Das Herinneringscentrum Kamp Westerbork und der Umgang mit einem historischen Ort in den Niederlanden

07/2005Gedenkstättenrundbrief 125, S. 3-17
Anne Bitterberg

Von Juli 1942 bis September 1944 verließen dreiundneunzig Züge die besetzten Niederlande in Richtung Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Theresienstadt und Bergen-Belsen. In diesen Zügen befanden sich mehr als 100 000 jüdische Niederländer, deutsche und österreichische jüdische Flüchtlinge, Sinti und Roma und einige Dutzend politische Gefangene. Als zentraler Deportationsort wurde das bereits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts errichtete Flüchtlingslager im Nordosten der Niederlande genutzt und umbenannt: »Polizeiliches Judendurchgangslager Westerbork«. Die meisten Häftlinge verblieben nur einige Tage in der Einöde Westerborks. Andere wurden erst nach Wochen oder Jahren in den Osten deportiert.

Nach dem Krieg kehrten knapp 5 000 von ihnen zurück, die die Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt hatten.

Die Erinnerung an die Vernichtung der niederländischen Juden sowie Sinti und Roma ist unlöslich verbunden mit dem Ort Westerbork. Alle Städte, Bezirke und beinahe alle Dörfer Hollands haben Mitbürger zu betrauern, die zwischen 1942 und 1944 über Westerbork deportiert wurden. Der Zweite Weltkrieg und somit auch die Verfolgung der Juden sowie Sinti und Roma ist ein sehr prägender Bestandteil der kulturellen Identität des Landes. Dieses Phänomen lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: 90 % aller Niederländer plädieren Umfragen zufolge für das nationale Totengedenken am 4. Mai, bei dem um 20.00 Uhr abends im ganzen Land zwei Schweigeminuten eingehalten werden.

Das ehemalige Lagergelände Westerbork und das Nationale Mahnmal Westerbork werden jährlich von mehreren Hunderttausend Menschen besucht. Die Besucherzahlen zeigen eine stetig steigende Tendenz. Westerbork gilt in den Niederlanden als lieux de mémoire der westlichen Kultur.1

Befremdlich wirkt, dass trotz dieser offensichtlich großen gesellschaftlichen Verbundenheit mit den nationalen Symbolen und Gedenkritualen für die Schoah der Ort des Verbrechens anscheinend erst nach seinem totalen Abriss in den achtziger Jahren in das Interesse der Öffentlichkeit rückte: Anfang der siebziger Jahre wurden die Baracken abgerissen und erst am 12. April 1983 wurde das Herinneringscentrum Kamp Westerbork eröffnet.2

Bevor an dieser Stelle auf die verschiedenen Arbeitsfelder des noch jungen Herinneringscentrums eingegangen wird, sollte dieser Widerspruch geklärt werden: warum können in einer Gesellschaft, in der die Erinnerung an die Judenverfolgung einen so wichtigen Bestandteil der kulturellen Identität ausmacht, noch in den siebziger Jahren die Überreste des ehemaligen Lagers abgerissen werden und warum entsteht erst in den achtziger Jahren eine nationale Gedenkstätte, die an die Shoa in den Niederlanden erinnert? Das Gesicht des heutigen Herinneringscentrums wird nur durch einen Blick in die Entwickung der Erinnerungskultur in den Niederlanden verständlich.

Geschichte des Lagers Westerbork nach 1945

Am 12. April 1945 wurde das Lager von kanadischen Truppen befreit. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich ungefähr 800 Gefangene im Durchgangslager. Die meisten der Gefangenen waren Häftlinge, die erst nach Abfahrt des letzten Deportationszuges am 13. September 1944 in ihren Verstecken an verschiedenen Orten in den Niederlanden entdeckt und verhaftet wurden. Sie mussten allerdings noch lange Monate auf ihre Befreiung warten. Im Norden und Westen der Niederlande wurde nach wie vor gekämpft und oftmals waren ihre Wohnungen und Häuser in den bereits befreiten Gebieten mittlerweile von anderen Menschen bewohnt.

Bereits zwei Wochen nach der Befreiung des Lagers, die befreiten jüdischen Gefangen lebten noch immer in den Baracken, wurde eine neue Gefangenengruppe eingewiesen: niederländische Kollaborateure.

Die Schaffung des neugeschaffenen Internierungslagers sicherte zunächst die Existenz der alten Baracken. Bereits 1948 wurde allerdings die Frage erneut gestellt, was mit den Überresten des ehemaligen Durchgangslagers geschehem sollte. Die meisten Kollaborateure waren zu dem Zeitpunkt bereits aus der Haft entlassen worden und ein beschleunigtes Begnadigungsverfahren machte das Instandhalten des Internierungslagers überflüssig.

