Etwa 60 km östlich von Göttingen befindet sich in den südlichen Ausläufern des Harz-Gebirges eine kleine 3 km lange und 100 m hohe Erhebung, der Kohnstein. Nicht weit von der thüringischen Stadt Nordhausen entfernt wurde der Kohnstein gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Schauplatz modernster Hochtechnologie und grausamster Menschenverachtung zugleich. Mithilfe von KZ-Häftlingen wurde dort die größte unterirdische Rüstungsfabrik der damaligen Zeit gebaut, das sogenannte »Mittelwerk«. In ihr produzierten die Häftlinge im Verbund mit deutschen Ingenieuren und Zivilangestellten Rüstungsgüter, die man gemeinhin als Geheimwaffen des Dritten Reichs bezeichnet. Zu ihnen gehörte die V1-Flugbombe, ein Vorläufer der heutigen »Cruise Missile«-Waffen und die V2-Fernlenkwaffe, die erste große Flüssigkeitsrakete der Welt. Heute wissen wir, dass etwa 20000 Häftlinge dort ihr Leben lassen mussten.
Die moderne mit High-Tech gefüllte Waffenschmiede »Mittelwerk« auf der einen Seite und die menschenverachtende Ausbeutung der im angrenzenden Konzentrationslager »Dora« inhaftierten Häftlinge sind das Thema der Sonderausstellung »Bilder aus Dora – Zwangsarbeit im Raketentunnel 1943–1945« vom 19. Januar bis 27. Juli 2001 im Deutschen Museum in München, die vom französischen Zentrum für Kriegs-und Raketengeschichte »La Coupole« konzipiert und erstellt wurde.
Auslöser für diese Ausstellung waren Farbfotos, die erst 1998 überraschend entdeckt wurden. Es sind die einzigen uns heute bekannten ausführlichen Fotodokumente, welche die gerade anlaufende V2-Raketnproduktion im Mittelwerk im Sommer 1944 dokumentieren. Aufgenommen hatte sie der bekannte Kameramann und Fotograf Walter Frentz, der für Hitler eine eindrucksvolle Fotodokumentation der gigantischen unterirdischen Fabrik und der neuen spektakulären V2-Rakete erstellen sollte.
Die Fotos von Walter Frentz sind gestellte Aufnahmen, die nichts von der Grausamkeit des KZ-Lagersystems erahnen lassen. Es war die Idee von Yves Le Maner und André Sellier von »La Coupole«, diesen Fotos Zeichnungen aus den Privatsammlungen ehemaliger Häftlinge aus Dora gegenüber zu stellen, um so die zwei »Gesichter« des Komplexes Dora-Mittelbau zu zeigen.
Erst beim Umzug seines mittlerweile 90jährigen Vaters in ein Altersheim fand der Sohn von Walter Frentz den alten Überseekoffer mit den Farbaufnahmen. Er überredete seinen Vater, die wertvollen Bilder zu veröffentlichen und dem Ullstein-Bilderdienst in Berlin zur Verfügung zu stellen.
Walter Frentz wurde bekannt als linientreuer Kameramann Leni Riefenstahls für ihren Parteitagsfilm »Triumph des Willens« und später für den ebenfalls propagandistischen Olympiafilm »Fest der Völker« 1936. Offiziell war Frentz Kriegsberichterstatter der Luftwaffe; durch Leni Riefenstahl und die Unterstützung des Rüstungsministers Albert Speer bekam er Zugang zum inneren Kreis um Hitler. »Frentz, das ist unser Fliegender Holländer, er ist überall und nirgendwo«, so Hitler zu Goebbels 1941. Als quasi persönlicher Kameramann stammen viele interne und private Aufnahmen aus Hitlers Bereich von ihm, so auch eine der letzten Filmsequenzen, die einen körperlich gebrochenen Hitler zeigen, der an seinem Geburtstag im April 1945 auf dem Gelände der Reichskanzlei in Berlin Orden an Hitler-Jungen verteilt.
