Bürgerschaftliches Engagement verhindert rechtsextreme Demonstration in Wewelsburg und Paderborn

04/2002Gedenkstättenrundbrief 106, S. 22-27
Sonja Büttner und Günter Bitterberg

Wewelsburg setzt Zeichen gegen Rechts

In Wewelsburg reagierte man Anfang des Jahres auf die drohende Demonstration der Freien Kameradschaften unter dem Motto »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« an der Wewelsburg zuerst mit Unverständnis und Wut. Nach einem Jahrzehnte andauernden Mahnmalstreit, in dem es auch um eine eigene öffentliche Stellungnahme zu den, im Zusammenhang des Konzentrationslagers Niederhagen geschehenen Verbrechen ging, wollte man nun nicht untätig und unkommentiert zusehen, wie Rechtsextreme und Neonazis den Ort für stumpfsinnige Parolen als Plattform nutzen wollten und die Opfer verhöhnen würden. Bezeichnenderweise trafen sich die Wewelsburger an dem, in der Form eines Dreiecks errichteten Mahnmal auf dem ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers Niederhagen. Der Text des Mahnmals lautet: »Dieses Dreieck ist dem Kennzeichen der KZ-Häftlinge nachgebildet. Am Ort des Appellplatzes des Konzentrationslagers Niederhagen erinnert es an die Opfer der SS-Gewalt in Wewelsburg 1939–1945«. Es wurde am 2. April 2000, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Niederhagen, der Öffentlichkeit übergeben und stellte bereits den dreizehnten Versuch dar, eine würdige und angemessene Form der Erinnerung und des Gedenkens zu finden. Während die vorangegangenen Bemühungen, der Geschichte und seiner Opfer gerecht zu werden, ausnahmslos von Nicht-Wewelsburgern an den Ort heran getragen wurden, setzten sich für das zeitlich gesehen letzte Erinnerungszeichen zehn junge Bewohner des Ortes im Alter von 17 bis 23 Jahren ein.

Ganz sicher war die lange Diskussion um Gedenken und Erinnern mit den verschiedenen Gedenktafeln, Grabsteinen, Kreuzen und Bildern notwendig, um dieses letzte dauerhafte Mahnmal fest im Bewußtsein der Bevölkerung zu verankern. Es ist unmöglich an dieser Stelle auf alle Stationen in diesem Prozeß einzugehen, deshalb seien hier nur einige erwähnt.

So setzte sich 1949 bereits der Bürener Künstler Josef Glahe künstlerisch mit den Folgen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft auseinander. Es entstand ein von expressionistischen Elementen gekennzeichneter Mahnmalszyklus, der neben der Zerstörung von Städten und Kulturgütern auch die Verfolgung und Ermordung von Mitmenschen thematisiert. Leider erwies sich der Aufstellungsort, die sogenannte Gruft im Nordturm der Wewelsburg, die die SS durch KZ-Häftlinge zu einem Kultraum hatte umbauen lassen, als ungünstig. Nur nach vorheriger Anmeldung konnte das Mahnmal besichtigt werden, wobei es in den Herbst- und Wintermonaten aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit im Raum ganz entfernt wurde. Zudem fanden die Besucher wegen des Stils, der im NS-Regime als »entartete Kunst« bezeichnet wurde, nur sehr mühsam einen Zugang zu den Bildern. Trotz ihrer starken Ausdruckskraft gerieten sie zunehmend in Vergessenheit und verschwanden in den 70er Jahren in einer Abstellkammer. Für große Aufregung sorgte hingegen die eigenmächtige Anbringung einer Gedenktafel im Innenhof der Burg durch den damaligen Bundestagsabgeordneten Thüsing am 9. November 1977. Vorausgegangen war eine lange, enttäuschende Diskussion zwischen den örtlichen Parteien CDU, SPD und FDP um ein Gedenkzeichen an der Wewelsburg bzw. auf dem ehemaligen KZ-Gelände. Die Gedenktafel wurde jedoch bereits in der Nacht zum 13. November von Wewelsburger Jugendlichen wieder abgenommen und zum ca. 5 km entfernten Soldatenfriedhof nach Böddeken gebracht.

