Gedenkstätten sollen Orte der Trauer und Erinnerung, der Forschung im Bereich der Schicksalsklärung, Einrichtungen der politischen Bildung und für die Politik nicht selten ein Instrument zur Prävention und Abwehr rechtsextremistischer Gesinnung sein. Ihrem Selbstverständnis nach dienen Gedenkstätten der Vermittlung von Kenntnissen der Geschichte eines historischen Ortes und dessen Kontextualisierung in den jeweiligen geschichtlichen Referenzrahmen. Aber vor allem fühlen sie sich der Weitergabe des Vermächtnisses der ehemaligen Häftlinge und ihrer Leidensgeschichten verpflichtet. Neben dieser gewaltigen Aufgabe verzeichnen die großen Gedenkstätten, insbesondere die KZ-Gedenkstätte Dachau, alljährlich einen großen Zuwachs an Gruppen- und Einzelbesucher/-innen aus der ganzen Welt. Seit einigen Jahren entdecken zunehmend »neue« Besuchergruppen aus dem ost- und südosteuropäischen, arabischen, asiatischen und südamerikanischen Raum die KZ-Gedenkstätte Dachau.[1] Im vergangenen Jahr konnte die Bildungsabteilung etwa 150 000 Besucher/-innen in etwa 5000 Bildungsangeboten[2] pädagogisch betreuen. Der größte Teil waren süddeutsche und italienische Schulklassen. Neben ihnen besuchten ca. 50 % der Besucher/-innen die KZ-Gedenkstätte Dachau im Rahmen touristischer Programme. Auf ihre unterschiedlichen kognitiven wie emotionalen Zugänge, Kenntnisse, kulturellen Hintergründe und Narrative können wir bislang zu wenig eingehen. Um diese Zielgruppen erreichen zu können, müssen wir ihre Motivationen für den Gedenkstättenbesuch und ihre Erwartungen an ihn näher kennenlernen, benötigen wir Informationen über ihre Kenntnisse. Auf welchem Wissen kann die Vermittlungsarbeit vor Ort aufbauen, damit die Besucher/-innen das Vermittelte verstehen können? Wie können an dem Lernort KZ-Gedenkstätte Bildungsideale wie die Förderung selbstständigen Denkens und Urteilens Besuchern/-innen aus unterschiedlichen internationalen – und daher schwer vergleichbaren – Bildungswegen und -strukturen nahe gebracht werden? Angesichts der sich wandelnden Besucherschaft und dem sich kontinuierlich vergrößerndem zeitlichen Abstand zur Geschichte des historischen Ortes, hat sich die KZ-Gedenkstätte Dachau entschieden, einer erforderlichen qualitativen Forschung eine zunächst quantitative Erhebung von Basis-Daten voranzustellen.
Neben der Erfassung soziodemografischer Daten waren verschiedene andere Aspekte von Bedeutung. Neben den oben genannten Gesichtspunkten interessierten wir uns dafür, welche Funktion die Besucher/-innen der Gedenkstätte zuweisen. Außerdem wollten wir wissen, ob die Besucher/-innen sich auf einen Besuch vorbereiten und falls ja, in welcher Art. Zudem fragten wir ab, welche Interessen die Besucher/-innen in die KZ-Gedenkstätte mitbringen. Auch das Besuchsverhalten wurde thematisiert. So umfasste der Bogen neben der Frage nach der Besuchshäufigkeit auch die nach der Dauer des Besuchs und der besichtigten Bereiche. Weitergehend baten wir um eine Bewertung von Informationsangeboten, Serviceleistungen und der bereitgestellten Infrastruktur. Damit reiht sich die Untersuchung, die im Folgenden kurz umrissen werden soll, eher in den Bereich der Besucherforschung ein und ist weniger orientiert an der Rezeption oder einer Untersuchung der Wirkung der Gedenkstätte auf ihre Besucher/-innen.
