»Bittersüß. Geschichte(n) des Hungers: Zuckerdosen aus dem sowjetischen Speziallager Sachsenhausen 1945–1950«

Eine Sonderausstellung in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
08/2006Gedenkstättenrundbrief 132, S. 34-40
Ines Reich

Am 12. August 2005 wurde im Beisein vieler Überlebender aus Anlass des 60. Jahrestages der Einrichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 in Sachsenhausen eine Sonderausstellung eröffnet, in deren Mittelpunkt die Häftlinge und deren Leidensgeschichten stehen. Die Ausstellung unternimmt auf knapp 100 qm den konzeptionell bisher ungewöhnlichen und neuartigen Versuch, anhand eines kleinen Gegenstandes – eines archäologischen Fundstückes – die Dimensionen der Verfolgungs- und Leidensgeschichte der Häftlinge des Speziallagers zu vermitteln: Ungewissheit, Isolation, Entbehrungen, Hunger, Krankheiten, Sterben und Tod.

Die Idee für diese Ausstellung entstand, als Archäologen bei baubegleitenden Grabungen im Rahmen der umfassenden Neugestaltung der Gedenkstätte Sachsenhausen überall auf dem Gelände auch Relikte aus der Zeit des sowjetischen Speziallagers sicherten. Sie müssen angesichts der komplizierten Strategraphie des Ortes als besondere Zufallsfunde gelten. Sie können nur auf der Grundlage biographischer Forschungen, eindeutiger zeitlicher Zusprechungen oder mittels Vergleichen lagerzeitlich datiert werden.

Unter den Fundstücken befanden sich Hunderte kleiner, unscheinbarer Aluminiumdosen. Sie sind nicht viel größer als eine Streichholzschachtel: messen 5 cm im Durchmesser, 2 cm Randhöhe und wiegen nicht mehr als wenige Gramm. Auf einer Dose wurde eine eingravierte Zeichnung entdeckt, die einen Häftling hinter Gittern oben und unten flankiert mit den Jahreszahlen »1946« und »194?« zeigt. Diese Dose lieferte den entscheidenden Hinweis, dass es sich bei diesen Fundstücken um Gegenstände aus dem sowjetischen Speziallager handelt und nicht aus dem nationalsozialistischen KZ. Diese Erkenntnis weckte große Begeisterung, die in der Folge zu umfangreichen Recherchen führte, denn von ehemaligen Häftlingen haben sich bisher nur wenige lagerzeitliche Erinnerungsstücke erhalten, die Einblicke in den Lagerkosmos geben. Erst intensive wissenschaftliche Forschungen konnten die Funktion und Bedeutung der Dosen klären. Sie dienten ab Januar 1947 – auf dem Höhepunkt des Massensterbens im Lager – zur Ausgabe bzw. zum Empfang der kläglichen Zucker – und Marmeladerationen. Es gab sie nach bisheriger Kenntnis nur im Speziallager Sachsenhausen. Die Bergung und Erschließung dieser Funde ist für die Aufarbeitung der Speziallager-Geschichte von großer Bedeutung. In ihren Entstehungskontext eingeordnet, können sie einzelne Aspekte des Haftalltags erhellen oder die Biographien von Häftlingen ergänzen.

Erstmals zeigt eine Ausstellung diese Potentiale archäologischer Fundstücke für die Speziallagerforschung und präsentiert ausführlich einen Alltagsgegenstand der Haftzeit und ihrer Nutzer.

Architektonischer Mittel- und erzählerischer Ausgangspunkt der gesamten Ausstellung sind unzählige restaurierte und unrestaurierte Aluminiumdosen, die im lichtdurchleuchteten Kernfenster der mittelachsigen Hauptvitrine drapiert werden. In dieser Hauptvitrine werden die Dosen zunächst in vier Kapiteln in einen breiten lagergeschichtlichen Kontext eingeordnet, um die praktische und ikonographische Bedeutung der Dosen für die Inhaftierten herauszuarbeiten. Methodisch wurden dabei offizielle sowjetische Dokumente und dingliche Zeugnisse aus der Hinterlassenschaft von ehemaligen Häftlingen mit Auszügen schriftlicher und mündlicher Erinnerungsberichte (zwei Hörstationen) kombiniert, um durch den entstehenden Kontrast den faktischen Aussagegehalt und das sinnliche Wahrnehmungspotential der einzelnen Exponate zu erweitern.

