Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg hat Ende Juli den Virtuellen Geschichtsort zur ehemaligen Gestapo-Zentrale in Stuttgart, dem sogenannten Hotel Silber, der Öffentlichkeit vorgestellt. Er informiert über den geschichtsträchtigen und umstrittenen Ort im Herzen der Landeshauptstadt. Das Hotel Silber war um die vorletzte Jahrhundertwende ein Nobelhotel in der Stuttgarter Innenstadt und zwischen 1928 und 1984 ununterbrochen Dienstsitz verschiedener Polizeibehörden. Erst bezog das Stuttgarter Polizeipräsidium der Weimarer Republik den Bau, bevor er 1933 von der Politischen Polizei respektive der Gestapo in Beschlag genommen wurde. Nach der Flucht der Gestapo vor den Alliierten war das Gebäude im April 1945 nur wenige Tage verwaist, ehe das neue Polizeipräsidium einzog. Ab 1949 nutzte vor allem die Stuttgarter Kriminalpolizei das ehemalige Hotel.
Um das Hotel Silber wird seit einigen Jahren in Stuttgart und Baden-Württemberg gestritten. Auslöser war der geplante und eigentlich schon beschlossene Abriss des Gebäudes. Es sollte einem von der Firma Breuninger und dem Land Baden-Württemberg entwickelten, rund 50 000m² Geschossfläche umfassenden neuen Quartier für Geschäfte, Hotels und Ministerien weichen. Als Kompensation für den Verlust des historischen Gebäudes erklärte sich die Landesregierung bereit, im geplanten Neubau auf rund 400m² einen Erinnerungsort zur Geschichte der Gestapo in Württemberg-Hohenzollern zu finanzieren. Die Lösung fand keine ungeteilte Zustimmung. Eine Bürgerinitiative gründete sich 2008 mit dem Ziel, für den kompletten Erhalt des Gebäudes und die Errichtung eines größeren Erinnerungsorts einzutreten. Verschiedene Vereine und Organisationen aus dem Bereich der historisch-politischen Bildung und der Interessenvertretung ehemaliger Verfolgter schlossen sich diesem Ziel an. Sie entfalteten, auch getragen von der kämpferischen Stimmung rund um das Bahnprojekt »Stuttgart 21«, eine rege Öffentlichkeitsarbeit und wiesen mit öffentlichen Aktionen wie einer Menschenkette um das Hotel Silber auf ihr Anliegen hin.
Die folgende Debatte wurde teils hitzig und bezüglich der Erörterung der historischen Bausubstanz des Hotel Silber nicht immer sachlich geführt. Erschwerend kam hinzu, dass zur Geschichte der Gestapo in Württemberg-Hohenzollern bisher nur wenig wissenschaftlich gearbeitet und publiziert worden war und somit historisches Wissen und Sachkenntnis als Fundament jeder kritischen Auseinandersetzung und pädagogischen Konzeption für diesen »Täterort« schwach waren. Unterm Strich aber trug die Debatte zu einer Sensibilisierung gegenüber erinnerungskulturellen Fragen bei, die bei früheren Entscheidungen zu Recht oft vermisst worden war. So war beispielsweise 1988 eine Gedenktafel nicht an der Fassade des nun vom Innenministerium genutzten Baus angebracht worden, sondern im für die Öffentlichkeit schlecht zugänglichen Eingangsbereich.
Die Landesregierung bewilligte 2010 Mittel für die Erforschung der Geschichte des Hotel Silber und der Gestapo in Württemberg-Hohenzollern. Die Arbeit dazu wurde im Januar 2011 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg aufgenommen. Im Frühjahr 2011 schließlich entschied sich die neue grün-rote Landesregierung für den Erhalt des Hotel Silber (das Gebäude gehört der Baden-Württemberg Stiftung).
Im Sommer 2012 konstituierte sich ein Runder Tisch mit dem Ziel, über den institutionellen Rahmen und die Konzeption eines »Erinnerungsorts Hotel Silber« zu beraten. Einigkeit besteht dabei bereits hinsichtlich der finanziellen Trägerschaft durch das Land und die Stadt, wobei der genaue Schlüssel noch verhandelt wird. Ebenso unbestritten ist die Forderung der Bürgerinitiativen nach einer Einbindung in die Arbeit am Erinnerungsort.
Das Hotel Silber bietet mit seiner Vielschichtigkeit als historischer Ort seltene Chancen für die historisch-politische Bildungsarbeit.
