt darüber hinaus ein »erzählerisches Prinzip«: Wajda »ordnet Figuren und Situationen so an, dass sie ein Maximum an dramatischer und melodramatischer Wirkung, ein Maximum an ironischen Kontrasten, ein Maximum an tragischem Potential hergeben.«[11]
Maciek, dessen Tötungsaktionen am Anfang und am Ende des Films stehen, nimmt das Publikum in unmittelbarer Weise für sich ein. Andrzej gegenüber äußert er nachdrücklich seine Zweifel und Bedenken, den bewaffneten Kampf fortzusetzen. Doch schließlich fügt er sich in das militärische Befehlssystem. Er bringt nicht die Kraft auf, einen Neuanfang zu wagen. Szczuka dagegen, müde, gealtert, scheint, entgegen seiner Beteuerungen, ebenfalls zu erschöpft für einen aktiven Neuanfang. Seine Frau ist tot und die Schwägerin, die er besucht, mehr als abweisend. Zudem erreicht ihn die Nachricht, dass sein Sohn Mitglied einer antikommunistischen Untergrundeinheit ist, verhaftet wurde und im örtlichen Gefängnis verhört wird.
Maciek und Szczuka standen und stehen auf unterschiedlichen Seiten. In einer der bekanntesten Szenen des Films erinnern Maciek und Andrzej mit brennenden Wodkagläsern an ihre im Warschauer Aufstand umgekommenen Mitkämpfer. Szczuka lässt in einem Gespräch mit einem Vertrauten die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs wiederaufleben. Zwei Mal treffen Maciek und Szczuka vor der nächtlichen Mordszene aufeinander, und es scheint eine unausgesprochene Verbundenheit zwischen ihnen zu bestehen. Maciek schießt Szczuka nieder, doch dieser stirbt in seinen Armen.
Kazimierz Kutz beginnt seine Arbeit als Regisseur mit dem Film »Tapferkeitskreuz« (1958/59). Der Episodenfilm ist mit »Niemand ruft« thematisch eng verbunden und vereinigt drei Geschichten: Ein Soldat kehrt zurück in die Heimat, trifft jedoch nur auf ein abgebranntes Dorf; zwei Soldaten bringen es nicht über das Herz, einen Hund der SS zu erschießen; die Witwe eines Offiziers flieht vor dem Leben im Schatten ihres Mannes. Kutz erzählt, psychologisch einfühlsam, bewegende Geschichten in realistischen Bildern. Sein zweiter Film »Niemand ruft« bedeutet in ästhetischer Hinsicht einen Bruch, wie er stärker nicht sein könnte.[12]
In der Eingangssequenz sitzt der Protagonist Bożek auf dem Dach eines Flüchtlingszuges, der in den Bahnhof einer kleinen Stadt in den sogenannten »Wiedergewonnenen Gebieten« einfährt. Durch einen inneren Monolog Bożeks erfahren wir seinen Hintergrund: »Ich habe nicht auf die Roten geschossen.« Bożek ist auf der Flucht. Mit dem gleichen Zug trifft in dem fiktiven Zielno Lucyna mit ihrer kleinen Schwester Alicja ein. Bożek bezieht ein kleines, verfallenes Haus am Rand der Stadt und meldet sich zur Arbeit auf dem Amt. Lucyna findet Unterkunft im Internat einer Pädagogischen Schule. Fast zwangsläufig treffen die beiden aufeinander, gehen auf den Markt und zu einem Wandertheater, essen Eis und besuchen das Kino. Bożek spricht jedoch nicht über seine Geschichte. Plötzlich trifft er zufällig auf Zygmunt, einen Menschen aus seiner Vergangenheit. Seine Getriebenheit verstärkt sich schlagartig. Obwohl er sich Lucyna offenbart, scheint ihre Beziehung keine Zukunft zu haben. Er zieht zu einer Arbeitskollegin, die ihm ein Zimmer überlässt. Die Situation spitzt sich zu, Lucyna fordert Bożek zur Flucht auf. Bożek verlässt die Stadt in eine ungewisse Zukunft.
Der ganze Film ist geprägt von einer radikalen Ästhetik. Eine stark rhythmisierte Musik unterlegt insbesondere die inneren Monologe Bożeks. Viele Szenen spielen sich in geschlossenen Räumen ab: in Bożeks kleinem Haus, im Flur des Internats oder auf dem Amt, in der Wohnung der Arbeitskollegin oder in einer Gaststätte. So bekommt der Film über weite Strecken den Charakter eines Kammerspiels. Das Filmpersonal ist überschaubar: Neben Bożek, Lucyna, ihrer Schwester, Zygmunt und der Arbeitskollegin gibt es noch Bożeks Vorgesetzte, Mutter und Sohn der Arbeitskollegin und einen Flüchtling aus dem polnischen Osten, der davon spricht, Bürgermeister werden zu wollen.