2012 konzipierte die KZ-Gedenkstätte Dachau[3] gemeinsam mit »SIM-Empirische Studien und Evaluation, München« (SIM) eine quantitative Besucherstudie, in der in mehreren Wochen, über den Zeitraum von einem Jahr, Besucher/-innen der KZ-Gedenkstätte Dachau nach dem Besuch, noch vor Ort, gebeten wurden, einen Fragebogen auszufüllen. Da die letzte Studie ähnlicher Art bereits fünf Jahre zurücklag, war das primäre Ziel nicht die Erforschung der Wirkung des Besuchs. Vielmehr stand im Vordergrund das Interesse, die Veränderungen des Verhaltens und der Zusammensetzung der Gedenkstätten-Besuchenden besser zu erkennen, um perspektivisch gedenkstättenpädagogische Angebote entsprechend ausrichten und entwickeln zu können. Dazu interessierte uns die Rückmeldung der Besucher/-innen hinsichtlich der Bildungsangebote, insbesondere des im Museum gezeigten Dokumentarfilms sowie des Audioguide-Angebots, der Rundgänge und der Dauerausstellung.
Letztlich wollten wir wissen, ob die Besuchenden persönliche Erkenntnisse durch den Gedenkstättenbesuch gewinnen konnten und wie sie die Gedenkstätte insgesamt bewerten. Durch die Fülle der Aspekte ergab sich ein umfangreicher Fragebogen, für dessen Beantwortung die meisten zwischen 15 und 30 Minuten benötigten.
Um die Zielsetzung einer repräsentativen Befragung zu erreichen, musste ein breiter Überblick über das Gesamtspektrum der Besucher/-innen gewonnen werden. Neben den erwachsenen Einzelbesucherinnen und -besuchern, die die Gedenkstätte individuell mit oder ohne Audioguide besuchten, sollten auch diejenigen Personen, die die Gedenkstätte in einer geführten Gruppe besichtigten, befragt werden. Zum ersten Mal wurden auch Schulklassen in die Befragung integriert.
Dieser Anspruch machte mehrere einwöchige Befragungen in Phasen unterschiedlichen Besuchsaufkommens notwendig und bedeutete auch, dass die Erhebungsbögen in möglichst vielen Sprachen zur Verfügung stehen mussten. Zudem bedurfte es Interviewer/-innen, die diese Sprachen abdeckten, um die Besucher/-innen ansprechen zu können. Der Fragebogen lag neben Deutsch in acht weiteren Sprachen vor (Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Polnisch, Russisch und Hebräisch). Die Vorbereitung (Schulung und Einweisung des Personals) erfolgte jeweils rechtzeitig vor Beginn der jeweiligen Befragungswellen durch SIM und die projektbeteiligten Mitarbeiterinnen der KZ-Gedenkstätte Dachau. Für alle drei Gruppen wurde eine schriftliche Befragung mittels eines teilstandardisierten Fragebogens durchgeführt. Dieser beinhaltete an die jeweilige Besuchsform angepasste geschlossene Fragen, aber auch die Möglichkeit, einige Fragen in offener Form zu beantworten. Um repräsentative Ergebnisse zu erhalten, wurden die Befragten stichprobenartig ausgewählt und gebeten den Bogen anonym zu beantworten.
Neben drei Befragungswochen für die Einzelbesucherinnen und -besucher wurden drei Befragungswochen für Gruppenbesucher/-innen durchgeführt. Daneben wurden über den Zeitraum von einer Woche auch Schulklassen befragt. Damit ergaben sich insgesamt sieben Befragungswochen über jeweils die gesamte Öffnungszeit. Es erklärten sich letztlich 1196 Einzelbesucher/-innen, 743 Mitglieder von Besuchergruppen und 536 Untersuchte aus Schulklassen bereit, an der Befragung teilzunehmen, sodass insgesamt 2475 teilstandardisierte Fragebögen auszuwerten waren. Im Folgenden sollen aus dem mehrere Hundert Seiten umfassenden Abschlussbericht von SIM die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden.