Da ist der historische Ort. Das Hotel Silber blieb vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum September 1944 weitgehend unverändert. Lediglich drei Verwahrzellen wurden 1928 im Keller eingebaut. Im September 1944 zerstörte ein Luftangriff den Westflügel des Gebäudes vollständig bis auf den Keller, während der Ostflügel von der Gestapo weiter genutzt werden konnte. Der zerstörte Teil wurde ab 1947 für die Zwecke der Polizei neu aufgebaut, der erhalten gebliebene saniert. Die Qualität des Gebäudes als »Exponat« und historisches Zeugnis leidet allerdings keineswegs unter dieser Verformung, im Gegenteil korrespondiert die Mehrschichtigkeit des Hotel Silber in baulicher Hinsicht mit der seiner Nutzungsgeschichte und erinnert an die Notwendigkeit, auch das Nachwirken der Gestapo und die Geschichte der Polizei nach 1945 in den Blick zu nehmen.
Da ist der Name. Noch heute, mehr als 90 Jahre, nachdem es seine ursprüngliche Funktion verloren hat, wird das Gebäude »Hotel Silber« genannt. Eine so einprägsame Bezeichnung im Volksmund verweist auf eine exponierte Stellung des Hauses in der Geschichte und im Stadtbild der Landeshauptstadt Stuttgart.
Da ist die Kontinuität in der Nutzung und in den Biografien ab 1928. Der personelle Stamm der Gestapo rekrutierte sich aus der Politischen Polizei der Weimarer Republik, die als Abteilung des Stuttgarter Polizeipräsidiums 1928 in das Hotel Silber zog. Prominentes Beispiel für die personelle Kontinuität ist Friedrich Mußgay, der in den 1920er Jahren zum Chef des Nachrichtendienstes der Politischen Polizei aufgestiegen war und 1940 Leiter der Gestapo in Württemberg-Hohenzollern wurde. Fragen zur Entstehung politischer, kultureller und ethischer Instabilität vor allem zu Beginn der 1930er Jahre können am historischen Ort gestellt und mit einer biografischen Perspektive verknüpft werden. Interessant wird es sein, diese auf das Jahr 1933 ausgerichteten Fragen unter umgekehrten Vorzeichen noch einmal für die Zeit nach 1945 zu stellen. Wieder änderten sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen polizeilichen Handels – bei, hinsichtlich der Kriminalpolizei, weitgehender personeller Kontinuität. Und wieder ist das Hotel Silber Ort des Geschehens.
Es gab zudem auch eine gleichsam personell gewendete Kontinuität im Hotel Silber nach 1945. Einige, die während der NS-Zeit durch die Gestapo vom Hotel Silber aus verfolgt wurden, traten nach 1945 in den Polizeidienst ein und arbeiteten im Hotel Silber, etwa in der »KZ-Prüfstelle« oder im Informationsdienst der Kriminalpolizei. So ermittelten sie unter anderem vom Hotel Silber aus gegen ehemalige Gestapo-Mitarbeiter.
Und da ist das Gebäude als Kristallisationspunkt erinnerungskultureller Auseinandersetzungen. Die Geschichte des Hotel Silber nach 1945 ist auch die Geschichte erst verweigerter, dann zögerlicher und zuletzt offener Reflexion über das nationalsozialistische Erbe der Bundesrepublik. Niemand hatte Ende der 1940er Jahre Bedenken wegen einer missverständlichen Symbolik, als der westliche Flügel des Hotel Silber ausgerechnet als Gefängnis neu errichtet wurde. Materielle Überlieferungen wie etwa eine Zellentür aus dem Gefängnis der Gestapo waren eine willkommene Entlastung der knappen Ressourcen und wurden einfach wieder genutzt. Heute ist die Zellentür als wichtiges Zeugnis der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft musealisiert.
Ende der 1970er Jahre gab es erstmals deutlich vernehmbare Stimmen, die sich für den Erhalt und eine Kenntlichmachung des Gebäudes aussprachen, als zum ersten Mal ein Abriss diskutiert wurde.
Der Virtuelle Geschichtsort ist ein Schritt auf dem Weg zu einem realen Erinnerungsort. Er ist Ergebnis von eineinhalb Jahren Recherche in in- und ausländischen Archiven und dokumentiert die bisherigen Forschungsergebnisse. Schwerpunkte der Forschung waren die Baugeschichte des Hotel Silber, die institutionellen Grundzüge und politischen Bedingungen der Polizeigeschichte in Württemberg und natürlich die Geschichte der Gestapo.