Der Soldatenfriedhof, auf dem sich neben den Gräbern von Wehrmachtsangehörigen auch solche der Waffen-SS befinden, wurde 1978 u.a. um die Inschrift »Zum Gedenken an die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft 1933–1945« erweitert. Er sollte so den Angehörigen der Täter- ebenso wie der Opfergesellschaft als Ort der Erinnerung und des Gedenkens dienen. Es wurde völlig außer acht gelassen, daß das Tal, in dem sich der Friedhof befindet, keinerlei Bezug zu dem KZ Niederhagen und seinen Opfern aufweist und daß es für Angehörige der Opfer und Überlebende unzumutbar ist, an den Gräbern der Tätergruppe der Opfer zu gedenken.

Der Beschluß des Kreistages vom 6. Juli 1977, eine wissenschaftliche Dokumentation in Auftrag zu geben und so die Besucher der Wewelsburg über die Bedeutung und die Geschehnisse an der Burg und im Ort in der Zeit von 1933–1945 aufzuklären, ist eine Entscheidung gewesen, die sich als äußerst wertvoll erwies. Die Dokumentation »Wewelsburg 1933–1945. Kult- und Terrorstätte der SS« befindet sich im ehemaligen SS-Wachgebäude an der Burg und wird seit der Eröffnung 1982 von etwa 40 000 Personen jährlich besucht. Trotz der kontinuierlich steigenden Zahl an Gruppen und Einzelbesuchern kann eine Ausstellung jedoch niemals ein Mahnmal ersetzen. Um die Akzeptanz der Gedenkstätte im Ort Wewelsburg, die sich z.B. in Kooperation mit den ansässigen Vereinen vorbereiteter und durchgeführter Ausstellungen zeigte, nicht zu gefährden, wurden die Mitarbeiter der Einrichtung angehalten, sich nicht explizit für die Errichtung eines Mahnmals auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Niederhagen, auf welchem in den 50er Jahren eine Wohnsiedlung entstand, einzusetzen.

1997 gründete die Autorin dieses Beitrags im Anschluß an ein Praktikum in der Gedenkstätte mit neun weiteren Wewelsburgern die »Arbeitsgruppe Gedenktag 2. April«. Die Gruppe, deren Mitglieder alle der Dritten Generation angehören, nutzte die Dokumentation, ihre Kontakte zu den Überlebenden des Konzentrationslagers und natürlich das Fachwissen des Museumsleiters Wulff E. Brebeck und seiner Stellvertreterin Kirsten John-Stucke. Die Arbeitsgruppe, deren anfängliches Ziel war, die Diskussion um ein Mahnmal erneut zu entfachen, organisierte zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers 1998 fünf Gedenktage zu denen acht Überlebende aus den USA, Belgien Österreich, Polen und ganz Deutschland kamen. Die Bereitschaft der Zeitzeugen zum Gespräch mit der Bevölkerung hat unterstützt durch die ständige, auch andauernde Präsenz der Arbeitsgruppe, ein Nachdenken über bisher gültige Standpunkte angeregt. Es folgten zahlreiche Diskussionen mit Politikern und Bürgern, die häufig von der Presse und dem Fernsehen dokumentiert und kommentiert wurden. Um die Notwendigkeit eines Mahnmals zusätzlich zu betonen und um das Blumenbukett während der Gedenkfeier am 2. April 1998 nicht auf direkt auf die Rasenfläche legen zu müssen, breiteten die Mitglieder der Arbeitsgruppe ein weißes Kiesdreieck aus. Unmittelbar nach der Gedenkveranstaltung stellte die Gruppe einen Antrag bei der Stadt Büren zur Errichtung eines dauerhaften Mahnmals. Das Kiesdreieck blieb als Hinweis auf das Fehlen eines Mahnmals bis zur Erstellung desselben liegen.

Dass der überwiegende Teil der Bevölkerung nach dieser langen Zeit der Diskussion, die häufig durch Schweigen und Ignoranz der Misere unterbrochen wurde, das Mahnmal angenommen und in das Bewußtsein aufgenommen hat, zeigte sich auch am 5. Januar 2002. Alle bedeutenden Vereine des Ortes hatten zu einer Gegendemonstration und Kundgebung an eben diesem Mahnmal aufgerufen. Die Demonstration, die in Wewelsburg federführend von dem aus der Arbeitsgruppe hervorgegangenen Verein «Gedenktag 2. April in Wewelsburg – Verein wider das Vergessen und für Demokratie e.V.« vorbereitet wurde, vereinte die unterschiedlichsten Gruppen unter dem Motto »Wewelsburg setzt Zeichen gegen Rechts«. Auch wenn in Wewelsburg kein konstituiertes Bündnis gegen Rechts, vergleichbar dem in Paderborn, besteht, haben viele Wewelsburger die absolute Notwendigkeit einer Stellungnahme erkannt und das Mahnmal, welches an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert, als Mittel- und Ausgangspunkt angenommen. Auch das Bundesverfassungsgericht stellte sich auf die Seite der Wewelsburger. Das Gericht verbot den Aufmarsch der Rechten mit dem Hinweis auf die historische Bedeutung des Ortes.