An die historische Bedeutung der Baracken wurde in diesen ersten Nachkriegsjahren nicht gedacht. Das Justizministerium schlug sogar vor, einen Teil der Baracken abzureißen und den anderen Teil an einen Schweinezüchter zu verpachten. Das Kriegsministerium jedoch meldete sein Interesse an dem ehemaligen Lager mit seinen Baracken an, um es als Truppenübungsplatz zu nutzen. Darüberhinaus war 1949 die Kolonie Niederländisch-Indien unabhängig geworden und die niederländischen Staatsbürger kehrten in das Mutterland zurück. Die meisten von ihnen hatten in den Niederlanden keine Bleibe und wurden im gesamten Land in Notunterkünften untergebracht. Einige Monate lang warteten niederländische Familien aus dem heutigen Indonesien in den Baracken des ehemaligen Durchgangslagers auf ihre Umsiedlung.3

Als die letzten Familien umgezogen waren zog 1951 eine neue Bewohnergruppe in die Baracken, die bis in die siebziger Jahre bleiben sollte: die »Süd-Molukker«. Die Molukken sind ein Archipel im äussersten Osten des heutigen Indonesiens. Die Bewohner der Inseln hatten vielfach jahrzehntelang in der niederländisch-indischen Armee (Koninklijk Nederlands Indisch Leger - KNIL) gedient. Als Indonesien unabhängig wurde, war auch die Stationierung der niederländischen Truppen vorbei und die Soldaten sollten so schnell wie möglich nach Haus zurückkehren. Auf den Molukken war jedoch 1950 die freie Republik Maluku Selatan (RSM) ausgerufen worden. Die indonesische Regierung betrachtete die Unabhängigkeitsbewegung als revolutionären Aufstand. Mit der Rückkehr der KNIL-Soldaten auf die Inseln hätte die niederländische Regierung indirekt den Aufstand unterstützt, denn auch die Soldaten befürworteten die Republik. Daher wurde beschlossen, die 4000 molukkischen Soldaten und ihre Familien mittels Dienstbefehl zunächst in den Niederlanden aufzufangen. Sobald der Aufstand auf den Molukken beigelegt war, sollten die Soldaten auf die Inselgruppe zurückkehren. Aufgrund des nur als kurz geplanten Aufenthaltes in den Niederlanden entschied sich die niederländische Regierung gegen Integration in die niederländische Gesellschaft. Auffangzentren wie das ehemalige Lager Westerbork waren weit genug entfernt von den niederländischen Städten, so dass die Soldaten und ihre Familien nicht in Kontakt mit der niederländischen Gesellschaft kamen, und daher für diesen Zweck sehr geeignet.

Die KNIL-Soldaten kamen mit der Erwartung, als Soldaten in der niederländischen Armee zu dienen und bald in ihre Heimat zurückzukehren und dort entlassen zu werden. Das Erste, was sie allerdings bei ihrer Ankunft in den Niederlanden unterzeichnen mussten, war ihr erzwungene Entlassung aus der Armee, und die Rückkehr auf die Molukken ließ lange auf sich warten.

Der Aufstand wurde zu einem Bürgerkrieg und fand kein Ende. Die insgesamt 12 000 Molukker blieben in den Niederlanden und somit auch in Westerbork. Das Resultat war eine äußerst frustrierte und gekränkte Gruppierung, deren Wunsch nach der freien molukkischen Republik in den Niederlanden umso größer wurde und schließlich in den siebziger Jahren einen vorläufigen Höhepunkt in einer Reihe terroristischer Anschläge fand. Ihre Frustration galt jedoch nicht ihrem Unterkommen: die Baracken gaben ihnen ein Stück Sicherheit.

Sie wurden für viele Molukker zu Symbolen ihres Freiheitskampfes. Als Ende der fünfziger Jahre erkannt wurde, dass die baldige Rückkehr eine Illusion war und dass die Molukker nun durch den Umzug in die umliegenden Dörfer und Städte integriert werden sollten, weigerten sich einige, die Baracken zu verlassen und es entstanden Unruhen innerhalb der Gemeinschaft.4

Das Drama, das sich in denselben Baracken von 1942 bis 1944 abgespielt hatte, geriet angesichts dieser neuen Problematik immer mehr in Vergessenheit. Nichts konnte diese Tendenz deutlicher zum Ausdruck bringen als die Namensänderung des Lagers Westerbork in ›Wohnort Schattenberg‹, um nicht länger an die traurige Geschichte des Durchgangslagers erinnert zu werden.

Die Erinnerung an das Lager Westerbork als exemplarisch für den niederländischen Umgang mit der Schoah

Die anderweitige Nutzung der Baracken stieß in den fünfziger und sechsziger Jahren in den Niederlanden nicht weiter auf Verwunderung oder gar Protest. Man könnte sagen, dass dieser Umgang mit dem historischen Ort des Lagers Westerbork für die niederländische Erinnerungskultur zu der Zeit exemplarisch genannt werden kann.

Zwar kann die unmittelbare Nachkriegszeit als eine Phase des Zeugnisablegens und des Einander-Erzählens der gerade erlebten Kriegsgeschehnisse umschrieben werden, jedoch waren die Geschichten, die erzählt und publiziert wurden, vor allem die Geschichten des Widerstandes. Die aus den Konzentrationslagern und Verstecken zurückkehrenden Juden stießen mit ihren eigenen Erzählungen zumeist auf Desinteresse und Unglauben. Viele versuchten in diesen ersten Jahren, die erlebten Schrecken zu vergessen.5

Und schnell ebbte das anfängliche Interesse an individuellen Kriegserlebnissen innerhalb der gesamten niederländischen Bevölkerung ab. Die Entkolonialisierung Indonesiens, der Wiederaufbau und der Kalte Krieg zogen zum Ende der vierziger Jahre alle Aufmerksamkeit auf sich. Der Blick war nach vorn gerichtet und die Erinnerung an Krieg und Verfolgung rückte in den Hintergrund.