Ausgehend von einem kurzen Einleitungskapitel über die Herkunft der Zuckerdosen als archäologische Fundstücke werden die Dosen zunächst in den allgemeinen Kontext von Ernährung, Hunger und Sterben im Lager eingeordnet. Eine Hörstation mit Auszügen aus Interviews, Kassiber sowie dreidimensionale Objekte wie Brottücher oder Besteck- und Geschirrteile dokumentieren, wie dramatisch die Versorgungssituation im Lager und wie schlecht die gesundheitliche Verfasstheit der Häftlinge war.

Die meisten Häftlinge kamen angesichts der Hungerkrise der Nachkriegszeit und den katastrophalen Haftbedingungen in den sogenannten »GPU-Kellern« geschwächt, unterernährt und krank ins Lager. Im Speziallager Sachsenhausen war die Ernährung der Häftlinge von Anfang an völlig unzureichend, qualitativ schlecht und einseitig. Die offiziellen, knapp bemessenen Tagesrationen wurden zudem mehrfach reduziert. Insgesamt blieben sie unter dem physiologisch Lebensnotwendigen. Außerdem erreichten Lebensmittel selten in vollem Umfang die Empfänger: Sonderzuteilungen für arbeitende Häftlinge und die »Lagerprominenz« gingen zu Lasten der nicht privilegierten Häftlinge. Sowjetisches Lagerpersonal und Häftlinge unterschlugen oder stahlen Lebensmittel.

Die Häftlinge waren von einem rapiden Kräfteverfall gezeichnet und litten unter ständigem Hunger. Dennoch wurden die Tagesrationen aller Lebensmittel im November 1946 um die Hälfte gekürzt. In der unmittelbaren Folge setzte ein dramatisches Massensterben ein. Ein sowjetischer Sanitätsbericht belegt mit seiner bürokratischen Nüchternheit, dass alle angeführten Todesursachen auf die schlechten hygienischen Verhältnisse und ernährungsbedingte Krankheiten zurückzuführen waren. Ein Kassiber verdeutlicht, dass die Häftlinge unter unsäglichem Hunger litten. Erich Kluetzke schrieb im Februar 1946 an seine Frau Maria in einem heimlichen Brief: »Haut und Knochen sind wir alle zum Teil. Gehungert habe ich nun bald genug, hoffentlich kommen wir hier bald nach Haus.« Er überlebte wie die über 12 000 Toten das Lager nicht. Sie starben an Unterernährung und deren Folgeerscheinungen. Damit sind die Dosen auch Artefakte des Todes.

An dieses Ausstellungskapitel schließt sich ein Abschnitt über die Zucker- und Marmeladerationen an. Zu den wenigen Lebensmitteln, die die Speziallagerhäftlinge schon von Beginn an erhielten, gehörte neben Brot auch Zucker. Allerdings schwankten die festgesetzten Rationierungsmengen in der fast fünfjährigen Existenz des Lagers. Gab es 1945 17g Zucker, so stieg die Ration 1946 auf 20g für arbeitende und 15g für nichtarbeitende Häftlinge. In Folge des Massensterbens im Winter 1946/47 sollten ab Januar 1947 arbeitende Häftlinge 25g und nicht arbeitende Häftlinge 20g Zucker erhalten. Seit dieser Zeit wurde zusätzlich Marmelade ausgegeben, zunächst 15g, ab Februar 1947 30g.

Dieser Abschnitt thematisiert nicht nur die Versorgung mit diesem Lebensmittel, indem unterschiedliche Dosen aber auch bunt bestickte Zuckersäckchen gezeigt werden. Anhand vieler dreidimensionaler Objekte, einer Hörstation und einer Zeichnung werden weitere Funktionen vorgestellt, die die Dosen darüber hinaus im Lageralltag erfüllten, um die Unterversorgung mit Lebensmitteln und Kleidung sowie die Beschäftigungslosigkeit zu überwinden. Mit einem Deckel versehen benutzten Häftlinge sie beispielsweise zur Aufbewahrung von Tabak oder funktionierten sie zu einem Feuerzeug um. Dosen konnten auch als »Zuckerpfännchen« umgearbeitet werden oder als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Schmuck und christlichen Symbolen dienen. In diesem Zusammenhang sind die umgearbeiteten oder verzierten Dosen eindrückliche Zeugnisse des Bemühens der Häftlinge, durch Selbstbeschäftigung dem Nichtstun zu entgehen. Die sowjetischen Speziallager waren keine Arbeitslager, nur eine Minderheit von Häftlingen wurde zu Arbeiten im Lager herangezogen.

