Mehrere hundert Menschen waren der Einladung der Stiftung Topographie des Terrors und Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gefolgt, als am 18. Januar 2008 unter großer medialer Beachtung das Denkmal der grauen Busse[1] von Horst Hoheisel und Andreas Knitz vor der Berliner Philharmonie der Öffentlichkeit übergeben wurde. Das Denkmal ist den Opfern der NS-»Euthanasie« gewidmet und soll am historischen Ort ein Denkzeichen setzen. In der Tiergartenstraße 4 – namensgebend für die »Aktion T4« – befand sich die geheime Zentraldienststelle der Nationalsozialisten, in der die systematische Massentötung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen unter der beschönigenden Überschrift »Euthanasie« geplant und organisiert wurde. Eine ihrer Unterabteilungen war unter dem Tarnnamen »Gemeinnützige Krankentransport GmbH« (Gekrat) für den Transport der Kranken in die »Euthanasie«-Vernichtungsanstalten verantwortlich.
Der Graue Bus vor der Philharmonie ist Teil eines Denkmals[2], das insgesamt aus zwei in Beton gegossenen Repliken der Omnibusse besteht, die in den Jahren 1940 und 1941 im Rahmen der »Aktion T4« die als »lebensunwert« und »Ballastexistenzen« stigmatisierten Patienten und Patientinnen aus den Heil- und Pflegeanstalten in die Gaskammern der »Euthanasie«-Zentren transportierten. Einer der beiden Denkmal-Busse blockiert seit 2006 die alte Pforte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau bei Ravensburg. Der andere Bus wechselt als Denkmal in Bewegung seinen Standort und steht nun für einige Monate in Berlin.[3]
Am Vorabend der Denkmal-Aufstellung fand eine gut besuchte Einführungsveranstaltung in der Landesvertretung von Baden-Württemberg statt, auf der Prof. Dr. Stefanie Endlich das Denkmal der grauen Busse im Kontext anderer Erinnerungszeichen an die Opfer der »Euthanasie«-Morde vorstellte. Nach den Ausführungen von Frau Endlich standen die beiden Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz für Rückfragen zur Verfügung.
Am 18. Januar 2008 fand auf dem Vorplatz der Philharmonie keine Denkmal-Enthüllung im eigentlichen Sinne statt. Eine große Zahl von Zuschauern verfolgte gebannt, wie die Einzelsegmente des 70-Tonnen schweren Beton-Busses mit einem Kran vom Tieflader gehievt und aufgebaut wurden. Spektakulärer Schlusspunkt der »Denkmal-Enthüllung« war das »Einschweben« des letzten Betonsegments mit der eingemeißelten Frage eines Patienten »Wohin bringt ihr uns?« und den Jahreszahlen 1940/1941. An der Haltestelle des Denkmals der grauen Busse steht ein Haltestellenschild, das allerdings kein H wie Haltestelle zeigt, sondern ein I wie Information. Die gute Kooperation mit der BVG ermöglichte es, das Schild umzubauen und mit Projektinformationen zu versehen.
Die anschließende Einweihungsveranstaltung im Foyer der Philharmonie, an der mehrere hundert Menschen teilnahmen, war kurz, aber sehr würdevoll. Dazu trug nicht zuletzt die musikalische Umrahmung von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker bei. Auf der Rednerliste der Veranstaltung, die von Dr. Christian Hanke, dem Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, moderiert wurde, standen Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Dr. André Schmitz, Staatssekretär für Kultur des Landes Berlin, Dr. Monika Stolz, Sozialministerin des Landes Baden-Württemberg und Hermann Vogler, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg. Als Vertreter des Runden Tisches sprachen Prof. Dr. Andreas Nachama und Sigrid Falkenstein.
Beide Veranstaltungen waren ein Resultat der Aktivitäten des Runden Tisches, der seit Anfang 2007 unter dem Dach der Stiftung Topographie des Terrors unter Beteiligung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas regelmäßig tagt und dessen Ziel die angemessene Neugestaltung des »Euthanasie«-Gedenkorts an der Philharmonie ist.