Das durch die schnelle militärische Niederlage 1940, die Besatzungszeit und den Verlust Niederländisch-Indiens verletzte nationale Selbstbewusstsein konnte mit dem Mythos des als national erklärten Widerstandes, der als Teil des alliierten Siegeszuges interpretiert wurde, aufgerichtet werden. In dieser Stimmung von Desinteresse einerseits und Stolz andererseits entstanden eine ganze Reihe von Mahnmalen zur Erinnerung an den nationalen Widerstand.

Auch in der Nähe des ehemaligen Lagergeländes von Westerbork wurde ein Widerstandsdenkmal in der Form eines Grabsteines enthüllt: es erinnert an die zehn Widerstandskämpfer, die 1943 in der Nähe des Krematoriums von Westerbork erschossen und begraben wurden.

Die Initiative des Forstamtes, als Erinnerung an das Durchgangslager wenigstens das Krematorium zu bewahren, wurde vom Kriegsministerium abgelehnt, da der Anblick des Gebäudes für die derzeitigen Bewohner zu grausam sei.6 Und auch die jüdische Gemeinschaft hatte gegen den Abriss nichts einzuwenden. Sie unterstrich damit noch einmal das, was Oberrabiner Tal 1948 mit den Worten »Wir Juden, wir brauchen keine Mahnmale!«7 umschrieben hatte.

Diese paradoxe Situation, dass zwar ein Grabstein für zehn Widerstandskämpfer errichtet wurde,jedoch nichts mehr an die Deportation von mehr als 100 000 Juden, Sinti und Roma erinnerte, sollte noch zwanzig Jahre dauern, ohne dass etwas geschah.

Zwar gab es Iniatiativen, Ende der fünfziger Jahre setzte sich der Vertreter der Königin in der Provinz Drenthe dafür ein, ein Mahnmal für das Lager zu entwerfen, aber der Vorschlag wurde mit dem Argument abgewiesen: »Ein Mahnmal in Westerbork wird für die nächste Generation keine Bedeutung mehr haben.«8

Auch diese Episode ist exemplarisch für den Umgang mit der Judenverfolgung in jenen fünfziger Jahren in den Niederlanden: 1956 wurde das Nationale Mahnmal auf dem Dam in Amsterdam enthüllt. Es sollte ein zentrales, nationales Mahnmal sein für alle Niederländer, die unter dem Krieg gelitten hatten. Jeder sollten sich mit diesem Mahnmal identifizieren können. Bewusst wurde die Hervorhebung einer bestimmten Gruppe Verfolgter mit dem Argument abgelehnt, dass solche nazistischen Unterscheidungen nie mehr vorgenommen werden sollten.

In den sechsziger Jahren wurde das Interesse für die Besatzungszeit u.a. durch die Publikation einiger wissenschaftlicher Studien zur Besatzungszeit und verschiedener Dokumentarfilme wieder geweckt. Der Eichmannprozess wurde von großen Teilen der niederländischen Bevölkerung am Fernseher und in den Zeitungen verfolgt. Der Historiker Lou de Jong vertiefte die Aufmerksamkeit durch seine Dokumentarreihe »De Bezetting«. Er prägte die niederländische Historiographie mit einem undifferenzierten Opfer-Täter-Denken. Lou de Jong wurde von der breiten Öffentlichkeit als Richter zwischen Gut und Böse akzeptiert. Obwohl einerseits das bestehende Bild des Widerstandsmythos in diesen Publikationen bestätigt wurde, kam auch langsam Kritik an diesem heroischen Selbstbild auf. Der Historiker Jacques Presser, der selbst den Krieg als Jude in einem Versteck überlebt hatte, publizierte sein Werk »De Ondergang« (Der Untergang), in dem er die Geschichte der Judenverfolgung in den Niederlanden sehr emotional beschrieb. Das Buch war der Beginn einer Diskussion innerhalb der niederländischen Gesellschaft, in der die Mitverantwortung der niederländischen Gesellschaft für die massenhafte Deportation der niederländischen Juden hinterfragt wurde.9