Stricknadeln und ein aus den Fäden der Zuckersäcke gestrickter Pullover verweisen vor dem Hintergrund des allgemeinen Versorgungsmangels im Lager im Zusammenhang mit den Zuckerrationen auf andere Alltagsgegenstände, die aus Materialresten selbst gefertigt, improvisiert und mehrfach genutzt wurden.

Im abschließenden vierten Kapitel der Hauptvitrine wird auf dieser Grundlage die ikonographische Bedeutung der Dosen gezeigt. Dazu wurden 11 Dosen ausgewählt, die im Gegensatz zur Mehrzahl der unbearbeiteten Dosen reiche bildliche oder symbolische Verzierungen, die meist mit alten Nägeln, die aus den Holzpritschen gezogen und mühevoll auf einem Stein flach geschliffen und eingearbeitet wurden. Das diente dazu, die Besitzverhältnisse anzuzeigen. Die bildlichen Gravuren auf den Zuckerdosen spiegeln die Gefangenschaft aus der Sicht der Häftlinge wider. Sie zeigen mögliche Innen(an)sichten der Betroffenen und überliefern auf diese Weise – wenn auch chiffriert – deren Gedanken und Gefühle während der Haftzeit.

Schlüsselobjekt in diesem Kapitel ist die bereits eingangs vorgestellte Dose, die auf dem Boden einen stilisierten Häftling hinter Gittern zeigt. Am oberen und unteren Rand der Darstellung befinden sich die Jahreszahlen »1946« und »194?«. Diese Einritzung, insbesondere das Fragezeichen, drückt aus, wie es der Mehrheit der Lagerinsassen erging, als sie in das Speziallager überstellt wurden. Sie wussten nicht, warum und wie lange sie festgehalten werden. Die Häftlinge empfanden die hier bildlich ausgedrückte Ungewissheit neben dem Hunger als extreme Belastung. Damit liefert das Fundstück einen zeitlichen und inhaltlichen Kontext und besitzt neben dem konkreten auch einen abstrakten Bezug, der das Bild des Lagers erweitert und abrundet. Wer in die Fänge der sowjetischen Geheimdienste geriet, blieb für die Angehörigen und die Öffentlichkeit in der Regel »spurlos verschwunden«. Behörden erteilten keine Auskunft, Suchanfragen wurden ignoriert, Bittgesuche abgewiesen. Die Häftlinge des Speziallagers waren von der Außenwelt fast völlig isoliert. Ohne jeden Kontakt sahen sie einer ungewissen Zukunft entgegen, wussten oft nicht einmal die Gründe für ihre Inhaftierung. Auch innerhalb des Lagers trennten Zäune die Gefangenen voneinander. Diese Abschottung empfanden die Häftlinge als schwere psychische Belastung. Nur wenigen gelang es, die Isolation zu durchbrechen und Kassiber aus dem Lager zu schmuggeln, selbst Nachrichten zu empfangen oder zu fliehen.

Die Isolation der Häftlinge ist ein wesentlicher Aspekt, der die Speziallager von anderen Lagertypen des 20. Jahrhundert unterscheidet. Wegen dieser Bedeutung wurde diese Dose als Motiv für das Ausstellungsplakat ausgewählt.

Der ikonographische Aussagegehalt der anderen gezeigten Dosen spiegelt gleichermaßen die als starke psychische Belastung empfundene Ungewissheit und Isolation sowie Sehnsucht nach Freiheit, Geborgenheit und menschlicher Wärme. Diese Lebensumstände und Gefühlslagen fanden ihren Ausdruck in Darstellungen von Herzen in Kombination mit Namen oder Initialen sowie wichtige persönliche Daten wie Geburtstage oder Hochzeitstage. Ein unbekannter Häftling gravierte Weihnachten 1947 seine Sehnsüchte in eine Dose ein. Sie trägt die Darstellung eines Herzens mit Pfeil und die Initialen seiner Partnerin, aber auch das Bild einer in eine Landschaft eingebetteten Kirche sowie einen Pferdekopf. Für die Gefangenen waren persönliche Festtage, insbesondere aber christliche Feiertage, schwer zu ertragen. Angesichts der katastrophalen Haftbedingungen im Speziallager spielten Gerüchte, sogenannte Parolen, und Aberglauben für die Häftlinge eine große Rolle. Deshalb sind Glückssymbole und Glücksbringer in jeder Form, wie beispielsweise Hufeisen als eines der Typischsten, das den Besitzer beschützen und ihm Kraft und Stärke verleihen sollte, auf den Aluminiumdosen weit verbreitet.

