Das Gedenkstättenprojekt in Rivesaltes, Pyrénées-Orientales

08/2006Gedenkstättenrundbrief 132, S. 10-20
Marianne Petit und Johanna Reyer

Historischer Überblick

Kurzer Überblick über die Lagergeschichte

Das Lager von Rivesaltes liegt einige Kilometer nördlich von Perpignan, nahe der spanischen Grenze. Ursprünglich als Durchgangskaserne für französische Kolonialtruppen gedacht, wurde es ab 1939 als Internierungslager für die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge genutzt.

Allerdings war das Camp Joffre als Internierungslager nicht geeignet. Die Aufteilung in Lagerabschnitte (Ilots) sowie seine große Ausdehnung (600 ha) machten Rivesaltes zu einem unübersichtlichen, schlecht zu bewachenden und für die Internierung sehr ungeeigneten Ort.[1] Die harten klimatischen Bedingungen – Wind, extreme Klimaschwankungen und Trockenheit – waren wohl Teil des militärischen Konzeptes, das dem Bau des Lagers zu Grunde lag.

1939 lebten nur vereinzelt Personengruppen im Lager von Rivesaltes. 1940 wurden die ersten Fremdarbeitergruppen (G.T.E.) dort stationiert, die aus in Frankreich lebenden Ausländern bestanden und für wenig Lohn für ihr Gastland arbeiten mussten. Viele der in diesen Einheiten arbeitenden Männer waren spanische Flüchtlinge, die so ihren Lebensunterhalt verdienten und in Frankreich bleiben durften. Es waren die Mitglieder der G.T.E., die 1940 den Bau der Baracken in Rivesaltes beendeten.[2] Zu diesem Zeitpunkt waren dort bereits spanische Frauen und Kinder interniert.[3] In den ersten Monaten scheint das Lager von Rivesaltes als »camp de concentration« bezeichnet worden zu sein.[4]

1940 musste die Armee einen Teil des Lagers dem Innenministerium überlassen; dort wurde im Dezember 1940 das »Centre d’hébergement de Rivesaltes« eingerichtet. Der beim Verteidigungsministerium verbliebene Bereich lief unter der Bezeichnung »Camp Militaire Joffre« und wurde weiterhin zur Stationierung von Kolonialtruppen genutzt.[5]

Im Januar 1941 öffnete das »Centre d'hébergement«[6] offiziell. Neben den Flüchtlingen aus Spanien kamen nun Staatsangehörige aus verfeindeten Staaten, vor allem Deutschland, in das Lager. Die Mehrheit von ihnen waren ausländische (deutsche, österreichische und polnische) Juden, Sinti, Roma und sonstige »Unerwünschte«. Die Lebensbedingungen waren schwierig: Hunger, Kälte und Krankheiten griffen um sich. Allerdings hatten Hilfsorganisationen Zugang zum Lager und konnten die Situation der Internierten etwas verbessern. Es war den Internierten ausserdem möglich, ihre Emigration vorzubereiten und gegebenenfalls auszureisen.

Die Situation änderte sich für die jüdischen Internierten im Sommer 1942. Nachdem im Juni/Juli 1942 die Deportation von 10 000 Juden aus der freien Zone beschlossen worden war, begann man ab August 1942 mit der Realisierung dieses Vorhabens.[7] Am 25. August 1942 veränderte man im Rahmen der bevorstehenden Deportationen die Zielsetzung des Lagers in Rivesaltes und richtete das »Centre National de Rassemblement des Israélites« ein.[8] Hier sollten nun in den nächsten Monaten Tausende von Juden konzentriert und deportiert werden. In zwei Wellen wurden die jüdischen Internierten der freien Zone über Drancy (bei Paris) in das Deutsche Reich und anschließend nach Auschwitz verschleppt.