Abriss der Baracken und Errichtung eines Mahnmals

In dieser neuen Diskussionskultur wurde auch in der Provinzregierung von Drenthe erneut der Antrag des Vetreters der Königin für ein Mahnmal debattiert. Es musste ohnehin eine Lösung für die Baracken des ehemaligen Lagers gefunden werden. Seit Anfang der sechsziger Jahre strebte man im Rahmen einer allgemeinen Integrationspolitik nach einer schnellen Umsiedlung der Molukker in die angrenzenden Dörfer und Städte. Einige Familien waren bereits umgezogen, und die Provinzregierung suchte gemeinsam mit dem Kriegsministerium und dem Forstamt nach einer passenden neuen Zweckbestimmung für das Gelände. Anträge für ein Natur- und Freizeitgebiet oder einen Truppenübungsplatz wurden von der Provinzregierung als unpassend abgelehnt. Die Entscheidung fiel zugunsten des Antrags der »Stiftung Radiostrahlung Sonne und Milchstraße« (der heutigen Radiosternwarte), 12 riesige Parabolantennen auf dem Gelände aufzustellen. Für die Messungen mit den Radioteleskopen benötigten sie eine »motorenstille« Zone, die in dem Forst um das ehemalige Lager einfach zu realisieren war: ein Millionendeal. Die Räumung der Baracken wurde rasch vollzogen, da die Autos und Motorräder der Molukker die Messungen der Radiosternwarte störten. So waren also drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: das Molukkenproblem war gelöst, die Staatskassen wurden gefüllt und die Provinzialregierung hatte eine akzeptabele Lösung für den Umgang mit dem historischen Ort gefunden. Einige Molukker jedoch weigerten sich, die Baracken zu verlassen. Eine freiwillige Aufgabe des Wohnorts der Schattenberg-Gemeinschaft bedeutete für sie die symbolische Aufgabe ihres Drängens auf eine schnelle Rückkehr in ihre freie Republik Maluku Selatan. Die letzten Familien waren noch 1971 im Wohnort Schattenberg. Mit Polizeigewalt wurden sie aus den Baracken geholt und in ihre neuen Wohnungen gebracht. Die Überreste der Baracken des ehemaligen Lagers Westerbork wurden so schnell wie möglich abgerissen, um den Arbeiten der Radiosternwarte nicht mehr im Wege zu stehen.

Mit diesem Plan im Hinterkopf entschloss sich die Provinzregerierung, dem Künstler Ralph Prins, einem ehemaligen Häftling von Westerbork, den Auftrag zu geben, ein Mahnmal zu entwerfen, das am 4. Mai 1970 enthüllt wurde. Die gesellschaftlichen Diskussionen der sechsziger Jahre hatten die Errichtung eines Mahnmales nur für die Opfer der Deportationen in Westerbork ermöglicht. Jedoch zeitgleich geschah das heutzutage beinah Unfassbare: Durch ein ungünstiges Zusammenspiel von Faktoren wurden die Baracken stillschweigend entfernt und an Bauern in der Umgebung verkauft.

Initiative für eine Gedenkstätte

Am 4. Mai 1971 war Manja Pach, die Tochter eines deutschen Überlebenden von Westerbork, auf dem ehemaligen Lagergelände, um dem Totengedenken am Nationalen Mahnmal von Ralph Prins beizuwohnen. Während der zwei Minuten Stille um 20 Uhr konnte man noch immer die Bulldozer hören, die mit dem Abriss der Baracken fortfuhren. Wütend über das geringe Einfühlungsvermögen der Bauarbeiter, aber vor allem entsetzt über die Tatsache, dass die Spuren des Lagers nun definitiv verschwanden, schrieb sie einen Protestbrief an die Provinzregierung. Dieser Protestbrief gilt heute als Geburtsstunde der Initiative für das Herinneringscentrum Kamp Westerbork. Es sollte noch mehr als zehn Jahre dauern, bis die Türen des Besucherzentrums geöffnet wurden, und Manja Pach sollten vor allem von Seiten der Kommunalpolitik (das Dorf Westerbork wollte das Lager mit dem gleichen Namen am liebsten aus den Geschichtsbüchern streichen) noch viele Steine in den Weg gelegt werden, aber die gesellschaftlichen Diskussionen der siebziger Jahre machten es möglich, dass schließlich Anfang der achtziger Jahre die Gedenkstätte eröffnet werden konnte.

In den siebziger Jahren verschärfte sich die Sensiblität innerhalb der niederländischen Gesellschaft für das erlittene Leid in den Konzentrationslagern. Publikationen und Fernsehberichte informierten ein großes interessiertes Publikum, und die psychischen Folgen eines Lageraufenthaltes, das sogenannte KZ-Syndrom, waren allgemein anerkannt.

Als die letzten Kriegsverbrecher begnadigt werden sollten, gingen tausende Niederländer auf die Straßen. Diese gesellschaftliche Sensibilität für die Judenverfolgung und die Besatzungszeit waren eine günstige Ausgangsposition für die Initiative von Manja Pach.

Anfang der achtziger Jahre wurde beschlossen, dass eine Gedenkstätte in Westerbork nationale Dimensionen haben sollte. Aber im Gegensatz zu dem ursprünglichen Anliegen, vor allem einen Ort der Besinnung für Hinterbliebene zu schaffen, sollte es nun vor allem ein Ort der Information werden. Zu diesem Zweck sollte eine Kopie der Ausstellung im niederländischen Pavillon von Auschwitz (1981 eröffnet) in der Nähe des Lagergeländes installiert werden.

Eröffnung des Herionneringscentrums Kamp Westerbork

Als am 12. April 1983 Königin Beatrix das Herinneringscentrum Kamp Westerbork eröffnete, war zu den zwei Elementen Lagergelände und Mahnmal ein drittes hinzugekommen: ein Besucherzentrum. Dieses Besucherzentrum befand sich in drei Kilometer Entfernung vom Lagergelände am äussersten Rand der motorenstillen Zone der Radiosternwarte.