»Das Denkmal hält die Erinnerung in Bewegung« hieß es in der Rede von Wolfgang Thierse. Damit nahm er einen zentralen Gedanken der beiden Künstler auf, die den grauen Bus als Denkmal in Bewegung und damit als Transportmittel der Erinnerung konzipiert haben. Auf der Internetseite von Andreas Knitz heißt es: »Mit dieser Arbeit wird nicht nur den Opfern des »Euthanasie«-Mordes ein Denkmal gesetzt; es werden auch Tat und Täter reflektiert, … Erinnerung ist ein Prozess. Sie schafft Bilder, vergisst Bilder, verändert sich ständig, ist immer in Bewegung. …«[4]
Als ich die Aufstellung des Denkmals an der Philharmonie verfolgte, schuf der Anblick des Busses viele Bilder und Gedanken in meinem Kopf. So dachte ich an die Nazi-Bürokraten, die hier als willige »Erfüllungsgehilfen« an ihren Schreibtischen unauffällig und effektiv die Verbrechen gegen die Menschlichkeit geplant und organisiert hatten. Mehr als 70.000 Patienten und Patientinnen psychiatrischer Anstalten fielen zwischen 1940 und 1941 der ersten zentral organisierten Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus – der geheimen »Aktion T4« – zum Opfer. Nach Protesten aus der Bevölkerung, vor allem aus Kreisen der Kirche, wurde die Aktion offiziell im Sommer 1941 beendet, aber danach dezentral weitergeführt. Nach Schätzungen wurden bis Kriegsende mehr als 200.000 Patientinnen und Patienten durch Gas, Medikamente, Nahrungsentzug oder Injektionen getötet. In den Gaskammern von Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Pirna-Sonnenstein erprobten die Täter erstmals ihre systematische, fabrikmäßige Tötungstechnologie.
Heute wissen wir, dass es von den »Euthanasie«-Morden eine direkte Verbindung zum Holocaust, der Auslöschung der Juden Europas gibt. Nur wenige Täter wurden nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen. Ich fragte mich angesichts des Busses am historischen Ort, wie die Täter mit dem Wissen um ihre Taten weiterleben konnten.
Am Ort der Täter musste ich aber vor allem an die Opfer denken, zum Beispiel an die Menschen in jenem ersten Bus, der am 18. Januar 1940 – auf den Tag genau 68 Jahre zuvor – die Heil-und Pflegeanstalt Eglfing-Haar bei München Richtung Grafeneck verlassen hatte. Laut Wetterchronik war der Winter 1939/40 extrem streng mit Temperaturen bis 30 Grad Minus, ergiebigen Schneefällen und enormen Schneeverwehungen. Angesichts der Qualen der Menschen, die frierend, nur spärlich bekleidet durch ein Tor im Bretterzaun, vorbei am rauchenden Krematorium, zum Todesschuppen gingen[5], erschienen mir die Klagen einiger Zuschauer über den grauen Nieselregen und das wenig winterliche Wetter an jenem Januartag im Jahr 2008 zwar nachvollziehbar, aber seltsam deplatziert.
»Aber über Anna spricht man nicht – Denkmal für Euthanasieopfer«, so titelte die Stuttgarter Zeitung[6] am Tag nach der Aufstellung des grauen Busses. Das Bus-Denkmal transportierte für mich vor allem die Erinnerung an Anna, die Schwester meines Vaters. Sie wurde im März 1940 im Alter von 24 Jahren in Grafeneck vergast. Die Erinnerung an sie war jahrzehntelang ausgelöscht, so wie die »Euthanasie«-Verbrechen insgesamt aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verdrängt wurden. Selbst in ihrer Familie sprach man nicht über Anna, bis ich vor wenigen Jahren zufälligerweise ihren Namen auf einer Liste von »Euthanasie«-Opfern[7] fand.
Geschockt von dem Ausmaß der Verdrängung, des Verschweigens und Nichtwissens begann ich Spuren der Erinnerung, aber auch Erklärungen für das Vergessen zu suchen. Dieser Erinnerungsprozess war mühselig und langwierig und ließ mich immer wieder gegen Mauern aus Ignoranz und Gleichgültigkeit rennen, die mich aber erst recht dazu veranlassten nachzuhaken. Es war ein Höhepunkt meiner Erinnerungsarbeit, als ich am 18. Januar an jenem historischen Ort, an dem man aus Menschen bloße Aktenzeichen gemacht hatte, über Anna sprechen konnte. In meiner Rede versuchte ich Anna – stellvertretend für die anonymen, vergessenen Opfer – Gesicht und Namen und damit ihre Individualität zurückzugeben. Ich hatte das Empfinden, dass ihr so ein Stück späte Gerechtigkeit widerfuhr.