Die erste Deportationswelle betraf die in Rivesaltes internierten Juden – knapp 1200 Personen. Später wurden, die zweite Welle vorbereitend, Juden aus umliegenden Internierungslagern oder in der freien Zone Festgenommene in das »Centre National« transferiert. Zwischen dem 25. August und dem 31. Oktober 1942 wurden über 4 400 Juden in das Lager von Rivesaltes eingeliefert.[9] Ob die Gefangenen deportiert würden, entschied eine Kommission. Ausschlaggebend waren neben rassischen Kriterien auch Nationalität, Beruf und politische Aktivität. Diese Kommission beschloss, 2551 Personen von der Deportation auszuschließen. 2 313 Personen hingegen wurden zwischen dem 11. August und 20. Oktober in neun Transporten via Drancy nach Auschwitz deportiert.[10] Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im November 1942 schloss man das Internierungslager. Die Wehrmacht nutzte die Gebäude sowohl als Truppen- als auch als Materialstandort. Nachdem die Alliierten in der Normandie im Juni 1944 gelandet waren und somit die Befreiung des französischen Staatsgebietes begonnen hatte, wurden Teile des Lagergeländes in das »Centre de Séjour Surveillé de Rivesaltes« (CSS) umgewandelt, in dem u.a. der Kollaboration verdächtigte Personen interniert wurden. Im Dezember 1945 schloss das CSS wieder. Im militärischen Teil des Lagers bestand, neben seiner Nutzung als Kaserne, auch ein Kriegsgefangenenlager für Soldaten der Achsenmächte. Im Februar 1947 lebten dort noch immer über 4300 überwiegend deutsche Kriegsgefangene. Erst Ende 1947/Anfang 1948 durften die letzten Gefangenen das Lager verlassen.[11]

Während des Algerienkrieges (1954–1962) nutzte die Armee das Lager wieder als Kaserne. Außerdem wird angenommen, dass in einem Lagerabschnitt gefangene FLN-Soldaten[12] festgehalten wurden. Diese Vermutung konnte allerdings bis heute nicht mit Sicherheit belegt werden.[13] Sicher ist, dass man ab November 1962 Harkifamilien[14] aus den Lagern im Larzac und in Bourg-Lastic, die aufgrund des nahenden Winters geschlossen wurden, in Rivesaltes ansiedelte. Zunächst brachte man ca. 9000 Personen nach Rivesaltes. Sie waren teils in den leer stehenden Baracken, teils in Zelten untergebracht.

Zwischen 1962 und Ende der 1960er Jahre sind nach Schätzungen von Boitel[15] ca. 35 000 Personen durch das Lager geschleust worden. Mit den aus Algerien evakuierten und geflüchteten Harkis kamen ab 1964 auch Familien aus Guinea, die mit der Unabhängigkeit ihr Land verlassen mussten, in Rivesaltes unter.[16] Dieser Teil der Rivesalter Geschichte ist bis heute kaum erforscht.[17]

Seit 1986 wird der Lagerabschnitt N im militärischen Teil des Lagers als »Centre de Rétention Administrative« (CRA-Abschiebegefängnis) genutzt. Das Abschiebegefängnis dient der Vorbereitung der Abschiebung bzw. in den seltensten Fällen der Regularisierung von Personen, die man ohne gültige Papiere auf französischem Staatsgebiet aufgreift.

Seit Ende der 1990er Jahre setzten sich unterschiedliche Organisationen und Einzelpersonen dafür ein, auf dem Lagergelände eine Gedenkstätte zu errichten.

Dieser kurze Überblick über die Lagergeschichte zeigt, dass das Lager von Rivesaltes Teil der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Durch die Vielschichtigkeit seiner Vergangenheit erscheint das Lager per se als ein Ort der Erinnerungen.

Hintergrundinformationen über das Gedenkstättenprojekt

Das Militärlager in Rivesaltes nimmt einen bedeutenden und außerordentlichen Platz in der jüngsten Geschichte Frankreichs ein. Es gibt bis heute in Frankreich keine Gedenkstätte, die sowohl von der Internierung während des Zweiten Weltkriegs als auch vom Schicksal der Harkis und von der Rolle und dem Einfluss der Hilfsorganisationen (NGOs) Zeugnis ablegt.