Paderborn – Eine Stadt steht auf

Das Paderborner Bündnis für Toleranz und Demokratie hat seine erste große Bewährungsprobe bestanden. Die Freien Kameradschaften hatten unter dem Motto »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« zu einer Demonstration des Nationalen Widerstands an der Wewelsburg, der Kult- und Terrorstätte der SS von 1933–1945, aufgerufen, und das im Angesicht des Konzentrationslagers Niederhagen, in dem von ca. 3 950 Häftlingen mindestens 1 285 dem SS-Grundsatz »Vernichtung durch Arbeit« zum Opfer fielen. Der Aufmarsch der Neo-Nazis am 5. Janaur 2002 konnte durch das Verbot der geplanten Veranstaltungen in Wewelsburg und Paderborn verhindert werden. Das entschlossene Handeln der beteiligten Gruppen und die Kundgebungen an strategisch wichtigen Punkten haben sicher dazu beigetragen. Auch wenn der Ernstfall nicht eingetreten ist und die Kundgebungen nach kurzer Dauer beendet werden konnten, zeigte sich bei der Schlusskundgebung vor dem Paderborner Rathaus, dass das Paderborner Bündnis für Toleranz und Demokratie eine große Zustimmung in weiten Teilen der Bevölkerung gefunden hat. Der Versuch im Sommer 2 000 ein Bündnis gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu bilden gestaltete sich äußerst schwierig wegen der bekannten Ab- und Ausgrenzungen der unterschiedlichen politischen Gruppen, bis die Paderborner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammen arbeit eine Erklärung zum 9. November 2000 vorlegte, die dann als gemeinsame inhaltliche Basis von den beteiligten Gruppen akzeptiert wurde. Als Symbol des Bündnisses wurde das Drei-Hasen-Motiv gewählt mit der Umschrift »Paderborner Bündnis für Toleranz und Demokratie«. Am 27. Januar 2001 trat das Bündnis mit einer gemeinsamen Aktion an die Öffentlichkeit und sammelte Unterschriften, mit denen sich die Menschen in Paderborn zum Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus verpflichten konnten. Bei der Woche der Brüderlichkeit 2001 konnten dem Paderborner Bürgermeister, Heinz Paus, Listen mit über 10 000 Unterschriften übergeben werden. Am 18. Mai kam es zu einer großen Schüler-Demo unter dem Motto »Augen auf gegen rechte Gewalt«, am 1. Juli stellte sich das Bündnis den ausländischen Paderbornern beim »Fest der Begegnung« vor.

Inzwischen hat sich das Bündnis verbreitert und umfasst heute ca. 40 Gruppen von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Bürgerschützen, Jugend-, Sport- und Wohlfahrtsverbänden, Schülervertretungen, Asta der Universität, Eine-Welt-Gruppen bis zum Ausländerbeirat und verschiedenen Ausländervereinigungen. Sie alle wenden sich entschieden gegen Rechtsextremismus und seine Menschenverachtung, gegen Diskriminierung von Einzelnen und Gruppen aus weltanschaulichen, religiösen, sozialen oder ethnischen Gründen, gegen Intoleranz und Fanatismus und gegen religiösen und politischen Antisemitismus.

