Was bedeutet »Gedächtnis der Dinge«? Der Titel des vorzustellenden Bandes sei, so der Herausgeber Detlef Hoffmann, nicht nur metaphorisch zu verstehen. Der Begriff meint die Spuren, die geschichtliche Ereignisse an den Dingen, auf einem Gelände, in einer Landschaft hinterlassen haben. Verwittert, überwachsen, von späteren Nutzungen überformt, sind diese Spuren »dem suchenden Blick, der tastenden Hand materiell präsent«.
Die Dinge, um die es geht, sind die Relikte, die Überreste der Konzentrations- und Vernichtungslager, die seit 1945 im Rahmen der Umwidmungen dieser Orte in neue Funktionskontexte integriert oder aber vergessen bzw. beseitigt wurden. Daß diese Überreste der Lager einmal denkmalwürdig werden könnten, hatte sich damals, zumindest in Deutschland, kaum jemand vorgestellt. So gesehen wird in dem Begriff von einem Gedächtnis der Dinge der Versuch deutlich, diesen geschundenen Überresten, diesen Denkmälern »aus der Zeit« so etwas wie Autonomie zuzubilligen, einen eigenen Status, einen Eigensinn, der sich den Zuschreibungspraktiken verschiedener Gegenwartsinteressen zu widersetzen vermag.
Das Verhältnis der Relikte zu den sichtbaren Erinnerungsstrategien, den seit 1945 gesetzten Skulpturen und Texten, ist das den Beiträgen des Bandes gemeinsame Thema. Die ersten drei großen Kapitel diskutieren die Entstehung wie auch das ikonographische Programm der Gedenkstätten Dachau (D. Hoffmann), Buchenwald (V. Knigge) und Neuengamme (U. Wrocklage). Es zeigt sich, daß der Umgang mit den ehemaligen Konzentrationslagern in Ost- und Westdeutschland trotz aller Differenzen auch Gemeinsamkeiten erkennen läßt wie beispielsweise das Konzept eines »säkularen Läuterungspfades«: Die für die Besucher vorgesehene Wegführung durch die Gedenkstättenanlagen vermittelt eine sinnstiftende Perspektive auf das Geschehen. Das Konzentrationslager erscheint als Stätte des Martyriums; das Opfer der Häftlinge gilt einer »erlösten Gesellschaft«. Während der Katholizismus diese im Jenseits verortet, präsentierte sich in Buchenwald die DDR als die Größe, die das »Vermächtnis« der Toten im Hier und Jetzt erfüllt.
Neben diesen drei grundlegenden Beiträgen umfaßt das Buch eine Reihe von Einzelstudien, die die Symbolisierungsprozesse einzelner Relikte von Auschwitz zum Thema haben: Diskutiert werden u.a. Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Rampe, der Gleise, der Zaunpfähle und nicht zuletzt des Lagertors mit seiner bekannt gewordenen Inschrift »Arbeit macht frei« (I. Rensinghoff, K. Menzel, U. Wrocklage). Die Geschichte der südfranzösischen Lager sowie »Auschwitz« in den bundesdeutschen Medien sind Gegenstand drei weiterer Studien von D. Hoffmann und V. Knigge sowie C. Brink und K. Neumann.