Dies sind die drei Leitfäden des Projekts, dessen einmalige Herausforderung darin besteht, dass den verschiedenen Erinnerungskollektiven die Möglichkeit gegeben wird, auch etwas über die Geschichte der anderen zu erfahren und allen Besuchern dabei geholfen wird, die gemeinsame Vergangenheit zu verstehen.

Abgesehen von kürzlich errichteten Stelen und Denkmälern haben die Internierungslager in Frankreich nur wenige heute noch sichtbare Spuren hinterlassen. Die zum Grossteil zerstörten Baracken in Rivesaltes zeugen mit einer für jeden Besucher spürbaren Kraft von einer tragischen Geschichte und deren Verdrängung.

Indem man den Lagerabschnitt F als Gedenkstätte erhält, wird dieser zu einer der weitläufigsten Gedenkstätten Westeuropas. Der Lagerabschnitt F, in dem die für die Deportation isolierten Juden untergebracht waren, ist in der französischen Liste für Kulturgüter eingetragen. Außerdem läuft ein Verfahren, um ihn unter Denkmalschutz zu stellen.

Die Gedenkstätte soll die Erinnerung an die Geschichte der verschiedenen internierten Gruppen darstellen. Sie ist ein Teil des Kulturangebots und behandelt wichtige ethische Fragen. Darüber hinaus kann eine Verknüpfung mit einem übergreifenden Tourismuskonzept bei diesem Projekt nicht außer Acht gelassen werden. Wozu in eine solche geschichtsträchtige Gedenkstätte investieren, wenn nicht die Voraussetzungen vorhanden sind, um ein breites Publikum zu empfangen?

In diesem Bereich kann das Lager von Rivesaltes eine Reihe von wesentlichen Pluspunkten aufweisen: die Nähe zur Departementshauptstadt Perpignan, ein nah gelegener Flughafen, die Autobahn A9, die entlang des Lagergeländes verläuft, die geringe Entfernung zu Spanien und Katalonien, die für diese Geschichte sensibilisiert sind. Hinzu kommt, dass Barcelona in Zukunft dank des Hochgeschwindigkeitszuges, schnell zu erreichen sein wird. Die Gedenkstätte Rivesaltes wird so seinen selbstverständlichen Platz innerhalb eines wachsenden kulturellen Angebots des Departements finden.

Das Projekt könnte nicht verwirklicht werden, wenn man sich nicht der breiten Unterstützung der Bevölkerung gewiss wäre. Das Meinungsforschungsinstitut SOFRES hat 2001 für das Departement Pyrénées-Orientales die Haltung der Bevölkerung in Bezug auf das Rivesalter Projekt untersucht: 76% der befragten Personen äußerten sich positiv über das Vorhaben, obwohl dieses zum Zeitpunkt der Umfrage noch in Kinderschuhen steckte. Ebenso zeigt die Reaktion der Lehrerschaft und die Vielzahl der pädagogischen Projekte um das Lager von Rivesaltes, dass ein breites Interesse an diesem Kapitel der Lokalgeschichte besteht. Natürlich ist bei solcher Art von Projekten die Unterstützung durch die Bevölkerung von wesentlicher Bedeutung. Trotz allem wäre all dies ohne die Überzeugung und die Investition eines politischen Organs – dem Conseil Général[18] der Pyrénées-Orientales und seines Präsidenten, Christian Bourquin – nicht denkbar gewesen.

Das sind die außergewöhnlichen Stärken der zukünftigen Gedenkstätte Rivesaltes, die sich an einer Kreuzung der Kulturen befindet: Hier trifft sich Europa, da die Opfer ebenso aus dem Norden wie aus dem Süden und ebenso aus dem Westen wie aus dem Osten kamen. Hier trifft sich der Mittelmeerraum, da sowohl Frankreich als auch Algerien in der hier in Erinnerung gerufenen Geschichte eine Rolle spielen. Hier trifft sich die Welt, denn diese ist das Aktionsfeld der Hilfsorganisationen.

