»Ich erzähle nichts Ungewöhnliches, wenn ich sage, ich hätte überall, wo ich war, Gedichte aufgesagt und verfasst. Viele KZ-Insassen haben Trost in den Versen gefunden, die sie auswendig wussten. Man fragt sich, worin denn das Tröstliche an so einem Aufsagen eigentlich besteht. ... Mir scheint es, dass der Inhalt der Verse erst in zweiter Linie von Bedeutung war und dass uns in erster Linie die Form selbst, die gebundene Sprache, eine Stütze gab. Oder vielleicht ist auch diese schlichte Deutung schon zu hoch gegriffen, und man sollte zuallererst feststellen, dass Verse, indem sie die Zeit einteilen, im wörtlichen Sinne ein Zeitvertreib sind. Ist die Zeit schlimm, dann kann man nichts besseres mit ihr tun, als sie zu vertreiben, und jedes Gedicht wird zum Zauberspruch.«
Diese Aussagen von Ruth Klüger in ihrem autobiographischen Text >weiter leben< geben einen Rahmen vor, der auch für die Arbeit von Constanze Jaiser über die poetischen Zeugnisse der Gedichte aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück Gültigkeit besitzt: Die etwa 1200 untersuchten Gedichte von 130 weiblichen Häftlingen hatten keine geringere Funktion als das eigene Überleben abzustützen und der sich in die Körper und Seelen einnistenden Ich-Zerstörung die Rettung des Ich als Zeugin entgegenzuhalten. Denn zahlreich sind die Verfasserinnen, die, nachdem sie Zeugenschaft für ihre ermordeten Mithäftlinge abgelegt und so dem Tod noch eine Stimme abgetrotzt hatten, selbst vernichtet wurden. Die Mehrzahl der Gedichte beschränkt sich auch gerade nicht auf die Darstellung eines individuellen Schicksals, sondern überschreitet das Einzelleben, um Zeugnis für das Kollektiv der Deportierten, für die Toten und für das Verbrechen zu sein. An die Benennung des Geschehens knüpft sich zuweilen der Wunsch des Bannenkönnens, wodurch sich manche Gedichte auch explizit als Geste des Widerstands verstehen. Dazu zählt auch das Bemühen einiger Verfasserinnen, noch an möglichen Gegenwelten, sei es als tröstliche Erinnerung oder zukünftige Utopie, festzuhalten. Dass das oft nicht gelingt und vergeblich heraufbeschworen und dann dementiert wird, zeigt auch die Grenzen dieser Dichtung, die in vieler Hinsicht in einer historisch einmaligen Situation entsteht, in welcher das Überleben die große Unwahrscheinlichkeit darstellte, während der Tod sich in jedem Augenblick einstellen konnte. Dem Denken und Dichten in einer physischen und psychischen Extremsituation verbietet sich jeder Triumph, auch wenn die davon betroffenen Frauen manchmal für den Moment eines Halbverses das Grauen zu überwinden scheinen. Die Bedrohtheit der Existenz schlägt sich auch im spezifisch mündlichen Charakter vieler Texte nieder, für welche oftmals kein Schreibmaterial als Garant ihrer Beständigkeit vorhanden war. Nachdrücklich betont Constanze Jaiser dass diese Gedichte nur existieren, vermittelt und dem Vergessen entrissen werden konnten, wenn es gelang, zumindest kurzfristig eine Gemeinschaft im Vortragen und Hören herzustellen. Damit einher ging die Einheit von Inhalt und Form, zentrales Charakteristikum der meisten Texte und von der Verfasserin besonders überzeugend anhand der sog. >Appell-Gedichte< herausgearbeitet.
Angesichts dieser äußersten Entstehungsbedingungen unterstreicht Constanze Jaiser die Autorität der Augenzeuginnen, deren Texte ein unbedingtes Hören, Lesen und Kennen durch uns Heutige verlangen. Dass diese Gedichte nicht in den literaturwissenschaftlichen Kanon eingegangen seien, stelle, so die Autorin, v.a. die Kriterien der Entstehung eines solchen Kanons in Frage, entbinde uns aber gerade nicht von der Bedeutung der Gedichte. Für einen Zugang zu diesen müsse auch die Prämisse von der Autonomie des Kunstwerks und der damit einhergehenden Trennung von Ästhetik und Moral erneut hinterfragt werden. In der Tat wird beim Lesen der Gedichte sehr deutlich, dass hier Leben und Schreiben nicht auf einfache Weise getrennt werden können und dass diese Literatur vielmehr eng und auswegslos wie die Gefahr selbst ist. Dennoch darf sie nicht auf den Begriff einer Authentizität festgelegt werden, der sich allein für die faktische Übereinstimmung von historischen Ereignissen und Gedichtaussagen interessiert. Auch im Wissen um eine fiktionale Dimension der poetischen Werke erscheint hier Jaisers hermeneutisch-dialogisches Arbeiten mit den Texten als ein angemessener Zugang. Eine Konsequenz einer solchen Lektüre ist, dass der Leser und die Leserin ihrerseits aufgefordert sind, eine ethische Position einzunehmen, wenn sie sich den Betroffenen, wie sie ihnen aus den vorliegenden Texten entgegentreten, nicht verweigern wollen. Das verlangt überdies die Bereitschaft, sich auch immer wieder einem absolut Fremden stellen zu können, ohne Gewissheit eines Verstehens. Auch die Position derer, die die allein zulässige Reaktion auf die Shoah nur noch im Schweigen sehen, kommt hier ins Schwanken, wenn man sich auf das existentielle Gewicht des Noch-Sprechen-Könnens einzulassen vermag.
