Am 11. August 2005 eröffnete die Stiftung Topographie des Terrors auf ihrer Sonderaustellungsfläche im Freien die Ausstellung »Das ›Hausgefängnis‹ der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933–1945«. Mit insgesamt über 400 Fotos, Dokumenten und Texten wird am historischen Ort die Geschichte des ehemaligen Gestapo-Gefängnisses in der Prinz-Albrecht-Straße 8 dokumentiert und über das Schicksal der Häftlinge berichtet. Die zweisprachige, deutsch-englische Ausstellung macht deutlich, dass das Gelände der »Topographie des Terrors« nicht ausschließlich Sitz des administrativen Zentrums des europaweiten Terrorapparats von SS und Polizei – ein Ort der »Schreibtischtäter« – war, sondern auch ein Ort des unmittelbaren Leidens. Die Sonderausstellung ist voraussichtlich bis November geöffnet, eine Wiedereröffnung im Frühjahr 2006 ist geplant.
Das »Hausgefängnis« der Gestapo-Zentrale war ein »Polizeigewahrsam besonderer Art« (Reinhard Heydrich). Hier wurden zwischen 1933 und 1945 insgesamt etwa 15 000 politische Gegner des NS-Regimes für Tage, Wochen oder Monate inhaftiert und verhört. Bis 1939 kamen die meisten von ihnen aus den verbotenen Parteien und den daraus entstandenen Widerstandsgruppen, während der Kriegsjahre insbesondere aus den neuen Widerstandskreisen der »Roten Kapelle« und des »20. Juli«. Unter ihnen waren Prominente wie die Sozialdemokraten Kurt Schumacher, Julius Leber und Rudolf Breitscheid, die Kommunisten Georgi Dimitroff und Ernst Thälmann, der Liberale Ferdinand von Friedensburg und Martin Niemöller, führendes Mitglied der Bekennenden Kirche, Angehörige der »Roten Kapelle« wie Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack sowie wichtige am Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 beteiligte Personen wie Dietrich Bonhoeffer, Helmuth James Graf von Moltke und Carl Friedrich Goerdeler. Viele der Häftlinge wurden während ihres Aufenthalts im »Hausgefängnis« der Geheimen Staatspolizei gefoltert und in den Selbstmord getrieben. Die Prinz-Albrecht-Straße 8, seit 1933 Sitz der Gestapo-Zentrale und seit 1939 auch des Reichssicherheitshauptamts, war zu einer der gefürchtetsten Adressen in Berlin geworden. Am Beispiel dieses Ortes wird deutlich, wie wichtig der verdeckte und offene Terror gegen politische Gegner für die Herrschaftssicherung des NS-Regimes war. Der Ort steht aber auch als Zeichen dafür, dass es im nationalsozialistischen Deutschland Menschen gab – wenn auch nur eine kleine Minderheit –, denen es darum ging, ihre politische und moralische Integrität zu bewahren und die Verbrechen der Diktatur nicht hinzunehmen. Sie entschieden sich als einzelne oder in Gruppen für Verweigerung, Protest und Widerstand, viele unter Einsatz ihres Lebens.
Die Ausstellung zeigt, dass das »Hausgefängnis« im Laufe seines Bestehens zu einem Spiegel der vielschichtigen Facetten des Widerstands gegen das NS-Regime wurde. Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen die Schicksale zahlreicher Häftlinge, darunter eine Vielzahl bislang kaum bekannter Regimegegner. Dargestellt werden ihr Werdegang, ihre Widerstandsaktivitäten, ihre Hafterfahrungen im »Hausgefängnis« und ihr weiteres Schicksal. Anhand ausgewählter Detailbiographien werden auch die lebensweltlichen Zusammenhänge einzelner Personen bzw. die konkrete Verfolgungspraxis der Gestapo näher beleuchtet. Mit Kurzbiographien wird außerdem auf die Gestapobeamten hingewiesen, die als Vernehmer eine besondere Rolle spielten. Überblickskapitel zur Geschichte von SS und Polizei ermöglichen die Einordnung der Geschichte des »Hausgefängnisses« in den Gesamtzusammenhang des »SS-Staates«. Die Ausstellung endet nicht mit dem Jahr 1945. Ein Ausblick auf die Nachkriegszeit veranschaulicht, daß viele der ehemaligen Häftlinge, die den NS-Terror überlebten, die politische Entwicklung in Ost und West engagiert mitbestimmt haben. Skizziert wird auch, wie der historische Ort nach Jahren der Verdrängung in den 1980er Jahren wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit geriet.