Obwohl die Initiatorin Manja Pach an einen Ort der Besinnung gedacht hatte, der vor allem die Erinnerung an die vielen Menschen wachhalten sollte, die in Westerbork gefangen waren und von dort deportiert wurden, waren es jedoch genau diese, deren Schicksal in der Ausstellung wenig oder gar nicht thematisiert wurden. Die Themen der Ausstellung zeigten deutlich, dass Westerbork und somit die Judenverfolgung in den Niederlanden nach wie vor nicht im Mittelpunkt des niederländischen Interesses stand. Ziel der Präsentation war es gewesen, im niederländischen Pavillion in Auschwitz eine Gesamtdarstellung der niederländischen Kriegszeit zu geben; Westerbork war dabei wiederum in dem bekannten Kanon Widerstand, Bombardement und Hungerwinter nur eines der Themen.

Ausserdem konnte von Besinnung nicht wirklich die Rede sein: das Gebäude beherbergte neben einigen Büroräumen auf der zweiten Etage nur die Ausstellung. Besucher hatten nirgendwo die Möglichkeit zu sitzen oder zur Ruhe zu kommen. Das Gebäude hatte die Form einer Baracke, war innen stark verdunkelt und wirkte mit seinen riesigen Schwarzweissaufnahmen der Kriegsgeschehnisse nicht sehr einladend, um länger als nötig zu bleiben.

Und in der Tat, nachdem bereits im ersten Jahr mehr als 50 000 Besucher das Museum betreten hatten, wurde schnell deutlich, dass das Gebäude so nicht den Bedürfnissen der Besucher gerecht werden konnte. Mehrere tausend Schüler zeigten jährlich, dass auch eine Möglichkeit gefunden werden musste, um Gruppen zu betreuen.

Bereits drei Jahre nach der Eröffnung wurden die ersten Änderungen am Gebäude durchgeführt und der Personalsstab um einen museumspädagogischen Dienst erweitert. Dies war der Anfang eines stetig fortschreitenden Veränderungsprozesses, der noch immer nicht zum Stillstand gekommen ist und womöglich nie enden wird.

Veränderungsprozess

Schnell wurde erkannt, dass Informationen zur Geschichte des Durchgangslagers Westerbork Ausgangspunkt sein mussten für das Besucherzentrum, und so wurden Teile der Ausstellung entfernt und durch Themen des Lagerlebens ersetzt. 1987 wurde die erste Gebäudeerweiterung eingeweiht, in der nun auch ein Filmsaal Gruppenprogramme ermöglichte.

Auf dem ehemaligen Lagergelände erinnerte nur eine unbepflanzte Fläche innerhalb des Forstes und das Nationale Mahnmal von Ralph Prins an die Geschichte des Lagers. Da ein Wander- und Radweg das Lagergelände kreuzt, geschah es häufig, dass Touristen gar nicht realisierten, an welchem Ort sie sich gerade befanden. Eine Kennzeichnung des historischen Ortes war daher unablässlich. Sie sollte allerdings nicht Informationen zur Lagergeschichte vermitteln (dafür sorgte das Museum), sondern die Bedeutung des Geländes dem zufälligen Besucher erschliessen und den Ort als Lagergelände erkennbar machen. Außerdem war das Lagergelände wegen der geschützten Zone der Radiosternwarte schlecht erreichbar und dieses Problem forderte eine Lösung.

1992 wurde eine symbolische Wiedereinrichtung des Lagergeländes durchgeführt, bei der museumspädagogische Zielsetzungen als Ausgangspunkt gewählt wurden. Die Silhouetten einiger Baracken sollten nicht den Anspruch haben, die ursprüngliche Situation zu rekonstruieren, sondern wichtige Aspekte des Lageralltags an dem historischen Ort zu markieren, nämlich Wohnen, Arbeiten, Bewachung, Strafe und Mangel an Privatssphäre.

Die Angst vor den Deportationen - das zentrale Thema des Durchgangslagers - musste nicht erneut markiert werden, da das Mahnmal von Ralph Prins dies eindrücklich zeigt. Familienangehörige äusserten allerdings den Wunsch, einen Ort auf dem ehemaligen Lagergelände zu haben, der speziell an die 102 000 Menschen erinnerte, die nicht aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern zurückgekehrt waren. Darum wurde auf dem Ort des ehemaligen Appellplatzes 102 000 kleine Steine aufgestellt, die in der Karte der Niederlande angeordnet sind. Auf ihnen wurde kleine Symbole befestigt: für die ermordeten Juden ein Davidstern, für Sinti und Roma eine Flamme und eine leere Fläche für die nicht-jüdischen Widerstandskämpfer. Die 102 000 Steine sind nicht als Mahnmal gemeint, sondern als Ort, an dem die Zahl 102 000 verdeutlicht wird. Symbolisch wird hier gezeigt, dass die Geschichte Westerborks die Geschichte des 102 000fachen Mordes eines Menschen ist. Alle niederländischen Kommunen spendeten einen symbolischen Beitrag für die Realisierung der Steine, die an die Menschen erinnern, die einst Mitbürger waren. Die nationale Bedeutung des ehemaligen Lagergeländes kam damit zum Ausdruck. Seit der symbolischen Markierung des Lagergeländes pendelt ein Bus-Shuttle während der Öffnungszeiten des Museums zwischen Lagergelände und Museum, um einen Besuch an den historischen Ort anzuregen. Dies unterstrich den Ausgangspunkt, den historischen Ort des Lagergeländes als Mittelpunkt für den Besuch der Gedenkstätte zu vermitteln.