Die Studie erfasste zunächst die wichtigsten soziodemografischen Daten der Besucherinnen und Besucher wie Nationalität, Alter, Geschlecht und den jeweiligen Bildungsabschluss. Aufgrund der Internationalität des Gedenkstättenpublikums ist ein Vergleich mit dem Durchschnitt teilweise nur schwer möglich. In Bezug auf Alter oder Geschlecht unterscheidet sich der bundesdeutsche Durchschnitt nicht signifikant von den Herkunftsländern der meisten der internationalen Besucher/-innen, sodass diese Daten als Vergleich herangezogen werden konnten.
Der formale Bildungsabschluss ist dagegen wesentlich schwerer vergleichbar, da die Bildungssysteme und Abschlüsse große Unterschiede aufweisen. Da der Bildungsstatus jedoch ein wichtiges Kriterium für die Auswertung der Schichtzugehörigkeit ist, wurden Bildungsstatus und berufliche Stellung dennoch abgefragt.
Die Aufschlüsselung der Altersverteilung der erwachsenen Besucher/-innen zeigte, dass die jüngeren und mittleren Altersgruppen deutlich stärker vertreten sind als ältere Generationen. Das durchschnittliche Alter der Befragten lag lediglich bei 35 Jahren. Wobei zwischen Einzelbesucherinnen und -besucherinnen mit durchschnittlich 38 Jahren und Gruppenmitgliedern mit durchschnittlich 29 Jahren erhebliche Unterschiede bestanden. Die Geschlechterverteilung ist hingegen ausgeglichen. So waren 49,5 % der Befragten Frauen, Männer stellten 50,5 %. Allerdings zeigten sich deutliche Unterschiede beim Besuchsverhalten. So waren mehr Männer (53 %) als Frauen (47 %) als individuelle Gäste in der KZ-Gedenkstätte, umgekehrt waren Frauen häufiger in Gruppen zu finden (53,8 %) als Männer (46,2 %).
Bezüglich der Nationalität der erwachsenen Besucher/-innen lässt sich eine sehr heterogene Zusammensetzung konstatieren. Zwei Drittel der Befragten gaben an, ihren Wohnsitz im Ausland zu haben. Von diesen kamen die meisten aus Europa (64 %) oder Nordamerika (22 %). Im Ländervergleich kommen die meisten aus Italien (26 %) und den USA (19 %). Die restlichen Besuchenden aus dem Ausland verteilen sich auf Asien (5 %), Australien und Neuseeland (5 %), Südamerika (2,5 %), Israel (0,9 %) und Afrika (0,5 %). Im Vergleich zu früheren Erhebungen der KZ-Gedenkstätte ist vor allem eine starke Zunahme der Besuchszahlen aus dem asiatischen Raum erkennbar.
Wie bereits erwähnt, ist der Vergleich der formalen Bildungsabschlüsse bei einem internationalen Publikum schwer durchführbar. Die Auswertung der Bildungsabschlüsse der erwachsenen Besucher/-innen gliederte sich in vier verschiedene (jeweils je nach Sprache, möglichst angepasste) Bereiche. Die Verteilung von »(Fach-)Hochschulreife« (72 %), »Mittlerer Reife« (13 %), »Volks- und Hauptschule« (9 %) und »Noch kein Abschluss« (3 %) zeigt deutlich, dass die KZ-Gedenkstätte unverhältnismäßig häufig von Besuchenden mit sehr hohen Bildungsabschlüssen besichtigt wird. Bei der Beantwortung der Frage gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den Geschlechtern.
Auch die Auswertung der Frage zur beruflichen Stellung macht deutlich, dass die KZ-Gedenkstätte vor allem Interessierte in gehobenen beruflichen Positionen anspricht. Personen wie »Arbeiterinnen und Arbeiter« (3,8 %) oder »Arbeitslose« (1,3 %) hingegen waren bei der Befragung stark unterrepräsentiert.