Seitdem ich 2004 eine Internetseite über das Schicksal von Anna[8] veröffentlicht habe, bekomme ich viele Zuschriften von Menschen, die – so wie ich – nach fast 70 Jahren versuchen, etwas über das Schicksal ihrer ermordeten Angehörigen zu erfahren. Jede Geschichte ist anders, doch es gibt eine auffällige Gemeinsamkeit: Das Geschehene wurde in den meisten Familien jahrzehntelang verschwiegen, ja tabuisiert, was die Nachfahren der nächsten Generationen bedrückt. Viele stoßen bei der Suche nach Informationen über ihre ermordeten Verwandten bis heute auf Widerstand. Das Vergessen und Verdrängen in den Familien ist ein Spiegel der deutschen Politik und Gesellschaft insgesamt, die sich mit der Aufarbeitung der »Euthanasie«-Verbrechen schwer getan haben. Die Ideologie, welche die Krankenmorde sanktionierte, war – und ist teilweise immer noch – in der öffentlichen Meinung verankert. Davon künden der mühsame juristische Weg zur Anerkennung des Unrechts, die späten und ungenügenden Entschädigungen für die zwangssterilisierten Menschen und nicht zuletzt die Diskussionen um ein zentrales Mahnmal für die »Euthanasie«-Opfer in Berlin.
Aktive Bürgerbeteiligung ist die Voraussetzung dafür, dass das Bus-Denkmal in Abständen seinen Standort wechselt. Der Bus wird nur in Bewegung gesetzt, wenn er von einer Gemeinde, Institution oder Bürgerinitiative angefordert wird, die den Transport durch Spenden und/oder öffentliche Mittel finanziert.
Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz wies in seiner Rede am 18. Januar ausdrücklich daraufhin: »Erneut gab bürgerschaftliches Engagement den Anstoß für ein würdigeres Gedenken an diesem authentischen Ort. Mein Dank gilt der Stiftung Topographie des Terrors, die dieses Engagement aufgenommen hat und mit allen Beteiligten über die Umgestaltung dieses Areals zu einem Dokumentations- und Gedenkort berät, der über die Täter und ihre Organisation informiert und zugleich die Opfer der Patientenmorde in ganz Europa aufklärt. Dafür stehen das Land Berlin und der Bund in gemeinsamer Verantwortung.«[9]
So war es auch erst dem Engagement einer Bürgerinitiative zu verdanken, dass nach Jahrzehnten des Ignorierens seitens öffentlicher Stellen 1989 eine Gedenktafel für die »Euthanasie«-Opfer an der Philharmonie eingeweiht wurde. Allerdings ist die ebenerdig in den Gehweg eingelassene Gedenktafel sehr unscheinbar und leicht zu übersehen. Bereits seit Jahren gibt es daher Kritik an der unzureichenden Gedenksituation und eine Neugestaltung dieses wichtigen historisch-topographischen Punktes wird immer wieder angemahnt. Auch ich war betroffen, als ich den Gedenkort an der Philharmonie 2006 zum ersten Mal bewusst wahrnahm und wandte mich – wie viele andere Bürgerinnen und Bürger – mit Briefen und Eingaben an Parteien, Politiker, Personen des öffentlichen Lebens und an verschiedene Institutionen. Außerdem veröffentlichte ich meine Gedanken auf meiner Homepage: »Es (das Gebäude der »T4«-Zentrale) stand auf dem heutigen Vorplatz der Philharmonie. Heute ist dies ein öder Platz, dessen Konzept noch aus Zeiten Westberliner Stadt- und Verkehrsplanung stammt und längst überholt ist. Der Platz erweckt den Eindruck einer überdimensionierten Bushaltestelle und wird der geschichtlichen Bedeutung des Ortes in keiner Weise gerecht. Lediglich eine unscheinbare, in den Gehweg eingelassene Bronzeplatte erinnert an die Verbrechen, die von dort ausgingen. Der Text auf der Tafel ist aussagekräftig, wenn man ihn dann überhaupt wahrnimmt und liest. Die städtebaulichen Pläne des Berliner Senats für das Kulturforum, auf dessen Gebiet die »T4«-Gedenkstätte liegt, ignorieren diesen Platz völlig. Die Informationstafel an der Ecke Herbert-v.-Karajan-Straße/Tiergartenstraße enthält keinerlei Hinweis auf die in Sichtweite befindliche Gedenktafel. Als Angehörige eines »Euthanasie«-Opfers und als Bürgerin der Stadt Berlin bin ich der Ansicht, dass die »Gedenkstätte« – an einem für die Geschichte der »Euthanasie« so zentralen Ort – als würdiges Gedenken der Opfer und als Mahnmal gegen Gewalt und Intoleranz völlig unangemessen ist und einen beschämenden Eindruck von der Gedenkkultur nicht nur der Stadt Berlin, sondern der Bundesrepublik Deutschland hinterlässt. Es ist zynisch, an dieser Stelle von einem Kulturforum zu sprechen. Eher zeigt sich hier, dass es in Teilen unserer Gesellschaft immer noch eine Tendenz des Totschweigens und der Vertuschung gibt, ganz in der Tradition des Umgangs mit »Euthanasie«-Opfern« und Tätern nach Ende des NS-Regimes.«[10]
