Das bayerische Netzwerk

Historisch-politische Bildung an historischen Orten des Nationalsozialismus und Gedenkstättenarbeit
09/2012Gedenkstättenrundbrief 167, S. 39-40
Bernhard Schoßig

Seit 2009 existiert in Bayern ein landesweites Netzwerk mit dem Schwerpunkt historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit, das inzwischen eine Reihe von Aktivitäten entwickelt hat. Die Anregung dazu ging im Jahr 2007 vom wissenschaftlich-pädagogischen Beirat von »Pädagogik rund um das Dokumentationszentrum« (DoKuPäd), einer Einrichtung des Kreisjugendrings Nürnberg-Stadt, aus. Anlass war die Feststellung, dass sich diese 2001 gegründete Einrichtung der außerschulischen historisch-politischen Jugendbildung außerordentlich erfolgreich entwickelt hatte, was zwar lokal, aber nicht überregional wahrgenommen wurde. Dem Beirat war überdies bekannt, dass auch in Dachau mit dem 1998 eröffneten Jugendgästehaus (JGH) Dachau eine ähnliche Erfolgsgeschichte existiert und dass es darüber hinaus eine Reihe von weiteren Projekten und Arbeitsansätzen in Bayern gibt, die in der historisch-politischen Bildung mit dem Schwerpunkt der NS-Geschichte aktiv sind. Deshalb wurde an das Institut für Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings in Gauting – der landesweiten Fach- und Fortbildungseinrichtung für Mitarbeiter/innen der bayerischen Jugendarbeit – die Anregung herangetragen, Mitarbeitende der verschiedenen Einrichtungen, Projekte, Verbände zu einem Fachgespräch einzuladen, bei dem eine Bestandsaufnahme und zugleich ein Austausch stattfinden soll. Das Thema »historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit« war dabei für das Gautinger Institut kein Neuland; denn schon in den 1980er Jahren hatte das Institut mehrere einschlägige Fachtagungen veranstaltet.[1] Die Vorbereitung wurde von einem kleinen Kreis übernommen, in dem DoKuPäd, das JGH Dachau, der Kreisjugendring (KJR) München-Stadt und das Institut für Jugendarbeit vertreten waren. In der Einladung zu dem Fachgespräch »Politische Bildung für Jugendliche an historischen Orten des Nationalsozialismus – eine Bestandsaufnahme« am 12./13. Januar 2009 heißt es: »Dieses Fachgespräch soll: Ein Forum bieten für historisch-politische Projekte der Jugendarbeit in Bayern, die sich im Rahmen der Gedenkstättenarbeit mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen und dadurch Jugendliche politisch bilden. Die Veranstalter sollen sich hier präsentieren können. Es ist beabsichtigt, die Ergebnisse in einem kleinen Tagungsband zusammenzufassen und zu veröffentlichen. Der Bestandsaufnahme, dem Erfahrungsaustausch und dem Ausloten von Kooperationsmöglichkeiten zwischen den verschiedenen Einrichtungen dienen und somit die fachliche Diskussion fördern.«

Diese Tagung hat vor allem zwei Ergebnisse gezeitigt. Es wurde beschlossen, jährlich an wechselnden Orten ein Fachgespräch durchzuführen. Mit der Vorbereitung wurde eine Arbeitsgruppe beauftragt, der derzeit Manfred Huber (Institut für Jugendarbeit des BJR), Felizitas Raith (Max-Mannheimer-Studienzentrum/Internationales JGH Dachau), Dr. Anja Prölß-Kammerer (DoKuPäd Nürnberg), Sylvia Schlund (KJR München-Stadt, Fachstelle Zeitgeschichtliche Projekte), Albert Feiber (Dokumentation Obersalzberg) und Dr. Bernhard Schoßig angehören. Hinzu kommen jeweils Vertretungen der örtlichen Einrichtung, in der die jeweilige Fachtagung stattfindet. Die Koordination liegt in den Händen von Manfred Huber (Institut für Jugendarbeit). Zwischenzeitlich fanden Fachgespräche im JGH Dachau (2010), in der neuen Jugendbegegnungsstätte am Tower (Träger: KJR München-Land) in Oberschleißheim (2011) und in der Dokumentation Obersalzberg (2012) statt. Thema der diesjährigen Tagung war »Täterorte«, bei der Dr. Wolf Kaiser (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz) einen zwischenzeitlich im GedenkstättenRundbrief veröffentlichten Vortrag über »Historisch-politische Bildungsarbeit an Täterorten und in Gedenkstätten. Unterschiede und Gemeinsamkeiten« gehalten hat.[2] Im kommenden Jahr (10./11. Januar 2013) wird das 5. Fachgespräch in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg mit dem Themenschwerpunkt »Rezeptionsgeschichte des Nationalsozialismus« stattfinden.