Die Filmbiographie von Jürgen Stumpfhaus über Walter Frentz trägt sehr treffend den Titel »Das Auge des Dritten Reichs«.
Die Filme von Frentz wurden kurz vor Kriegsende beschlagnahmt. Wahrscheinlich übersah die Gestapo die unscheinbare Tüte mit den etwa 100 Diapositiven, die neben den Aufnahmen aus dem Mittelwerk auch Fotos von dem V2-Testgelände »Heidelager« in der Nähe des polnischen Ortes Blizna enthielten.
Nachdem Mitte August 1943 britische Bomber große Teile der Raketenversuchsanstalt Peenemünde an der Ostsee stark beschädigten, beschloss man sehr schnell, die geplante Produktion der V2-Rakete unter Tage zu verlagern. Die im Kohnstein schon vorhandenen Anlagen der »Wifo« (Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft), schienen für den Ausbau zu einer unterirdischen Fabrik sehr geeignet, auch im Hinblick auf die geografische Lage inmitten des »Großdeutschen Reichs«. Die »Wifo« war eine staatliche Gesellschaft, die dort seit 1935 Anhydrit abbaute, das man zur Herstellung von Gips und in der chemischen Industrie brauchte. Die IG Farben verwandte den Abraum als Rohstoff, und die »Wifo« lagerte in den Stollen aus strategischen Gründen Treibstoffvorräte und verschiedene andere Produkte.
Nach dem Beschluss zur Beseitigung des Tanklagers und der Einrichtung des Mittelwerks wurde im Süden am Fuße des Bergs Gelände gekauft, um nebeneinander ein Konzentrationslager, das dazugehörige SS-Lager und die Eisenbahn- und Straßenausgänge der unterirdischen Fabrik anzulegen. Mit der Leitung der Arbeiten betraute man Hans Kammler, ein Ingenieur mit hohem SS-Rang, der gegen Kriegsende die gesamte Zuständigkeit für Produktion und Einsatz der V2-Rakete übernahm.
Die ersten KZ-Häftlinge kamen schon 1943 vom KZ Buchenwald nach Dora. Sie mussten unter unsäglichen Bedingungen monatelang im Berg schuften und dort auch schlafen. Denn die Einrichtung der Fabrik hatte höchste Priorität. Am südlichen Ende des Tunnelsystems richtete man in den ersten vier Quergängen die berüchtigten »Schlafstollen« her. Die hygienischen Zustände waren unbeschreiblich. Die dort aufgestellten mehrstöckigen Pritschen wurden im Schichtwechsel von verschiedenen Häftlingen belegt. Der Lärm der Minenarbeiten, die Abgase der Dynamitexplosionen, der Gesteinsstaub und die ständig präsenten Kapos und SS-Aufseher machten das Leben zur Hölle. Die Sterblichkeitsrate war extrem hoch. Rüstungsminister Albert Speer besuchte die Baustelle im Dezember 1943 und nannte die Bedingungen für die Häftlinge »barbarisch«. Das als Mitleid zu interpretieren wäre aber falsch, denn Speer lobte gleichzeitig ausdrücklich seinen Untergebenen Kammler für die rasche und konsequente Einrichtung der Fabrik. Speer war klar, dass mit einer so hohen Sterblichkeitsrate und unter solchen Bedingungen keine reguläre langfristige Produktion von High-Tech-Waffen möglich war. Daher war es nur logisch, dass er sich als Rüstungsminister für eine Verbesserung der Umstände einsetzte. Erst im Frühjahr 1944 wurde am südlichen Tunnelausgang das Konzentrationslager Dora eingerichtet, mit allen dazugehörigen Einrichtungen und die »Schlafstollen« konnten aufgelöst werden.