• Auch bei der Stiftung Topographie des Terrors waren immer wieder Unmutsäußerungen über die Gedenksituation an der Philharmonie eingegangen. Der Geschäftsführer der Stiftung, Prof. Dr. Andreas Nachama, nahm letztendlich meinen Brief zum Anlass und lud im Januar 2007 zu einem ersten Runden Tisch ein. Seitdem trifft sich dort in regelmäßigen Abständen ein Arbeitskreis, an dem Betroffenen-Initiativen, engagierte Bürgerinnen und Bürger, sowie Vertreterinnen und Vertreter einzelner Verwaltungen des Landes Berlin und des Bezirkes Berlin-Mitte teilnehmen. Langfristiges Ziel dieser Initiative aus der Mitte der Gesellschaft ist die Neugestaltung der anonymisierten Freifläche vor der Philharmonie zu einem angemessenen und würdigen Gedenkort an die »Euthanasie«-Opfer. Das Gelände ist inzwischen zur Umgestaltung in den von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung betreuten Kulturforum Masterplan aufgenommen worden. Für die zukünftige Konzeption des Ortes als künstlerisch gestalteter Gedenkort, sowie als Ort der Information und Dokumentation wird ein wissenschaftliches Konzept benötigt, das bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas erarbeitet werden soll.
• Kurz- und mittelfristig will der Runde Tisch durch verschiedene Aktionen auf den aktuellen Missstand des heutigen Gedenkortes hinweisen, um so die öffentliche Aufmerksamkeit auf das lange vernachlässigte Thema NS-»Euthanasie« zu lenken.
• Die Veranstaltungen zur Aufstellung des Denkmals der grauen Busse am 17. und 18. Januar 2008 und die damit verbundene öffentliche und mediale Aufmerksamkeit waren sicher der Höhepunkt der bisherigen Bemühungen des Runden Tisches, von dem die Initiative, Planung, Organisation und nicht zuletzt die Akquisition von Sponsorengeldern ausgingen.
• Bereits im April 2008 wurde durch die Vermittlung des Aktionsbündnisses für Menschen mit Behinderungen »Blaues Kamel«[11] von Auszubildenden des Berliner Oberstufenzentrums Bautechnik I der historische Grundriss der »T4«-Zentrale ermittelt und markiert und so für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht.
• Auch wenn es keine Initiative des Runden Tisches war, so ist doch erwähnenswert, dass im Oktober 2007 die von Ronnie Golz[12], einem Mitglied des Runden Tisches, in Kooperation mit der Firma Wall AG gestaltete »Info-Bushaltestelle« an der Philharmonie der Öffentlichkeit übergeben wurde. R. Golz thematisiert mit diesem Projekt den Zusammenhang zwischen der »Aktion T4« und dem Holocaust.
• Noch in diesem Jahr soll unweit der »Euthanasie«-Gedenktafel eine Info-Stele mit Informationstexten und Abbildungen zur Geschichte der »Aktion T4« Passanten informieren und auf die geplante Umgestaltung des Ortes hinweisen.
• Weiterhin ist die Publikation eines Readers durch die Stiftung Topographie des Terrors in Arbeit, der zu verschiedenen Themen im Zusammenhang mit der NS-»Euthanasie« informieren soll. Der Verkauf der Textsammlung ist in den Kultureinrichtungen in der Nähe der ehemaligen »T4«-Zentrale und bei der Stiftung Topographie des Terrors vorgesehen.
• In Zukunft will sich der Runde Tisch an der jährlich am ersten Sonnabend im September stattfindenden Mahn- und Gedenkveranstaltung für die Opfer der Erbgesundheitsgesetze des Nationalsozialismus an der Philharmonie beteiligen, deren Veranstalter der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.[13] ist.