Die öffentlichen Auseinandersetzungen über den Umgang mit diesem »Ort der Täter« machten das »Hausgefängnis« und seine bei Grabungen freigelegten baulichen Reste zu einem Anknüpfungspunkt für die Erinnerung an die Opfer.
Die Dokumentation wird durch Rahmenangebote ergänzt. Eine Hörstation bietet Auszüge aus Interviews mit ehemaligen Häftlingen, die über ihre Hafterfahrungen berichten. Eine Personendatenbank ermöglicht die Recherche aller bislang bekannten Häftlinge und enthält kurze biographische Hinweise, Fotos und Dokumente. Außerdem stehen Lesemappen mit Auszügen aus Erinnerungsberichten und Interviews sowie mit ausgewählten Dokumenten von Geheimer Staatspolizei und Justiz für eine vertiefende Lektüre bereit. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der sämtliche Abbildungen und Texte sowie eine Namensliste aller bisher bekannten Häftlinge des »Hausgefängnisses« enthält. Eine ab September laufende Vortrags- und Diskussionsveranstaltungsreihe wird sich schwerpunktmäßig mit der Praxis der politischen Verfolgung durch die Gestapo befassen.
Die Ausstellung basiert auf intensiven Archivrecherchen, die durch den Umstand erschwert wurden, dass es der Gestapo offensichtlich gelungen ist, bis Kriegsende so gut wie alle Haftunterlagen zu vernichten. Nur wenige Unterlagen der Gefängnisverwaltung sind überliefert. Zu den wichtigsten Quellen gehören die Akten des Oberreichsanwalts, die sich heute im Bundesarchiv befinden. Neben den Dokumenten der Justiz enthalten sie die Ermittlungsunterlagen der Gestapo, z.B. die Vernehmungsprotokolle, und häufig auch die originalen Fotos des Erkennungsdienstes, von denen über 500 vorliegen. Darüber hinaus konnten seit November 1989 insgesamt 39 Interviews mit ehemaligen Häftlingen geführt werden, die zusammen mit den publizierten Erinnerungen eine wichtige Ergänzung zu den archivalischen Überlieferungen darstellen. Verglichen mit der Ausgangssituation 1987, als die Dokumentation »Topographie des Terrors« eröffnet wurde, hat sich der Kenntnisstand grundlegend erweitert. Inzwischen konnten die Namen von fast 3 000 Häftlingen recherchiert und zu vielen Personen auch biographische Daten ermittelt werden. Vor diesem Hintergrund besteht mit der Sonderausstellung erstmals die Möglichkeit, die Geschichte des »Hausgefängnisses« umfassend und systematisch darzustellen. Sie liefert die Basis für die spätere Präsentation des Themas als Teil der geplanten Dauerausstellung im – hoffentlich in absehbarer Zeit realisierten – neuen Dokumentationszentrum der Stiftung auf dem Gelände der »Topographie des Terrors«.
Ausstellungsort
Gelände der »Topographie des Terrors«
Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin-Kreuzberg
Öffnungszeiten
täglich 10–20 Uhr ab Oktober von 10 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit,
spätestens 18 Uhr, Eintritt frei
Information
Stiftung Topographie des Terrors, Andreas Sander
Stresemannstraße 111, 10963 Berlin
Tel. 030 254509-19 | sander@topographie.de
Führungen nach Vereinbarung
Tel. 25486703 | ausstellung@topgraphie.de