Während in der ersten Ausstellung 1983 keiner der Häftlinge namentlich erwähnt wurde, wuchs Ende der achtziger Jahre im Herinneringscentrum die Erkenntnis, dass es sich bei der Vermittlung der Geschichte des Durchgangslagers Westerbork nicht um eine Aneinanderreihung geschichtlicher Daten handelte, sondern dass es um die Geschichte von 107 000 Menschen geht. Ihre Geschichte galt es, künftig zu erzählen. Die Idee der 102 000 Steine auf dem ehemaligen Lagergelände wurde von der Museumspädagogik mit einem umfassenden Datenbestand weiterentwickelt. Aus allen Dörfern und Städten der Niederlande wurde die Geschichte derer aufgezeichnet, die über Westerbork deportiert worden waren. So erfahren seit Anfang der neunziger Jahre Schüler aus allen Teilen der Niederlande während eines Besuches an die Gedenkstätte von dem Schicksal eines Mitbürgers, und so wird die Geschichte Westerborks ein Teil ihrer eigenen Stadt- oder Dorfidentität. Auch wurde die ursprüngliche Ausstellung mehrfach neugestaltet, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Das heutige Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Mitte der neunziger Jahre wurde deutlich, dass ein Neubau unabdingbar geworden war, um der neuen Zielsetzung gerecht werden zu können. Mittlerweile war die Zahl der Besucher im Museum jährlich auf mehr als 100 000 gestiegen und ungefähr 20 Prozent davon kam im Gruppenverband. Die vielen Menschen mussten sich dem Thema angemessen mit einer gewissen Ruhe widmen können und brauchten im Museum einen Ort, an dem sie sich setzen und ins Gespräch kommen konnten. Außerdem mussten Archivräume geschaffen werden, in denen die hinterlassenen schriftlichen und mündlichen Quellen der Lagergeschichte und der Häftlinge angemessen aufbewahrt werden konnten.

Mit Hilfe dieser Quellen wurde bei der Einweihung des neuen Museumgebäudes 1999 eine vollkommen neue Ausstellung gestaltet, in der Zeitzeugen und deren Geschichten und Quellen die Geschichte des Durchgangslagers erzählen. Die weltberühmten Filmaufnahmen vom 19. Mai 1944 sind quasi als Motto in der Ausstellung ständig präsent. Auf einer Namenswand werden Tag und Nacht ununterbrochen die Namen der 102 000 Ermordeten projeziert. Auch die anderen Funktionen des Lagers nach 1945 werden in der Ausstellung gezeigt. Am Ende wird durch eine Fotowand die Auslöschung sämtlicher jüdischer Gemeinden versinnbildlicht. Ausgangspunkt aller verschiedenen Themenbereiche war, die Geschichte des Ortes und seiner Gefangenen sowie Bewohner zu erzählen. Bewusst wurden die Räume mit großen Fenstern gestaltet, um dem Besucher die Möglichkeit zu bieten, immer wieder den Blick in die Landschaft gleiten zu lassen. Im übertragenen Sinne wird so deutlich gemacht, dass die Geschichte des Durchgangslagers Westerbork sich mitten in der niederländischen Gesellschaft abgespielt hat und nun noch immer Teil der niederländischen Gesellschaft ist.

Besucher sollen sich in dem neuen, sehr hellen und weitläufigen Gebäude zunächst einmal wohlfühlen. Das Herinneringscentrum ist sich bewusst, dass viele Besucher mit großen Emotionen die Gedenkstätte besuchen. Diese Gefühle von Angst, Wut, Verbitterung und Verzweiflung sollen durch die äußeren Faktoren zumindest nicht verstärkt und eventuell sogar gelindert werden. Emotionalität sollte durch die Quellen und Geschichten in der Ausstellung ausgelöst werden und dem Besucher selbst überlassen bleiben und nicht etwa in einer künstlich erzeugten Atmosphäre vorab geweckt werden. Hilfreich ist hierbei sicher auch das helle Museumcafé, in dem man neben Getränken und kleineren Speisen auch in Ruhe Zeitschriften lesen und komplett aus dem Thema aussteigen kann. Darüberhinaus wird in der Personalführung des Herinneringscentrums großen Wert auf Freundlichkeit und Flexibilität gelegt. Besucher gehen immer vor, und alle Mitarbeiter müssen einen Kursus absolvieren, in dem aufgearbeitet wird, wie den Emotionen von Besucher adäquat begegnet werden kann und wie eigene Emotionen einzuordnen sind.