Die Politiker André Schmitz und Wolfgang Thierse sprachen sich in ihren Reden am 18. Januar 2008 ausdrücklich für eine Umgestaltung des Areals an der Philharmonie zu einem würdigen Gedenkort für die »Euthanasie«-Opfer aus. Nach den Worten Thierses wurde mit dem Beschluss des Bundestages zur Errichtung des Holocaustmahnmales 1999 bereits festgelegt, dass »aller NS-Opfer würdig gedacht werde. Mordopfer erster und zweiter Klasse gebe es nicht«. Als Vertreter der Berliner Politik bezog André Schmitz eindeutig Position:
»Ab heute wird das Denkmal der Grauen Busse für etwa ein halbes Jahr ein sichtbares Zeichen des Erinnerns sein. In Berlin erinnert das Denkmal für die ermordeten Juden Europas an die Opfer des Holocaust; in absehbarer Zeit wird es Denkmale für die verfolgten Homosexuellen und die ermordeten Roma geben. Der Bau der Topographie des Terrors, der über die Täter von SS und Gestapo aufklärt, eröffnet im Mai 2010. Auch hier, in der Berliner Tiergartenstraße 4, muss und wird mehr geschehen: Das Denkmal der grauen Busse ist nur ein weiterer Schritt. Zum einen soll das gesamte Areal in den nächsten Jahren städtebaulich neu gefasst werden, um den historischen Ort sichtbar zu machen. Zum anderen soll dieses Areal zu einem Dokumentations- und Gedenkort umgestaltet werden. Ein Ort, der über die Täter und ihre Organisation informiert und zugleich die Opfer der Patientenmorde in ganz Europa aufklärt. Ich sehe hier ganz deutlich eine Verantwortung des Landes Berlin. Aber dies ist ebenso auch eine gesamtstaatliche Aufgabe, handelt es sich doch nicht um die Erinnerung an eine kommunale Angelegenheit, sondern um ein Erbe des Deutschen Reiches! Ich möchte mich den Dankesworten von Wolfgang Thierse an die Akteure der heutigen Veranstaltung anschließen und Sie alle ermutigen und bitten, uns weiterhin zur Seite zu stehen bei der endgültigen Ausgestaltung dieses historischen Ortes. Ich freue mich, dass es hierfür eine konkrete Perspektive gibt und werde alles in meiner Macht stehende dazu tun, dass diese baldmöglichst Gestalt gewinnt!«[14]
Offensichtlich ist sich das Land Berlin inzwischen seiner Verantwortung in Bezug auf das »Euthanasie«-Gedenken bewusst. Die Aufstellung des Denkmals der grauen Busse wäre ohne die tatkräftige Unterstützung durch verschiedene Verwaltungen des Landes nicht möglich gewesen. Doch es gibt noch viele offene Fragen bezüglich der endgültigen Gestaltung und Finanzierung des Projekts. Dazu gehört ganz wesentlich die Frage nach der Beteiligung des Bundes. Auch wird sich die aktuelle Auseinandersetzung über andere geplante Denkmäler in Berlin möglicherweise erschwerend auf die Konkretisierung des Vorhabens auswirken. Unter der provozierenden Überschrift »Schlachtfeld Denkmal – In Berlins Mitte wird es eng« hieß es unlängst im Deutschlandradio Kultur: »Mindestens acht weitere Projekte sind in Planung: Mahnmale, Denkmale, Gedenkstätten, die fast alle daran erinnern sollen, dass Berlin Hauptstadt der Nazi-Diktatur und des DDR-Unrechtsstaates war. Es wird eng in Berlins Mitte. Bund und Land werden in den kommenden Jahren viele Hundert Millionen Euro investieren: in das Schlachtfeld ›Denkmal‹ – oder wie die Beamten der Berliner Kulturverwaltung es formulieren würden: ›in eine der wichtigsten Zukunftsressourcen der Stadt‹.[15]