Ein Teil der Studie bestand aus der Abfrage von Motiven für einen Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau sowie Interessen, Vorkenntnissen und Erwartungen an den Besuch. Die Befragung ergab, dass der größte Teil der Interessierten eine Motivation aufweist, die die persönliche Vergegenwärtigung des historischen Ortes in den Mittelpunkt stellt. Danach folgt ein historisches Interesse an der Geschichte des Nationalsozialismus.
Die Abfrage der Interessen gliederte sich in acht Themenbereiche, bei denen die Besucher/-innen einschätzen sollten, wie stark sie sich für das entsprechende Thema interessierten und wie viel sie darüber wussten. Die Frage nach dem »Geschichtlichen Interesse« wurde von 73 % mit »Hoch interessiert« beantwortet. Dementsprechend schätzten auch 60 % ihre Kenntnisse zur »Geschichte des Zweiten Weltkrieges« als hoch ein. Alle anderen abgefragten Themenfelder lagen weit dahinter zurück. So gaben beispielsweise nur noch 27 % an, Kenntnisse über Minderheiten im Nationalsozialismus zu haben, 29 % meinten, über Kenntnisse zur Weimarer Republik zu verfügen. Der Mittelwert der Selbsteinschätzung des eigenen Informationsstandes zu den verschiedenen Themenfeldern vor dem Besuch lag in der Befragung nur bei der Durchschnittsnote 3,3.
Hier zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen. Je älter die Befragten waren, desto besser schätzten sie ihren eigenen Informationsstand vor dem Besuch ein. Auch die Nationalität spielt eine entscheidende Rolle. Deutsche beurteilten sich wesentlich informierter als ausländische Besucher/-innen. Die Bewertung des eigenen Informationsstands in Abhängigkeit des angegebenen Bildungsstandes ist hingegen überraschend. Je niedriger die Untersuchten formell gebildet sind, desto höher bewerteten sie ihr eigenes Vorwissen.
Neben Motiven für einen Besuch und individuellen Interessen beeinflusst auch die Vorbereitung den Besuch einer KZ-Gedenkstätte in hohem Maße. Die Abfrage der Vorbereitung bietet der Gedenkstätte die Möglichkeit, ihre Angebote entsprechend auszurichten. Die Mehrzahl der erwachsenen Besucher/-innen äußerte sich positiv über eine mögliche Vorbereitung. So fanden 27 % eine Vorbereitung notwendig, 64 % halten diese für sinnvoll, immerhin etwas mehr als 10 % finden eine Vorbereitung auf den Besuch jedoch überflüssig.
Diejenigen, die sich auf den Besuch vorbereitet hatten (40 %), wurden weiterhin nach den genutzten Informationsquellen befragt, wobei Mehrfachantworten möglich waren. Die meisten der Befragten gaben an, dass sie im Internet recherchiert (50,1 %), Literatur gelesen (39,4 %) sowie die Homepage der Gedenkstätte besichtigt hatten (30 %). Etwa 26 % gaben außerdem an, dass sie sich mit ihrer Familie über den geplanten Besuch unterhalten hatten.
Weiterhin fragten wir ab, welche Funktion die Besucher/-innen der KZ-Gedenkstätte zuweisen, auch hier waren Mehrfachantworten möglich. Die meisten der Erwachsenen stellen die Erinnerungs- und Gedenkfunktion als besonders wichtig dar. So gaben beispielsweise 61 % der Befragten an, die wichtigste Funktion der KZ-Gedenkstätte Dachau müsse darin bestehen, die Erinnerung wachzuhalten. 27 % kreuzten an, dass die KZ-Gedenkstätte ein Ort der Wissensvermittlung sei. Lediglich 4,7 % beurteilten die Funktion der Gedenkstätte als Friedhof. Der Meinung, dass die KZ-Gedenkstätte keine besondere Funktion hat, waren 1,3 %.
Die Fragen zum Besuchsverhalten beinhalteten neben den besuchten Bereichen auch die Dauer des Besuchs und eine Bewertung der inhaltlichen Angebote. So wurden die Befragten gebeten, die erhaltenen Informationen durch Führungen, den Audioguide den Dokumentarfilm und die Ausstellungstafeln im Museum nach Verständlichkeit, Inhalt oder Ausführlichkeit zu bewerten.