Die Arbeit des Herinneringscentrums Kamp Westerbork richtet sich auch in neuen Projekten darauf, den historischen Ort des Lagergeländes erfahrbar werden zu lassen und die Geschichte der 107 000 Menschen zu erinnern.

Ein Name und ein Gesicht

Schüler und Interessierte haben die Möglichkeit in den sogenannten Westerbork-Portraits die Geschichte von einem der 107 000 Häftlinge auf der Website des Herinneringscentrum sichtbar zu machen und somit von den 102 000 Steinen auf dem Lagergelände ein virtuelles und ständig wachsendes Mahnmal werden zu lassen.

Darüberhinaus wurde Ausgangspunkt für die Archivarbeit der nächsten Jahre, in einem digitalen Bestand alle Daten der 102 000 Ermordeten zu sammeln und so den 102 000 Namen ein Gesicht zurückzugeben. Der umfassende Datenbestand an Quellen und Fotos wurde erstellt, um Hinterbliebenen die Suche nach letzten Anhaltspunkten über die Zeit ihrer Familienmitglieder in Westerbork und nach der Deportation zu bieten. Daten wie die zuletzt registrierte Adresse, familiäre Verbindungen, Familienannekdoten und Überlieferungen aus dem Lageralltag, Ankunfts- und Deportationsdatum in Westerbork und natürlich Fotos und geschriebene Quellen haben für die Hinterbliebenen einen unschätzbaren Wert und konnten bereits vielen Menschen helfen mit ihrer Suche nach der eigenen Identität.

Landelijk Steunpunt Gastspreker WOII-Heden

Die niederländische Regierung finanzierte eine Projektstelle im Herinneringscentrum, die Zeitzeugen gegen Fahrtkostenerstattung in Schulklassen vermittelt. Die Zeitzeugen sind an strenge Vorschriften gebunden und müssen zunächst eine Aussbildung als Gastsprecher absolvieren. Ausgangspunkt für diese Ausbildung ist es, den Gastsprecher auf den Umgang mit eigenen Emotionen vorzubereiten und ihm oder ihr dabei zu helfen, die eigene Lebensgeschichte so zu erzählen, dass sie für Kinder im Alter von zwölf Jahren verständlich ist. Dies nicht nur, um die Kinder vor Emotionen zu schützen, die sie nicht verarbeiten können, sondern auch um die Gastsprecher selbst zu schützen. Ein Gastsprecher wird darüberhinaus verpflichtet, die eigene Lebensgeschichte auf eine Stunde Erzählzeit zu beschränken.

Nicht nur ehemalige Lagerinsassen von Westerbork sind mit dem Landelijke Steunpunt Gastspreker WOII-Heden verbunden. Auch ehemalige Widerstandskämpfer, Menschen, die unter dem Kriegsalltag gelitten haben, Menschen, die als Kinder in Verstecken überlebt haben, Kinder von Kollaborateuren, ehemalige Insassen aus japanischen Internierungslagern in Niederländisch-Indien und Veteranen erzählen darüber, wie der Krieg ihr Leben veränderte. Um auch den Blick zu schärfen für andere Kriege, in denen die Niederlande eine Rolle spielten, erzählen auch Dutchbat-Soldaten und Flüchtlinge über den Fall von Srebrenica in Schulen, um Kindern zu zeigen, dass auch modernere Konflikte Traumata hervorrufen können.

Umgang mit dem historischen Ort

Nach wie vor wird die Erfahrung auf dem ehemaligen Lagergelände als Ausgangspunkt für einen Besuch im Herinneringscentrum Kamp Westerbork vermittelt.

Bei Gedenkveranstaltungen, wie beispielsweise dem 60. Jahrestag der Befreiung, wird das gesamte Lagergelände einbezogen. Wechselausstellungen, die im Herinneringscentrum gezeigt werden, sind immer mit einem Hinweis auf einen Ort auf dem Lagergelände verbunden, der in der Ausstellung gezeigt wird oder von dem Zeitzeugen selbst oder mittels technischer Installationen erzählen.

Grundschüler erabeiten selbst, neben dem regulären Angebot von Gruppen- und Besucherführungen, an Hand von Gegenständen und Quellen aus dem Archiv eine eigene Führung, die sie mir ihren Mitschülern durchlaufen und die sie bei einem zweiten Besuch mit ihren Eltern und Freunden selbst gestalten können. Erneut ist hier der Ausgangspunkt die Geschichte ehemaliger Lagerinsassen, um die wichtigsten Daten der Lagergeschichte zu vermitteln.

Die Erinnerungskultur in den Niederlanden verändert sich im Laufe der Zeit. Um Besucher zu interessieren, ist es notwendig, immer wieder neue Formen zu finden, um die Einzigartigkeit des historischen Ortes zu vermitteln. Ein Gremium berät momentan über die zweite Neugestaltung des Lagergeländes. Nach der Wiedereinrichtung aus dem Jahr 1992 wird nun vor allem nach Möglichkeiten gesucht, Vergangenheit und Gegenwart zusammen dem Besucher »erfahrbar« zu machen. Das Herinneringscentrum ist sich sehr wohl bewusst, dass auch diese neugewählten Formen eines Tages wieder veraltet sein werden, und hat darum einen wichtigen Schritt für die kommenden Generationen gemacht: die Baracken, die 1971 an Bauern der Umgebung verkauft wurden, sind teilweise wiedergefunden worden. Sie könnten relativ einfach auf dem Lagergelände wiederaufgebaut werden. Bislang wurde diese Idee als wenig sinnvoll und unpassend angesehen und verworfen. Jedoch könnte es natürlich durchaus sein, dass kommende Generationen es sehr wohl als wünschenswert empfinden, Teile des Lagers wieder aufzubauen. Diese Entscheidung will das Herinneringscentrum ihnen nicht nehmen und versucht darum, die Baracken in Zukunft aufzukaufen und fachgemäß zu konservieren.