Auszug aus dem Tagebuch von Friedel Bohny-Reiter[19]
»Journal de Rivesaltes 1941–1942«

9. August 1942

»Fürchterliche Hitze im Lager. Der Stacheldraht, der eng um Block K und F verläuft, ruft Beklemmung hervor. Die Klagen der gequälten Menschen liegen noch in der Luft. Ich sehe sie in langen Reihen aus ihren Baracken kommen und unter dem Gewicht ihrer Habseligkeiten nach Luft ringen. Die Wächter an ihrer Seite. Sich in einer Linie für den Appell stellen. Stundenlang in der gleißenden Sonne in einem Feld stehen. Dann kommen die Lastwagen, die sie zu den Bahngleisen bringen.

Sie steigen zwischen zwei Reihen Wächtern aus den Lastwagen heraus und begeben sich, die einen zögernd, die anderen apathisch und einige mit herausforderndem Blick und hocherhobenem Kopf in die Viehwaggons. Es dauert Stunden bis alle in die Waggons gepfercht sind, in denen eine erstickende Hitze herrscht. Ich sehe durch die Gitterstäbe bekannte Gesichter. Sie bringen noch eine Bitte vor, bedanken sich schreiend.

An jeder Öffnung zwei Wächter. Ich beobachte die Gesichter. Nicht einmal mehr Verzweiflung lässt sich auf diesen gealterten, gezeichneten und niedergeschlagenen Gesichtern erkennen. Vom letzten Wagon hört man ein »Auf Wiedersehen«.

Wir fahren ab zum Lager…«

Entwicklungsphasen des Projekts

Wichtige Schlüsseldaten des Projekts

1993 Veröffentlichung des »Journal de Rivesaltes 1941-42«, Tagebuch von Friedel Bohny-Reiter, einer Schweizer Krankenschwester, die für das Schweizer Kinderhilfswerke im Lager von Rivesaltes arbeitete. Verlag Zoé, Genf. 1997 Verfilmung.

1994 Errichtung eines Denkmals an die aus Rivesaltes deportierten Juden.

1995 Errichtung eines Denkmals an die in Rivesaltes festgehaltenen Harkis.

1997 Es droht der Abriss des Lagers. Petition der Gruppe »Pour la mémoire vivante du camp de Rivesaltes«, die von über 1000 Personen, unter ihnen Persönlichkeiten wie Simone Veil, Claude Simon und Edgar Morin, unterzeichnet wurde.

1998 Christian Bourquin wird zum Präsidenten des Conseil Général der Pyrénées-Orientales gewählt. Er revidiert die Entscheidung, den Ort dem Erdboden gleich zu machen, und beginnt mit den Absprachen rund um das Projekt.
Erste Kontakte mit Verbänden, die die internierten Personengruppen vertreten und Vervielfältigung der pädagogischen Projekte.

1999 Errichtung eines Denkmals an die in Rivesaltes internierten Spanier.

2000 Aufnahme des Lagers in die erweiterte Liste für Kulturgüter durch das Kultusministerium.
Unterzeichnung einer Konvention über die Errichtung einer Gedenkstätte und die Bildung einer Denkmalskommission, die alle Verbände, Initiativen und Privatpersonen einlädt, sich an der Ausarbeitung des Projekts zu beteiligen.
Der Conseil Général spricht sich einstimmig für das Gedenkstättenprojekt aus.

2003 Die in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie über die zuküftige Gedenkstätte wird dem Conseil Général und der Denkmalskommission vorgelegt.

2004 Prof. Denis Peschanski, Wissenschaftler am renommierten französischen
Forschungsinstitut C.N.R.S. (Centre National de la Recherche Scientifique), wird zum Leiter des wisssenschaftlichen Rats und des Lenkungsausschusses ernannt.