Die meisten der erwachsenen Besucher/-innen hielten sich zwischen zwei und drei Stunden in der Gedenkstätte auf. Ungefähr 10 % nahmen sich bis zu einer Stunde Zeit und etwa 5 % blieben über vier Stunden in der Gedenkstätte.
Während des Besuchs besichtigten die Meisten die Baracken (95%), den Krematoriumsbereich (86%) und die Dauerausstellung der Gedenkstätte (78%). Der Bunker (67%) und die auf dem Gelände befindlichen Kirchen (48%) wurden weniger häufig besichtigt. Die Sonderausstellung hatte sich nur etwa jede/-r Fünfte angesehen.
Wie oben erwähnt, lag der Schwerpunkt der Besucherbefragung der KZ-Gedenkstätte nicht in der Wirkungsforschung des Besuchs einer KZ-Gedenkstätte. Abgefragt wurde dieser Themenbereich lediglich indirekt über die Frage, welche persönlichen Erkenntnisse die Befragten durch ihren Besuch gewannen. Mehrfachnennungen waren möglich. Der Fragebogen wurde noch vor Ort ausgefüllt, sodass keine Langzeitwirkungen, sondern lediglich subjektive Einschätzungen unmittelbar nach der Besichtigung der KZ-Gedenkstätte Dachau abgefragt werden konnten.
Vor allem zwei Aspekte wurden von den Besuchern/-innen genannt. 71,2 % gaben an, eine »Anregung zum Nachdenken« erhalten zu haben und 50,4 % beantworteten die Frage damit, »neue emotionale Erfahrungen« gemacht zu haben. 29,9 % nannten als Ergebnis »für aktuelle Entwicklungen sensibilisiert« worden zu sein, und 17,7 % hielten den Besuch für »ihre persönliche Entwicklung« relevant.
Im Gesamten beurteilten neun von zehn erwachsenen Befragten die Gedenkstätte als sehr gut oder gut. Die Durchschnittsnote, die der KZ-Gedenkstätte Dachau von den befragten Jugendlichen gegeben wurde, lag bei 1,7.
Von den erwachsenen Besuchern/-innen würden 92 % die Besichtigung empfehlen, 7 % waren sich unsicher. 1 % der Befragten würde von einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau abraten.
Im Rahmen der Schülerinnen- und Schülerbefragung beteiligten sich von 902 Angesprochenen aus 16 Schulgruppen deutscher Schulen aus Bayern und Baden-Württemberg[4] 536 Jugendliche an der Befragung. Die Begrenzung auf deutsche Schulklassen[5] erfolgte bewusst, da auf ihrer Grundlage für künftige, vergleichende Untersuchungen Basisdaten zu erheben waren. Die befragten Schüler/-innen hatten als Teilnehmende an Überblicksrundgängen vor der Befragung durchschnittlich 150 Minuten in der KZ-Gedenkstätte verbracht, wobei 63 % von ihnen die Dauer der Rundgänge als angemessen betrachtete.[6]
Das Durchschnittsalter der Befragten betrug 16 Jahre. Sie kamen zu fast gleichen Teilen aus mittleren (Realschule- sowie Wirtschaftsschule) und höheren Bildungseinrichtungen (Gymnasium); lediglich knapp 4 % kamen aus Hauptschulen. Berufsschulen waren in den Befragungszeiträumen in der Gedenkstätte nicht vertreten. 59 % der Schüler/-innen besuchten die neunte Jahrgangsstufe, zu 41 % waren Jugendliche aus zehnten Klassen vertreten. Gaben 46 % explizit an, dass es sich beim Gedenkstättenbesuch um ein Pflichtprogramm der Schule handelte, so stand für die Mehrheit die persönliche Vergegenwärtigung des historischen Ortes im Zentrum des Interesses. Befragt nach der gesellschaftlichen Diskussion um die Funktion von Gedenkstätten zwischen den Eckpunkten »Erinnern«, »Gedenken« und »Bilden« sowie »Lernen« stellten die befragten Jugendlichen das »Erinnern« und »Gedenken« eindeutig in den Vordergrund.
