»Bientôt, la liberté nous reviendra« Freiheit – so nah, so fern …

Das doppelte Ende des Konzentrationslagers Natzweiler 1944/45 – Grenzüberschreitende Ausstellung zum 70. Jahrestag der Befreiung der Lager beiderseits des Rheins
10/2014Gedenkstättenrundbrief 175, S. 30-32
Arno Huth, Frédérique Neau-Dufour, Dorothee Roos

Historischer Hintergrund

Das Jahr 1944 ist für die Befreiung Europas vom Joch der NS-Diktatur von entscheidender Bedeutung. Die Landungen der Alliierten in der Normandie und in Südfrankreich sowie die Offensiven der Roten Armee im Osten rücken das Kriegsende und damit die Freiheit in scheinbar greifbare Nähe. Vor diesem Hintergrund beginnt im September 1944 das letzte Kapitel in der Geschichte des Konzentrationslagers Natzweiler.

Gegründet im Frühjahr 1941 an einer Fundstelle von rosa Granit in den Vogesen im annektierten Elsass, ist dieses Lager zum großen Teil mit politischen Häftlingen aus den europäischen Widerstandsbewegungen belegt worden. Die Männer werden zunächst im Steinbruch zu härtester Arbeit eingesetzt. Doch die Qualität des Granits erweist sich als ebenso brüchig wie die Siegesserie Nazideutschlands. Die Arbeitskraft der Häftlinge wird dann zunehmend auch in der Rüstungsindustrie ausgebeutet. In den ab 1943 zahlreich entstehenden Außenlagern direkt an Produktionsstandorten auf beiden Seiten des Rheins schuften Tausende von Gefangenen aus allen europäischen Ländern für die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches.

Das langsam voranschreitende Ende des Lagerkomplexes Natzweiler-Struthof kann in zwei Phasen unterteilt werden. Zunächst werden im Zuge des Vormarschs der Alliierten die Lager links des Rheins aufgelöst, das »Lager Natzweiler« wird insgesamt nach Osten über den Rhein verschoben. Dabei ist der Name ab diesem Zeitpunkt gleichsam mit Anführungszeichen zu lesen, da Natzweiler-Struthof als geografischer Ort längst im von den Alliierten befreiten Gebiet liegt.

Die Häftlinge, die sich Ende August 1944 im Hauptlager befinden, werden fast alle in den ersten Septembertagen des Jahres 1944 nach Dachau transportiert. Die Kommandantur hingegen verbleibt zunächst im nahe dem Lager gelegenen Hotel Struthof, im November wird sie in die badischen Neckardörfer Guttenbach und Binau verlagert. Der Kommandant Fritz Hartjenstein und sein Verwaltungsstab reorganisieren den nur noch aus Außenlagern bestehenden Komplex; die Kommandantur arbeitet noch monatelang in gewohnter Effizienz … Mit dem Jahreswechsel 1944/1945 zeigen auch die Lager auf der rechten Rheinseite Auflösungserscheinungen. Spätestens, nachdem die Alliierten am 22./23. März bei Oppenheim südlich von Mainz den Rhein überschreiten und rasch auch nach Baden und Württemberg vorstoßen, beginnt die Zeit der Evakuierungen und Todesmärsche – bis zum »wirklichen Ende« im April/Mai 1945.

Ein grenzüberschreitendes Ausstellungsprojekt

Die Doppelstruktur des geschilderten Prozesses fordert eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit von französischen und deutschen HistorikerInnen geradezu heraus. Kontakte bestehen schon lange, auch der Austausch von Forschungsergebnissen hat sich etabliert, das gemeinsame Ausstellungsprojekt krönt nun in gewisser Weise diesen Prozess.

Das Besondere dabei: die Profis des Centre Européen du Résistant Déporté (CERD) und die Ehrenamtlichen in Baden-Württemberg haben sehr gut zusammengearbeitet – auf der Seite des Landes sind insgesamt zehn Gedenkstätten und Gedenkorte an ehemaligen Außenlager-Standorten beteiligt, dazu der Fachbereich Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Mit Cochem und Mörfelden-Walldorf haben sich aber darüber hinaus auch Orte in Rheinland-Pfalz und Hessen in den Prozess eingeschaltet.

Die Finanzierung wurde ebenfalls gemeinsam gemeistert, die französische Seite, genauer gesagt das Office National des Anciens Combattants et Victimes de Guerre (ONACVG) übernimmt dabei den größeren Teil, das Land Baden-Württemberg beteiligt sich im Rahmen der Gedenkstättenförderung, zusätzlich leistet die Stadt Offenburg einen eigenen finanziellen Beitrag.

Ein deutsch-französisches Team aus CERD und KZ-Gedenkstätte Neckarelz hat die Konzeption entwickelt; dabei war der Wissenschaftliche Beirat des CERD unter dem Vorsitz von Dr. Robert Steegmann eingebunden. Dasselbe Team hat anschließend die notwendigen Aufgaben bei Organisation und Koordination übernommen.