Neben der Situierung der Gedichte in den aktuellen ästhetischen Debatten über Schreiben und Zeugenschaft von und nach der Shoah sowie Untersuchungen zu den historischen Entstehungsbedingungen im Lager widmet sich Jaisers Buch ausführlich literarischen Motiven und dabei besonders religiösen Deutungsmustern in den Gedichten selbst (z.B. Natur, Kreuzsymbolik, Exil, Hölle, Himmel u.a.). Verknüpft wird dies mit Elementen eines biblischen Zeugnisbegriffes wie beispielsweise der Vergegenwärtigung oder einer besonderen Dialogform. Die Dichterinnen, die noch einen Horizont des Befreiungskampfes entwerfen oder noch eine Form des Gebets zum Ausdruck bringen können, arbeiten auf eine eher sinnstiftende Weise mit den literarischen Motiven. Die auffallende Zahl christlich-abendländischer Motive in den Texten verweist auf die Herkunft der Lagerinsassen. Die namentlich bekannten Dichterinnen stammen aus 15 Nationen, wobei fast die Hälfte polnische Katholikinnen waren, gefolgt von französisch- und deutschsprachigen Häftlingen. Die Quellenlage für jüdische oder protestantische Frauen ist, was die Gedichte betrifft, bis heute hingegen dürftig. Die zahlreichen anonym verfassten Gedichte lassen wiederum darauf schließen, so Constanze Jaiser, dass den unbekannten Verfasserinnen der Text selbst weitaus wichtiger war als die individuelle Autorschaft oder aber, dass es sich um ein kollektives Werk handelt. Nicht ganz überzeugend in der ansonsten guten Analyse ausgewählter und paradigmatisch zu lesender Einzelgedichte ist, dass die Autorin auf die Symboltheorie von Margarete Susman aus dem Jahre 1910 zurückgreift. Für diese lange vor der Existenz der nationalsozialistischen Vernichtungslager verfasste Theorie stellt sich die Frage, ob sie ungebrochen auch nach 1945 für Werke, die sich auf die Zeit des NS-Terrors beziehen, zur Anwendung kommen kann. Interessant wäre hier gewesen, auch andere Literaturtheorien heranzuziehen, die explizit den >Bruch<, auch in der Sprache, mit und nach >Auschwitz< reflektieren und möglicherweise noch andere Lesarten von Texten ermöglichen (z.B. T. W. Adorno, S. Kofman, F. Lyotard).
Literaturwissenschaftler, aber auch Historiker und Theologen, die sich mit der Vernichtungsgeschichte von Nationalsozialismus und Faschismus beschäftigen, finden in diesem Buch Anregungen, die vielleicht auch neue Sichtweisen auf die Verarbeitung der Realität der Lager eröffnen. Denn anders als die vieldiskutierte Thematik von der >Lyrik nach Auschwitz< sind poetische Texte, die in den Lagern selbst entstanden sind, weit weniger bekannt. Entsprechend wenige wissenschaftliche Arbeiten darüber existieren, und auch deshalb leistet Constanze Jaisers Buch einen wichtigen Forschungsbeitrag. Dies wird auch durch den schönen und ausführlichen Anhang mit Kurzbiographien der Dichterinnen, Zeichnungen und Abbildungen sowie Gedichten im Original noch einmal bestätigt. Letzteres ist wiederum auch eine wichtige Ergänzung zu der generell nicht einfachen Übersetzbarkeit vieler Texte. Noch einmal tritt uns auf diesen abschließenden Seiten vor Augen, dass es sich bei der Thematik des Buches von Constanze Jaiser um einen letzten Ausdruck von Menschen inmitten des größten >man-made-desaster< (Birgit Erdle) unserer Zeit handelt und dass wir alle für die Zukunft von deren Erbschaft mitverantwortlich sind.
Dr.Katja Schubert ist als Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam und am Frankreichzentrum der TU und als freie Lektorin bei der Jüdischen Verlagsanstalt Berlin tätig.