Ich hoffe, dass man bei aller berechtigten kontroversen Diskussion über Sinn und Unsinn von »Denkmal-Tourismus« nicht vergessen wird, dass wir den so lange vergessenen Opfern der NS-»Euthanasie« einen zentralen, nationalen Gedenk- und Mahnort schulden. Das sollte nach meiner Meinung ein Ort des Erinnerns und der Trauer sein, aber auch ein Ort, der durch die Dokumentation der Geschehnisse dabei hilft, die Mechanismen, die zu Ausgrenzung und Stigmatisierung führen, besser zu verstehen. Das Nichtwissen über die »Euthanasie«-Verbrechen ist weit verbreitet, das belegen auch die folgenden Zeilen, die mir ein Schüler schrieb, nachdem er die Internet-Gedenkseite für Anna gelesen hatte: »Ich wohne in Geldern, Kreis Kleve, ca. 15 km von Bedburg-Hau (Anm.: Heil-und Pflegeanstalt aus der Anna deportiert wurde) entfernt und bin erschrocken, dass die »Euthanasie« sogar bei mir hier in der Umgebung stattgefunden hat, da ich dies seit kurzem erst weiß, und sehr erschrocken bin. Ich habe mir die ganze Geschichte rund um Anna mal durchgelesen und bin erstaunt, wie dies damals ablief. Wahnsinn ist auch die Geschichte um den Gnadentod, daran kann man doch wirklich sehen, wie »pervers« Hitler seine Macht ausgeübt hat.« Ich wünsche mir, dass der zukünftige »Euthanasie«-Gedenkort in Berlin vor allem junge Menschen erreichen möge, damit sie mit dem Wissen um die Vergangenheit heute und morgen wachsam bleiben und jeder Wiederholung entgegenwirken. Es liegt in unserer Verantwortung, der nächsten Generation die Mittel für ein aktives bürgerschaftliches Gestalten unserer demokratischen Gesellschaft an die Hand zu geben.
»Die Vergangenheit ist das einzige Arsenal, wo wir das Rüstzeug finden, unsere Zukunft zu gestalten; wir erinnern uns nicht ohne Grund.« (José Ortega y Gasset).
Sigrid Falkenstein war von 1971 bis 1997 Lehrerin an einer Hauptschule in Berlin-Moabit. Seit zehn Jahren unterrichtet sie bildungsbenachteiligte Schüler an einem Oberstufenzentrum in Berlin-Kreuzberg.
Seitdem sie 2004 per Zufall erfuhr, dass die Schwester ihres Vaters Opfer der NS-»Euthanasie« wurde, sucht sie Spuren der Erinnerung, aber auch Erklärungen für das Verschweigen und Vergessen in Familie und Gesellschaft. Aus ihrem ursprünglich rein privaten Interesse an der NS-»Euthanasie« ist inzwischen ein darüber hinausgehendes vielfältiges bürgerschaftliches Engagement geworden.
[1] Das Denkmal der Grauen Busse: http://knitz.net/gallery2/main.php?g2_itemId=109&g2_page=1
[2] Ausführliche Informationen über das Denkmal sind im GedenkstättenRundbrief 6/2007 nachzulesen.
[3] GedenkstättenRundbrief Nr. 137 6/2007, Stefanie Endlich: »Graue Busse« in Ravensburg und unterwegs. Denkmal für die »Euthanasie«-Opfer der ehemaligen Heilanstalt Ravensburg-Weißenau, S. 14 f
[4] Das Denkmal der Grauen Busse: s.o.
[5] Endstation Grafeneck: http://grafeneck.finalnet.de/organisation.php
[6] Stuttgarter Zeitung Online, 19. 1. 2008: www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1614331
[7] Namensliste Opfer der NS-»Euthanasie: http://www.iaapa.org.il/46024/Claims
[8] Gedenkseite für Anna: www.sigrid-falkenstein.de/euthanasie/anna.htm
[9] Archiv der Landespressestelle Berlin: www.berlin.de/landespressestelle/archiv/2008/01/18/92333/
[10] »T4«-Gedenken in Berlin, von S. Falkenstein: www.sigrid-falkenstein.de/euthanasie/t4_gedenken.htm
[11] »Vermessung des Grundrisses der »T4«-Zentrale, Website des Aktionsbündnisses für Menschen mit Behinderungen (Blaues Kamel): www.das-blaue-kamel.de/02_bisherige_aktionen.php
[12] Info-Bushaltestelle zu »T4« und Holocaust, Website von Ronnie Golz: www.rgolz.de/d-action-t4.html
[13] Mahn- und Gedenkveranstaltung 2007, Website des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V.: www.bpe-online.de/verband/rundbrief/gedenktag/2007/inhalt.htm
[14] aus dem Redemanuskript von A. Schmitz anlässlich der Aufstellung des »Denkmals der grauen Busse«
[15] Deutschlandradio Kultur, Schlachtfeld Denkmal, In Berlins Mitte wird es eng, von Wolf-Sören Treusch: www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/728571/