Gleichsam erkenntnistheoretisch eingerahmt sind diese Einzelstudien durch zwei Beiträge von Detlef Hoffmann und Jörn Rüsen. Zu denken gibt hier in erster Linie der Begriff des »authentischen Ortes«, der seine politische Relevanz nicht zuletzt in der Debatte um die Bedeutung der Gedenkstätten versus den zentralistischen Denkmalvorhaben und Museumsgründungen der Hauptstadt erwies. Hoffmann stellt nun diesen Begriff mit einem sehr plausiblen Argument infrage: Die Rede, etwas sei »authentisch«, unterstelle, daß etwas unverändert, rein durch die Zeiten hindurch gelangt sei. Ein solcher Begriff von Echtheit sei aber weder auf Baudenkmale noch auf Orte übertragbar: »Allerdings kann sich unserer Phantasie die Vorstellung aufdrängen, wir näherten uns, indem wir (...) den Ort des Geschehens betreten, auch dem Geschehen selbst.«
Dagegen hält Rüsen am Begriff der Authentizität fest und definiert: »Authentizität als Qualität ästhetischer Erfahrung heißt, daß die Vergangenheit sich selbst zur Erinnerung präsentiert, sich selbst be-deutet« und schlägt vor, die »prä-kognitive und meta-politische Bedeutung« der Relikte als »Chance der historischen Sinnbildung« zu nutzen. Jedoch stellt sich die Frage, inwieweit es möglich ist, einen solchen prä-kognitiven Bedeutungsgehalt der Relikte zu erkennen, wenn diese nicht als solche ausgewiesen sind? Nur wenn man weiß, daß Barackenteile, Sanitäranlagen, Zaunpfähle usw. der Lager seit 1945 abgeräumt und neu verwendet wurden, ist man imstande, diese Materialien beispielsweise in den Nachkriegsbauten Weimars und Fürstenbergs als Relikte zu identifizieren. Die Bedingung, die »prä-kognitive Bedeutung« von Relikten wahrzunehmen, liegt darin, daß man Dinge als Relikte überhaupt erst einmal – und zwar im Rahmen eines, wenn man so will, kognitiven Aktes – zur Kenntnis nimmt. Insofern ist zu vermuten, daß Authentizität letztlich doch Produkt einer Zuschreibung ist und es sich nicht um eine Qualität der Dinge »an sich« handelt.
Die Frage bleibt, warum gerade jetzt, Ende der 90er Jahre, die Relikte der Lager vermehrt ins Zentrum wissenschaftlicher Aufmerksamkeit rücken. Nach Rüsen, dies wurde bereits erwähnt, eröffnen sie eine bislang wenig genutzte Chance historischer Sinnbildung. Volkhard Knigge beschreibt die »Minimierung der Relikte« in Buchenwald seit 1945 als Voraussetzung dafür, daß an diesem Ort ein einheitliches, widerspruchsfreies Erinnerungsprogramm baulich manifest werden konnte und folgert:
»Die Relikte des Lagers hätten auf eine Vielzahl unterschiedlicher Verfolgungsgeschichten und Häftlingserfahrungen verwiesen. An ihnen hätte deutlich werden können, daß das Lager unterschiedlichen Aussonderungs- und Verfolgungszwecken diente und daß es aus Baulichkeiten bestand und in Zonen gegliedert war, in denen sehr verschiedene Erhaltungs- und Überlebensbedingungen (...) gegeben waren. (...) Deutlich hätte werden können, daß die Häftlingsgesellschaft nicht homogen und egalitär, sondern hierarchisch gegliedert war.«
Das Interesse an den Relikten steht in Zusammenhang mit der Erosion der großen nationalen Geschichtsmythen, die gegenwärtig in West- und Osteuropa zu beobachten ist. Die vielen Geschichten, die in den Relikten zur Sprache kommen können, erheben Einspruch gegen die vereindeutigenden Geschichtsbilder. Hinzu kommt eine Verschiebung der Forschungsperspektive: Konzentrationslager werden inzwischen nicht mehr als hermetisch abgeschlossene Gebilde untersucht, sondern als Systeme, die sich weit über die Häftlingslager hinaus in verschiedene gesellschaftliche Bereiche hinein verzweigten und dort auch befragbare Spuren hinterlassen haben. Seien es ehemalige Produktionsstätten, Gärtnereien, das Netz der Reichsbahn usw. – die baulichen Relikte im Umkreis der Gedenkstättenareale bezeugen die Tatsache, daß das Funktionieren der Lager nur über die Kooperation weiter Bevölkerungskreise möglich war.
Der großformatige Band enthält umfangreiches und zum Teil bislang nicht publiziertes Bildmaterial. Der Veröffentlichung ging eine zehnjährige Forschungsarbeit voraus, die im Nachwort kurz skizziert wird; auf diese Weise ist dem Buch sein eigenes »Gedächtnis« mitgegeben. Wer künftig zur Geschichte der Gedenkstätten und mehr noch, zu Fragen der Rezeption des Nationalsozialismus arbeitet, wird ohne dieses Buch nicht auskommen.