Das »Generalkommissariat Weißruthenien«, wie die besetzte Belarussische Republik in der nationalsozialistischen Terminologie hieß, wurde bereits in der Frühphase der sogenannten Judendeportationen zum Schauplatz des deutschen Massenmordes. Minsk war seit 1920 die Hauptstadt der belarussischen Sowjetrepublik und nach der Besetzung durch die Heeresgruppe Mitte im Juni 1941 das Zentrum der deutschen Militärverwaltung. Unmittelbar danach begann die Wehrmacht zusammen mit SS und Polizei, die jüdische Bevölkerung des Landes in Zwangsbezirken zu konzentrieren. Auch nordwestlich des Zentrums von Minsk wurde ein zwei Quadratkilometer umfassendes Gebiet als Ghetto eingerichtet. Mit über 70 000 Mitgliedern – ungefähr 30 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung – war die Jüdische Gemeinde in Minsk eine der größten der Sowjetunion. Nur einigen wenigen Jüdinnen und Juden gelang noch rechtzeitig vor dem Einmarsch der deutschen Truppen die Flucht Richtung Osten. Alle übrigen wurden gewaltsam in den jüdischen Zwangsbezirk gedrängt. Bis heute ist ungewiss, wie viele Frauen, Männer und Kinder genau nach dem 19. Juli 1941 im Minsker Ghetto eingeschlossen wurden. Anzunehmen ist eine Zahl zwischen 45 000 und 60 000 Menschen.[1]
Im November und Dezember 1941 wurden auch etwa 7000 Jüdinnen und Juden in sieben Transporten aus Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, Berlin, Brünn, Bremen und Wien in das Minsker Ghetto verschleppt. Um für diese Menschen im Ghetto Platz zu schaffen, wurden zwischen dem 6. und 11. November 1941 etwa 7000 einheimische Ghetto-Insassen von deutschen Truppen und Hilfswilligen ermordet. Die ehemaligen Unterkünfte der Getöteten bildeten danach das »Sonderghetto I« für die Deportierten aus Hamburg, dem Rheinland und Frankfurt. In einer zweiten Mordaktion am 20. November – zwei Tage nach Ankunft des Berliner Transportes – wurden mindestens 5000 weitere belarussische Ghetto-Insassen erschossen. Ihre ehemaligen Behausungen bildeten dann das »Sonderghetto II« für die verschleppten Menschen aus Berlin, Brünn, Bremen und Wien.[2]
Nachdem auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 die Durchführung des Massenmordes an den europäischen Juden besprochen worden war, setzten zwischen Mai und Oktober 1942 erneut Deportationen Richtung Minsk ein. Aufgrund gravierender Wohnraum- und Ernährungsprobleme im fast vollständig zerstörten Minsk beschloss das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Abstimmung mit den Besatzungsbehörden in Minsk, die Deportierten nicht mehr im Ghetto zu internieren, sondern sie unmittelbar nach der Ankunft zu ermorden. Ort des Massenmordes wurde ein Waldgebiet – die Blagowschtschina in der Nähe des Dörfchens Maly Trostenez – etwa zehn Kilometer südöstlich von Minsk. Eduard Strauch, Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, ließ dort knapp 16 000 Jüdinnen und Juden aus dem »Altreich« und den besetzten deutschen Gebieten an Gruben erschießen oder in Gaswagen ersticken.[3]
Zuvor, im März 1942, hatte Strauch in Absprache mit Reinhard Heydrich, dem Chef des RSHA, die Vernichtung der noch lebenden Jüdinnen und Juden des »Generalkommissariats Weißruthenien« beschlossen. Hatten sich die deutschen Tötungen im Ghetto von Minsk anfänglich auf die belarussischen Jüdinnen und Juden konzentriert, wurden bei einer groß angelegten Mordaktion Ende Juli 1942 erstmalig auch die Insassen der »Sonderghettos« in die Massaker einbezogen. Zwischen dem 28. und 31. Juli 1942 ermordeten Angehörige von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst fast alle als »arbeitsunfähig« kategorisierten Ghetto-Insassen: insgesamt fast 10 000 Menschen. Bis zur endgültigen Auflösung des Ghettos fristeten die verbleibenden 9000 Jüdinnen und Juden in Minsk, darunter 2600 Deportierte aus dem »Altreich«, ein trostloses Dasein als Arbeitssklaven für deutsche Betriebe und Behörden.[4] Im Oktober 1943 löste der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes das Minsker Ghetto vollständig auf. Die verbliebenen Menschen des jüdischen Zwangsbezirks wurden ermordet.
Vor Kriegsbeginn lebten schätzungsweise 820 000 Jüdinnen und Juden in der belarussischen Sowjetrepublik, 650 000–700 000 wurden in Konzentrationslagern, Massenvernichtungsstätten oder bei Mordaktionen getötet.[5] Allein in den Waldstücken Schaschkowka und Blagowschtschina rund um Maly Trostenez ermordeten die Nationalsozialisten westlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge etwa 60 000 Menschen. Trotz dieser hohen Zahl an Opfern begann die Erforschung der Kriegsverbrechen im deutschsprachigen Raum erst in den 1990er-Jahren. Was sich genau in den jüdischen Zwangsbezirken von Minsk, Mogiljow, Baranowitschi oder Pinsk ereignet hatte, war bis dahin ebenso unbekannt wie die zahllosen deutschen Massaker an der übrigen Bevölkerung.