Jedes Jahr finden darüberhinaus kulturelle Aktivitäten wie Konzerte, Theateraufführungen und Kunstworkshops auf dem ehemaligen Lagergelände statt, die den historischen Ort als Ausgangspunkt wählen.

Die 102 000 Namen lesen

Im Januar 2005 flossen die beide Zielsetzungen des Herinneringscentrum, den historischen Ort und die Geschichte von 102 000 ermordeten Menschen, zu vermitteln, in einem ganz besonderen Projekt zusammen.

In Kooperation mit dem Niederländischen Auschwitz-Komitee wurden fünf Tage lang ununterbrochen, Tag und Nacht, die Namen der 102 000 Ermordeten und ihr Alter vorgelesen. Die Lesung begann in Amsterdam, von wo aus die meisten niederländischen Juden nach Westerbork deportiert wurden, und ging weiter auf dem ehemaligen Lagergelände von Westerbork. Vor der Kulisse der 102 000 Steine lasen Familienangehörige der ersten, zweiten und dritten Generation, ehemalige Nachbarn der Deportierten, Bürgermeister der Städte, ehemalige Lagerinsassen und interessierte Menschen aus allen Teilen der Niederlande ununterbrochen 102 000 Namen. Die niederländische Öffentlichkeit reagierte in hunderten Briefen voll Anerkennung für die Würde, mit der der Ermordeten gedacht wurde, und für das Projekt, das am 27. Januar, dem 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, endete. Vielfach wurde der Wunsch laut, das Projekt europaweit an verschiedenen Orten des Verbrechens zu wiederholen. Ein Gedanke, den wir sicher aufgreifen sollten.

Zukunft des Herinneringscentrums Kamp Westerbork

Genau wie in allen anderen europäischen Ländern verändern sich die Ansprüche der niederländischen Gesellschaft an den historischen Ort des Lagergeländes und damit auch an das Herinneringscentrum ständig. Die Suche nach immer wieder neuen Formen der Geschichtsvermittlung wird darum auch nie enden und stellt uns in den komenden Jahrzehnten noch vor große Herausforderungen. Im Gegensatz zu den Anfängen des Zentrums 1983 versucht die Gedenkstätte allerdings nicht nur Spiegel der niederländischen Erinnerungskultur zu sein, sondern versteht sich auch als Motor für gesellschaftliche Diskussionen.

1 Frank van Vree: In de schaduw van Auschitz. Herinnering, beelden, geschiedenis (Amsterdam 1995): S. 162.

2 Die Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Herzogenbusch (Nationaal Monument Kamp Vught) wurde 1990 eröffnet und 2004 eine Gedenkstätte für das Lager Amersfoort.

3 Vgl. Dirk Mulder und José Martin [Hrsg.]: Welkom in Holland! Indische Nederlanders in kamp Westerbork. Westerbork Cahier 8 (Hooghalen, Assen 2001).

4 Vgl. Dirk Mulder, Guido Abuys und José Martin, Groeten uit Schattenberg: Molukkers in kamp Westerbork, 1951-1970. Westerbork Cahier 9 (Hooghalen, Assen 2002).

5 Vgl. Michal Citroen: U wordt door niemand verwacht. Nederlandse joden na kampen en onderduik (Utrecht 1999), Martin Bossenbroek, De Meelstreep. Terugkeer en opvang na de Tweede Wereldoorlog (Amsterdam 2001), Dienke Hondius, Terugkeer. Antisemitisme in Nederland rond de bevrijding ('s-Gravenhage 1990).

6 Dirk Mulder: »Een vormgegeven verwerking«, in Dirk Mulder [Hrsg.], Bronnen van herinnering (Hooghalen, Assen 1993) S. 25 ff.

7 Y. Botke: ›Wat monumenten vertellen? De Tweede Wereldoorlog, gedenktekens en onderwijs in Nederland‹, zitiert aus: Dirk Mulder [Hrsg.], De oorlog dichtbij huis. Lokale en regionale geschiedenis in het lesgeven over de oorlogs- en bezettingstijd (Hooghalen 1989).

8 Tessel Pollmann: »Herinnering«, Vrij Nederland, 20. April 1985, zitiert aus: Dirk Mulder und Ben Prinsen [Hrsg.], Bronnen van Herinnering. Cahier 1 (Hooghalen, Assen 1993).

9 Conny Kristel: Geschiedschrijving als opdracht. Abel Herzberg, Jacques Presser en Lou de Jong over de jodenvervolging (Amsterdam 1998) S. 264 ff.