Die V2-Rakete jedoch war Anfang 1944 von ihrer Entwicklung her noch weit von der Einsatzreife entfernt. Auf einem ehemaligen Artillerieschießplatz der polnischen Armee bei Blizna wurden umfangreiche Abschussversuche mit der V2-Rakete gemacht. Wernher von Braun, technischer Leiter der V2-Entwicklung und Walter Dornberger, sein militärisches Pendant, arbeiteten in dieser Zeit eng mit dem Mittelwerk zusammen. Ständig mussten Verbesserungen an der Rakete in die anlaufende Produktion im Kohnstein eingebracht werden. Im Mai 1944 begann im Mittelwerk die eigentliche Serienproduktion der V2-Rakete. Gleichzeitig wurde in den freigewordenen »Schlafstollen« die Produktion der V1-Waffe eingerichtet. Die nördliche Hälfte des Tunnelsystem wurde durch Beschluss des Jägerstabes für die Herstellung von Junkers-Flugzeugmotoren verwendet, vor allem für die Produktion der neuen Strahlturbine für den ersten Militärjet, die Messerschmitt Me 262. Das sogenannte »Nordwerk« war strikt von der V2- und V1-Herstellung im südlichen Tunnelsystem getrennt, denn bei Junkers arbeiteten nur Zivil-Angestellte im Tunnel.
Für die technisch besonders anspruchsvollen Arbeiten an der V2-Rakete hatte man unter den KZ-Häftlingen von Buchenwald »Spezialisten« ausgesucht, vorwiegend Franzosen, denen man diese Aufgaben zutraute. André Sellier, Autor des gerade auf deutsch erschienenen Buches »Zwangsarbeit im Raketentunnel – Die Geschichte des Lagers Dora« und ehemaliger Dora-Häftling erzählt: »Ein Angestellter in Buchenwald fragte mich nach meinem Beruf. Ich antwortete: Professor für Geschichte. Er musterte mich mit zweideutigem Blick. Dann zeigte er auf mich und sagte: ab sofort sind Sie Elektromechaniker.« So gelangte André Sellier nach Dora und arbeitete als »Spezialist« an der Kreiseljustierung der V2-Rakete. Die Spezialisten erfuhren eine Vorzugsbehandlung bis gegen Ende der Produktion im März 1945. Trotzdem unterlagen sie dem gleichen menschenverachtenden KZ-Lagersystem und konnten nur mit viel Glück die schrecklichen Evakuierungstransporte im April 1945 überleben. Die Aufnahmen von Frentz im Mittelwerk zeigen einige dieser ausgewählten »Spezialisten« bei ihrer Arbeit. Die Szenen wurden ganz professionell von ihm inszeniert. Die Häftlinge mussten sauber rasiert sein und sollten auf keinen Fall etwa aussehen wie »Ostarbeiter«. Hitler musste beeindruckt werden, durch die gigantischen Ausmaße der unterirdischen Fabrik, durch die Kompliziertheit der neuen Waffe, durch den scheinbar gelungenen Einsatz von KZ-Häftlingen in Zusammenarbeit mit deutschen Ingenieuren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt über die Fotos:
»Die Verfremdung durch den Sklavenhalterblick geht aber jedenfalls nicht so weit, dass dem Betrachter suggeriert würde, in der Montagehalle seien fröhliche Stimmen werktätiger Menschen zu hören. Die gestreifte Häftlingskleidung stellt außer Zweifel, dass diese Ausgebeuteten, obwohl ihre Aufmerksamkeit ganz der Arbeit zu gehören scheint, ihr Schicksal nicht vergessen konnten und nicht vergessen sollten.«
Die Kehrseite der Medaille wird auf den Fotos von Frentz nicht gezeigt. Er blendet Wehrmachtsangehörige, Kapos, SS-Leute systematisch aus. Hier setzen die Ausstellungsmacher gezielt den Kontrapunkt der Ausstellung an. Zeichnungen ehemaliger Häftlinge wie Léon Delarbre und Maurice de La Pintière dokumentieren die Realität des Lagers.