Mehr als die Hälfte, nämlich 61 % der Befragten, maß sich selbst ein hohes geschichtliches Interesse und hohe Kenntnisse über den Nationalsozialismus und die Geschichte des Zweiten Weltkrieges zu. Entsprechend hoch war daher ihre Erwartungshaltung vor dem Gedenkstättenbesuch. 42 % der Schüler/-innen gaben an, ein niedriges politisches Interesse und wenig historische Kenntnisse zu besitzen. Über die Aufarbeitung der NS-Verbrechen und NS-Prozesse hätten sie ein niedriges bis kein Wissen. Während diese Themen offenbar im schulischen Unterricht wenig thematisiert werden, gaben acht von zehn der befragten Jugendlichen an, in der Schule auf den Gedenkstättenbesuch vorbereitet worden zu sein. Ein überraschend großer Teil der Jugendlichen hatte sich auch individuell, etwa mithilfe eines (Dokumentar-)Films oder durch Gespräche im Familien- oder Freundeskreis informiert.
Alle Bildungsangebote der KZ-Gedenkstätte Dachau, auch die zweieinhalbstündigen Rundgänge über sechs bis 15 Stationen, folgen inhaltlich und im Ablauf dem Leitmotiv »Weg der Häftlinge« entlang von erhaltenen oder teilrekonstruierten historischen Gebäuden und topografischen Spuren. Nachdem der Eingang zum ehemaligen Häftlingslager, das Jourhaus sowie der Appellplatz passiert sind, werden der frühere Schubraum und das Häftlingsbad im Museum erreicht. Die Ausstellungsgestaltung im Schubraum erlaubt es, die Prozedur der Aufnahme und Registrierung, wie sie dort in den Jahren 1938 bis 1945 erfolgte, anhand ausgewählter Dokumente von Häftlingen und der SS-Lagerbürokratie zu erfassen. Dazu ist der ehemalige Schubraum Auftakt einer sich verändernden Erzählung: hier, an jenem Ort, an dem Menschen ihren Namen verloren und zur Nummer erniedrigt wurden, treffen die Besucher/-innen erstmalig im Museum auf individuelle Häftlingsschicksale. Sie werden anhand von Privatfotos aus der Zeit vor der Haft und Film-Berichten von Überlebenden erzählt und in der Vermittlungsarbeit quellenkritisch eingeordnet. Ein weiterer Erzählstrang verdeutlicht hier und insbesondere im ehemaligen Häftlingsbad eindringlich die Mittel, mit denen die SS die vollkommene Unterwerfung des einzelnen Häftlings unter die Lagerordnung und die Brechung seiner Persönlichkeit verfolgte.
Um die Beurteilung der Wirkung von verschiedenen Ausstellungseinheiten abzufragen, wurden Erwachsene und zudem 319 Schülerinnen und Schüler, die das Museum besucht hatten, gebeten, für die Gedenkstätte wesentliche Kriterien anhand von Schulnoten zu bewerten. Bei den Jugendlichen schnitten die »Fotos und Zeichnungen« im Museum am besten ab; von den Exponaten hatten sie der Krematoriumsbereich, die Baracken, der Prügelbock, das Brausebad sowie die persönlichen Dokumente am meisten beeindruckt. Hingegen beurteilten sie die »multimedialen Angebote« als wenig attraktiv und vergaben für sie lediglich eine mittlere Note. Im Vergleich zu den erwachsenen Besuchern/-innen bewerteten die Jugendlichen die abgefragten Aspekte signifikant schlechter.
Eine gute Beurteilung erfuhr hingegen die Qualität der Rundgänge: 35 % der Schüler/-innen vergaben die Note »sehr gut« und weitere 49 % bewerteten sie mit »gut«. Ein Teil der Jugendlichen äußerten sich unzufrieden, da sie sich mehr Zeit zum genauen Betrachten gewünscht hätten oder manche Themen zu kurz behandelt worden seien. Sie vermerkten zudem negativ, dass ihr Wunsch nach Trinken oder Essen keine Beachtung gefunden hatte.