2005 Im Rahmen der »Journées du Patrimoine« wird ein Teil des Lagers zum ersten Mal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und der Film »Journal de Rivesaltes 1941–1942« von Jacqueline Veuve sowie eine Fotoausstellung gezeigt. Mehr als 2000 Besucher. Die Zahl der Projekte vervielfacht sich, ein Kolloquium zum Thema »Das Exil und die Lager« wird vom »Archives Départementales« organisiert.
Rudy Ricciotti gewinnt den Architektenwettbewerb der Gedenkstätte.
Der Conseil Général wird rechtmässiger Besitzer des Blocks F.
Robert Badinter erklärt sich bereit, die Schirmherrschaft über das Projekt zu übernehmen.

2007 Geplanter Beginn des Baus der Gedenkstätte. Bis dahin finden im Vorfeld im Rahmen der »Rencontres du Mémorial« regelmäßig verschiedene Aktionen statt: Kolloquien in Zusammenarbeit mit anderen Gedenkstätten, Ausstellungen und Aufbau eines pädagogischen Dienstes.

Die Akteure des Projekts

Ohne das Engagement vom Conseil Général und dessen Präsidenten Christian Bourquin, der das Gedenkstättenprojekt in Rivesaltes auf politischer und institutioneller Ebene unterstützt und vorantreibt, wäre es nie zu den aktuellen Entwicklungen in Rivesaltes gekommen. Seit 1998 investiert der Conseil Général zunehmend in das Projekt: von der Gründung des Lenkungsausschusses bis zur Ernennung eines Leiters des wissenschaftlichen Rates, Denis Peschanski, ist die Arbeit rund um die folgenden Gremien organisiert:

• Der Wissenschaftliche Rat, dem Denis Peschanski vorsitzt, umfasst Historiker und geeignete Persönlichkeiten, die für die Bestätigung der historischen und wissenschaftlichen Inhalte zuständig sind.

• Die Gedächtniskommission, der die Leiterin der »Archives Départementales«, Christine Langé, vorsitzt, umfasst die Vertreter der betroffenen Erinnerungskollektive und der Zivilgesellschaft.

• Die Pädagogische Kommission, der der Präsident der Schulaufsicht des Bezirks bzw. sein Vertreter vorsitzt, trägt dafür Sorge, dass die Inhalte der geplanten Dauerausstellung den pädagogischen und historischen Anforderungen entsprechen, die vom Wissenschaftlichen Rat vorgegeben werden.

• Der Lenkungsausschuss umfasst die gewählten Abgeordneten, die zugehörigen Stellen (Gemeinde, Landkreis, Staat…) sowie die Organe des Conseil Général, denen die Aufgabe zukommt, die verschiedenen Etappen des Prozesses amtlich zu bestätigen.

Im Übrigen lässt der Conseil Général regelmäßig das »Comité de Suivi«[20] zusammenkommen, das für die alltäglichen Entscheidungen verantwortlich ist. Eine Abteilung, deren ständige Aufgabe in der Planung, Organisation und Durchführung von Veranstaltungen wie z.B. Tagungen, Filmvorführungen oder Vortragsreihen über das Lager und Führungen über das Lagergelände besteht, wurde im Januar 2005 unter der Leitung von Marianne Petit ins Leben gerufen.

Das architektonische Projekt von Rudy Ricciotti

Der Architekt und Ingenieur Rudy Ricciotti wurde am 22. August 1952 in Algier geboren. Er studierte in Marseille und in Genf und ist heute in Bandol (in der Nähe von Marseille) ansässig. Rudy Ricciotti hat vor kurzem die Wettbewerbe für einen Filmpalast in Venedig und für die Gestaltung des Museums »Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraumes« in Marseille gewonnen, Letzteres in Gestalt eines riesigen Kubus, der mit einer Mantilla aus Beton überdeckt ist, die einer militärische Tarnung nachempfunden wurde.