Eine Dauerausstellung, vier Wanderausstellungen

Auch die Art der Präsentation der erarbeiteten Inhalte weist einen Doppelcharakter auf. Die stabil gefertigte Dauerausstellung wird im Centre Européen du Résistant Déporté (CERD) an der Gedenkstätte des ehemaligen Lagers Natzweiler-Struthof vom 13. September 2014 bis zum 1. September 2015 gezeigt, angereichert zudem durch zahlreiche dreidimensionale Objekte, vom kleinen Werkzeug bis zum amerikanischen Jeep.

Die leichtere, rasch aufzubauende Wanderausstellung ist gleich in vier Versionen hergestellt worden. Sie wird im Herbst 2014 in einigen lothringischen und elsässischen Gemeinden gezeigt, meist Standorte ehemaliger Außenlager (Ste-Marie-aux-Mines, Obernai, Peltre, Urbès, Metz), aber auch im hessischen Mörfelden-Walldorf. Im Jahr 2015 wird sie dann an mindestens 15 Ausstellungsorten in Baden-Württemberg zu sehen sein, aber auch in Paris und Colmar. Ein Schwerpunkt liegt dabei im Frühjahr 70 Jahre nach dem Ende der »Konzentrationslager vor der Haustür« in Südwestdeutschland. Am 27. Januar 2015 wird die Ausstellung in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart bei der Gedenkfeier des Landtages für die Opfer des Nationalsozialismus vorgestellt.

Die Dauerausstellung im CERD ist dreisprachig (französisch/deutsch/englisch), die Wanderausstellung zweisprachig deutsch und französisch konzipiert. Die beiden Ausstellungstitel unterscheiden sich dabei in ihrem Charakter. Der französische Titel der Ausstellung lässt vorsichtige Hoffnung anklingen: Er zitiert einen Satz aus dem Lied »La voix du rêve«, das der Natzweiler Häftling Arthur Poitevin am 19. Januar 1944 gedichtet und komponiert hat. Sein Lied fasst den kollektiven Willen zum Überleben in Worte.

Der deutsche Titel »Freiheit – so nah, so fern« drückt hingegen eher ein Gefühl der Enttäuschung aus. Denn die Häftlinge, die im Herbst 1944 die Befreiung zum Greifen nah wissen, müssen über den Rhein nach Osten ziehen – was die Freiheit in weite, fast unerreichbare Ferne rückt. Beide Titel zusammengenommen lassen in ihrer Spannung etwas von der emotionalen Ambivalenz der letzten Monate vor der Befreiung ahnen.

Informationen über Ausstellungsorte, Präsentationsdauer, Öffnungszeiten, Begleitprogramme und weitere nützliche Informationen findet man auf der Homepage der baden-württembergischen Gedenkstätten (www.gedenkstaetten-bw.de).

Texte, Karten, Biografien – und stets ein lokaler Bezug

Das Schlusskapitels der Geschichte von Natzweiler und seinen Außenlagern weist eine besondere Dynamik in Raum und Zeit auf, der die Ausstellung Rechnung trägt. Zur geografischen Orientierung und zum Kennenlernen des komplexen räumlichen Netzwerks der Orte dienen die zahlreichen Karten; die erläuternden Texte liefern einen zeitlichen roten Faden. Persönliche Schicksale erleichtern den Zugang für die pädagogische Arbeit. Denn die Geschichte des quälend langsamen »doppelten Endes« wird durch exemplarische Lebensgeschichten gespiegelt: Zehn Biografien sind in die Ausstellung eingearbeitet und zeigen das breite Spektrum der Lebenswege, der Haftgründe und der individuellen Schicksale der Gefangenen, die aus ganz Europa kommen. Außerdem fügt jeder Ausstellungsort einen lokalen Text hinzu: entweder eine Beschreibung des örtlichen Lagers oder eine Biografie, die in besonderer Weise mit dem jeweiligen Außenlager verknüpft ist. Die Verantwortlichen hoffen, dass die Ausstellung auf beiden Seiten des Rheins ein lebhaftes Echo findet.
 

Arno Huth ist stellvertretender Vorsitzender KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: wissenschaftliche Forschung zur Auflösung des KZ-Komplexes Natzweiler-Struthof und den Todesmärschen.

Frédérique Neau-Dufour ist seit 2011 Leiterin des Centre Européen du Résistant Déporté und der Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Struthof. Arbeitsschwerpunkte: Forschungen zur Résistance und zur Familie de Gaulle.

Dorothee Roos ist Vorsitzende der KZ-Gedenkstätte Neckarelz e.V. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Gedenkstättenpädagogik, Öffentlichkeitsarbeit, grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Frankreich.

Alle Genannten sind Mitglied des deutsch-französischen Ausstellungsteams.