Außerdem wurde beschlossen, eine Publikation herauszugeben, die die einschlägigen Einrichtungen und Projekte in Bayern vorstellen sollte. 2011 ist daraufhin der von Bernhard Schoßig im Auftrag des Instituts für Jugendarbeit herausgegebene Band »Historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit als Aufgabe der Jugendarbeit in Bayern. Einrichtungen – Projekte – Konzepte« in der von Robert Sigel und Bernhard Schoßig begründeten Reihe »Dachauer Diskurse. Beiträge zur Zeitgeschichte und zur historisch-politischen Bildung« erschienen.[3] Da verschiedene Träger der Jugendarbeit und außerschulischen Bildungsarbeit eng mit Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren zusammenarbeiten, wurden auch Beiträge über die pädagogische Arbeit dieser Einrichtungen in die Veröffentlichung aufgenommen. Als weitere Aktivität des inzwischen entstandenen Netzwerkes fand im April dieses Jahres in Zusammenarbeit mit »Tandem – Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch« eine sechstägige Exkursion für Mitarbeitende dieses Arbeitsfeldes zu den Gedenkstätten und Orten der Zeitgeschichte in der Tschechischen Republik statt. Es hat sich gezeigt, dass es auch auf bayerischer Ebene einen Bedarf an Fachveranstaltungen gibt, die durch das entstandene Netzwerk abgedeckt werden. Derartige Veranstaltungen bieten darüber hinaus die Chance, Kontakte und Austausch zwischen verschiedenen Einrichtungen und Orten herzustellen und gegebenenfalls auch Kooperationen einzugehen. Bisher stellt das Netzwerk eine lose Kooperationsform dar, die von dem Vorbereitungskreis und dem Gautinger Institut getragen wird. Im Oktober dieses Jahres wird sich der Vorbereitungskreis treffen, um über die Weiterentwicklung dieses Netzwerkes – etwa in Richtung einer bayerischen AG Gedenkstättenarbeit – zu beraten.
 

Dr. Bernhard Schoßig war 1997–2004 erster pädagogischer Leiter des ­Jugendgästehauses Dachau (heute: Max-Mannheimer-Studienzentrum – Internationales Jugend­gästehaus Dachau), zuvor Dozent und Leiter des Fachbereichs Politische Bildung des Instituts für Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings in Gauting. Er ist heute als Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig.
 

[1] So 1980 eine Tagung zu pädagogischen Strategien gegen den aufkommenden Rechtsextremismus bei Jugendlichen, 1983 zur pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten und 1987 zum »Lernort Dachau«. Ausführlich dazu: Bernhard Schoßig: Historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit als Arbeitsfeld der bayerischen Jugendarbeit – ein Rückblick, in: Ders. (Hrsg.), Historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit als Aufgabe der Jugendarbeit in Bayern. Einrichtungen – Projekte – Konzepte (Dachauer Diskurse Bd. 5; zugleich Gautinger Protokolle 41), München 2011, hier insbesondere S. 17 ff.

[2] GedenkstättenRundbrief Nr. 165 , H. 4/2012, S. 13–24.

[3] Bernhard Schoßig (Hrsg.): Historisch-politische Bildung und Gedenkstättenarbeit als Aufgabe der Jugendarbeit in Bayern. Einrichtungen – Projekte – Konzepte (Dachauer Diskurse Bd. 5; zugleich Gautinger Protokolle 41), München 2011.