Das Projekt von Rudy Riccioti berücksichtigt die gesamte Lagerfläche und deren Umgebung in ihrer ökologischen und historischen Dimension: Ein Teil der Baracken bleibt erhalten, damit sie für die Öffentlichkeit weiterhin sichtbar sind. Der Abschnitt F ist in drei unterschiedliche Bereiche aufgeteilt. Der erste ist der äußere, frei zugängliche Empfangsbereich mit den Zufahrtswegen. Der zweite erstreckt sich rund um den Abschnitt F und vereint die szenografischen Funktionen mit der Gesamtheit der begleitenden Angebote. Der dritte Bereich ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich und verleiht dem Ort Ähnlichkeit mit einem Heiligtum. An der Stelle des ehemaligen Eingangs zum Lagerabschnitt F strukturieren zwei Einrichtungen den äußeren Empfangsbereich: ein Ort der Besinnung und ein Kunstwerk.

Vom Parkplatz aus nähert sich der Besucher über einen Zugangsweg, der entlang der Eingangsachse verläuft, dem Ort der Besinnung. Es handelt sich dabei um eine quadratische Fläche, auf der vier fünfzig Jahre alte Bäume stehen. Jeder Baum symbolisiert eine der Gruppen, die diesem Lager einen schweren Tribut gezahlt haben: Spanier, Juden, Harkis, Sinti und Roma. »Der Ort steht für jeden kostenlos zur Verfügung, der hier einen Moment lang verweilen, meditieren und sich besinnen möchte.«

Geht der Besucher auf diesem Weg weiter, erreicht er den Eingang, entdeckt den Innenbereich des Lagerabschnitts F und gelangt in die Gedenkstätte. Der Gedenkstättenbau ist zur Hälfte in der Erde versenkt, 230 Meter lang, 30 Meter breit und 4 Meter hoch und fügt sich in die flache Lagerlandschaft ein. »Es ist ein ockergelber Betonmonolith, der in der Erde vergraben ist und aus ihr hervorragt.« Das Gebäude harmoniert auch mit der ebenen Landschaft, die das Lager umgibt. Es bietet keine weite Aussicht nach draußen außer in Richtung Himmel.

Kurz hinter dem Eingang beginnt das Gebäude aus der Erde anzusteigen, um am östlichen Ende des Appellplatzes die gleiche Höhe wie die Dachfirste der Baracken zu erreichen. Die nutzbare Fläche beträgt in etwa 3 000 m2. Diese Anordnung, die eine doppelte Aussicht ermöglicht, behindert nicht die Sicht auf die charakteristischen Eigenschaften des Lagerabschnitts.

Das Innere des Gebäudes wird durch drei Patios in den pädagogischen, den gastronomischen- und den Verwaltungsbereich unterteilt. Die jeweilige Raumaufteilung innerhalb der Innenbereiche unterscheidet sich nach ihrer Funktion: Im pädagogischen Bereich befindet sich ein Garten, der Gastronomiebereich wird durch einen katalanischen Patio mit einem Boden aus Ziegelsteinen und einem kleinen Springbrunnen verschönert ein kleiner Obstgarten bringt Leben in den Verwaltungsbereich. Direkt an diese Räume grenzt als ergänzendes Programmangebot der Stätte ein Auditorium mit 200 Plätzen.

Der Besucher betritt das Gebäude über einen in die Erde des Lagers gebauten Tunnel, der eine Art Schleuse darstellt, die ihn hin zu einer Reise durch die Zeit führt. Die Eingangshalle regt zu Stille und zum Nachdenken an. In dieser mineralischen Krypta stehen sich zwei architektonische Stilmittel gegenüber: eine Farbe – International Klein Blue (IKB) – die den Besucher auf die Besichtigung einstimmt und eine lange Mauer ohne jegliche Schmuckelemente, durch die ein Durchgang gebrochen ist.

Die geplante Dauerausstellung

Der Rundgang durch die Ausstellung geht den drei Konflikten, die die Geschichte des Rivesalter Lager bestimmt haben, nach: dem Ende des spanischen Bürgerkriegs, dem Zweiten Weltkrieg und dem Unabhängigkeitskrieg Algeriens. Hinzu kommt die Thematisierung der Arbeit der NGOs während der jeweiligen Konflikte.

Frankreich und die Internierung in der Zeit von 1938 bis 1945. In diesem Zeitraum wird unterschieden zwischen:

• Rückzug der Republikaner aus Spanien im Jahr 1939.