An die Themen des bisher besprochenen Komplexes Archäologie und Haftalltag schließt sich als zweiter Hauptteil der Ausstellung die Präsentation der Häftlingsgesellschaft in den um die Hauptvitrine gruppierten 16 Biographievitrinen an. Sie stehen dadurch immer in Beziehung zu den im Zentrum dokumentierten Haftbedingungen, denen die Inhaftierten ständig ausgesetzt waren. So wurde beispielsweise die Biographie von Herbert Haustein, der die Haft in Sachsenhausen nicht überlebte, räumlich so angeordnet, dass sie sich in unmittelbarer Nähe der musealen Präsentation der Themen Sterben und Tod befindet.

Bei der Inventarisierung und weiteren wissenschaftlichen Untersuchung der Dosen wurde deutlich, daß die meisten von ihnen keine Gravuren oder Einritzungen aufweisen. Dennoch verzierten einige Häftlinge ihre Aluminiumdosen mit Namenszügen, Initialen, Barackennummern, Ornamenten, Symbolen und bildlichen Darstellungen. Insgesamt befinden sich unter den bis 2005 gesicherten Dosen über 50, die auf einfachste Weise auf dem Rand oder auf dem Boden eingeritzte Namenszüge tragen. Sie verweisen damit auf Einzelschicksale und sind oft eines der wenigen letzten persönlichen Sachzeugnisse, die an einen Häftling erinnern. Mit Hilfe der sowjetischen Registraturunterlagen gelang es, die Mehrheit der Namensträger zu identifizieren und wichtige personenbezogene Angaben zu ermitteln, die zu weiteren Dokumenten in anderen Archiven und vor allem zu den Häftlingen selbst oder deren Angehörigen führten. Auf diese Weise konnten die Biographien der Dosenbesitzer teilweise sehr detailliert recherchiert werden. Die Ausstellung zeigt 16 Häftlingsschicksale. Dem Prinzip der Hauptvitrine folgend bildet die jeweilige namentragende Dose ihrer vorgestellten Besitzer den Mittelpunkt jeder Biographievitrine. Dabei wird jede Dose – als kostbares Originalexponat präsentiert – zum Ausgangs- und Bezugspunkt des biographischen Erzählens. Bereichert durch ausgewählte, wenige schriftliche, bildliche, bildnerische und dingliche Quellen entstehen Verfolgungsschicksale, werden Erfahrungen und Erlebnisse präsentiert. Der Besucher soll durch die Auswahl in die Lage versetzt werden, die angebotenen biographischen Bausteine selbst betrachtend und vergleichend zusammenzusetzen, Zusammenhänge zu erkennen, Einsichten zu entwickeln und sich neue, weitere Fragen zu stellen. Wertungen und Bewertungen werden nicht vorgegeben. Die Beschriftung beschränkt sich auf knappe Exponattexte und einen kurzen Gitterlebenslauf, der auch den in den sowjetischen Registraturunterlagen angegeben Verhaftungsgrund wiedergibt und dem Besucher dadurch die Möglichkeit eröffnet, den Vorwurf an der Realität der präsentierten Objekte zu prüfen.

Durch die Unterstützung von Überlebenden und Angehörigen können kostbare Erinnerungsstücke gezeigt werden wie beispielsweise 30 Schachfiguren, die Joachim Schlegel als einzige Erinnerungsstücke in einem kleinen Stoffsäckchen aufbewahrt hatte. Sie werden zusammen mit seinen zwei archäologisch geborgenen (!) Aluminiumdosen – je eine für Marmelade und Zucker – gezeigt. Er hatte auf dem Boden einer seiner Dosen ein heute noch sichtbares großes Z eingeritzt, das vermutlich für Zucker steht. Ein anderes Fundstück eines unbekannten Häftlings das ebenfalls ausgestellt ist, trägt die Inschrift »Marmelade«. In beiden Fällen hatten die Häftlinge die Verwendung der jeweiligen Dose als Portionierungsgegenstand für Zucker bzw. Marmelade graviert, um sie von einander unterscheiden zu können. Mit dem spektakulären Fund zweier Dosen eines Besitzers kann belegt werden, dass wie durch Häftlingsaussagen zu vermuten war, Häftlinge zwei solcher Dosen besaßen: eine für Zucker und eine für Marmelade.