Bei der Abschlusskundgebung im Januar 2002 vor dem Paderborner Rathaus sagte Günter Bitterberg, der Sprecher des Bündnisses: »Paderborn ist eine weltoffene und gastfreundliche Stadt, rassistisch-nationalistische Parolen dürfen das Gesicht unserer Stadt nicht verzerren. Die Paderborner Hasen sind nicht schwarz oder rot oder grün und schon gar nicht braun, sondern bunt und vielfältig wie das Leben in Paderborn.«

Die Bedeutung dieses Bündnisses kann nur der richtig einschätzen, der die Schwierigkeiten einer notwendigen Erinnerungsarbeit in Paderborn und Wewelsburg nach 1945 miterlebt hat. Die Geschichte der Stadt Paderborn in ihrem Verhältnis zu den Juden, die in ihren Mauern lebten, bis sie aus ihren Mauern herausgerissen wurden, öffentlich und für alle sichtbar – die Synagoge wurde am Morgen des 10. November zerstört, damit die Feuerwehr ein Übergreifen des Feuers auf das benachbarte Krankenhaus verhindern konnte –, um in den Vernichtungslagern für immer zu verschwinden, und wie diese Stadt sich nach 1945 mit dieser Geschichte auseinander gesetzt hat, ist ein Beispiel für die Unfähigkeit, oder zumindest für die Mühe des Trauerns.

Zu erinnern ist an dieser Stelle, wie die Überlebenden des Holocaust, die nach Paderborn zurückkehrten, in dieser Stadt wieder aufgenommen wurden, an ihren mühevollen Kampf um Anerkennung und Entschädigung für geleistete Zwangsarbeit durch die Stadt, die in den letzten Kriegswochen fast völlig zerstört wurde und die sich selbst als Opfer des sinnlosen Krieges sah. Für viele Jahre kann Paderborn als ein Beispiel eines teils verschämten oder halbherzigen, teils unterlassenen oder verweigerten Erinnerns betrachtet werden; natürlich gab es private Kontakte und den höflichen Austausch von Grüßen und Geschenken am Neujahrstag, aber die Zeichen der Buße, das Bekenntnis des eigenen Versagens durch Schweigen und Wegsehen blieben aus.

Peinlich ist der lange Streit um ein Mahnmal für die Opfer des KZ Niederhagen bei Wewelsburg mit der Begründung, man dürfe den Neuanfang unseres Volkes und auch die Zukunft der Jugend nicht mehr mit der Vergangenheit belasten (1976).

Erinnert werden muss in diesem Zusammenhang auch an die lange Diffamierung der vielen Menschen, die an die Tausende russischer Kriegsgefangener erinnern wollten, die im Stalag 326 elendig verhungert waren (»Blumen für Stukenbrock«).

Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis ein öffentliches Gedenken an die Opfer möglich wurde. Es waren immer die Falschen, die das Erinnern anmahnten, sie stießen mit ihrem Anliegen auf Misstrauen, zum Teil auch auf Unverständnis und Ablehnung bei der politischen Mehrheit. Die Erinnerung war gefährlich, darum begnügte man sich lieber mit den bekannten Erinnerungsritualen am Volkstrauertag, und so wurde die Erinnerungslücke auch leicht zur Erinnerungslüge. Es hat lange gedauert, bis man in Paderborn akzeptiert hat, dass man zur Gesellschaft der Täter gehört und damit ein neues Verhältnis zu den Opfern gewinnen kann, indem man sich in ihr Leiden hinein versetzt, nicht aber, indem man sich mit ihnen identifiziert. Geholfen haben dabei die Gedichte und Erzählungen von Jenny Aloni, die 1939 nach Israel fliehen konnte und mit Recht für die bedeutendste deutschsprachige Dichterin Israels gehalten wird. Die Stadt Paderborn ehrte sie 1967 mit dem städtischen Kulturpreis, das Jenny-Aloni-Archiv der Universität Paderborn hat sich die Edition und Erschließung des umfangreichen literarischen Nachlasses zur Aufgabe gemacht. Wer die Gedichte hört und die Geschichten der Verfolgten liest, ihre Verzweiflung und Einsamkeit, ihre Ohnmacht und Größe, wird sich des Unterschieds von Gedenken und Erinnern bewusst.

Erwähnt werden muß in diesem Zusammenhang auch Erwin Angreß, der im vergangenen Jahr verstorbene Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde, der in seiner Weise die Erinnerung und den Dialog mit den Christinnen und Christen in Paderborn zu seiner Lebensaufgabe machte. Er kam 1940 in das Umschulungslager nach Paderborn, er hat Paderborn als Zwangsarbeiter erlebt und überlebte 1943 die Selektion auf der Rampe in Auschwitz, während seine junge Frau am Tag der Ankunft in die Gaskammer geschickt wurde. Er überlebte Auschwitz, den Todesmarsch, Dora-Mittelbau, bis er am 15. 4.1945 in Bergen-Belsen befreit wurde und nach Paderborn zurückkehrte. Als Zeitzeuge ist er zum Zeichen geworden. Die Stadt Paderborn ehrte ihn kurz vor seinem Tod mit dem Ehrenring der Stadt.