Viele Szenen des Films wirken wie Versuchsanordnungen: Lucyna und Bożek stehen und laufen minutenlang vor bröckelnden Häuserwänden, rauen Fassaden, die dem Blick des Zuschauers keine Ablenkung gestatten und die Konzentration auf die Protagonisten richten. Lucyna und Bożek sitzen im Restaurant nicht gegenüber, sondern, nebeneinander, wie aufgereiht in einer symmetrischen Komposition. Lucyna und Bożek sitzen in Bożeks Haus an einem Tisch und strecken ihre Beine unter die Platte, doch wirken sie wie gefangen, da die Tischbeine kurz über dem Fußboden durch Längsverstrebungen verbunden sind.
Die thematische Ausgangslage beider Filme ist verblüffend ähnlich. Zwei junge Männer werden während ihrer Tätigkeit im antikommunistischen Untergrund mit der Aufforderung zur Tötung politischer Gegner konfrontiert. Maciek führt den ersten Auftrag ohne Zögern aus, in wenigen Stunden aber verliert er den Glauben an die Sinnhaftigkeit des bewaffneten Kampfes. Bożek verweigert sich und flieht. Diese Grundsituation wirkt keineswegs konstruiert, da bewaffnete Aktionen von Gruppen gegen die von der Sowjetunion eingeführte neue Ordnung bis 1947 andauerten.[13] Zur Zeit der Entstehung der Filme Ende der 1950er-Jahre in der Volksrepublik Polen war zur Beschreibung der unmittelbaren Nachkriegszeit nur die Darstellung solcher Aktionen vorstellbar; stalinistische Gewalt blieb ausgespart.
Im Film »Asche und Diamant« gewinnt die Zeit des Kriegsendes in vielfältiger Form Gestalt. Die Menschen der Stadt schauen auf dem Marktplatz eine Militärwochenschau, in der vom Ende des Krieges berichtet wird. Fast alle sind damit beschäftigt, ihren Platz in der sich dramatisch verändernden Gegenwart zu finden. Einheiten sowjetischer Soldaten ziehen wiederholt durch den Ort. In »Niemand ruft« tritt die Thematik der Westverschiebung Polens hinzu. In dem Film gibt es verschiedene Hinweise, dass noch vor Kurzem Deutsche in dem Ort lebten. Eine Ladeninschrift wird überstrichen und Lucyna findet deutsche Bücher in dem Haus, das Bożek bezogen hat.
Doch die Gestaltung beider Filme ist höchst unterschiedlich. Andrzej Gwódz nennt »Niemand ruft« einen »Anti-Wajda-Film«.[14] Werden in »Asche und Diamant« politische Positionen vertreten, erreicht das Pathos vieler Äußerungen besondere Höhen und fällt ein ausgeprägter Einsatz von Symbolen ins Auge, so findet sich in Kutz’ Film nichts von alledem. Dieser Film ist eine Studie der emotionalen Situation seiner beiden Protagonisten. Lucyna ist in der Lage, ihre Emotionen in Worte zu fassen, auch wenn sie in getragener Weise artikuliert werden. Bożeks direkte Äußerungen wirken oft nur wie Ausflüchte, hektische Planungen für ein zukünftiges Leben, die fast zeitgleich wieder relativiert werden. Sein innerer Monolog verdeutlicht seine tatsächliche Verfasstheit.
In beiden Filmen gibt es Szenen, die der durchaus aufkeimenden Hoffnung, es könne doch eine Chance für einen Neubeginn geben, Einhalt gebieten. Maciek und Krystyna flüchten in eine Kirchenruine, als es zu regnen beginnt. Maciek gesteht Krystyna seine Liebe und äußert seinen tiefen Wunsch nach einem »normalen« Leben. Doch plötzlich sieht er die aufgebahrten Erschossenen, und die Vergangenheit ist genauso präsent wie zuvor. Ein Schrei zerstört die Stille. Auch in »Niemand ruft« suchen die beiden Protagonisten Schutz vor dem Regen. Sie haben Bożeks Mantel über ihre Köpfe gezogen, sodass er einen Passanten nicht bemerkt und mit ihm zusammenstößt. Es ist Zygmunt, der ihn umgehend aus der Verbundenheit mit Lucyna herausreißt. Lucyna gelingt es nicht einmal, Bożek aus dem Regen in den Schutz des Hauses zu ziehen.