Wie fast überall im Deutschen Reich hatte auch die Gestapo in Württemberg-Hohenzollern ihre Akten kurz vor Kriegsende vernichtet. Vor allem hinsichtlich des Personals aber ließ sich diese Überlieferungslücke weitgehend schließen. In den Akten des württembergischen Innenministeriums, dem die Politische Polizei bis 1936 unterstand, fanden sich zahlreiche Hinweise auf das Personal der Politischen Polizei der Weimarer Republik und in der Frühphase des NS-Regimes. Hinzu kommen Unterlagen der deutschen und alliierten Ermittlungsorgane aus den Jahren 1945 bis 1950. Rund 900 Namen von Männern und Frauen, die zwischen 1933 und 1945 für die Politische Polizei sowie die Gestapo in Stuttgart und den Außendienststellen arbeiteten, sind jetzt bekannt. Auch die Baugeschichte, über die in den letzten Jahren viel gestritten wurde, ist tatsächlich sehr gut dokumentiert und nun auf der Website beschrieben.
Der Virtuelle Geschichtsort ist aber mehr als eine im Internet publizierte Dokumentation. Neben einführenden Essay zur Baugeschichte und zur Geschichte der Polizei und der Gestapo in Württemberg, News-Blog und interaktiven Elementen beleuchten vor allem zwei recht aufwendige Tools die Themen Hotel Silber und Gestapo aus unterschiedlichen Perspektiven. Anhand von vier Karten – für Stuttgart, Württemberg und Baden, das Deutsche Reich und Europa – wird die geografische Ausdehnung und Organisation der Gestapo gezeigt. Eingezeichnet sind jeweils die Dienststellen der Gestapo mit weiterführenden Informationen. So kann etwa die Beteiligung der württembergischen Gestapo-Mitarbeiter an den Verbrechen in den besetzten Gebieten in fast ganz Europa veranschaulicht werden, in dem die Einträge auf der Europakarte zu den KdS- und BdS-Dienststellen mit Hinweisen auf Gestapo-Mitarbeiter aus Württemberg-Hohenzollern versehen sind, die dort zeitweise gearbeiteten haben und dann meist nach Stuttgart zurückkehrten. Für eine facettenreiche Ausleuchtung einer Staatspolizeileitstelle ist es unerlässlich, Erleben und Beteiligung der Gestapo-Mitarbeiter am Radikalisierungsschub in den besetzten Gebieten mit einzubeziehen.
Die Informationen zu den Dienststellen im Deutschen Reich erschließen einen weiteren Aspekt. Die Dienstsitze der lokalen Gestapostellen waren und sind, sofern sie erhalten geblieben sind, immer auch Orte der Erinnerung und der kritischen historischen Reflexion. Wie gehen die Länder, Städte, Kommunen und Bürger mit diesen Orten um? Die Konzepte, das zeigt die Karte, sind sehr unterschiedlich.
Das zweite Tool bietet die Möglichkeit, das Hotel Silber durch die Epochen zu erforschen – Stock für Stock, Zimmer für Zimmer. Anhand von Originalgrundrissen und Fotos ist ein virtuelles Hotel Silber entstanden, in dem Biografien, Ereignisse und Abteilungen verortet und beschrieben werden können. Wo saßen die Mitarbeiter des sogenannten Judenreferats? Wer arbeitete dort? Wer wurde in der Abteilung »Weltanschauliche Gegner« verhört? Wo fanden die Verhöre statt? In welchem Büro war der Chef der Kriminalpolizei nach 1945 untergebracht? Der »Virtuelle Ort« bietet zahlreiche Möglichkeiten, das Gebäude mit dem historischen Geschehen anschaulich zu verknüpfen.
Die Abteilungen des Innenministeriums und des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft, die heute das Hotel Silber nutzen, werden dieses und nächstes Jahr in Neubauten umziehen. Dieser Umzug ist seit Längerem geplant. Ein Teil des Gebäudes wird vermietet werden. Nach den bisherigen, freilich noch vorläufigen Planungen, sind rund 1000m² für die Einrichtung einer Ausstellung, für Lern- und Veranstaltungsräume sowie möglicherweise auch für Wechselausstellungen vorgesehen.
Im Haus der Geschichte Baden-Württemberg arbeiten eine Historikerin und ein Historiker an der geplanten Ausstellung. Von freischaffenden Historikern und engagierten Bürgerinnen und Bürgern sind darüber hinaus Veröffentlichungen, Recherchen und Veranstaltungen geplant, die letztlich alle in den Fundus des »Erinnerungsorts« einfließen werden.
Friedemann Rincke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Er bearbeitet dort das Projekt zum Hotel Silber.
Virtueller Geschichtsort Hotel Silber: www.geschichtsort-hotel-silber.de