Über das Leben der in das Ghetto von Minsk deportierten Berliner Jüdinnen und Juden war bis zum Erscheinen der Publikation »Berlin–Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten« nur wenig bekannt. Von den tausend nach Minsk deportierten Berliner Jüdinnen und Juden überlebten nur drei Männer und eine Frau. Das Gedenkbuch erinnert an jene Jüdinnen und Juden, die am 14. November 1941 in das Ghetto von Minsk verschleppt wurden, sowie an 200 weitere Menschen aus Berlin, die Ende Juni 1942 via Königsberg nach Maly Trostenez gelangten und dort direkt nach der Ankunft ermordet wurden. Das Gedenkbuch enthält neben den Überlebensgeschichten von Manfred Alexander, Margot Aufrecht (verheiratete Greenberg) und Chaim Baram auch zahlreiche Lebensgeschichten von Einzelpersonen und Familien, die die Deportation nicht überlebten. Ziel war es, das vielfältige gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und private Leben und Wirken dieser Berliner Jüdinnen und Juden vor und während der NS-Zeit bis zu ihrer Deportation und, sofern möglich, auch noch danach nachzuzeichnen und die einzelnen Menschen aus der namenlosen Masse der Opfer herauszuheben.
Die Publikation ist das Ergebnis eines studentischen Forschungsprojektes, dessen Ausgangspunkt im Juni 2009 liegt. In diesem Jahr hatten die Senatsverwaltung Berlin und die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas einen Gedenkstein auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs in Minsk enthüllt. Er erinnert, ohne sie namentlich zu nennen, an die 1200 nach Minsk verschleppten Berliner Jüdinnen und Juden und steht neben den Gedenksteinen für die aus Bremen, Düsseldorf, Hamburg, Frankfurt am Main, Köln/Bonn/Sieburg und Wien Deportierten.
Im Herbst 2009 gründete sich daraufhin am Lehrstuhl für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus der Humboldt-Universität zu Berlin ein interdisziplinäres studentisches Forschungsprojekt, das Professor Michael Wildt betreute und unterstützte. Das Projekt setzte sich zum Ziel, mehr über die Lebensgeschichten dieser jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik zu erfahren und sowohl Minsk als auch Maly Trostenez – bisher wenig beachtete Tatorte des deutschen Massenmordes – in den Blick des wissenschaftlichen Interesses zu rücken.
Das Projekt arbeitete unter anderem eng mit der Geschichtswerkstatt in Minsk und dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund zusammen. Beide Initiativen unterstützen die langjährigen Bemühungen, eine gemeinsame Gedenkstätte Trostenez zu errichten, um das Ghetto von Minsk und den Vernichtungsort Maly Trostenez in eine europäische Erinnerungskultur einzubetten. Siebzig Jahre nach der Befreiung von Belarus von der nationalsozialistischen Herrschaft gibt es dort keinen würdigen Ort des Gedenkens und des Erinnerns.
Nach mehrjährigen zögerlichen Vorarbeiten hat die Stadt Minsk im vergangenen Jahr erstmals ein Gedenkstättenkonzept präsentiert und weite Teile des Gebiets um Maly Trostenez als Gedenkstättengelände ausgewiesen. Für das Waldareal von Blagowschtschina hat der kürzlich verstorbene belarussische Architekt Leonid Lewin einen Entwurf gestaltet, der den Titel »Weg des Todes« trägt. Lewin, der seit 1991 Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in Belarus war, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Erinnerung an die Opfer der Shoah in der belarussischen Gesellschaft wachzuhalten. Im Gegensatz zu den traditionellen sowjetischen und post-sowjetischen Gedenkstätten zeichnen sich seine Konzeptionen durch eine Symbolik aus, die das individuelle Schicksal der Ermordeten und ihre vermutlich letzten Gefühle zum Ausdruck bringen soll. Beispiele hierfür sind die bereits von ihm gestalteten Gedenkstätten in Chatyn und Gorodeja.
Der Entwurf »Weg des Todes«, welcher nun von Lewins Tochter Galina Lewina fortgeführt wird, stößt bei zahlreichen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren in Belarus sowie in Deutschland auf viel Zuspruch, dieses Konzept in ihrer Planung zu berücksichtigen und später den Unterhalt dieses Gedenkstättenteils zu übernehmen, sofern es für die Errichtung eine finanzielle Unterstützung von westeuropäischer Seite gibt. Daraufhin initiierte das IBB gemeinsam mit der Bethe-Stiftung im Spätsommer 2013 einen groß angelegten Spendenaufruf. Bis zum 27. Januar 2014 kamen etwa 150 000 Euro zusammen, die durch die Bethe-Stiftung auf 300 000 Euro verdoppelt wurden. Insgesamt wurden mit Unterstützung der Städte und Gemeinden, aus denen Jüdinnen und Juden in das Gebiet Minsk deportiert wurden, der katholischen und evangelischen Kirche, des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge und anderer privater Unterstützerinnen und Unterstützer 500 000 Euro gesammelt. Beim Auswärtigen Amt ist eine Unterstützung in Höhe von weiteren 500 000 Euro angefragt.