Nach der Wirkung des Gedenkstättenbesuchs befragt, beantworteten nahezu zwei Drittel der Schüler-/innen durch den Besuch der KZ-Gedenkstätte zum Nachdenken angeregt worden zu sein, der Anteil der befragten Erwachsenen lag hier sogar höher. Diese hatten, eigenem Bekunden zufolge auch einen deutlich höheren Erkenntnisgewinn als die Schüler-/innen erfahren. Neu für die Jugendlichen – und somit ein Korrektiv für ihr Geschichtsbild – stellte der Aspekt der Handlungsmöglichkeiten für Häftlinge im KZ Dachau dar.
Die Ergebnisse der Befragung zeigten neben positiven Beurteilungen auch einige Defizite der Gedenkstätte aus Sicht der Besuchenden auf, die etwa fehlende Sitzgelegenheiten und zu wenig Museumspersonal im weitläufigen Gelände berühren. Die Befragung bietet nun die Möglichkeit, die didaktischen und medialen Angebote zu evaluieren, zu verbessern und entsprechend der Bedürfnisse von Besuchern/-innen zu erweitern. So konnte etwa dem mehrfach geäußerten Wunsch nach einem erweiterten Sprachangebot bei den Audioguides mittlerweile nachgekommen werden.[7]
Bestimmte Bereiche bieten sich für eine vertiefende Befragung an, sodass 2015 eine erneut mit SIM gemeinsam durchgeführte Fortsetzung der Besucherstudie mit quantitativen und qualitativen Methoden durchgeführt wird, die sich im Besonderen auf die geplante Neugestaltung der Barackenausstellung und den Einsatz bestimmter Medien in der Gedenkstätte Dachau beziehen wird.
Waltraud Burger ist Historikerin. Seit 2010 leitet sie die Bildungsabteilung in der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Rebecca Ribarek ist Politikwissenschaftlerin und Historikerin. Seit 2012 arbeitet sie als pädagogische Mitarbeiterin in der KZ-Gedenkstätte Dachau.
[1] Die Bildungsabteilung hat daher in den letzten vier Jahren ihr Sprachangebot im Bereich der Rundgänge und Audioguides stark erweitern müssen, um diesen Besuchern/-innen ein Basisangebot bieten zu können. Produziert wurden Audioguides in Hebräisch, Niederländisch, Mandarin, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Ungarisch. Ein arabischer Audioguide wird ist seit März 2015 verfügbar.
[2] Dazu haben die vom bayerischen Kultusministerium abgeordneten Lehrkräfte und die zeitgeschichtlichen Vereine und Initiativen zusammen etwa 5000 Gruppen pädagogisch betreut. Nicht erfasst sind hier die touristischen Anbieter. Insgesamt hatte die KZ-Gedenkstätte Dachau im Jahr 2013 etwa 800 000 Besucher/-innen.
[3] Das Projektteam in der KZ-Gedenkstätte Dachau bestand aus Dr. Aline Sierp (Konzeption und Projektleitung 2011), Waltraud Burger (Projektleitung seit 2012), Rebecca Ribarek (Projektsteuerung 2012–2013, pädagogisch-wissenschaftliche Projektleitung seit 2013).
[4] Schulen aus den Postleitzahlenbereichen 1–6 besuchen relativ selten die KZ-Gedenkstätte Dachau.
[5] Allerdings befanden sich zahlreiche Schüler/-innen mit Migrationshintergrund unter den Befragten.
[6] Drei von zehn Jugendlichen waren die Rundgänge zu lang gewesen. Etwas mehr als 7 % hatte einen großen Informationsbedarf. Für sie war der Rundgang zu kurz bemessen gewesen. Sie gaben an, sich einen längeren Rundgang gewünscht zu haben.
[7] Vgl. oben Anm. 1