Transportkolonnen, Minenarbeiten, Häftlingskameraden, SS-Aufseher, Kapos, Hinrichtungen, ausgemergelte Körper, Leichen sind auf den heimlich gemachten und unter großer Lebensgefahr versteckten Zeichnungen zu sehen. Maurice de La Pintière porträtierte die ausgemergelten Gesichter seiner Mithäftlinge oder karikierte die mit der SS kooperierenden Kapos, die zumeist aus den Reihen der »grünen«, der kriminellen deutschen Zwangsarbeiter stammten.
Über die Authentizität der Fotos gibt es keine Zweifel. Noch lebende ehemalige Häftlinge haben sich und andere auf den Bildern wieder erkannt. Auf einigen Fotos ist auch eine Häftlingsnummer erkennbar. Und schließlich weiß man, wer die Fotos gemacht hat.
Den Ausstellungsmachern war durchaus das Risiko bewusst, dass mit der Präsentation der schöngefärbten Farbfotos von Frentz, die – so Yves Le Maner – die schwarzweiße Welt der üblichen KZ-Dokumentationen durchbrechen, vielleicht ein falscher Eindruck entstehen könnte.
»Wir wissen, dass das Thema ›Zwangsarbeiter im Nationalsozialismus‹ ein äußerst sensitives Thema ist, bei dem eine Menge von Fallstricken ausliegen, in die man sich nur allzu leicht verwickeln kann«, so der Direktor des Forschungsinstituts des Deutschen Museums Prof. Dr. Helmuth Trischler bei der Eröffnung der Sonderausstellung. Gerade auch wegen der sensitiven Problematik des Themas in Deutschland hat sich unser Museum entschieden, diese Ausstellung unserer französischen Kollegen in München zu zeigen. »Bilder aus Dora« soll ein Beitrag sein, technikhistorische Fakten nicht nur unter dem technischen Aspekt der Öffentlichkeit zu präsentieren, sondern in einem breiteren Kontext, der die globalen Zusammenhänge erkennen lässt.
»Allzu häufig kommt der Entstehungs- und mehr noch der Verwendungszusammenhang von Wissenschaft und Technik im Deutschen Museum zu kurz, tritt zurück gegenüber der vermeintlichen Eigendynamik der wissenschaftlichen-technologischen Entwicklung, die den Menschen – als Individual- oder Kollektivakteur – in seiner Doppelrolle als Erzeuger und Nutzer von Technik weitgehend ausblendet«, so Prof. Dr. Trischler.
All zu lange stand die Wunderwaffe V2-Rakete allein im Fokus der herausragenden Entwicklungsleistungen deutscher Wissenschaftler und Ingenieure, die den »Mythos der deutschen Raketenpioniere« begründeten. Die FAZ schreibt in einem Artikel anlässlich der Ausstellungseröffnung:
»Schuß ins Weltall nannte der ehemalige militärische Leiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, Walter Dornberger, 1953 seine Autobiographie, in der er über die Karriere einer großen Erfindung schrieb. Sein Buch markierte den Beginn nicht abreißender Legitimationsversuche von Ingenieuren, Technikern und Militärs, die von einer Mitschuld an KZ-Verbrechen nichts wissen wollten«.
Erfreulicher Weise beschäftigen sich zunehmend gerade auch jüngere Historiker mit der Thematik des Technologietransfers vom hochtechnisierten Nazi-Deutschland in die Länder der Siegermächte.
Es bleibt zu hoffen, dass mit der Zeit so auch in der Öffentlichkeit ein korrektes umfassendes Bild der Gesamtproblematik entsteht. Das Deutsche Museum möchte mit der Sonderausstellung »Bilder aus Dora« einen Beitrag dazu leisten.
Katalog zur Ausstellung
Yves Le Maner, André Sellier: Bilder aus Dora.
Westkreuz-Verlag, Berlin, 88 S., 153 Abb., erscheint im Februar 2001
Buch zur Ausstellung
André Sellier: Zwangsarbeit im Raketentunnel. Geschichte des Lagers Dora.
Klampen-Verlag, Lüneburg, 2000, 627 S., 28 Abb.