• Internierung »Staatsangehöriger feindlicher Mächte«, der »unerwünschten« Ausländer und Franzosen, beruhend auf der Logik der Ausnahme (1939–1940), der Logik der Ausgrenzung (1940–1942), und nach 1942 der Deportationen.

Sie wurden alle als Parias angesehen: Die Spanier und die Freiwilligen der internationalen Brigaden, die durch den Sieg Francos verjagt worden waren, aber auch die »unerwünschten Ausländer«, die Kommunisten vor und nach der Niederlage Frankreichs, nach der französischen Niederlage auch Juden, Ausländer und aus dem Elsass verjagte Sinti, als gefährlich eingestufte Frauen oder sogar Strafgefangene, die man nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis nicht auf freien Fuß setzen wollte. Denn so lautete die Regel: Durch die Internierung sollten Personen nicht aufgrund eines möglicherweise begangenen Verbrechens oder Delikts in Verwahrung genommen werden, sondern wegen der potentiellen Gefahr, die sie für den Staat und die Gesellschaft darstellten.

Einige Zeit später wird Frankreich durch ein neues Drama, die Kolonialkriege, erschüttert. Diese Epoche wird anhand einer besonderen Bevölkerungsgruppe, den Harkis, geschildert. Diejenigen von ihnen, die in Algerien blieben, wurden zum großen Teil ergemordet. Diejenigen, die in das französische Mutterland übergesiedelt werden konnten, wurden zum Beispiel in Rivesaltes oder Bias untergebracht und von allen oder fast allen vergessen.

Die humanitären Hilfsorganisationen im 20. Jahrhundert, für die der Zweite Weltkrieg ein bedeutender Augenblick in ihrer Geschichte darstellte. Wenn es auch das Anliegen dieser Gedenkstätte ist, von der Tragödie der »Unerwünschten« zu erzählen, so wollen wir doch gleichzeitig eine Botschaft der Hoffnung verkünden, der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe, der Unterstützung und des Widerstands. So wird ein großer Bereich der Geschichte der Hilfsorganisationen gewidmet sein, vom Ende des 19. Jahrhunderts und der Entstehung des Roten Kreuzes bis hin zu dem Kampf der Organisationen heute, der durch die Diskussionen um das »Recht auf humanitäre Einmischung« geprägt ist.

Wir wollen von heroischen Taten berichten, von Männern und Frauen, die sich für die Opfer eines großen leidvollen Jahrhunderts eingesetzt haben. Aber der Heldenepos ist Teil der Menschheitsgeschichte und aus diesem Grund ist es nötig, dass man sich Fragen stellt, denn selbst diejenigen, die diesen Kampf geführt haben, stellten sich diese Fragen: Wie weit darf man vor Ort eingreifen, ohne dass man dadurch den Stärksten legitimiert? Muss man neutral bleiben und so das Risiko eingehen, dass man den Unterdrücker unterstützt? Muss man sich im Bereich der Gesetze bewegen, wenn die Rettung von einer illegalen Aktion abhängen kann? Das sind also wichtige Fragen, die anhand der Gedenkstätte in Rivesaltes aufgeworfen werden. Fragen zur Geschichte, zur Erinnerung und zur Ethik. Fragen, um die Vergangenheit zu analysieren, aber ebenso um die Gegenwart zu verstehen und – wir hoffen es sehr – das Terrain für die Zukunft vorzubereiten.
 

Marianne Petit ist die Leiterin des Rivesalter Gedenkstättenprojekts des Conseil Général der Pyrénées-Orientale. Johanna Reyer hat ihre Magisterarbeit über den Ort verfasst und arbeitet als ihre Assistentin.
 

[1] Boitel, Anne. Le Camp de Rivesaltes. S. 25. und Peschanski, Denis. La France des camps. S. 111.

[2] Xancho, Christian. Chronologie succincte de l'occupation du camp Joffre de Rivesaltes. Non publié. Perpignan, 2000/2001. S. 3.