Maciek in »Asche und Diamant« überspielt seine Unsicherheit. Sein wichtigstes Accessoire, die dunkle Sonnenbrille, unterstützt seinen lässigen Gestus. Doch ist die Brille auch eine späte Folge der Dunkelheit in den Warschauer Kanälen während des Aufstands, die ihm fortan das Sonnenlicht zu grell erscheinen lässt. Maciek ermordet Szczuka, doch ist er keinesfalls überzeugt von seinem Tun. Hektisch wäscht er sich das Blut ab. Unaufmerksam hetzt er zum Bahnhof – und läuft einer Patrouille direkt in die Arme. Er wirkt wie ein von der Angst Getriebener.
Wird bei Maciek die Angst erst spät zur wichtigsten Gefühlslage, ist sie bei Bożek von Anfang an unübersehbar. Andrzej Gwóźdź bezeichnet den ganzen Film als »ein Studium der Angst«.[15] Die Entstehungszeit der Filme ist die Zeit der Entstalinisierung nach dem »polnischen Oktober« 1956, die sich für weite Teile der Bevölkerung mit der Hoffnung auf eine Öffnung der Gesellschaft verband. Ein etwas differenzierterer Blick auf die Zeit des Kriegsendes und der unmittelbaren Nachkriegszeit war nun möglich. Von einem Panorama, das die weitgehende Desorganisation und Zerrüttung der Gesellschaft, die Zeit der »großen Angst« darstellt, wie es in »Róża« von Wojciech Smarzowski aufscheint, konnte (noch) keine Rede sein. Doch insbesondere in »Niemand ruft« wirkt das Agieren des Hauptdarstellers wie eine Kristallisation der grundlegenden Angst und Verunsicherung in weiten Teilen der Bevölkerung in einer einzelnen Person.
Ulrich Tempel, erstes Staatsexamen Geschichte und Deutsch und Diplom-Archivar (FH), ist Archivar der Stiftung Topographie des Terrors. Seit 2009 organisierte er mehrere Filmreihen mit dem Polnischen Institut Berlin.
Der Autor des Aufsatzes dankt Kornet Miglus und dem Polnischen Institut für langjährige inspirierende Zusammenarbeit.
[1] Kontakt: http://berlin.polnischekultur.de/ (12. 2. 2016)
[2] www.muzeum1939.pl/en/end_of_war
[3] Zaremba, Marcin: Polen – Trümmer und Trauma, in: 1945 Niederlage Befreiung Neuanfang. Zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, Darmstadt 2015, S. 62–69.
[4] Ebd., S. 66.
[5] Ebd., S. 64.
[6] Borodziej, Wlodzimierz: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 253–278.
[7] Gross, Jan T.: Angst. Antisemitismus nach Auschwitz in Polen, Frankfurt/M. 2012.
[8] Zaremba, Marcin: Die große Angst. Polen 1944–1947. Leben im Ausnahmezustand, Paderborn 2016.
[9] Vgl.: Jockheck, Lars: Neue Freiheiten, neue Zwänge [Einführung], in: Konrad Klejsa u.a. (Hg): Der Polnische Film. Von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, Marburg 2013, S. 124–145, hier: S. 132–137
[10] Zu »Asche und Diamant« vgl.: Eder, Klaus u.a.: Andrzej Wajda, München 1980, S. 111–120; Meyer, Stefan; Thalheim, Robert: Asche oder Diamant? Polnische Geschichte in den Filmen Andrzej Wajdas, Berlin 2000, S. 48–57; Barck, Joanna: 1958. Asche und Diamant, in: Kampkötter, Christian u.a. (Hg.): Klassiker des polnischen Films, Marburg 2015, S. 45–54; Coates, Paul: The Red & The White. The Cinema of People’s Poland, London 2005, S. 16–47; Falkowska, Janina: Andrzej Wajda. History, Politics and Nostalgia in Polish Cinema, New York 2007, S. 53–64.
[11] Eder 1980, S. 119.
[12] Saryusz-Wolska, Magdalena: Kazimierz Kutz’ Variationen zu Niederschlesien. Vier Ebenen von Film und Geschichte in »Niemand ruft« (1960), in: Historie. Jahrbuch des Zentrums für Historische Forschung, Folge 5, 2011/12, S. 203–224; Gwóźdź, Andrzej: Ästhetische Entwürfe. Über eine neue Welle, die es vielleicht nie gab, in: Konrad Klejsa u.a. (Hg): Der Polnische Film. Von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, Marburg 2013, S. 146–167, hier: S. 156–161.
[13] Zaremba 2015, S. 66.
[14] Gwóźdź 2013, S. 157.
[15] Ebd., S. 158.