Um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen und das geplante Gedenkstättenprojekt weiter voranzubringen, lud das IBB »Johannes Rau« Minsk zu einer internationalen Konferenz vom 27. bis 30. März 2014 unter dem Titel »Auf dem Weg zu einer Gedenkstätte Trostenez« ein. Neben Vertreterinnen und Vertretern der Stadt Minsk, der jüdischen Gemeinde sowie der Kirchen nahmen auch zahlreiche Delegierte aus Deutschland, Österreich, Israel, Polen und der Tschechischen Republik an der Konferenz teil. Während des dreitägigen Austausches stellten die Referentinnen und Referenten ihre Forschungsergebnisse vor und machten deutlich, wie breit das internationale Interesse an einem gemeinsamen Erinnerungsort Trostenez ist. Gleichzeitig zeigte sich die Notwendigkeit einer weiterführenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Vernichtungsort Trostenez.
Zwar ist die Mehrzahl der Namen der aus Westeuropa deportierten Jüdinnen und Juden bekannt, aber die Identität zahlloser belarussischer und polnischer Opfer ist bisher ungeklärt. Trostenez ist einer der letzten großen Vernichtungsorte des NS-Regimes, an dem es bislang keine angemessene Gedenkstätte gibt. Dank der jahrelangen Bemühungen verschiedener Organisationen und zivilgesellschaftlicher Akteure wird nun mit Beteiligung von Gästen aus anderen Ländern im Juni 2014 der Grundstein für eine Shoah-Gedenkstätte in Trostenez gelegt. Im Rahmen dieser Veranstaltung sollen auch die Namen von über 22 000 jüdischen Opfern, die in der Blagowschtschina ermordet wurden, an einen Vertreter der Stadt Minsk übergeben werden. »Der Mensch lebt, solange sein Name bekannt ist«, sagte der israelische Botschafter Yosef Shagal in seiner Rede auf der internationalen Konferenz in Minsk.
Damit die Gedenkstätte Trostenez tatsächlich ein Ort europäischer Erinnerung wird, sollen weitere Projekte angestoßen werden: Analog zu der Publikation »Berlin-Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten« sollen Gedenkbücher für deportierte jüdische Bürgerinnen und Bürger aus den anderen Städten entstehen. Zudem sollen junge Menschen aus Belarus und anderern Ländern die Möglichkeit erhalten, im Rahmen von Studienreisen Trostenez und andere belarussische Gedenkstätten zu besuchen, um etwas über die nationalsozialistische Besatzungs- und Vernichtungspolitik erfahren zu können. Um eine solche Vermittlungsarbeit pädagogisch zu begleiten, hat die Geschichtswerkstatt Minsk eine Vielzahl von Materialien gesammelt und in russischer wie auch deutscher Sprache in einem Online-Archiv veröffentlicht.
Neben Informationen zum Ghetto Minsk und zum Vernichtungsort Trostenez finden sich auch Biografien der Opfer und Zeitzeugen-Interviews von Überlebenden aus dem Ghetto, darunter 26 Biografien Berliner Jüdinnen und Juden. Darüber hinaus soll eine Ausstellung konzipiert werden, die als Wanderausstellung durch die europäischen Städte ein breites Publikum erreichen soll und den Ort Minsk als Tatort nationalsozialistischer Vernichtungspolitik mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückt. Gerade diese begleitende Erinnerungsarbeit ist notwendig, um Trostenez im kollektiven europäischen Gedächtnis zu verankern und die Erinnerung an die deutschen Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Anja Reuss studierte Neuere und Neueste Geschichte und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Magisterarbeit schrieb sie zum Thema Lebensrealitäten von Sinti und Roma in Deutschland 1945–1950.
Kristin Schneider studierte Sozialkunde und Geografie in Berlin und Istanbul. Derzeit schreibt sie ihre Masterarbeit zum biografischen Ansatz in der Politikdidaktik am Beispiel des Erinnerungsprojekts »Berlin–Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten«.
[1] Vgl. Petra Rentrop: Das Minsker Ghetto (1941–1943), in: Anja Reuss/Kristin Schneider (Hrsg.), Berlin–Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten. Berlin 2013, S. 68–77, hier S. 70.
[2] Vgl. ebenda, S. 73.
[3] Neun Transporte kamen aus Wien, fünf aus Theresienstadt, je zwei aus Königsberg und Köln. Vgl. Rentrop: Das Minsker Ghetto (1941–1943), S. 73.
[4] Vgl. ebenda, S. 76f.
[5] Vgl. Petra Rentrop: Das Zeitalter der Katastrophe – Weißrussland im 20. Jahrhundert, in: Zeitschrift OST–WEST. Europäische Perspektiven, 5. Jg. (2004), H. 2, S. 116–122.