[3] Boitel, Anne. Le Camp de Rivesaltes. S. 26–29. Christian Xancho, Chronologie succincte de l'occupation du camp Joffre de Rivesaltes. Non publié. Perpignan, 2000/2001. S. 3.

[4] Vgl. Xancho, Christian. Chronologie succincte de l´occupation du camp Joffre de Rivesaltes. Non publié. Perpignan, 2000/2001.

[5] Ebd., S. 2

[6] Boitel, Anne. Le camp de Rivesaltes, S. 28.

[7] Am 2. Juli 1942 wurde die Deportation von 10 000 Juden aus der freien und 20 000 aus der besetzten Zone beschlossen (Oberg, Knochen). Diese Entscheidung betrifft ausschließlich ausländische internierte Juden. Vgl. Anne Boitel. Le camp de Rivesaltes. S. 217–218. Denis Peschanski. La France des camps, S. 309–312.

[8] Boitel, Anne. Le Camp de Rivesaltes. S. 26–29.

[9] Ebd. S. 224–226.

[10] Ebd. S. 217–266.

[11] Xancho, Christian. Chronologie succincte de l'occupation du camp Joffre de Rivesaltes. S. 4.

[12] FLN: Front de Libération Nationale: Name der algerischen Befreiungsarmee.

[13] Xancho, Christian. Chronologie succincte de l'occupation du camp Joffre de Rivesaltes. S. 5.

[14] Harki: Algerische Staatsbürger, die im Laufe des Algerienkrieges aus unterschiedlichen Gründen Mitglieder der Hilfstruppen in der französischen Armee wurden. Mit der Unabhängigkeit Algeriens mussten sie umgehend ihre Heimat verlassen, da sie von den Mitgliedern der FLN verfolgt und ermordet wurden.

[15] Boitel, Anne. Le camp de Rivesaltes 1941–1942. S. 276.

[16] Xancho, Christian. Chronologie succincte de l'occupation du camp Joffre de Rivesaltes. S.5.

[17] Mettay, Joël. L’archipel du mépris. S. 147–153.

[18] Conseil Général: gewählte politische Vertretung des Departements, welches einem grossen Landkreis entspricht.

[19] Friedel Bohny-Reiter war Krankenschwester vom Schweizer Kinderhilfswerk im Rivesalter Lager in den Jahren 1941–1942. Veröffentlichung: Vorhof der Vernichtung. Tagebuch einer Schweizer Schwester im französischen Internierungslager Rivesaltes 1941–1942. Konstanz 1995. Ihr Tagebuch wurde sowohl in deutscher als auch französischer Sprache herausgegeben.

[20] Kontrollgremium

Die Texte sind auf der Basis der von Conseil Général der Pyrénées-Orientale herausgegebenen Informationsbroschüre über die geplante Gedenkstätte in Rivesaltes entstanden.

Veranstaltung

»Auswege aus nationalen Krisen des 20. Jahrhunderts. Bildungsarbeit und Pädagogik in spanischen, französischen und deutschen Gedenkstätten.«

Zur Geschichte der verschiedenen Gruppen der Internierten aus Spanien, Deutschland sowie der Unterbringung der Hakis in den sechziger Jahren und der Entwicklung der Gedenkstätte in Rivesaltes findet vom 25.–29. Oktober 2006 in Perpignan ein deutsch-französisch-spanisches Gedenkstättenseminar statt, das von der Stiftung Topographie des Terrors, dem Maison d'Izieu, Mémorail des Enfants Juifs Exterminés und dem Gedenkstättenprojekt Rivesaltes, Conseil Général de Pyrénées-Orientales gemeinsam veranstaltet wird.

Programm und Anmeldehinweise • Im Internet auf den Seiten des GedenkstättenForum www.gedenkstaettenforum.de oder anzufordern bei:

Stiftung Topographie des Terrors, Michaela Illner
Stresemannstraße 111, 10787 Berlin
Tel. (030) 254509-20
Email illner@remove-this.topographie.de