Die Reihenbildung biographischer Erzählungen ermöglicht den Vergleich der präsentierten Lebensläufe. Daraus soll die Erkenntnis erwachsen, dass es keine pauschale Antwort auf die Frage der Schuld und Unschuld gibt. Das Spektrum der vorgestellten Lebensschicksale erfasst unterschiedlichste Verhaftungsgründe, Altersklassen und soziale Schichten. Es reicht vom Jugendlichen, der unter Werwolfverdacht verhaftet wurde, über eine als britische Spionin verdächtigte Frau oder einen NSDAP-Ortsbauernführer bis zum namenlosen sowjetischen Häftling. Von Häftlingen aller Häftlingsgruppen des Speziallagers – von Internierten, SMT-Verurteilten und ausländischen Häftlingen – sind Dosen überliefert mit Ausnahme der Gruppe der deutschen Wehrmachtsoffiziere. Sie hatte das Lager bereits seit Monaten zum Arbeitseinsatz in der Sowjetunion verlassen, als die Dosen 1947 in Umlauf kamen.

Am Ende entsteht das Bild einer heterogen zusammengesetzten Häftlingsgesellschaft. Damit wird ein wichtiger Bildungswert der »Museumsdinge« erreicht. In der Vielzahl und dem Nebeneinander unterschiedlicher Häftlingsgruppen unterscheidet sich Sachsenhausen von allen anderen Speziallagern. Damit repräsentiert die Gesamtheit der Dosen ein wichtiges Charakteristikum des Speziallagers Sachsenhausen.

Die Ausstellung ist im Veranstaltungsraum des 2001 eröffneten Speziallager-Museums zu sehen. Die Wahl dieses Ausstellungsortes bedeutete eine besondere Herausforderung an das Gestalterteam Frey/Aichele. Sie haben es geschafft, dass die Ausstellung durch Farbe, Material und räumliche Anordnung, schnörkellose und unprätentiöse Darstellung Würde und Ernsthaftigkeit erreicht. Dadurch sind Museumsgebäude, Dauerausstellung und Sonderausstellung zu einer ästhetischen Einheit zusammengewachsen.

Die geborgenen Fundstücke und überlieferten Erinnerungstücke werden so präsentiert, das die von Häftlingen befürchtete Verharmlosung durch klare Kontextualisierung verhindert wird, die Exponate entgegen ihrer kontrafaktischen Aura ihre jeweilige Bedeutung transportieren können und der Besucher eine Ausstellung vorfindet, die im klassischen Sinne ein Ort der Selbstbildung oder ein moderner, offener außerschulischer Lernort ist.

Zur Ausstellung ist ein Faltblatt erschienen.[1]

 

Dr. Ines Reich ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen zuständig für die Erforschung der Geschichte des sowjetischen Speziallagers Nr. 1/Nr. 7 in Sachsenhausen und Kuratorin der hier vorgestellten Ausstellung.

 

[1] Ines Reich, Iris Hax, Marlies Coburger, »Bittersüß« – Geschichte(n) des Hungers, Zuckerdosen aus dem sowjetischen Speziallager Sachsenhausen 1945–1950. Faltblatt zur Sonderausstellung der Stiftung Brandenburgischen Gedenkstätten zur Erinnerung an den 60. Jahrestag der Einrichtung des sowjetischen Speziallagers Nr. 7/Nr.1 in Sachsenhausen vom 12. 8. 2005 bis 31. 8. 2006. Siehe auch Ines Reich, Bittersüß – der Geschmack des Überlebens. Kleine Dosen lösen in der Gedenkstätte Sachsenhausen ein großes Forschungsprojekt aus, in: Das MuseumsMagazin 2006, hrsg. vom Deutschen Museumsbund e.V., S. 28–29.