42 Jahre nach der Reichspogromnacht wurde auf einstimmigen Beschluß des Rates ein Gedenkstein am Standort der zerstörten Synagoge errichtet, der nach der offiziellen Übergabe ein Schattendasein zwischen Telefonzellen und grauem Schaltkasten am Rande eines großen Parkplatzes fristete.

Erst die Gründung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit 1987 führte zu einem wirklichen Umdenken und ermöglichte die Einladung der Stadt an alle Überlebenden des Holocaust, die im Mai 1989 zu einer ergreifenden und überaus fruchtbaren Begegnung mit 110 ehemaligen jüdischen Paderbornerinnen und Paderborner führte.

Im gleichen Jahr beschloß der Rat der Stadt auf Anregung von Jenny Aloni die Umgestaltung des Mahnmals und die Anbringung einer Tafel mit den Namen der Opfer. 1993 wurde der Platz an der Alten Synagoge von dem dänischen Künstler Per Kirkeby umgestaltet. Vergleicht man den Text der Tafel in der ersten der drei Nischen der hohen Wand des neuen Mahnmals, die an die Fassade der zerstörten Synagoge erinnert, mit dem Text des Gedenksteins von 1980, so kann man den Bewusstseinswandel leicht erkennen, der sich in der Zwischenzeit in Paderborn vollzogen hat.

1980 lautete der Text, über dessen Formulierung lange im Kultur-Ausschuß beraten wurde: »An dieser Stelle stand die im Jahre 1881 errichtete Synagoge der Jüdischen Gemeinde. In der Reihe der unmenschlichen Verfolgungen der jüdischen Mitbürger durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wurde sie nach der Reichskristallnacht am 10.11.1938 ein Opfer der Flammen.«

Seit 1993 lautet der Text (historisch korrekt): »Hier stand seit 1882 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Paderborn. Sie wurde am 10.November 1938 während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Brand gesetzt und zerstört.

Zum Gedenken an unsere jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in den Jahren 1933–1945 gedemütigt, entrechtet, vertrieben und ermordet wurden.

Gedacht wird auch der Opfer des ehemaligen jüdischen Arbeitslagers und des ehemaligen jüdischen Waisenhauses in Paderborn«.

Auf einer zweiten Tafel steht in Hebräisch und Deutsch der Bibelvers aus den Klageliedern: »Alle, die ihr vorübergeht, kommt und seht, ob ein Schmerz sei wie mein Schmerz, den man mir angetan… .« (Klgl. 1,12). Dann folgen auf vier Tafeln die Namen der ermordeten Jüdinnen und Juden Paderborns.

Als bei der Abschlusskundgebung am 5. Januar die Abordnung aus Wewelsburg von der Versammlung vor dem Rathaus begrüßt wurde, schwang daher nicht nur Freude mit bei den Veranstaltern über den verhinderten Aufmarsch der Neonazis, sondern auch Genugtuung darüber, dass nach vielen Jahren der Überzeugungsarbeit der Widerstand gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus von einem breiten Bürgerbündnis getragen und unterstützt wird.

Dem »Paderborner Bündnis für Toleranz und Demokratie« gehören ca. 40 Gruppen von Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Jugend-, Sport- und Wohlfahrtsverbänden, Schülervertretungen, Asta der Universität, Eine-Welt-Gruppen bis zum Ausländerbeirat und verschiedene Ausländervereinigungen an.

Siehe hierzu auch dem Beitrag von Sonja Büttner: Die Arbeitsgruppe »Gedenktag 2. April« in Wewelsburg, im GedenkstättenRundbrief 86 (1998).

Sonja Büttner (Wewelsburg) ist nach dem Abschluß Ihres Geschichtsstudiums (M. A.) z. Zt. in der Vorbereitungsgruppe für die neue Ausstellung »Wewelsburg 1933–1945« im Kreismuseum tätig.

Günter Bitterberg war Fachleiter für Ev.Rel. am Studienseminar Paderborn und ist ev. Vorsitzender der Paderborner Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Er ist maßgeblich am Aufbau und an den Aktivitäten des Paderborner Bündnis für Toleranz und Demokratie beteiligt....